08.03.1971

ZEITSCHRIFTEN / „MONAT“-ENDESehr tonangebend

Kritisch, aber doch freundlich, so sollte es nach dem Willen des Verlegers zugehen. Er verhieß "eine Betrachtungsweise, die zu lesen die Nation Anspruch hat".
Doch die Nation verzichtete auf diesen Anspruch: Letzte Woche wurde die Zeitschrift "Der Monat", seit 1969 im 76-Prozent-Besitz des Hamburger "Zeit"-Verlegers Dr. Gerd Bucerius, eingestellt -- wegen steigender Kosten und sinkender Käuferzahl. Der in dieser Woche erscheinende März-"Monat" ist das Monatsende.
Unvermutet kam es nicht. Seitdem die Ford Foundation vor zwei Jahren dem 1948 von der US-Besatzungsmacht in Berlin gegründeten Intelligenzblatt ihre Unterstützung entzogen hatte (zuletzt rund 250 000 Mark jährlich), war der "Monat" auf einen deutschen Mäzen angewiesen, seine Zukunft mithin ungewisser denn je.
Und was Bucerius 1969 übernahm, war schon nicht mehr ganz auf der Höhe der Zeit. Des "Monats" beste Jahre waren die fünfziger, als die Zeitschrift -- unter der Herausgeberschaft Melvin Laskys -- mit internationaler Autorenprominenz (Toynbee, Orwell, Silone, Koestler) brillierte, einen dezidiert antikommunistischen Kurs hielt und 40 000 Käufer hatte.
Auch unter Lasky-Nachfolger Fritz René Allemann gehörte der "Monat" noch zum Pensum der gebildeten Stände, obwohl sein Appeal bei zunehmender Sättigung des intellektuellen Nachholbedarfs der Nachkriegs-Deutschen und wachsendem publizistischen Angebot dahinschrumpfte.
Verleger Bucerius ("Auf Härten kann nicht verzichtet werden -- gute Manieren werden dabei vorausgesetzt") und sein, nach dem Ausscheiden von Peter Härtling, allein verantwortlicher Redakteur Klaus Harpprecht mühten sich daher seit 1969 um eine neue "Monat"-Manier: "Aktualisierung und Vertiefung" -- jedem Heft ein Hauptthema, bunte Titelblätter, Bilder, Kurzartikel. Kurz: der "Monat" als Magazin.
Doch die Umstellung, die von der Redaktion hochgemut und pathetisch tituliert wurde als "ein Versuch, die Tür aufzuschließen für unsere jungen Landsleute und für die Welt", brachte nichts ein; die Auflage rutschte unter 10 000, das Jahresdefizit stieg auf etwa eine halbe Million. "Monat"-Mitredakteur Heilmut Jaesrich, von Anfang an dabei, hält die Änderungen sogar für "grundfalsch": "Aber Herr Harpprecht betrachtete sich als hauptverantwortlich, und der ist ja schon sehr tonangebend."
Auch der Schreib-Fleiß von Klaus Harpprecht, der in manchem "Monat" vorn, hinten und in der Mitte, mal als KH, mal als hp Besinnliches und Bedenkliches beisteuerte, konnte das Blatt nicht wenden. Es half auch nichts, daß er die Leser an seinem Privatleben teilnehmen ließ ("Der Unterzeichnete ist im Begriff, seiner Kirche zu kündigen") oder sich mit einer amoklaufenden Buchkritik in den aufgeklappten Penis von Arrabal stürzte -- heraus kam nur Betretenheit und, auf der Buchmesse 1970, ein "Steckbrief" von Gegnern: "Gesucht Klaus Harpprecht wegen massiver Dummheit ..."
Als Verhandlungen des Verlegers Bucerius um ein neues Herausgeber-Gremium mit Arnulf Baring, Joachim Fest und Horst Krüger scheiterten, waren des "Monats" Tage gezählt. Barmte die "Süddeutsche Zeitung" letzte Woche: "Eine Stimme weniger ... in unserem deutschen Geister-Reich."
Klaus Harpprecht, dunkel: "Bei unseren amerikanischen Freunden, die den 'Monat' so lange finanzierten, wird das nicht ohne Folgen bleiben."

DER SPIEGEL 11/1971
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ZEITSCHRIFTEN / „MONAT“-ENDE:
Sehr tonangebend

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