24.05.1961

WITTGENSTEINVerhexter Verstand

Der Mann auf dem Katheder versucht etwas zu sagen, aber er bringt kein Wort heraus. Er ist groß, schlank, hat lockiges Haar und ein sonnengebräuntes Gesicht. Seine Hände bewegen sich lebhaft, als unterstützten sie irgendwelche Bemerkungen, die aber nicht gemacht werden. Schließlich stammelt der Mann einige halbe Worte und einen Satz, der unverständlich bleibt.
Die Szene spielt in der englischen Universität Cambridge, im Moral Science Club; es ist das dritte Trimester des Jahres 1938. Ein junger amerikanischer Student namens Norman Malcolm, der im Auditorium sitzt, bemerkt, daß die sonst nicht eben respektvollen Zuhörer gegenüber dem sonderbaren Schauspiel, das sich ihnen bietet, "gespanntes und erwartungsvolles Schweigen" bewahren. Flüsternd erkundigt er sich nach dem Namen des stummen Redners. Die Antwort lautet: Ludwig Wittgenstein.
Der vortragende Wittgenstein, der vor lauter Sorge, seine Gedanken nicht präzis genug zu formulieren, auf dem Katheder überhaupt keine Formulierung zustande bringt, ist - nach dem Urteil des Tübinger Philosophen Ewald Wasmuth - der "berühmteste und zugleich am wenigsten bekannte Philosoph unserer Epoche". Der Göttinger Philosophie-Professor Hermann Wein zählte ihn zu den "grandiosesten Outsidern unseres konformistischen Zeitalters" und setzte hinzu: "Vielleicht ist er der reinste und tragischste philosophus nach Nietzsche." Der britische Philosoph Bertrand Earl Russell befand, daß es sich kein ernsthafter Philosoph mehr leisten könne, an Wittgenstein vorbeizugehen, und Herbert Zdarzil attestierte, Wittgenstein sei "zweifellos der in den angelsächsischen Ländern bekannteste zeitgenössische Philosoph deutscher Zunge".
Fast zehn Jahre nach seinem Tode wird Wittgenstein nun auch deutschen Lesern zugänglich. Der Frankfurter Suhrkamp Verlag hat damit begonnen, Wittgensteins Schriften in deutscher Sprache herauszugeben.
Bei der fast mißtrauischen Vorsicht Wittgensteins gegenüber der Sprache ist nicht verwunderlich, daß schon ein erster, 548 Seiten starker Band* genügt, die Hauptwerke des hier fast unbekannten Denkers wiederzugeben: die "Logisch-philosophische Abhandlung" (1922) - Wittgenstein übersetzte den Titel auf Vorschlag des britischen Philosophen Moore ins Lateinische: "Tractatus logico-philosophicus" - und die "Philosophischen Untersuchungen". Ferner enthält der Band Philosophische Tagebücher aus dem Ersten Weltkrieg.
Zugleich mit dem ersten Band der Wittgenstein-Werke hat der Verlag Suhrkamp ein "Beiheft"* veröffentlicht, das einige Essays über Wittgenstein enthält, und in diesem Frühjahr erschienen in Deutschland die Erinnerungen an Wittgenstein**, die sein Schüler Norman Malcolm bereits 1958 in England veröffentlicht hatte.
Thema beider Wittgenstein-Werke, des "Tractatus" wie der "Abhandlungen", ist das Verhältnis der Sprache zur Philosophie, zum Denken. Während sich zum Beispiel die Naturwissenschaften bei ihrem Bemühen, zu exakten, allgemeingültigen Resultaten zu kommen, gewissermaßen einer ihren Zwecken angemessenen Zeichensprache bedienen können - etwa die Mathematik der Zahlen, die Physik zusätzlich anderer Symbole -, ist die Philosophie, nicht minder um allgemeingültige Aussagen bemüht, allein auf die Sprache angewiesen, auf ein Instrument also, das im allgemeinen nicht nur zum Philosophieren benutzt wird.
Nun hat zwar auch die Philosophie in 2500 Jahren eine eigene, sublime und differenzierte Fachsprache entwickelt, in der viele Wörter eine vom Alltags-Sprachgebrauch abweichende Bedeutung haben. Trotzdem unterliegt jede Sprache bestimmten außerphilosophischen Gesetzmäßigkeiten, die etwa aus ihren ethnischen Ursprüngen und aus der Grammatik resultieren. Zu den allgemeinen und ohnehin beträchtlichen Schwierigkeiten jeder Wissenschaft, irgend etwas Allgemeingültiges zu erkennen und zu formulieren, bereitet also die Sprache den Philosophen, denen es darum zu tun ist, die Wirklichkeit in Sätzen abzubilden, zusätzliche Schwierigkeiten und Hindernisse.
Wo die Philosophie als exakte Wissenschaft verstanden werden soll - und nicht etwa nur als subjektive Weltanschauung -, muß demnach untersucht werden, ob und inwieweit sie sich von Gesetzen der Sprache, von Grammatik und Syntax, leiten, bestimmen oder beeinflussen läßt.
Die Frage nach den Zusammenhängen und der Abhängigkeit von Sprache und Denken war Wittgensteins Hauptthema, und es ist kein Zufall, daß er sich einer modernen philosophischen Schule anschloß, die zumindest in einer philosophischen Disziplin, in der Logik, die Sprache durch Symbole, wie sie die Mathematik hat, ergänzt sehen will: der sogenannten Logistik.
Wittgenstein, 1889 in Wien als jüngstes von insgesamt acht Geschwistern geboren - drei seiner Brüder endeten durch Selbstmord -, stammte aus einer reichen Wiener Industriellenfamilie; sein Großvater war vom mosaischen Glauben zur protestantischenKonfession konvertiert, seine Mutter war Katholikin. Johannes Brahms und dessen Freund, der Geiger Joseph Joachim, zählten zu den engsten Bekannten der Familie. Der französische Komponist Maurice Ravel ("Bolero") schrieb für einen Bruder Ludwigs, den Pianisten Paul Wittgenstein, der im Ersten Weltkrieg den rechten Arm verlor und vor zwei Monaten gestorben ist, sein berühmtes "Klavierkonzert für die linke Hand".
Nach zwei Jahren Maschinenbau -Studium an der Technischen Hochschule Berlin ging Ludwig Wittgenstein auf drei weitere Studienjahre an die englische Universität Manchester, wo er aeronautische Expeimente betrieb: Nach Versuchen mit Drachen studierte Wittgenstein den Reaktionsantrieb bei Flugzeugen, wobei ihn schließlich die mathematische Grundlegung der Versuchsanordnungen weitaus mehr als die technische Anwendung interessierte.
Von der angewandten Mathematik wechselte Wittgenstein zum Studium der reinen Mathematik über, betrieb dann eine Philosophie der Mathematik, und von da war der Weg nicht mehr weit zu einer mathematisch betriebenen Philosophie. Wittgenstein reiste nach Jena, um sich dort Rat zu holen - bei Professor Gottlob Frege, dem deutschen Begründer der Logistik, eben jener Logik, die im Gegensatz zur traditionellen Logik die Sprache durch Symbole ergänzt. Frege aber schickte den ratsuchenden Wittgenstein nach England zurück - zu dem Cambridger Philosophie-Dozenten Bertrand Russell, der bereits 1903 seine "Grundlagen der Mathematik" veröffentlicht hatte.
In den Jahren 1912 und 1913 studierte Wittgenstein bei Russell in Cambridge und zog sich dann nach Skandinavien zurück. In einem Blockhaus, das er sich in der Nähe der norwegischen Stadt Bergen selbst baute, lebte er allein philosophischer Meditation hingegeben - bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs, den er zuletzt als Offizier im österreichischen Heer mitmachte.
Noch während des Ersten Weltkriegs beendete er seinen knapp hundert Druckseiten starken "Traktat", an dem er bereits in der norwegischen Eremitage geschrieben hatte, und schickte ihn, noch bevor er aus italienischer Kriegsgefangenschaft nach Hause gekommen war, durch Vermittlung eines Cambridger Bekannten - des später durch seine Theorie der Vollbeschäftigung berühmt gewordenen britischen Nationalökonomen Keynes - an seinen Lehrer Russell.
Das im "Traktat" formulierte Denken des jungen Wittgenstein basiert auf zwei von der herkömmlichen Philosophie, abweichenden Voraussetzungen:
- Das menschliche Denken ist nur im Bereich naturwissenschaftlich nachprüfbarer Erfahrung imstande, mit zureichender Exaktheit zu operieren.
- Die traditionelle Logik ist nicht exakt genug, sie muß durch ein System von Symbolen und Zeichen ergänzt werden, die sich mit mathematischer Präzision kombinieren lassen.
Wittgenstein erklärte. Die "Philosophie ist keine der Naturwissenschaften", ihr Zweck "ist die logische Klärung der Gedanken". Sie ist also "keine Lehre, sondern eine Tätigkeit", sie ist logische Kritik des Sprachgebrauchs, insofern sie "das Sagbare klar darstellt". Ihre einzige Aufgabe kann nur sein, alle über naturwissenschaftliche Nachprüfbarkeit hinausgehenden Sätze als "sinnlos" zu disqualifizieren.
Wittgensteins "Tractatus" schließt mit dem Satz: Wovon man nicht sprechen kann, darüber muß man schweigen." Philosophie ist für ihn - durchaus im Gegensatz zu der Praxis namhafter Philosophen - eine Tätigkeit, die jeglichem Denken die Fähigkeit abspricht, jenseits der Erfahrung liegende Sachverhalte exakt auszusprechen.
Bereits im Vorwort zu seinem "Tractatus", der die Unzulänglichkeit der traditionellen Logik nachweisen sollte, hatte Wittgenstein formuliert: "Dagegen scheint mir die Wahrheit der hier mitgeteilten Gedanken unantastbar und definitiv. Ich bin also der Meinung, die Probleme im Wesentlichen endgültig gelöst zu haben. Und wenn ich mich hierin nicht irre, so besteht nun der Wert dieser Arbeit zweitens darin, daß sie zeigt, wie wenig damit getan ist, daß diese Probleme gelöst sind."
Wittgenstein zögerte keinen Moment, aus seinen Schlußfolgerungen die Konsequenzen zu ziehen. Er hielt das Sagbare für gesagt und wandte der Philosophie den Rücken, ebenso dem großbürgerlichen Milieu, aus dem er stammte. Noch zur Zeit des Ersten Weltkriegs hatte er anonym - durch Vermittlung der Innsbrucker Zeitschrift "Der Brenner" - junge Dichter mit größeren Geldbeträgen unterstützt, zum Beispiel Rainer Maria Rilke, dessen Werk er später "gekünstelt" fand, und Georg Trakl, den er zeit seines Lebens hochschätzte.
Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs aber verschenkte er unter dem Eindruck der Werke Leo Tolstois sein gesamtes, beträchtliches Vermögen - allerdings an seine Geschwister, die selber reich waren. Er meinte, Arme würden durch unverhofften Reichtum korrumpiert werden.
Von nun an lebte Wittgenstein ohne jedes Attribut der ihm widerwärtigen Wohlsituierten; er verschmähte Hut und Krawatte. Er arbeitete als Volksschullehrer und gab diese Stellung auf, als er Differenzen mit den Eltern seiner Schüler bekam, dann als Gärtnergehilfe im Kloster Hütteldorf bei Wien und gab diese Stellung auf, als ihm bewußt wurde, daß er für ein Klosterleben nicht geeignet sei.
Seine englischen Freunde hatten unterdes die Hoffnung nicht aufgegeben, ihn für ein philosophisches Lehramt zu gewinnen. 1925 reiste Wittgenstein auf Einladung des Nationalökonomen Keynes nach England, ohne jedoch vorerst zur Philosophie zurückzukehren. Im Herbst 1926 bat ihn eine seiner Schwestern, ihr in Wien ein Haus zu bauen: Es wurde ein strenger, wohlproportionierter und völlig ornamentfreier Bau aus Glas, Stahl und Beton mit flachem Dach, der noch heute existiert. Um diese Zeit beschäftigte sich Wittgenstein auch im Atelier eines Freundes mit Bildhauerei.
Biograph Georg Henrik von Wright gibt die Meinung wieder, Wittgenstein habe sich der Philosophie abermals zugewandt unter dem Eindruck von Vorträgen, die der holländische Mathematiker Brouwer im Jahre 1928 an der Wiener Universität über die Grundlagen der Mathematik hielt. Wittgenstein dagegen gibt an, sein Entschluß habe festgestanden, als er sicher gewesen sei, wieder produktive Arbeit leisten zu können.
Zu Anfang des Jahres 1929 immatrikulierte er sich, inzwischen 40jährig, als Student in Cambridge. Sehr bald wurde der "Traktat" als Dissertation anerkannt. Im Juni 1929 promovierte Wittgenstein, ein Jahr später dozierte er bereits im berühmten Trinity College der Universität Cambridge.
Sechzehn Jahre lang arbeitete Wittgenstein nach seiner Rückkehr in den englischen Universitätsbetrieb an seinem zweiten Hauptwerk, den "Philosophischen Untersuchungen". Ihr Leitgedanke ist der Satz: "Die Philosophie ist ein Kampf gegen die Verhexung unseres Verstandes durch die Mittel unserer Sprache."
Die Philosophie ist auch hier, und zwar noch schärfer und schonungsloser als im
"Tractatus", als eine Tätigkeit beschrieben,
diesmal als eine Therapie, die von allen Schattenspielen befreien soll, welche die Sprache dank der in ihr enthaltenen Grammatik und Syntax mit den Denkenden spielt:
"Die Ergebnisse der Philosophie sind die Entdeckung irgendeines schlichten Unsinns und Beulen, die sich der Verstand beim Anrennen an die Grenze der Sprache geholt hat. Sie, die Beulen, lassen uns den Wert jener Entdeckung erkennen."
"Die Philosophie", meint Wittgenstein, "darf den tatsächlichen Gebrauch der Sprache in keiner Weise antasten, sie kann ihn am Ende also nur beschreiben.
"Denn sie kann ihn auch nicht begründen.
"Sie läßt alles wie es ist."
Das Philosophieren dient also nur dazu, festzustellen, daß sich alle Denkbemühungen in den Regeln der Sprache "verfangen".
"Dieses Verfangen in unseren Regeln ist, was wir verstehen, d.h. übersehen wollen." Und: "Du denkst, du mußt doch einen Stoff weben: weil du vor einem - wenngleich leeren - Webstuhl sitzt und die Bewegung des Webens machst."
Wittgenstein sagt: "Was ich lehren will, ist: von einem nicht offenkundigen Unsinn zu einem offenkundigen übergehen." Die Philosophie soll die Vergeblichkeit der Anstrengung entlarven, Aussagen zu machen, die - nach Wittgenstein - sinnlos sind, weil sie mit Grammatik und Syntax in einer Weise operieren, als seien diese Hilfsmittel imstande, den Kosmos zu spiegeln.
Das Fazit einer solchen Philosophie ist, daß alle Denkbemühungen nur ausreichen, die Unzulänglichkeit der Sprache als Medium zu erkennen, wobei als zusätzliche Schwierigkeit hinzutritt, daß alle Kritik an der Sprache wiederum nur sprachlich bewerkstelligt werden kann: daß also Objekt der Untersuchung und Instrumentar der Untersuchung identisch sind. So entsteht ein Circulus vitiosus, aus dem es - für Wittgenstein kein Entrinnen gibt. Reicht die Sprache nicht dazu aus, präzise Aussagen über die Wirklichkeit zu machen, so mag sie ebensowenig zureichen, präzise Aussagen über sich selbst zu machen.
Das Gefühl, solcherart in einen Käfig gesperrt zu sein, ließ bei Wittgenstein oft den jähen Wunsch nach Zerstreuung und Ablenkung aufkommen. Während noch die Studenten ihre Stühle wegtrugen - Wittgenstein lehrte im Cambridger Trinity-College in seiner Wohnung, deren Mobiliar sich auf das Notwendigste beschränkte: Klappstuhl, Feldbett, Tisch und, da Wittgenstein Feuer befürchtete, ein Safe für die Manuskripte -, bat der Philosoph zuweilen einen seiner Freunde, mit ihm ins Kino zu gehen.
Wittgenstein betrachtete solche Kinobesuche als "kalte Dusche"; er saß stets in der ersten Reihe und bevorzugte primitive amerikanische Filme. Britische verabscheute er, weil er meinte, es gebe nicht einen einzigen anständigen englischen Film.
Als eine andere Art der Ablenkung schätzte Wittgenstein Detektivgeschichten. Während des Krieges schickte ihm sein Schüler Malcolm Päckchen mit Kriminalmagazinen.
In einem Dankbrief verglich Wittgenstein seine Detektivhefte mit der repräsentativen britischen Philosophie -Zeitschrift Mind": "Wenn die Philosophie irgend etwas mit Weisheit zu tun hat, so gibt es sicherlich nicht ein Körnchen davon in 'Mind', aber sehr oft in den Detektivgeschichten."
Mit äußerster Skepsis betrachtete Wittgenstein das akademische Lehramt eines Philosophie-Professors und suchte ständig seine Schüler von dem Gedanken abzubringen, Philosophie zu lehren. Als Malcolm zum Doktor der Philosophie promovierte - der angelsächsische Ph. D. (Doctor of Philosophy) entspricht mehr dem deutschen Dr. habil., mit dem die Lehrbefähigung ausgesprochen wird -, schrieb ihm Wittgenstein: "Herzliche Glückwünsche zu Ihrem Ph. D.! Und nun: Mögen Sie guten Gebrauch von ihm machen! Damit meine ich: Betrügen Sie weder sich selbst noch Ihre Studenten. Ich müßte mich sehr täuschen, wenn nicht gerade das von Ihnen erwartet wird. Und es dürfte sehr schwierig sein, es nicht zu tun, vielleicht ist es unmöglich. Für diesen Fall wünsche ich Ihnen die Kraft zu entsagen."
Wittgenstein besaß die Kraft, einen der berühmtesten philosophischen Lehrstühle Großbritanniens - der Philosoph war 1939 als Nachfolger Moores auf den Lehrstuhl für Philosophie an der Universität Cambridge berufen worden - aufzugeben, als ihm bewußt wurde, daß er zu erschöpft war, um noch weiterhin auf seine Weise Philosophie lehren zu können. 1947 trat er von seinem Lehramt zurück.
Während eines Aufenthalts in Amerika erkrankte er - die Ärzte hatten bei ihm bereits vorher eine schwere Anämie diagnostiziert. Er fürchtete nicht den Krebs, an dem einige Mitglieder seiner Familie gestorben waren, wohl aber eine Operation, die ihn zu einem seiner Meinung nach völlig nutzlosen Invaliden machen würde, dessen Tod nur hinausgezögert worden sei.
Tatsächlich litt auch Ludwig Wittgenstein an Krebs. Anfang 1951 siedelte der Philosoph in das Haus seines Cambridger Arztes Dr. Bevan über, der ihm seinerzeit die Art seiner Krankheit mitgeteilt hatte. Da Wittgenstein seine letzten Tage nicht in einem Krankenhaus verbringen wollte, hatte ihm Dr. Bevan sein Haus als letzten Zufluchtsort angeboten.
In der Nacht zum 28. April 1951 wurde Wittgensteins Zustand hoffnungslos. Als ihm vom Arzt eröffnet wurde, er habe nur noch wenige Tage zu leben, erwiderte Wittgenstein: "Gut!" Bevor er bewußtlos wurde, sagte er zu Frau Bevan, die bei ihm wachte: "Sagen Sie ihnen (den Freunden): Mein Leben war wunderbar!"
Das Londoner Literaturblatt "Times Literary Supplement" attestierte ihm später: "Es ist ein Maßstab für die Entschiedenheit und Integrität von Wittgensteins Charakter, daß es eine so große Zahl von Dingen gibt, die man sich bei ihm nicht vorstellen kann."
Am wenigsten vorstellbar sei, meinte das Blatt - sicher ohne jede Anspielung auf Karl Jaspers -, "daß er auf dem Fernsehschirm erschienen wäre".
* Ludwig Wittgenstein: "Schriften". Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main; 548 Seiten; 34 Mark.
* Ludwig Wittgenstein: "Schriften/Beiheft". Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main; 100 Seiten; 6,80 Mark.
** Norman Malcolm: "Ludwig Wittgenstein". R. Oldenbourg Verlag, München; 128 Seiten; 8,80 Mark.
Philosoph Wittgenstein
Tücke der Logik
Wittgenstein-Bau in Wien: Der Verstand holt sich Beulen
Vollbeschäftigungs-Theoretiker Keynes
Die Philosophie läßt alles wie es ist

DER SPIEGEL 22/1961
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Verhexter Verstand