08.03.1971

PERSONALIENChristiaan Barnard, Colin Eglin, Alfred Dregger, Kurt Neubauer, Hermann Hocherl, Raquel Welch, Martha Mitchell, Richard Bünemann

Christiaan Barnard, 48 (r.), südafrikanischer Herzchirurg, schlug sich endgültig auf die Seite der Apartheid-Gegner. Vorletzte Woche trat der Transplanteur hei einem Kongreß der liberalen Progressive Party (PP), die zwar nur einen der 166 Sitze im südafrikanischen Parlament innehat, aber als einzige Partei des Landes gegen die Rassentrennungs-Politik der Vorster-Regierung votiert, als Redner auf. Sein Thema: Umweltverschmutzung. Der früher regierungstreue Arzt hatte vor zwei Jahren zum erstenmal Bedenken gegen die Apartheid angemeldet und sich daraufhin von der Zeitung "Die Transvaler" sagen lassen müssen, er solle doch lieber "die Finger von der Politik lassen". Barnard schwieg und wählte bei den letzten Parlamentswahlen im April 1970 den PP-Kandidaten Colin Eglin, 45 (l.), dem zum Sieg dann allerdings 231 Stimmen fehlten. Eglin: "Wenn Chris schon damals öffentlich gesagt hätte, für wen er stimmt, hätte ich gewonnen."
Alfred Dregger, 50, CDU-Nachwuchshoffnung aus Hessen, benötigt nach Meinung von Parteifreunden keinen festen Arbeitsplatz. Der Oppositionsführer im Wiesbadener Landtag hat im Parlamentsgebäude kein eigenes Zimmer. Fraktionskollege Helmut Lenz sieht darin keinen Mangel: "Der braucht nicht zu arbeiten, der ist doch Vorsitzender."
Kurt Neubauer, 48, (SPD-)Bürgermeister und Innensenator von West-Berlin, drohte mit Vogel. Weil die "Sozialdemokratische Wählerinitiative" des Es-Pe-De-Trommlers Günter Graß ihn in ihrer Werbe-Zeitung "Blatt 71" im Gegensatz zur "ersten Wahl" Willy Brandt und Klaus Schütz nur "unterm Strich" neben Walter Ulbricht und Axel Springer als "Oberschupo" aufgeführt hatte -- Graß-Sprechblase: "Überm Strich gehts weiter in Berlin. Unterm Strich ist Eiter drin" --, drohte der Polizei-Senator, dem Beispiel des Münchner OB Hans-Jochen Vogel zu folgen: Er werde, so Neubauer vor Genossen, bei Erscheinen der Karikatur bekanntgeben, daß er nach der Abgeordnetenhaus-Wahl am kommenden Sonntag seiner Partei nicht mehr zur Verfügung stehe. Den Eklat bereinigte Kanzler Brandt. Seine Bitte, die Zeichnung zu entfernen, fand bei Graß Gehör: SPD-Sympathisanten rissen in Tag- und Nachtarbeit die beanstandete Seite 5 aus 50 000 Exemplaren der Wahl-Zeitung.
Hermann Hocherl, 58, Amtsgerichtsrat a. D., empfahl britischen Politikern einen Oberkellner als Vorbild. Weil seine Maschine wegen Nebels statt London Manchester anflog, mußte er seine Reise zu einer interparlamentarischen Konferenz in die Briten-Metropole per Bahn fortsetzen. Im Speisewagen -- so Höcherl in einem Leserbrief an Englands Nobel-Gazette "Times" -- servierte Oberkellner W. T. Cormes dem bargeldlosen Bayern, "ohne nach Sicherheit und Paß zu fragen, nicht nur einen feinen Lunch, sondern auch einen klassischen Personalkredit". Höhe: 9,88 Mark. Weniger zufriedenstellend fand das CSU-MdB den Konferenz-Verlauf (Thema: der britische EWG-Beitritt): "Regierung und Opposition fanden sich Arm in Arm bei der Formulierung mißtrauischer Eintrittsbedingungen. Ein Schuß Vertrauen nach der Art von Mr. Cormes ... wäre sehr zu empfehlen."
Raquel Welch, 28, Schaustellerin (93-59-89), enthüllte sich -- und Methoden der Bildauswahl beim US-Nachrichtenmagazin "Newsweek". Vergangene Woche veröffentlichte das Blatt zu einem Photo der Aktrice folgenden Dialog zwischen "Newsweek"-Chefredakteur Kermit Lansner und Ressortchef William Roeder: "Chefredakteur: Warum zeigt man mir eine Aufnahme von Raquel Welch mit Poncho und Pistolengürtel? Was ist der Witz dabei? Sind heiße Halfter der letzte Modeschrei? ... Glauben Sie, daß es irgend jemand geben wird, der nicht bemerken würde, daß der ganze Zweck dieser Bildveröffentlichung darin liegt, Publicity für Raquel Welch zu machen? ... Ist irgend jemand blöd genug, das nicht zu merken? Ressortchef: Nein. Chefredakteur: Drucken."
Martha Mitchell, 51, Ehefrau des US-Justizministers John Mitchell und Sprachrohr der schwelgenden Mehrheit Amerikas, beliefert die Nation regelmäßig mit goldenen Worten. Der New Yorker Verlag Ballantine Books brachte jetzt eine Sammlung von Martha-Zitaten auf den Markt -- Titel: "On with the Wind" (etwa: "Vom Winde hergeweht") -, der folgende Aussprüche entnommen sind:
Ober die revoltierende Jugend: "Meine Familie hat sich alles, was wir besitzen, mit eigener Kraft erarbeitet. Wir haben sogar eine Urkunde des Königs von England über Besitz in South Carolina. Und jetzt kommen diese Kerle und wollen es den Kommunisten vermachen."
Über ihren Ehemann: "Er ist sanft, herzlich, nett und anschmiegsam."
Über sich selbst: "Ich versuche immer, ein bißchen Spaß zu machen, wohin ich auch gehe." Und: Warum sage ich so dumme Dinge?" Und: "Ich trete ab, ich bin in Politik nicht versiert." Dazu Gatte John: "Wenn der Präsident etwas Wichtiges sagen möchte, ruft er Martha an und fragt: 'Wie würdest du es ausdrücken, Martha?'"
Richard Bünemann, 50, SPD-Abgeordneter im Kieler Landtag, darf dem schleswig-holsteinischen CDU-Landesvorstandsmitglied Günther Röhl mit staatsanwaltlicher Billigung "kriminelle Verantwortungslosigkeit" vorwerfen. Grund: Christdemokrat Röhl hatte den deutsch-sowjetischen Vertrag als "zweite Kapitulation vor dem Bolschewismus" gewertet und auf die Kritik des Sozialdemokraten mit einem Strafantrag reagiert. Die Staatsanwaltschaft aber wies Röhls Anzeige zurück: Er habe sich eines "erheblichen, auch ehrverletzenden öffentlichen Angriffs gegen die derzeitige Bundesregierung" schuldig gemacht -- darum sprenge Bünemanns "Äußerung in scharfen Worten" nicht "den Rahmen zulässiger Wahrnehmung berechtigter Interessen".

DER SPIEGEL 11/1971
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