15.03.1971

UNTERNEHMEN / NIXDORFIm Kleinen groß

Über Fernschreiber kam aus Fernost die Erfolgsbotschaft nach Paderborn. Gyota Machida, Präsident der japanischen Handelsgesellschaft Kanematsu-Gosha Ltd. in Kobe (Telegramm-Name Kanegold) freute sich, dem Paderborner Hausherrn Heinz Nixdorf, 45, mitteilen zu können, daß ihn sein Aufsichtsrat einstimmig ermächtigt habe, "das Nixdorf-Geschäft in Japan zu beginnen".
Was Präsident Machida schlicht mit "Nixdorf-Business" bezeichnet, bedeutet für die Paderborner Kleincomputer-Bauer nach einjähriger Kontaktpflege den Export von jährlich 1000 Datenanlagen nach Fernost. Insgesamt will der Kanegold-Konzern, der mit einem Jahresumsatz von zehn Milliarden Mark zu den zehn größten Handeishäusern Japans zählt und Kleinbildkameras, Teppiche, Textilien und Fruchtkonserven, aber auch Öltankschiffe vertreibt, vorerst 5000 Nixdorf-Rechner im Wert von rund 200 Millionen Mark abnehmen.
Damit gelang dem kleinen Computer-Unternehmen binnen weniger Jahre ein zweiter großer Erfolg. Denn schon im Herbst 1968 hatte die US-amerikanische Victor Comptometer Corporation für die nächsten Jahre je 1000 Datenanlagen in Paderborn bestellt. Strahlte Heinz Nixdorf, Chef und größter Aktionär des Unternehmens: "Wir sind die erste Computerfirma, die nach den USA und nach Japan exportiert."
Tatsächlich hatten weder Amerikaner noch Japaner bislang jemals Rechenanlagen aus dem Ausland bezogen. Daß die Japaner diesmal von ihrer Gewohnheit abgewichen sind, hat die gleichen Gründe, denen Nixdorf den starken Anstieg seiner Umsätze dankt. Die in der Radio- und Fernsehproduktion auf Minigrößen spezialisierten Asiaten hatten sich in der Computer-Produktion auf Großanlagen festgelegt und damit im mittleren Datenbereich eine Lücke gelassen, die der im Computergeschäft erfahrene Kanegold-Chef jetzt mit Paderborner Geräten füllen will.
In dieser Lückenbüßer-Rolle wuchs das westfälische Unternehmen geradezu explosiv. 1952 hatte Heinz Nixdorf nach dem Studium der Physik und der Betriebswirtschaft sich mit einem kleinen Labor für Impulstechnik selbständig gemacht. Die Zahl seiner Mitarbeiter wuchs auf 50 bis 1961 und auf 580 im Jahr 1967, seither aber auf rund 5000. Der Umsatz stieg während der letzten fünf Jahre um tausend Prozent auf 263 Millionen Mark.
Diesen steilen Kurs verdankt das Unternehmen vor allem dem Geschäft mit dem kleinen Universal-Rechner "Nixdorf 820", der zur Zeit zwischen 30 000 und 200 000 Mark kostet und damit zu den billigsten Geräten auf dem Markt zählt. Von den 20 000 mittleren Datenanlagen, die in deutschen Büros brummen, trägt jede zweite den Namen der Paderborner Werkstätten. Und Heinz Nixdorf rechnet weiter. Mit Investitionen von 500 Millionen Mark will er bereits 1975 eine Milliarde Mark Umsatz erreichen und bis 1977 die Jahresproduktion von jetzt 8000 Anlagen auf 50 000 Computer mehr als versechsfachen.
Auch diesen Kraftakt glaubt der Fabrikant ohne Partnerschaft mit einem der großen Elektrokonzerne Siemens oder AEG bewältigen zu können. Seine Zuversicht stützt sich auf die relativ hohe Ertragskraft seiner Computer AG (Jahresüberschuß 1970: 18 Millionen Mark) und die Bereitwilligkeit der Banken, ihm bei der kapitalintensiven Computer-Fabrikation mit Krediten beizustehen." Wir haben", so versichert der Firmenchef, "unseren Kreditrahmen noch nicht einmal zu einem Drittel ausgenutzt."
Freilich nähern sich die Bankschulden der Summe von 60 Millionen Mark -- der Höhe des Aktienkapitals. Und das Japan-Geschäft bringt weitere Belastungen. Nixdorf: "Das Abenteuer in Japan kostet Geld."
Dafür hat der schnelle Rechner mit Hilfe der Westdeutschen Landesbank das schwerste Hindernis vor einer weiteren Expansion aus dem Weg geräumt. Zur Finanzierung des Mietgeschäfts mit Datenanlagen, das auf lange Zeit hohe Kapitalbeträge bindet und von kleineren Computer-Firmen daher nicht allein zu bewältigen ist, gründete der Firmen-Inhaber die Nixdorf Computer Miete KG, beteiligte die Westdeutsche Landesbank daran mit 45 Prozent und ließ sich für das Mietgeschäft ein Finanzvolumen von 500 Millionen Mark zusagen.
Mit diesem Geldlager hofft Nixdorf mindestens für die nächsten zwei Jahre das familieneigene Aktienpaket unangetastet zusammenhalten zu können. Doch auch später will er unabhängig bleiben. Höchstens zehn bis 15 Prozent des Aktienkapitals sollen bei finanziellem Bedarf verkauft werden. Nixdorf: "Das stört nicht."
Denn so sehr Nixdorf jede Kooperation begrüßt ("Sie schirmt gegen weltweite Konkurrenz ab"), so empfindlich reagiert er auf Konzentrationspläne, die seit einigen Wochen in der Elektronik-Branche diskutiert werden (SPIEGEL 8/1971). "Durch ein Monopol kann man nicht Sicherheit kaufen." In einer deutschen Computer-Union mit Siemens, AEG und Nixdorf, so fürchtet er, könne eine "kleine Gruppe durch Streik die gesamte deutsche Rechner-Produktion stillegen". Nixdorf besorgt: "Wir würden eine Gesellschaft von Erpressern."
Trotz dieser Ängste könnte Nixdorfs Wille zur Selbständigkeit eben von jenen ins Wankei gebracht werden, die ihn bisher in seinem Entschluß bestärkt haben: von seinen Kunden. Denn die Forderung nach immer leistungsfähigeren Datenverarbeitungsanlagen (Nixdorf: "Die Kunden wollen immer mehr") zwingt auch die Paderborner zum Bau immer größerer Computer, die "heute zehnmal so groß sind wie bisher" (Nixdorf).
Der größte unter den Kleinrechnern treibt damit unausweichlich auf Kollisionskurs mit dem mächtigsten Großcomputer-Bauer IBM, der am gesamten Computer-Geschäft in der Bundesrepublik einen beherrschenden Anteil von 60 Prozent hat und bereits dabei ist, sich die großen Möglichkeiten der "gewaltigen Märkte für Kleinrechner" (Nixdorf) nutzbar zu machen. Mit dem im November letzten Jahres herausgebrachten "System/7" will IBM den gleichen Kundenkreis ansprechen, dem auch Nixdorf sein neues Modell 900 (Preisklasse bis eine Million Mark) vom Herbst dieses Jahres an zugedacht hat.
Auch Japans Computer-Fabrikanten drängen in Nixdorfs Marktlücke. Der japanische Elektrokonzern Mitsubishi, der ebenfalls Klein-Computer herstellt und mit seinen Modellen "Melcom 83" und "84" auf der Linie des Nixdorf-Systems 820 liegt, will seine Produkte in Westdeutschland anbieten. Zunächst 13, später 25 Büromaschinenhändler in der Bundesrepublik sollen dafür sorgen, daß künftig in jedem Jahr 200 bis 300 japanische Rechner in westdeutschen Büros installiert werden. Insgesamt glaubt Mitsubishi, bis 1980 Anschlüsse für rund 30 000 Rechenanlagen in Europa zu finden. In der Tokioter Zeitung "Nikkan Kogyo Shimbun" hieß es dieser Tage: "Ein japanisch-deutscher Computer-Krieg scheint auszubrechen."
Um den Ausgang der Bataille ist Heinz Nixdorf vorerst nicht bange: "Wir sind die Besseren."

DER SPIEGEL 12/1971
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