17.05.1961

SCHEPMANNSA marschiert

Die hannoversche DGB-Zentrale kann
sich des Verdienstes rühmen, einen unscheinbaren Greis in die Spalten der Weltpresse lanciert zu haben: Hitlers letzten SA-Stabschef Wilhelm Schepmann, Nationalsozialist ab 1925, NSDAP-Mitgliedsnummer 26 762.
Nachdem Schepmann am 18. April zum Ersten Beigeordneten* der niedersächsischen Kreisstadt Gifhorn gewählt worden war, nahm sich das DGB-Wochenblatt "Welt der Arbeit" dieses Mißgriffs mit Aplomb an.
Unter dem Redaktionspseudonym Fritz Kernig jammerte der hannoversche DGB-Pressereferent Karl-Heinz Briam: "Es ist ... eine kaum überbietbare Takt- und Geschmacklosigkeit, ausgerechnet in der Zeit den Ex-SAStabschef zum Stellvertreter eines Bürgermeisters zu machen, da in Jerusalem der ehemalige SS-Sturmbannführer Adolf Eichmann auf der Anklagebank sitzt." Und: "Die Gemeinderäte der CDU, DP, FDP und des BHE waren wohl vom Anti-SPD-Teufel besessen."
Nun traf es zwar zu, daß die bürgerlichen Gemeindeparlamentarier die Wahl des Schepmann in Kauf genommen hatten, um - mit 14 von 21 Ratsherren - das Regiment eines SPD-Bürgermeisters unmöglich zu machen, doch verschwieg der DGB-Kommentator,
- daß es sich bei der Wahl des einstigen Stabschefs um eine Wiederwahl in ein Amt handelte, das Schepmann bereits vier Jahre lang versehen hatte, und
- daß der BHE-Ratsherr Schepmann von der Gifhorner SPD-Ratsfraktion im Jahre 1956 einstimmig auf den Stuhl des Ersten Beigeordneten gehievt worden war, nachdem der ausgediente SA-Held schon vier Jahre lang als einfacher Ratsherr im Stadtparlament gehockt hatte.
Seine Gifhorner Karriere hatte Schepmann freilich unter anderen Aspekten begonnen, nämlich als Hausmeister in einem Notkrankenhaus des Landkreises und unter dem falschen Namen Schuhmacher. Die Tarnung nützte ihm wenig: Er wurde als Hitlers SA-Boß erkannt, von den Briten inhaftiert und nach Lüneburg verbracht.
Nach Jahresfrist war er wieder in Gifhorn: Die Besatzer hatten mit Recht diagnostiziert, daß ihnen zwar ein ranghoher, aber dennoch vergleichsweise bedeutungsloser Nazi ins Garn gegangen war, der sein Avancement zum SA -Stabschef 1943 lediglich dem unvorhergesehenen Ableben seines Vorgängers Viktor Lutze zu verdanken hatte.
Das anschließende Entnazifizierungsverfahren verlief ebenfalls günstig: Zunächst wurde Schepmann zwar noch in die Gruppe III der Minderbelasteten, dann aber in die Gruppe der unbelasteten Personen eingestuft:
Niemand dachte daher daran, ihm sein Wahlrecht oder seine Pension zu neiden, die er als früherer Volksschullehrer durch Erlaß des niedersächsischen Kultusministers vom 26. Mai 1954 - samt einer einmaligen Nachzahlung von 3177 Mark - zugesprochen erhielt. Seither verzehrt Hitlers einstiger SA-Chef Ruhestandsbezüge in Höhe von 395,35 Mark im Monat.
Der heute 66 Jahre alte Schepmann, Witwer und kinderlos, bezog eine kleine Steinbaracke und glaubte, seine kleinbürgerliche Funktionärs-Geschäftigkeit am besten für die vertriebenen Volksgenossen einsetzen zu können: Er wurde - obschon selbst aus Westfalen stammend - Kreisvorsitzender des BHE.
1956 honorierten dann die Gifhorner Sozialdemokraten die Koalitionsbereitschaft des BHE mit der Wahl des BHE -Chefs zum stellvertretenden Bürgermeister. Und obschon Schepmanns frische Parlamentarier-Würde vier Jahre zuvor publizistisches Mißfallen ausgelöst hatte, blieb es bei dieser Wahl still.
Nach der Kommunalwahl vom 19. März 1961 drängte die CDU auch in Gifhorn an die Macht. Um die SPD auszuschalten, mußten die Christdemokraten jedoch -wie vorher die Sozialdemokraten - die Wünsche des BHE erfüllen. Die Entrechteten aber bestanden darauf, daß ihr Schepmann seinen alten Posten als Erster Beigeordneter wieder einnehme.
Der CDU war dieses Verlangen peinlich: Ihr Fraktionsführer in Gifhorn heißt Ulrich Goerdeler und ist der Sohn des 1945 exekutierten Widerstandskämpfers Carl Goerdeler.
Daß Goerdeler junior und seine CDUFreunde dennoch den SA-Schepmann
auf seinen Platz zurückkehren ließen, lag an der besonders heiklen Partei-Konstellation in Stadtparlament: Hätten sich die Christdemokraten gegen den früheren SA-Chef gesträubt, wäre nicht nur die SPD zu Gifhorn an der Macht geblieben, sondern auch der kompromittierende Schepmann gekürt worden, nämlich - wie vor vier Jahren - durch die Gunst der SPD.
Goerdeler junior, der sich bei der Wahl Schepmanns der Stimme enthielt: "Wenn wir das nun entstandene Aufsehen vorausgeahnt hätten, würden wir die Sache vielleicht nochmal überdacht haben."
* Offizielle Bezeichnung für den stellvertretenden Bürgermeister, dem im wesentlichen nur Repräsentationspflichten obliegen. Der Bürgermeister ist im Lande Niedersachsen nicht Chef der Verwaltung, sondern lediglich Vorsitzender des Gemeindeparlaments.
Stabschef Schepmann (1944) SA: Für deutsche Männer ...
... stets ein Führer: Zivilist Schepmann (1959), Bundeswehr

DER SPIEGEL 21/1961
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