08.03.1971

MODE / HERREN-UNTERWÄSCHEAufstand der Pfauen

Mehr Geld als für Bildungsinvestitionen", klagte Dieter Kretschmer, 33, Jungsozialist aus Solingen, werde in der Spätphase des Kapitalismus "für Konsumwerbung" ausgegeben. Typische Beispiele der "Verschwendungsindustrie" laut Kretschmer: Autos, "Schappi" für den Hund und farbige Herren-Unterwäsche.
Jetzt haben die Produzenten gegen den Juso-Angriff eine neue Strategie entwickelt. Sie verwirklichen, was die Linken fordern, im modischen Untergrund: mehr Transparenz.
"Hand aufs Herz", fragte ein Anzeigentext der Herren-Dessous-Marke Hom, veröffentlicht in dem Fachblatt "Textil-Wirtschaft", "hätten Sie das vor ein paar Jahren verkauft?" Ein "gefährliches Nichts" nämlich: 210 Quadratzentimeter "hervorragend bedeckendes" Gewirk, um den kleinen Herrn zu bergen, und ringsum freien Blick.
Live auf dem Laufsteg, bedauern die Wäschefabrikanten, kann das neue männliche Imponiergehabe noch nicht vorgeführt werden, die "menschlichen Probleme" seien zu groß. Doch der Durchbruch, oh Calcutta, wird auch dort gelingen. Hom-Werbetext: "Wenn die Männer die Hosen anbehalten wollen, müssen viele sie ausziehen."
Den "Aufstand der Pfauen", und sei es mit den ehemals Unaussprechlichen, registrierte unlängst schon das renommierte US-Wirtschaftsmagazin "Fortune". Das "allgemeine Bedürfnis nach individueller Selbstdarstellung, ja Selbstverwirklichung" breche sich nun auch beim "hochmodischen Untendrunter" (Hom-Anzeige) Bahn. "Mehr Musik in der Wäschekiste", konstatierten die württembergischen Wäschehersteller Götzburg und rieten ihren Kunden: "Schneiden Sie sich ein Stück ab" -- vom "ständig wachsenden Markt für farbige Wäsche".
400 Millionen Mark geben Westdeutschlands Männer, genauer (bei 85 Prozent der Einkäufe): ihre Frauen oder Freundinnen, alljährlich für Unterwäsche aus. Schon seit Jahren versuchte Schiesser als erster der Wäscheproduzenten, anfangs noch mit Pastelltönen, das Weiß rauszuzwingen -- gefolgt von den französischen Marken Hom und Eminence, denen nun wiederum Götzburg den "Kampf im Underground" ansagte.
Mittlerweile sind 15 Prozent des westdeutschen Marktes (in Berlin 25 Prozent, in Schweden sogar 80 Prozent) modisch eingefärbt. " Achten Sie auf Aubergine", hatte "Textil-Wirtschaft" jüngst ganz allgemein auf die männliche Hitfarbe der Saison hingewiesen. Untendrunter aber reicht das Farbspektrum von Eierschale bis Ebenholz, mit "Whisky" und "Cognac" auf der Palette; auch Lila, Campari-Rot und Glanzfarben wie Rubin, Eis und güldenes "Dukat" sind gefragt -- sowie Schwarz (Anteil bei Hom: sieben Prozent). Nebenher ist auch Poppiges mit Blümchen und Polka-Punkten in Gebrauch, dazu zweifarbig Paspeliertes.
Baumwolle herrscht (Marktanteil: 95 Prozent) weithin vor den Synthetics. Doch etliche, die "einen potenten Geldbeutel in der hautengen Hose rumtragen" (Götzburg-Anzeige), entschieden sich schon für "Raschelspitze (Baumwolle mit Lycra), für "Durchbruchmuster" oder auch für "Acetat-Plüsche".
"Überdimensional" zugenommen, laut Auskunft von Schiesser, haben dabei die stoffarmen Mini-Slips. Und bei Hom, deren "aggressive Werbung" auch den deutschen Markt "in Bewegung brachte" (so der Gesamtverband der deutschen Maschenindustrie), stehen die Transparenten mit 8,3 Prozent Anteil schon an vierter Stelle im Slip-Angebot.
"Sich auszuziehen, ohne sich zu genieren", diese neue Art von Selbstgefühl möchte nun auch der Hom-Konkurrent Schiesser in Radolfzell am Bodensee dem deutschen Mann erkämpfen -- und die Wirker sind nicht unglücklich darüber, daß farbige Unterhosen (Preis: meist zwischen zehn und 15 Mark) offenbar weniger langlebig sind als weiße.
Denn die weißen, so die bislang nicht sonderlich rosige Bilanz der Unterwäsche-Produzenten, sind allzu lange in Gebrauch: Höchstens zwei Unterhosen im Jahr kaufen die 22 Millionen Männer über 15 Jahre in der Bundesrepublik.
Die Farbe, riet denn auch die Firma Götzburg ihren Wäscheeinzelhändlern, "bringt pralles Leben in Ihre Kasse". Und die Hom-Werber mahnten: "Wer in unserer Branche verkaufen will, darf die Hände nicht in den Schoß legen."

DER SPIEGEL 11/1971
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