15.03.1971

Datum: 15. März 1971 Betr.: Berg

Bei einem wilden Streik in den Dortmunder Hoesch-Werken, so wurde vor etwa anderthalb Jahren (von der "Frankfurter Allgemeinen") berichtet, seien Aufrührer auch gegen das Haus des Hoesch-Vorstandsvorsitzenden Harders angerannt; dessen Frau Ulla habe die
Villa "mit einer Pistole in der Hand" verteidigt. Die Geschichte stimmte zwar ganz und gar nicht, sie wurde auch von der "FAZ" eilig widerrufen, von manchem aber dennoch geglaubt. Bei einem Empfang der Düsseldorfer Industriekreditbank am 12. September 1969 machte sich der sauerländische Matratzenfedernfabrikant und (heute immer noch) Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie, Fritz Berg, mausig: "Die hätte doch ruhig schiessen sollen, einen totschiessen, dann herrschte wenigstens wieder Ordnung" -- und so stand's am darauffolgenden Montag im SPIEGEL (38/1969). Klar, dass eine solche Äusserung, der auch ein Äusserstes an Wohlwollen keine Intelligenz andichten kann, das gebotene Aufsehen machte. Conrad Ahlers sprach namens der Bundesregierung von einem "sehr schweren Fauxpas", der sonst stets kalmierende Werner Höfer ("Frühschoppen") warnte die deutsche Industrie vor einem "Schlagetot an ihrer Spitze". Im Lärm bekannte sich später Dr. Juergen Krackow, Vorstandsvorsitzender der Bremer "AG-Weser", tapfer als Informant des SPIEGEL, mit kollegialer Milde: Es sei eine haus dem Zusammenhang gerissene temperamentvolle Äusserung ... allein und deshalb den Sinn entstellend wiedergegeben". Sinnentstellend wieso? Antwort: Berg habe nicht Arbeiter gemeint, sondern Aufrührer. Im SPIEGEL hatte "Aufrührer" gestanden.
Am vergangenen Montag sass Berg vor den Fernsehkameras der "Monitor"-Redakteure Casdorff und Rohlinger "im Kreuzfeuer":
Frage: Ist es Ihnen gelungen, nach dem -- Sie wissen, was jetzt kommt-, nach dieser Schlagetot-Affäre Ihr Verhältnis zu den Gewerkschaften wieder zu normalisieren?
Berg: Mein Verhältnis zu den Gewerkschaften, nicht wahr, das normale Verhältnis eines Arbeitgebers, nicht wahr, zu den Gewerkschaften, nicht wahr, die Schlagetot-Affäre, nicht wahr, ist eine Angelegenheit, nicht wahr, die von Herrn Neemann (Leiter der wirtschaftspolitischen Abteilung im Deutschen Gewerkschaftsbund -- Anm. d. Red.) aufgerührt worden ist, nicht wahr, die absolut vom Anfang bis zum Ende eine glatte Lüge gewesen ist. Frage: Eine Lüge?
Berg: Absolut, klare Lüge.
Frage: Damals las man aber, es sei nur aus dem Zusammenhang gerissen. Sie hätten es schon gesagt, in der Selbstverteidigung ...
Berg: Das hat damals der SPIEGEL falsch gebracht, nicht wahr. Der SPIEGEL, nicht wahr, das hinzugesetzt, nicht wahr, was nicht den Tatsachen entsprach.
Eine törichte Bemerkung, nicht wahr, wird darum nicht klüger, nicht wahr, dass sie einige Zeit zurückliegt. Eine korrekte Meldung wird nicht dadurch zur Lüge, dass sie vor einiger Zeit veröffentlicht wurde. Nicht wahr? Absolut.

DER SPIEGEL 12/1971
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