08.03.1971

FILM / VISCONTIVenezianische Elegie

Er gilt als Begründer des Neorealismo. Die Italiener nennen ihn, seiner sozialrevolutionären Gesinnung wegen, den "roten Grafen". Dennoch kann der alte Aristokrat Luchino Visconti eines nicht verleugnen: Er ist ein Ästhet, und zwar von jener Art, wie sie eigentlich nur die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg hervorgebracht hat -- fasziniert vom Morbiden, von prunkvoller Dekadenz und rauschhaftem Zerfall.
Kein Wunder also, daß Visconti, 64, der schon In seinen Filmen "Der Leopard" (1962) und "Die Verdammten" (1968) von Niedergang und chaotischer Verderbnis kündete, nun auch Thomas Manns Novelle "Der Tod in Venedig" in eine Breitwand-Tragödie transponiert hat. Letzten Montag hatte "Death in Venice" in einer Benefiz-Gala zugunsten des Hilfswerks "Venedig in Gefahr" (Karten kosteten zwischen 45 und 450 Mark) vor der Königin und Prinzessin Anne in London Weltpremiere.
Thomas Mann hat 1911 in seiner sanft skandalösen Geschichte von der Zerrüttung des berühmten Schriftstellers Gustav von Aschenbach, der sein Leben lang einem gestrengen Kunst-Ideal gehuldigt hatte, zweifellos ein recht gefälliges Selbstporträt entworfen. Doch 1911 war auch das Todesjahr Gustav Mahlers, "dessen verzehrend intensive Persönlichkeit den stärksten Eindruck" auf Mann gemacht hatte. Und so, gestand Mann, "gab ich meinem orgiastischer Auflösung verfallenen Helden nicht nur den Vornamen des großen Musikers, sondern verlieh ihm auch, bei der Beschreibung seines Äußeren, die Maske Mahlers".
Visconti, von solchem Bekenntnis animiert, ist noch einen Schritt weiter gegangen. Er versah seinen Hauptdarsteller Dirk Bogarde zwar mit Thomas-Mann-Schnurrbart, aber auch mit Mahler-Nase, Mahler-Brille und langem Mahler-Haar und verwandelte den Schriftsteller Aschenbach in einen Komponisten.
So darf denn auch mit vollem Recht die schönste Filmmusik erklingen, die je geschrieben wurde: Breit, von spätromantischem Pathos getragen, wogen Mahlers Dritte und Fünfte Symphonie durch das Werk und illustrieren Sehnsucht und Qual -- "das menschliche Drama eines Künstlers, die Geschichte seiner Einsamkeit und seiner Verzweiflung" (Visconti).
Dieser Einsame, vorzeitig gealtert im Dienst an der Kunst, ist nach Venedig gekommen, um am Lido Erholung zu suchen. Dort, Im luxuriösen Grand Hotel des Bains, trifft er inmitten einer internationalen Vorkriegs-Clientèle den schönen polnischen Knaben Tadzio (dargestellt vom 15jährigen Schweden Bjorn Andresen), der mit seiner schönen Mama (Silvana Mangano) und seinen Schwestern Ferien macht.
Aschenbach fixiert ihn im Speisesaal. Er beobachtet ihn am Gestade und läßt sich von seinem Anblick zu genialer Produktion anregen -- bei Thomas Mann zu "jenen anderthalb Seiten erlesener Prosa, deren Lauterkeit, Adel und schwingende Gefühlsspannung binnen kurzem die Bewunderung vieler erregen sollte"; bei Visconti zur Vertonung des Nietzsche-Gedichts aus der Dritten Symphonie: "Oh Mensch, gib achte"
Kurz, Aschenbach verfällt seinem Tadzio in wahrhaft platonischer Liebe. Er wechselt mit ihm Augen-Blicke, doch niemals ein Wort. Er schleicht ihm nach durch die Gassen der verseuchten Stadt (denn in Venedig wütet die Cholera). Er wankt und weint. Er geht zum Friseur und läßt sich auf scheußliche Weise verjüngen. Sein humpelnder Schritt wird schleppender, der moralische Zusammenbruch ist da, der physische folgt: Aschenbach, den im Meer watenden Tadzio vor Augen, stirbt im Liegestuhl -- nicht an der Cholera, sondern an gebrochenem Herzen.
Visconti hat sich über weite Strecken hin strikt an den Mannschen Text gehalten. Wenn er einen Fehler beging, dann den, daß er sein handlungskarges Seelendrama durch unnötige Rückblenden zu aktivieren versuchte: Aschenbachs heftige Dispute mit seinem Schüler Alfried (gemeint ist offenbar Arnold Schönberg) über Schönheit und Kunst beispielsweise durchbrechen allzu laut und dissonant diese venezianische Elegie.
Der Rest ist Vollkommenheit bis in kleinste Details. Die Atmosphäre, die Visconti beschwört, ist tatsächlich die des Jahres 1911. Die internationale Gesellschaft feudaler Badegäste, die er zeigt -- und seine Freunde und Freundinnen aus der Aristokratie, die alte Contessa Anna Maria Balbi wie der Marquis Corrado Corvino, der Prinz Esterházy wie die Comtesse Maria von Ezdorf, stellten sich ihm als Statisten bereitwillig zur Verfügung-, trägt in der Tat jene Eleganz zur Schau, wie sie das Fin de siècle liebte. Am echtesten jedoch ist eine Ausgabe der "Münchner Neuesten Nachrichten", die Aschenbach im Salon des Bäder-Hotels durchblättert: Sie hat das Datum vom 11. Juni 1911.
Aber Visconti, ein Freund unendlich langsamer Einstellungen, ist nun einmal vom Detail besessen. Dies ist wohl auch der Grund, weshalb er 130 Minuten brauchte, um die 82 Seiten des "Tod in Venedig" in Szene zu setzen.
Demnächst will Visconti Prousts "Suche nach der verlorenen Zelt" verfilmen. Das siebenbändige Werk enthält 4623 Seiten.

DER SPIEGEL 11/1971
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