08.03.1971

ERZIEHUNG / KIBBUZ-KINDERNiemals allein

Am vierten Tag nach der Geburt gibt die Mutter ihr Kind in fremde Hände. Es kehrt nicht in die Familie zurück. Nur jeden Tag für ein oder zwei Stunden, selten länger, sehen sich Mutter und Kind.
Das ist nicht unerwünschte Ausnahme, sondern freiwillige Norm, allerdings nur in einem Land der Welt, und auch dort nur bei einer Minderheit: in den Kibbuzim des Staates Israel -- jenen Siedlungen, in denen jeweils 100 bis 2000 Juden fast ohne Privateigentum leben.
Dort stehen Eltern und Kinder einander nicht viel näher als in Europa Verwandte, die sich gern besuchen. Die Jungen und Mädchen werden in den eineinhalb Jahrzehnten vom Säuglingsalter bis zur Geschlechtsreife auch kaum von anderen Erwachsenen erzogen. Die Gemeinschaft der Gleichaltrigen ist es, in der diese jungen Israelis aufwachsen.
Über diese Gemeinschaftserziehung berichtet der renommierte nordamerikanische Kinderpsychologe Bruno Bettelhelm, 67, in einem Buch, das jetzt in deutscher Übersetzung erschienen ist**.
Der aus Wien gebürtige und 1939 in die USA emigrierte Professor lehrt in Chicago an der Universität und leitet dort eine Heimschule für emotional gestörte Kinder. Ihn beeindruckten Tests, bei denen israelische Kibbuz-Kinder besser abschnitten als herkömmlich erzogene US-Kinder. Er reiste für sieben Wochen nach Israel und bezog sein Standquartier in einem 1932 von osteuropäischen Juden gegründeten Kibbuz, in dem 300 Erwachsene und 170 Kinder größtenteils von der Landwirtschaft leben. Hier und in benachbarten Kibbuzim fand Bettelheim eine Auffassung widerlegt, die in Europa wie in Nordamerika von fast allen Eltern und weitaus den meisten Kinderpsychologen vertreten wird: daß Kinder, die in den ersten Lebensjahren ohne Mutter (oder eine andere "Mutterperson") aufwachsen, Schaden nehmen müssen.
Diese Ansicht stützt sich unter anderem auf berühmt gewordene Untersuchungen des Psychologen René Spitz in amerikanischen Säuglingsheimen. Sogar die linken Eltern, die sich in der Bundesrepublik um eine antiautoritäre Erziehung ihrer Kinder bemühen, sind größtenteils davon überzeugt, daß jedes Kind in den ersten beiden Lebensjahren unbedingt die Mutter oder eine andere "Bezugsperson" braucht.
In Israel aber ist laut Bettelheim bewiesen worden, daß auch im Zusammenleben mit Altersgefährten jenes "Urvertrauen" -- ein Begriff des Psychiaters Erik Erikson -- entstehen kann, das sich in der frühen Kindheit entwickeln muß. Und noch viel weniger brauchen ältere Kinder und Jugendliche den intensiven Umgang mit Erwachsenen. Die Familie ist unter Umständen als Mittlerin zwischen Gesellschaft und Kind entbehrlich.
Das Zuhause des Kibbuz-Nachwuchses ist nicht das Eltern-, sondern das Kinderhaus. Etwa zwei Jahre lang bleiben die Jungen und Mädchen zunächst in Säuglingshäusern. Die Mütter kommen anfangs häufig zum Stillen. Ziemlich genau sechs Monate nach der Geburt werden alle Kinder von Mutter- auf Flaschenmilch umgestellt. Diese schematisch anmutende Gleichbehandlung ist notwendig, "um die Mütter -- und vielleicht auch die Kinder -- vor einer emotionellen Welle der Sehnsucht und Schuld zu bewahren" (Bettelheim).
Kinderhäuser gibt es für Zwei- bis Vierjährige, für Fünf- bis Siebenjährige sowie für Acht- bis Zwölfjährige, Jugendhäuser für 13- bis 18jährige. Zusammen mit ihren Altersgenossen wechseln die Kinder und Jugendlichen von einem Haus ins andere über. Gemeinsam spielen und arbeiten, essen, lernen und schlafen sie. Je älter die Kinder werden, um so größer werden ihre Gruppen, und um so autonomer dürfen sie leben. Jungen und Mädchen teilen sich auch Schlaf- und Duschräume, in einigen Kibbuzim bis zur Pubertät, in anderen sogar bis zur Einberufung zum Militär.
Die Erzieher wechseln nicht selten auch schon bei den Säuglingen. Früh wird jedes Kind -- so Bettelheim -- "von der Gemeinschaft und von seiner Altersgruppe abhängiger als von einzelnen Erwachsenen". Auf jeder Stufe gilt für jedes Kind: "Es ist niemals allein."
Wenn auch die Kinder ihr Leben weithin selbst bestimmen, so wachsen sie doch keineswegs isoliert von den
* Bunker-Schlafraum im Kibbuz Massada, unmittelbar an der israelisch-jordanischen Grenze,
** Bruno Bettelheim: "Die Kinder der Zukunft -- Gemeinschaftserziehung als Weg einer neuen Pädagogik". Verlag Fritz Molden, Wien/München/Zürich; 360 Seiten; 22 Mark.
Erwachsenen auf. In den Häusern der Kinder gehen den ganzen Tag über Mütter und Väter ein und aus. Umgekehrt werden auch die Eltern besucht.
Nach Feierabend finden sich die Familien für etwa zwei Stunden zusammen, um miteinander zu spielen, zu sprechen und zu spazieren. In diesen beiden "Kinderstunden", wie die Kibbuzbewohner diese Zeit selber nennen, leben sie so intensiv mit ihren Kindern zusammen wie viele Eltern in Europa und Nordamerika den ganzen Tag über nicht.
So haben denn auch, wie Bettelheim beobachtete, die Eltern im Leben der Kinder eine größere Bedeutung als die Erzieher und Lehrer. Aber stärker noch als die Verbundenheit mit den Eltern ist das Gemeinschaftsgefühl mit der eigenen Altersgruppe (die den Kindern auch wichtiger ist als die eigenen Geschwister) und mit dem Kibbuz insgesamt.
Die Kinder wachsen mit dem Gefühl heran, weniger Kinder ihrer Eltern als Kinder des Kibbuz zu sein. Sie sind einander "Kameraden, nicht Konkurrenten". Die Erziehung zur Gemeinschaft ist das weitaus wichtigste Ziel.
Weil es im Kibbuz kaum Privateigentum gibt und Lebensgewohnheiten wie -ziele aller Bewohner ziemlich gleich sind, gibt es keinen Leistungsdruck und selten Konkurrenzdenken. Wie sehr sich die Gemeinschaftserziehung von traditioneller Erziehung unterscheidet, ist bis in viele Details hinein festzustellen. Anders als in vielen bürgerlichen Familien wird in den Kibbuzhäusern beispielsweise das Bettnässen, das keine Verhaltensnorm der Gemeinschaft verletzt, eher hingenommen als das Daumenlutschen, das mit der Begründung abgelehnt wird, das Kind solle nicht "für sich und durch sich" Befriedigung finden.
Objektiv stellt Bettelheim, der aus seiner Sympathie für die Gemeinschaftserziehung keinen Hehl macht, deren Vor- und Nachteile gegenüber. Die sprachliche Entwicklung etwa wird weit stärker gefördert als bei individueller Erziehung, weil "dem Kind nie jemand fehlt, mit dem es reden kann". Auch bleibt den Kindern "die für unseren Mittelstand so typische ödipale Situation" erspart, in der ein Kind einerseits an den andersgeschlechtlichen Elternteil fixiert ist und andererseits in die Welt hinausdrängt.
Von Nachteil ist hingegen, daß die Kinder im Kibbuz nicht in gleichem Maße vor Anforderungen gestellt werden wie anderswo bei intensiveren Erwachsenenkontakten: "Das Leben ist einfach und befriedigend, es erfordert keine große geistige Anstrengung, der intellektuelle Ansporn fehlt." Und es gibt auch zuweilen bei Erwachsenen und Kindern, wie der Gast aus den USA bemerkte, "ein starkes Bedürfnis, sich wie Schnecken in ihr Haus zurückzuziehen" -- in ein Haus, das sie nicht haben.
Auch die Sexualerziehung im Kibbuz birgt Nachteile. Bettelheim stellte fest, daß oft das enge Zusammenleben gleichaltriger Jungen und Mädchen zu Schwierigkeiten führt: Sie haben "einander sexuell erregt, sich dieser Gefühle geschämt und sie daher verdrängt". So erklärt er sich, daß "eine große physische und seelische Distanz zwischen im Kibbuz geborenen Personen herrscht -- selbst wenn sie einander lieben. Sie scheinen vor jeder Berührung zurückzuschrecken, vermögen sie nicht zu genießen, weil sie ihre Gefühle für den Körper zu lange verdrängen mußten".
Diese Besonderheiten ändern allerdings nichts daran, daß die in einem Kibbuz Aufgewachsenen durchweg selbstsicherer und kontaktfreudiger sind als ihre Altersgenossen in den USA. Bettelheim warnt aber davor, das israelische Beispiel der Gemeinschaftserziehung in anderen Ländern nachzuahmen. Weil es an der materiellen und ideellen Grundlage fehle, wie sie ein Kibbuz bilde, gebe es kaum Hoffnung, "daß sich etwas Ähnliches in unserer Gesellschaft entwickeln ließe".

DER SPIEGEL 11/1971
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