31.05.1961

BONN / FDPErich währt am längsten -

Ein katholischer Ritterkreuzträger mit deutschen Schäferhunden, protestantischer Ehefrau und einem Eigenheim, das von der Bausparkasse "Wüstenrot" finanziert wurde, ist aufgerufen,, den deutschen Liberalismus zu retten: FDP-Chef Erich Mende, 44.
Seit Gründung der Bundesrepublik marschiert die Freie Demokratische Partei zügig bergab. Bei den Bundestagswahlen 1949 konnte sie noch 11,9 Prozent der Stimmen auf sich ziehen; 1953 waren es lediglich 9,5 Prozent, 1957 sogar, nur 7,7 Prozent.
Von den diesjährigen September-Wahlen aber erhoffen die Freien Demokraten erstmals nicht nur einen Stimmenzuwachs, sondern mehr noch eine Rückkehr auf dieselbe Regierungsbank, aus der Konrad Adenauer sie einst gejagt hat.
Sinnbild frei-demokratischer Hoffnungen und Träume ist Erich Mende. Nach Konrad Adenauer und Willy Brandt hat er als dritter Polit-Star den Ring bestiegen, um den in eine Schönheitskonkurrenz entarteten bundesdeutschen Wahlkampf zu bestreiten. Zwar hat er keine Chancen, zum "Mr. Germany" gekürt zu werden, doch seine Aussichten auf einen Trostpreis sind rosig wie sein Teint.
In diesen Tagen, drei Monate vor der Wahl am 17. September, gab Super-Starlet Mende Order, die letzte Phase einer dreiteiligen Regieanweisung seiner Partei zu verwirklichen.
In einem "streng vertraulichen" Memorandum der Parteiführung waren im Februar 1960 die drei Tempi festgelegt:
- Stufe I, vom Frühjahr bis zum Herbst 1960: "Grundlagenforschung durch Bevölkerungstests".
- Stufe II, vom Herbst 1960 bis zum Frankfurter Bundesparteitag im
März dieses Jahres: "Festlegung des Grundtenors des Bundestagswahlkampfs".
- Stufe III: die Endphase.
Ungetrübte Freude bereitete die "Grundlagenforschung" der Stufe I zunächst nur 'dem FDP-Bundestagsabgeordneten Walter Scheel, denn er ist Gesellschafter der Düsseldorfer Demoskopie-Firma "Intermarket", die im Auftrag der FDP die für notwendig erachteten. Bevölkerungstests durchführte.
Für den Parteivorsitzenden Erich Wende dagegen war die Lektüre der Umfrage-Ergebnisse auf 26 Seiten und 23 Tabellen kein reines Honigsaugen (SPIEGEL 13/1961).
- Zwar kamen die "Intermarket" -Tester der FDP pauschal zu einem_ ähnlich gefälligen Resultat für ihren Auftraggeber, wie es etwa Allensbacher Demoskopen für ihren Dauerkunden Adenauer stets zur Hand haben; in diesem Fall: "Die FDP ist ein recht gesuchter koalitionspartner."
Aber "markentechnisch bei weitem nicht genug", so konstatierten die Tester, sei Erich Mendes Popularität: "Nur 40 Prozent der FDP-Wähler, 28 Prozent der SPD-Wähler und 22 Prozent der CDU-Wähler wissen, daß Dr. Mende Vorsitzender der FDP ist."
So wenig aussichtsreich es scheinen möchte, den Wahlkampf auf eine Persönlichkeit zuzuschneiden, deren Position noch nicht einem Drittel aller Wähler bekannt war, so unverdrossen machte sich Erich Mende ans Werk, eben diesen Weg zu beschreiten, als es galt, die Stufe II des FDP-Schlachtplans zu erklimmen: "Festlegung des Grundtenors".
Der Grundtenor heißt: Mit Erich Mende nicht an, aber doch in die Regierung. Mende: "Wir wollen aus der Rolle des Passagiers herauskommen und als Ko-Piloten Richtung und Höhe des Fluges der Regierung mitbestimmen. "
Warum nun Wähler einem Ko-Piloten ihre Stimme geben mögen, wenn sie einen Piloten wählen können, darüber hatte Ko-Pilot in spe Erich Mende aufschlußreiche Hinweise erhalten, als Demoskopen westdeutsche Fernseh-Zuschauer befragten, was für eine Figur
der FDP-Chef in einer Fernseh-Diskussion gemacht habe. Urteilten deutsche Menschen über Erich Mende:
"Dr. Mende hat eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Schah von Persien, was ihm in bestimmten Bevölkerungskreisen auch ohne politische Diskussionen Sympathien einbringen dürfte."
"Eine sehr gute Figur, rein äußerlich und vor allem auch sprachlich."
"Sehr gute Figur. Es war prachtvoll, als er erwähnte, daß er als aktiver Offizier der erste deutsche Politiker wurde."
"Mende macht einen sehr guten Eindruck. Er strahlt eine eigenartige Frische aus."
"Gute Figur. Äußerlich alles okay. Kavalierstaschentuch vielleicht etwas zu groß?"
Versehen mit dem Rüstzeug der Erkenntnisse aus den ersten beiden Stufen der Wahlkampf-Planung - "Noch unbekannt, aber sehr gefällig"-, bereitete sich Erich Mende vor, auf Tempo III zu schalten.
Über diese Schlußphase heißt es in dem partei-internen Rundschreiben der FDP-Bundesgeschäftsstelle: "Die (auf Stufe I und II) entwickelten Leitbilder und Motive müssen sich mit der beginnenden III. Stufe zu Thesen (Schlagzeilen) verdichten.
"Zu diesem Zeitpunkt muß feststehen, auf welche Führungspersönlichkeiten der FDP der Good will der breiten Masse auf Bundesebene konzentriert werden soll. Die in der vorausgehenden Periode für richtig erkannten und erarbeiteten Idole (die sich auf einige wenige Personen und Symbole konzentrieren müssen) sollen jetzt durch den Einsatz aller Werbemittel zur Wirkung kommen."
Die geforderte Konzentrierung auf die "für richtig erkannten und erarbeiteten Idole" löste mit künstlerischer Hand Frau Margot Mende, zweite Gattin des liberalen Parteichefs.
In der Vorweihnachtszeit des letzten Jahres entwarf die Amateur-Porträtistin in dem mit altdeutschen Eichenmöbeln ausstaffierten 125 000-Mark-Heim am Godesberger Stadtwald ein Wahlkampf-Plakat, auf dem im Vordergrund das markante, sonnengebräunte Antlitz ihres Ehemanns vor dem durchgeistigten Charakterkopf des Altbundespräsidenten und ersten FDP-Vorsitzenden Theodor Heuss zu schauen ist: Führer-Idol und Traditions-Symbol aneinandergepappt.
Einen dazugehörigen Slogan hatte Erich Mende selbst entworfen: "Im alten Geist mit junger Kraft!"
Bei allem Wohlwollen erschien den betagteren Mitgliedern des Bundesvorstands der FDP die Betonung des jugendlichen Elements denn doch zu dick. So wurde daraus: "In seinem Geist mit neuer Kraft."
Mit dem Entwurf, im Din-A 0-Format auf Pappe gezogen, machte sich Erich Mende auf nach Stuttgart, um die Einwilligung des pensionierten Staatsoberhauptes einzuholen.
In seinem Gepäck trug er außerdem ein Exemplar der SPD-Wahlkampf -Illustrierten, in der sich auch Willy Brandt zusammen mit dem Bundes-Patriarchen hatte abbilden lassen.
"Herr Altbundespräsident!", begann Erich Mende unter Hinweis auf diese Veröffentlichung, "die SPD hat Sie
schon in den Wahlkampf gezogen." Nun möge Theodor Heuss doch auch seine Zustimmung zu den FDP-Plänen geben.
"Ja, der Heuss ist zu erkennen", murmelte Frau Margot Mendes Studienobjekt: "Und Sie sehen aus wie aus der Sommerfrische."
Zwei Stunden dauerte die Unterhaltung. "Ha no, wie lang' soll es denn hängen?" fragte Theodor Heuss schließlich, ehe er nach Konsultierung seiner Sekretärin sein endgültiges Einverständnis erklärte.
Zehn Tage vor ihrem diesjährigen Bundesparteitag im März zu Frankfurt wurden für etwa eine Viertelmillion Mark Westdeutschlands Litfaßsäulen mit dem frei-demokratischen Doppelkopf geschmückt.
Frei-Demokrat Theodor Heuss, 77, begnügte sich nicht mit diesem Konterfei. Auf dem Frankfurter Parteitag kletterte er auch selbst aufs Podium: Es sei "ganz lustig", so schwäbelte er, durch die Straßen zu fahren und sich "mit einem so schönen Mann" auf einem Bild zu sehen.
Auf das Gelächter der Parteigenossen hin fuhr er fort: "Das ist keine Ironisierung, sondern eine Feststellung." In der ersten Sitzreihe klatschte Margot Mende entzückt in die Hände.
Theodor Heuss: "Die Welt soll ruhig erfahren, auch die deutsche Welt, woher ich komme und wohin ich immer gehört habe ... Ich habe persönliche Vertrauensbeziehungen zu allen gepflegt: zur CDU, zur SPD. Ich bin aber alter FDP-Mann."
Theodor Heuss ist mehr als das. Er ist einer der letzten Alt-Liberalen, deren nationalbewußtes, freisinniges und antiklerikales Wesen und Wirken noch in der liberalen Tradition des vergangenen Jahrhunderts und der humanistischen Bildungswelt des deutschen Besitzbürgertums wurzelt.
Mit dem derzeitigen Parteivorsitzenden der FDP hat das Partei-Symbol Heuss nicht mehr gemein als das Parteibuch.
Die politische Ohnmacht des deutschen Liberalismus, dessen Gedankengut auf beiden Flügeln von Konservativen und Sozialisten vereinnahmt ist und der sich selbst immer wieder in national-liberale und sozial-liberale Gruppen aufspaltete, bedeutet für Theodor Heuss echte Tragik; für Erich Mende ist sie historische Reminiszenz.
Der Symbol-Wert des Theodor Heuss liegt für die FDP des Erich Mende nicht so sehr in der liberalen Tradition, die der Altbundespräsident verkörpert, sondern vielmehr in dessen glückhafter Amtszeit als populäres Staatsoberhaupt - ein Freier Demokrat, der etwas geworden und gewesen ist.
Denn: Die Situation des deutschen Liberalismus hat sich in der Bonner Republik gegenüber dem Kaiserreich und der Weimarer Zeit nicht gebessert. Liberal sind heute alle, ob Konrad Adenauer oder Willy Brandt. Die Gefahr für eine liberale Partei, zwischen CDU und SPD zerrieben zu werden, ist so groß wie je; die Drohung innerparteilicher Gesinnungs-Spaltung in einen rechten und einen linken Flügel ist latent.
Was die FDP Erich Mendes den westdeutschen Wählern bieten möchte, ist daher nicht eine Wiedergeburt des schwärmerischen Liberalismus, als vielmehr eine wohlorganisierte dritte Kraft neben CDU und SPD, ein Auffangbecken für alle, denen Adenauer zu alt und Brandt zu rot ist.
Symbol Heuss versinnbildlicht auf diesem Wege den Erfolgsanteil der FDP am westdeutschen Wunderstaat; Führer-Idol Mende soll den Erfolg der Zukunft garantieren.
Was Erich Mende für diese Aufgabe qualifiziert, ist neben seinem Ehrgeiz, seiner Ähnlichkeit mit dem Schah von Persien und seinen beträchtlichen rhetorischen und organisatorischen Talenten vor allem seine Begabung, sich im Sehwange befindliche Gedanken anzueignen und sie gefällig zu servieren.
Seine Stärken und Schwächen ergeben eine attraktive Durchschnittlichkeit des Denkens und Handelns, die
für die mittleren Jahrgänge der Bundesrepublik geradezu repräsentativ ist.
Er ist ausgezeichnet mit jener zackigen Mittelmäßigkeit, die ihn naturgemäß zum Kompromiß-Kandidaten stempelt, ohne ihn mit dem Odium einer Notlösung zu behaften.
Mende teilt seinen Lebenslauf und sein Verhältnis zur Umwelt und zur Vergangenheit mit der großen Mehrheit der nichtintellektuellen 40- bis 50jährigen Bundesdeutschen:
Keine Besonderheiten, sei es Emigration oder eine NS-Karriere; ohne Verbindung zur Politik und den Politikern aus der Zeit vor 1933; bereit, den Nationalsozialismus zu verdammen, aber nicht gewillt, eine schuldhafte Verstrickung zwischen der entweder apolitischen oder bürgerlich-nationalen Haltung ihres Elternhauses und dem NS -System anzuerkennen; im Kriege vaterländisch pflichtbewußt, aber ohne sonderliche Begeisterung gedient; heute
geneigt, die "Zeit bei den Preußen" in der Erinnerung als "schwere, aber doch fruchtbare Episode unter guten Kameraden" zu verklären mit den Problemen des 20. Juli keine engere Vertrautheit, als oberflächliche Lippenbekenntnisse sie ermöglichen.
Womit Erich Mende aus seiner Generation herausragt - soweit es um die Vergangenheit geht -, sind besondere Leistungen auf einem für die Jahrgänge 1910 bis 1925 bestvertrauten Gebiet: besondere Tapferkeit und Fähigkeit als Offizier.
Mendes Ritterkreuz ist eine Auszeichnung, deren Rang auch von allen Trägern des EK II fachmännisch bewertet werden kann und die in ihrem eigenen
Lebenskreis erworben wurde. Willy Brandts Taten als Widerstandskämpfer können bestenfalls Achtung unter den Gutwilligen hervorrufen, aber sie bleiben für die große Mehrheit der Bundesbürger Ereignisse in einem fremden, eher abenteuerlichen als politischen Milieu.
Diese Durchschnittlichkeit des Agierens setzte sich in Erich Mendes politischer Karriere nach Kriegsende fort und trug ihn an die Spitze einer Partei, deren beide ideologische Flügel so weit auseinanderklaffen, daß nur ein organisatorisch befähigtes Neutrum sie zusammenhalten kann.
Mit Mende-Schwulst ausgedrückt: "Der FDP-Parteivorsitzende muß die Größe des liberalen Spannungsbogens in die Kraft der Sehne umsetzen."
Eine Kollektion der Taten und Aussprüche des Politikers Erich Mende zeigt, wo die Kraft" der "Sehne" Mende liegt. Er liefert, was gefällt:
- 1950 setzt er sich erstmals für die
Freilassung verurteilter deutscher "Kriegsverbrecher" ein und stimmt 1952 wegen der alliierten Unnachgiebigkeit in dieser Frage demonstrativ gegen die Europäische Verteidigungsgemeinschaft.
- 1953 fordert er als erster Bonner
Politiker, daß ehemaligen deutschen Soldaten das Tragen ihrer Tapferkeitsauszeichnungen erlaubt werden müsse.
- Im selben Jahr schlägt er die Schaffung eines Amtes zur Abwehr der Korruption vor, das ausgerechnet dem Verteidigungsministerium unterstellt werden soll.
- 1961 ist es die Fremdenlegion, die er auflösen will, und der deutsche Stahlhelm, den er wiedereinführen möchte, weil das modifizierte US -Modell die Sicht behindere und den Nacken nicht genügend schütze.
- Zum 50jährigen Bestehen der Zigarettenfirma Reemtsma schickt er ein Telegramm: "Wenn ich persönlich auch Nichtraucher bin, so ist mein Glückwunsch nicht weniger herzlich, denn ich bin ein Freund des würzigen Aromas einer guten Zigarette und biete daher um so häufiger sie meinen Besuchern an, um wenigstens den Duft des Rauchens anderer mitgenießen zu können."
- In einem Leserbrief an den SPIEGEL
zitiert er zur Selbstcharakterisierung August Lämmle: "Titel, Name, Geld, Befrackung/ sind zum Zwecke der Verpackung / Schale gut nicht, sondern Perle / wichtig ist allein der Kerle."
- In "Kristall" zur Kindererziehung:
"Meine Frau und ich sind entschiedene Gegner des Prügelns, es ist gegen die Menschenwürde. Ich prügle nicht einmal meine Schäferhunde."
- Über den Rundfunk verkündet er:
"Koalitionen kommen und gehen, die Freie Demokratische Partei muß als Hüterin des Freiheitsgedankens ... bestehenbleiben."
Erich Mende ist für das Gute und gegen das Böse im deutschen Menschen. Sein Opportunismus verschont ihn vom Ballast unpopulärer Ziele; selbst wenn er sich anstrengte, könnte
er nicht anders denken oder fühlen als die Mehrheit der Bundesbürger.
Ist Erich Mende auf den Bildschirmen des Fernsehens erschienen, bleibt nach seinen einleuchtenden Ausführungen im Bundesvolk nur eine bohrende Frage: Frisiert er sich mit Brisk, Brisa oder Brillantine?
Kein Eugen-Roth-Gedicht, kein deutsches Vorurteil, keine Plattheit ist ihm fremd. Kein Wesenszug seiner aus Kompromissen, Strebsamkeit -und gutem Willen zusammengesetzten politischen Karriere fehlt in seinem voraufgegangenen Leben.
Nur eines war er nie, bis er ins Mannesalter trat - liberal. Begründet der Parteiführer der FDP seinen Eintritt in die FDP: "Was mir an der FDP damals gefiel, war das Nationale, die Betonung des Reichsgedankens, der in meinem Elternhaus eine so große Rolle gespielt hatte. Das kannte ich."
In der Tat: Der Knabe Erich - am 28. Oktober 1916 im oberschlesischen Landstädtchen Groß-Strehlitz geboren - war als Sohn eines Volksschullehrers in einem Elternhaus aufgewachsen, in dem das katholische, Element stark hinter der deutsch-nationalen Gesinnung der "Grenzlanddeutschen" zurücktrat.
So sind denn auch die frühesten politischen Erinnerungen Klein-Erichs national getönt: der Kampf um den Annaberg 1921 und eine Hausdurchsuchung durch französische Kontrolloffiziere während des deutsch-polnischen Abstimmungskampfes, bei der schwarzweißrote Fähnchen entdeckt wurden, die Erichs großer Bruder versteckt hielt.
In der Schule war der Knabe "bis Oberprima Klassenerster" (Mende); seine Zeugnisse bestanden aus Einsen und Zweien. Die Vorgänge in Deutschland 1932/33 spiegelten sich im kleinen Groß -Strehlitz als Wiedergeburt vaterländischer Größe. Den Tag von Potsdam, den Pakt zwischen Hitler und dem senilen Hindenburg, feierten die Strehlitzer Gymnasiasten mit einem Fackelzug; Primus Mende vorneweg.
Die Frage nach Erinnerungen an aufregende Lektüre-Erlebnisse der damaligen Zeit beantwortet Mende arglos: "Felix Dahns 'Kampf um Rom' hat einen großen Eindruck auf mich gemacht:" -
Abiturient Mende wollte Jurist werden. Aber der ältere Bruder - 1940 in der Normandie gefallen - riet dem jungen Rekruten Erich, der am 1. Oktober 1936 ins, Gleiwitzer Infanterieregiment 84 eingetreten war, bei den Fahnen zu bleiben: In absehbarer Zeit werde es in Europa gewiß zum Kriege kommen; es lohne sich nicht, vorher noch etwas anderes anzufangen.
So gelangte Erich Mende zum Soldatenberuf wie später zum Liberalismus: aus gänzlich unpathetischen und eher praktischen Motiven; auch in diesem Fall ein "Querschnittsfall" seiner Generation.
Er wurde ein guter Feldsoldat: EK II und erste Verwundung als Leutnant in Polen; für den Übergang über die Maas im Mai l940 erhielt er das, EK I; in Biartz - deutsches Schicksal unserer Zeit - "etwas vom guten Kognak und Wein gelernt". 1941 Aufbruch gen Osten, der für Erich Mende mit dem Ritterkreuz endete.
Im Januar 1945 verteidigte Major Mende als Regimentsführer eine Rückzugstraße am Narew, was zahlreichen ostpreußischen Zivilisten die Flucht ermöglichte. Mende: "Nicht im Stabsquartier, sondern auf dem Gefechtsfeld wurde mir das Ritterkreuz überreicht."
Gemäß der Devise des ehemaligen Kanzler-Knappen, Mercedes-Fahrers und Sturmabzeichen-Trägers Kilb: "Die Türken wollen Kerle sehen", trug Erich Mende als erster westdeutscher Politiker nach dem Krieg sein Ritterkreuz zum Frack auf einem Türken -Empfang im Jahre 1958. Mende: "Das Protokoll hatte darum gebeten."
Der Frau des ersten sowjetischen Botschafters in Bonn, Sorin, berichtete Parlamentarier Mende auf einem anderen Empfang von seinem Feldzug bis vor
die Tore Moskaus. Antwortete die Sowjet-Dame: "Und dann mußten Sie zurück."
Ehefrau Margot Mende rächte sich für die bissige Antwort an Sorins Nachfolger Smirnow. Als "Bild" berichtete, "die Frau des FDP-Vorsitzenden Dr. Mende" sei "Smirnows beliebteste Tänzerin auf Bonner Bällen", dementierte sie energisch: "Ich habe niemals mit dem Botschafter Smirnow getanzt."
Margot Mende ist die zweite Gattin des katholischen Liberalen. Seine erste Ehe - "sie dauerte nur drei Urlaube" war nur eine Episode aus dem Kriegerleben Erich Mendes; der Sohn lebt heute als Primaner bei seiner Mutter in Düsseldorf.
Die nur standesamtlich geschlossene Heirat wurde nach dem Kriege geschieden. Erich Mende (in "Kristall"): "Als Kavalier habe ich die Schuld auf mich genommen."
Dazu Mendes erste Frau Ruth: "Die Behauptung ... ist zweideutig und irreführend ... Auf meiner Seite: waren Scheidungsgründe nicht vorhanden."
Der aus britischer Kriegsgefangenschaft nach Sürth bei Köln (seinem
Quartier 1939) entlassene Major hatte zu jener Zeit gerade den deutschen Liberalismus entdeckt, ein Jura-Studium angefangen und bald darauf seine jetzige Frau Margot Hattje, Tochter eines Kieler Schiffbau - Ingenieurs, kennengelernt.
Ein Kriegskamerad hatte Erich Mende im Hungerwinter 1945/46 auf einen Düsseldorfer Verleger namens Middelhauve aufmerksam gemacht, der mit einer Parteigründung beschäftigt sei und bei dem sich ein erfahrener Militärsoldat a.D. als Organisator ein bißchen nebenher verdienen könne.
Nach drei abendlichen Gesprächen mit Friedrich Middelhauve war Mende ein Liberaler und - im Januar 1946 - Landesgeschäftsführer der FDP in Nordrhein-Westfalen geworden.
Auf einem Parteikongreß traf Erich Mende mit Margot Hattje zusammen. "Kristall" gegenüber äußerte sich das Ehepaar über seine damalige Gemütsverfassung. Frau Margot gefiel es, wie Erich eine Sekretärin abfertigte, "die sich an ihn heranmachte". Erich Mende: "Ich war damals enttäuscht von meiner ersten Ehe und auch davon, wie viele deutsche Mädchen sich gegenüber den Besatzungssoldaten verhielten."
1948 wurde geheiratet, 1949 zog Mende in den Ersten Bundestag ein, 1950 promovierte er zum Dr. jur. ("Das parlamentarische Immunitätsrecht in der Bundesrepublik Deutschland und ihren Ländern") und machte sein Referendarexamen.
Die beiden Kinder aus der zweiten Mende-Ehe Manuela, 7, und Marcus, 10 (Frau Margot: "Mit c zu schreiben, bitte"), werden katholisch erzogen.
Zu bürgerlicher Berufsausübung hat ihr Vater es wegen seiner politischen Berufung nicht gebracht. Seine Habilitationsschrift "Die Entwicklung des Parlamentsrechts in der modernen Demokratie" blieb unter der fortschreitenden Entwicklung des Autors in der Bonner Demokratie unvollendet.
Dessenungeachtet figuriert der FDP -Chef in einem Bundestagshandbuch gleich zweimal als Dozent ("für Öffentliches Recht und Politische Wissenschaften"); nach Ansicht Professor Eschenburgs ist er der einzige Deutsche mit solcher Doppelfunktion.
Erich Mende hat heute allerdings auch ohne Brotberuf sein Auskommen. Außer seinen Abgeordneten-Diäten in Höhe von etwa 2000 Mark bezieht er im Monat rund 800 Mark an Autoren- und Verlags-Honoraren, 750 Mark Aufwandspesen als Fraktionsvorsitzender und 1100 Mark als Mitglied des Verwaltungsrats des Westdeutschen Rundfunks. Als Parteichef steht ihm ein Dienst-Mercedes 220 mit Fahrer zur Verfügung.
In seiner Freizeit pflegt Lesemappen -Bezieher Mende Gesundheit und Statur. Stolz auf beides, trainiert er für das Goldene Sportabzeichen, bevorzugt Diät- und Fischnahrung (wegen des Jodgehalts) und radelt nach Feierabend mit seiner Familie ins Grüne.
Auch beim letzten Fußballspiel "Presse gegen Bundestag" war Radfahrer Mende dabei, ehe er mit einer Beinverletzung vom Feld humpelte. Von Frau, zwei Schwestern und Schwiegermutter Hattje wird er mit häuslicher Fürsorge umhegt.
Der wohltätige Einfluß der Mende -Damen auf Erichs politische Laufbahn
ist Gegenstand ungezählter Bonner Geschichten. "Aufstehen, Erich, Karriere machen", sei Margots Weckruf, so heißt es. Und Schwiegermutter Hattje, die den Mende-Haushalt bekocht, pflegte morgendliche Anrufer zu bescheiden: "Der Herr Abgeordnete schläft noch."
Frau Margot schmälert bescheiden ihre gesellschaftlichen Antriebsfunktionen im Kampf ums Dabeisein: "Zu den Diners der Botschaften müssen wir ja hin."
Ehemann Erich aber bestätigt ihren Einfluß: "Meine Frau, die viel von Politik versteht, sagt immer: ,Alles, nur nicht das Verteidigungsministerium.'"
Erich Mende will denn auch auf keinen Fall, wenn er in diesem Herbst Minister werden sollte, die Nachfolgeschaft von Franz-Josef Strauß anstreben.
Schon einmal nämlich, 1955, hat sich ein Verzicht auf militärische Ehren ausgezahlt. Damals hatte ihm der Kanzler den Posten eines Militärattaches in Rio de Janeiro und den Rang eines Brigadegenerals angeboten. Mende, der seinerzeit zumindest Staatssekretär im Verteidigungsministerium werden wollte, lehnte ab - und wurde noch mehr: Parteichef.
Zusammen mit seiner ideologischen Unschuld in Sachen Liberalismus und seiner soldatischen Vergangenheit, die ihn zum Wehrexperten der Partei werden ließ, führte Frau Margots Drängen nach diplomatischer Betätigung zu einem weiteren positiven Ergebnis in Erich Mendes Lebenslauf:
Er bleibt als Außen- und Militärpolitiker der Fraktion ohne eigenes Zutun von den jahrelangen, selbstmörderischen Streitigkeiten der FDP -Landesverbände verschont.
Als der politische Ruf des von Friedrich Middelhauve geführten FDP-Landesverbands durch dessen Liaison mit dem ehemaligen Goebbels-Staatssekretär Naumann Schaden litt, konnte Erich Mende sich von seinem Mentor unauffällig absetzen, ohne in den Geruch eines Gesinnungslumpen zu geraten.
Mende wurde auch nicht durch Abstemplung als zu weit rechts oder zu weit links stehend verbraucht, als in der FDP 1952 die sogenannte Linke sich ums "Liberale Manifest" scharte und die Rechte ihr "Deutsches Programm" verkündete, so daß die FDP als sich selbst verzehrendes Monstrum vor die erstaunten Wähler treten mußte.
Und als 1956 Mendes nordrhein-westfälische Parteifreunde Willi Weyer und Wolfgang Döring im Kampf gegen ein neues, FDP-feindliches Bundeswahlgesetz des Kanzlers die Düsseldorfer CDU-Regierung Arnold stürzten und durch eine SPD/FDP-Koalition ersetzten, beteuerte Mende zwar telephonisch allen Beteiligten seine Loyalität ("Ich fall' nicht um"), war aber zugleich als Bonner Bundespolitiker in den Augen der Öffentlichkeit von diesen Vorgängen weit genug entfernt, um nicht den Makel der Antibürgerlichkeit auf sich zu ziehen.
Später beteuerte er vor der Evangelischen Akademie in Tutzing, er könne verstehen, daß viele Wähler die Zusammenarbeit mit der SPD übelgenommen hätten; die FDP werde "ihre verdiente Strafe absitzen".
Ein Regierungsamt hatte er nicht zu verteidigen, als der FDP-Bundesministerflügel die Konsequenzen aus dem Düsseldorfer "Jungtürken"-Streich zog und die Bundestagsfraktion verließ, um die kurzlebige "Freie Volkspartei" zu gründen.
Das "junge Talent" Mende verblieb bei der Stammtruppe und hatte nun kaum noch Vordermänner. Ende des Jahres 1957 wurde er FDP-Fraktionsvorsitzender im Bundestag; 1960 - mangels Masse - Parteichef.
Die vom Bruderzwist zerrissene Partei war der dauernden Führungskrise müde,
als sie sich für den Kompromiß -Künstler Mende entschied:
- Die zur CDU tendierenden Landesfürsten der FDP sahen in Erich Mende, der allen, auch von ihm selbst früher gepflegten Ostkontakten seit dem Ungarn-Aufstand abhold war, einen links nicht vorbelasteten und sogar halbwegs populären Stimmenfänger.
- Die Düsseldorfer erblickten in ihm
einen Mann, der ihnen - solange der Partei- und Wählerwind ihnen
ins Gesicht blies - den Platz an der Spitze warmhalten würde. Seither hat Erich Mende seiner Partei die äußere Einheit wiedergegeben, die seine Vorgänger in der Parteiführung - Franz Blücher, Thomas Dehler und Reinhold Maier - teils aus Ministersessel-Kleberei, teils aus eruptiver Redelust, teils aus einem Übermaß am Taktieren und Finassieren zerstört hatten.
Lobte die "Frankfurter Allgemeine" im März das Werk des Parteivorsitzenden Mende: "Der (Frankfurter) Parteitag hat eine äußere Geschlossenheit gezeigt, die sich wohltuend von den früheren Flügelkämpfen abhob. Mendes Position ist gefestigt, er dämpft radikale
Töne. Als Partei haben sich die Freien Demokraten wieder formiert."
Und die "Deutsche Zeitung", die seit Anfang des Jahres zwecks Hebung ihrer schwachen Auflage an alle Landes-, Bezirks- und Kreisverbände der FDP gratis (das heißt, auf Kosten des Bundesverbands der Deutschen Industrie") verteilt wird, urteilte: "Während alle Welt von Willy Brandt spricht, besitzt die FDP in Mende eine Führerpersönlichkeit, welche den Hoffnungen, die vielfach auf die jüngere Politikergeneration gesetzt werden, viel eher entspricht als der sozialdemokratische Spitzenkandidat."
Erich Mende, darüber gibt es keinen Zweifel, ist der richtige Spitzenmann für die richtige Sache - nur fragt es sich, ob eine Sache noch richtig ist, für die Erich Mende der richtige Spitzenmann ist.
Bis heute hat die ungleich gravierendere ideologische Auflösung der SPD
die Aufweich-Erscheinungen der FDP überschattet, zumal einige unverdrossene FDP-Leute sich noch immer den Luxus leisten, gegen den CDU-Stachel zu löcken.
In demselben Maße, in dem Willy Brandt das Institut der Opposition entwertet, entfällt für die FDP die moralische und politische Verpflichtung, sich für einen Regierungswechsel einzusetzen.
Im Gegenteil, die Anbiederungsversuche der SPD an die CDU geben der FDP Gelegenheit, das irreale Gespenst der schwarz-roten Versorgungsstaat -Koalition an die Wand zu malen. Und da die Freidemokraten sich der CDU etwas geschickter anbieten als die
SPD, rechnet die Öffentlichkeit ihnen gelegentliches Aufmucken, sei es auch nur platonisch, sogar als "Profil" an.
Am 31. August aber muß der FDP-Bundesausschuß eine grundsätzliche Entscheidung treffen, die am nächsten Tag von Erich Mende auf einem Wahlkongreß in Hannover verkündet werden soll: die Koalitionsabsichten der FDP.
Vor vier Jahren, im Februar 1957, erklärte vor der letzten Wahl noch der damalige FDP-Vorsitzende und Mende-Vorgänger Reinhold Maier in einem SPIEGEL-Gespräch: "Es kann doch eine Partei, die etwas auf sich hält, die selber etwas sein will, nicht von vornherein sagen: Ich werde nach der Wahl mit der Partei gehen oder mit der anderen Partei gehen."
Dagegen Maier-Nachfolger Erich Mende im April 1961 zum SPIEGEL: "Wer am 1. September nicht sagt, mit wem er nach der Wahl zusammengehen will, an dem gehen am 17. September die Stimmen vorbei."
Die Koalitions-Entscheidung steht allerdings schon heute fest, und der FDP - Bundesausschuß, der sich bei seinen Beratungen von den jüngsten demoskopischen Umfrage - Ergebnissen leiten lassen will, wird nur einen heimlichen Pakt besiegeln können, den Parteichef Erich Mende und die FDP-Wähler längst geschlossen haben: In seinem Drang zur Regierungsbank verkörpert Erich Mende den Generalwillen der Parteimehrheit.
Praktisch konnten sich drei Koalitionsmöglichkeiten ergeben:
- mit einer SPD, die allein nicht die
absolute Mehrheit besitzt,
- mit einer CDU, die allein nicht die
absolute Mehrheit besitzt,
- mit einer CDU, die allein die
absolute Mehrheit besitzt.
Die erste Möglichkeit ist, selbst wenn ein Erdrutsch zugunsten der SPD sie zulassen sollte, bereits heute ausgestanden. Die gleiche FDP, die einst in Düsseldorf mit einer noch roten SPD die CDU stürzte und in Baden-Württemberg mit einer noch roten SPD die CDU von der Regierung ausschloß, ist heute nicht gewillt, mit einer liberalisierten SPD zu koalieren, von der sie sich nur noch in Nuancen unterscheidet.
Erich Mende: "Die rote Farbe behagt mir nun einmal nicht, in keiner Schattierung. Mit roten Gedanken habe ich mich innerlich niemals auseinandersetzen müssen."
Die zweite Möglichkeit - Koalition mit einer nicht allein regierungsfähigen CDU - ist nach wie vor der Zünglein an-der-Waage-Traum der Freien Demokraten. Sie wollen aber keinesfalls nach links, sondern nur nach rechts züngeln.
In kühnen Momenten rechnen sich Mende und die Parteimehrheit aus, sie könnten dabei den Eintritt in die Regierung davon abhängig machen, daß nicht Konrad Adenauer, der sie gedemütigt hat wie kein zweiter, sondern ein anderer Christdemokrat den Kanzler-Posten übernimmt. Erich Mende: "Für uns kommt nur Ludwig Erhard in Frage."
Die dritte Möglichkeit indes scheint die wahrscheinlichste: eine absolute CDU-Mehrheit im Bundestag, die es Kanzler Konrad Adenauer möglich macht, alle Koalitionsverträge zu diktieren. Und auch diese Lösung wollen die im Umfallen erprobten Freien Demokraten schlucken.
Vergessen sind die Schwüre "Nie wieder mit Adenauer" und "Nie mit einer Partei, die eine absolute Mehrheit hat". Wie sehr die Partei nur noch "dabeisein" will, wie sehr sie, koste es was es wolle, in die Regierung drängt, läßt sich daran ablesen, daß sie eine Koalition mit Konrad Adenauer auch für den Fall ins Auge gefaßt hat, daß CDU und CSU zusammen wieder die absolute Mehrheit erringen sollten.
Noch 1957 erklärte der stellvertretende Bundesvorsitzende Dr. Mende, und zwar nach den Bundestagswahlen, er für seine Person halte es für "ausgeschlossen", in eine Regierungskoalition einzutreten, "in der eine Partei über die absolute Mehrheit verfügt".
Noch zum Ende des Jahres 1959 erklärte der Fraktionsvorsitzende Mende, laut FDP-Hauszeitung "Das freie Wort", er halte eine Koalition der Freien Demokraten mit der CDU "unter dem gegenwärtigen Regierungschef Konrad Adenauer ohnehin für undenkbar". Alles, was Erich Mende zu diesem Thema heute noch zu sagen hat, ist dies:
"Wenn Adenauer Kanzler bleibt und wir dennoch, falls dazu aufgefordert, mit der CDU koalieren, so gehe ich auf keinen Fall ins Kabinett. Dann wird es nämlich meine viel wichtigere Aufgabe sein, als Fraktions- und Parteichef die Einheit der FDP zu bewahren."
Dabei verspricht er sich allerdings von dem Verzicht einen nützlichen Nebeneffekt: "Wenn ich dann ins Kabinett könnte und nicht ginge, dann wären die hämischen Bemerkungen, ich sei nichts als eitel und ehrgeizig, ganz schön widerlegt."
Das letzte Indiz für die Entschlossenheit der FDP, nahezu um jeden Preis mit der CDU zu koalieren, liefern Wahlkampf-Anleitungen der Partei für die Behandlung Konrad Adenauers.
Er soll auf jeden Fall geschont werden. Einerseits, weil die Westdeutschen nach Ansicht der FDP jeden Frevel am Kanzler-Bild mißbilligen; zum anderen aber auch, weil die FDP fürchtet, allzu heftige Attacken gegen ihn und sein Alter könnten den Kanzler derart verstimmen, daß er nach der Wahl nichts mehr von den Freidemokraten wissen will.
Von Kanzlerfreund und Bankier Robert Pferdmenges gesprächsweise darauf hingewiesen, wie leicht alte Leute eigensinnig werden, wenn ihnen die Unvereinbarkeit ihres hohen Alters mit
ihrem hohen Amt vorgehalten wird, bestimmte Erich Mende daraufhin den gegenüber Konrad Adenauer anzuschlagenden Ton.
Mende: "Es darf nicht so aussehen, als wollten wir Adenauer achtlos und schnoddrig zum alten Eisen werfen. Dann würden alle Leute daran denken, wie es ihnen eines Tages selber gehen kann, wenn sie alt sind."
Für die äußerste Grenze der Angriffe gegen Adenauer aus Altersgründen hält der FDP-Wahlkampfausschuß unter diesen Umständen den - zum ersten
Male in einem vertraulichen Rundschreiben im August 1960 vorgeschlagenen - Slogan: "Schickt Adenauer in den wohlverdienten Ruhestand." Der Ton soll dabei auf das Wort "wohlverdient" gelegt werden.
So geartetem Überlebenwollen könnten die immer noch leicht aufsässigen "Düsseldorfer" unter Wolfgang Döring und Willi Weyer nur einen dünnen Riegel vorschieben: Die etwaigen Koalitionsverhandlungen im Herbst, so wurde auf dem Frankfurter Parteitag auf ihr Betreiben hin beschlossen, sollen auf FDP-Seite nur von Politikern geführt werden, die selbst nicht ins Kabinett eintreten wollen.
Darüber hinaus sollen 'etwaige FDP -Bundesminister künftig beim Amtsantritt eine Erklärung unterschreiben, daß sie von ihrem Amte zurücktreten, wenn dies eine Zweidrittelmehrheit der Fraktion verlangt.
Solche moralischen Armutszeugnisse auf Büttenpapier, mit deren Ausfertigung die FDP auf EHE-Niveau herunterplumpst, sind zwar nicht einklagbar, doch vertraut die Parteiführung optimistisch auf den moralischen Druck, der mit einem solchen Papier in der Öffentlichkeit ausgeübt werden könnte.
Als Minister- und Staatssekretärskandidaten der FDP, von denen die
undatierte Rücktrittserklärung im Herbst eventuell verlangt werden könnte, gelten heute in erster Linie die Abgeordneten Lenz, Dehler, Stammberger, Dahlgrün und Starke. Dazu kommen als Bewerber amtierende und pensionierte FDP-Länderminister. Und natürlich - trotz aller Einschränkungen - Erich Mende.
Mende: "Wir müssen nicht unbedingt in die Regierung. Natürlich wollen wir gern, aber Koalitionen kommen und gehen. Wichtiger ist die Erhaltung der wiedergewonnenen Parteieinheit."
Er verdrängt dabei, daß eben diese Parteieinheit überhaupt nur wiedergewonnen wurde, weil sich Deutschlands Liberale, entschlossen;, ihr Mendelchen in den Wind zu hängen.
Simplicissimnus
Heuss, Anhänger
In seinem Geist..
Simplicissimnus
Adenauer, Anhängsel
...mit neuer Kraft
Familie Mende, Schwiegermutter Hattje, Haustier: Der Schah von Bonn
Oberleutnant Mende (1942)
"Und dann mußten Sie zurück"
Schau-Fußballer Millowitsch, Mitläufer
Die Kraft der Sehne..
Karnevalistin Margot, Mitläufer
...entspannt sich abends
Mende-Mentor Middelhauve
Gefallen an der Reichsidee
Mende, Smirnow, Mikojan: Zu den Empfängen ...
.. müssen wir ja hin; Margot Mende (r.), Ehepaar Smnirnow
Mende, Mende, Mende: Brisk, Brisa, Brillantine
Süddeutsche Zeitung
Klein-Mende: "Hoppa, hoppa Reiter, Opa hilft uns weiter.."

DER SPIEGEL 23/1961
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