08.03.1971

RÜCKSPIEGELZITAT

Die Ost-Berliner Zeitschrift „Musik und Gesellschaft":
Westdeutschlands Nachrichtenmagazin DER SPIEGEL zeigt sich eifrig um Beethoven bemüht. In Nummer 37/70 liefert der Komponist sogar das Material für die Titel-Story ... Hier zeigt sich eine weitere Variante der imperialistischen Beethoven-Annexion anno 1970. Der Verfasser dieser Story geht aus von der seriös anmutenden Kritik am Beethoven-Kult etwa der wilhelminischen Ara. Er polemisiert gegen den Versuch, Beethoven zum Gott, mindestens zum Titanen zu stempeln. Das wirkt kritisch, darum überzeugend. Und überzeugend soll dann auch wirken, was anstelle dieser überholten Beethoven-Anbeterei angeboten wird: Der Versuch, den Menschen Beethoven durch Vermutungen, durch das Anhängen von Skandalen und Skandälchen zu disqualifizieren ... Der ganze Aufwand an Skandalen .. (nicht nur im SPIEGEL) dient ja im Grunde nicht etwa einer notwendigen Korrektur früherer falscher Heroisierungen. Er macht den Menschen Beethoven unwichtig. Und er ermöglicht dann, auch das als unwichtig erscheinen zu lassen, was beispielsweise aus Beethovens Weltanschauung in sein Werk einfloß. Kein Wort darum im SPIEGEL über Beethovens Verhältnis zur Französischen Revolution ... Er sei "ein Kleinbürger, der von der Aristokratie lebt und mit seinem 'bösen Maul' auf Bürgertum und Adel gleichermaßen schimpft", wird behauptet. "Er gilt als Revolutionär, doch er kann nicht so recht überzeugen." Das ist des SPIEGELs Kern: Wenn schon der Mann Beethoven als Revolutionär nicht so recht überzeugen konnte, dann wird er es mit dem Revolutionären in seiner Musik auch wohl nicht so ernst gemeint haben. Wieder stehen wir vor einer Fälschung, dem Zwecke dienend, Beethovens Musik im imperialistischen System salonfähig zu halten und der eigenen Haltung zu ihm sogar noch eine "moderne" kritische, attraktiv pietätlose Attitude zu geben -- Angst vor Beethoven!

DER SPIEGEL 11/1971
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DER SPIEGEL 11/1971
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