07.06.1961

NACHRUFRAFAEL LEONIDAS TRUJILLO 24. X. 1891 - 30. V. 1961

Im Florenz des 15. Jahrhunderts hätte er ebenbürtige Rivalen gefunden. Doch in der Dominikanischen Inselrepublik mit ihrem Völkergemisch aus Spaniern, Negern und Kreolen war niemand der Verschlagenheit und Brutalität des ehemaligen Polizeispitzels gewachsen.
Ein Menschenalter lang regierte er mit der Machtfülle eines italienischen Renaissance-Fürsten. Drei Millionen dominikanische Bürger zitterten vor seinem Blutrausch. Was es zu korrumpieren gab, korrumpierte er.
Bis vor kurzem war ihm auch der katholische Klerus hörig. Aufmuckende Priester erfuhren aus der Trujillo-Presse, daß man sie in Bordellen gesehen habe.
Seiner Geldgier kam die traditionelle lateinamerikanische Meinung entgegen, daß ein Dummkopf sein müsse, wer sich als Staatsmann nicht zu bereichern wisse.
Rafael Leonidas Trujillo Molina, mit 31 Regierungsjahren der Dienstälteste aller lateinamerikanischen Diktatoren, war kein Dummkopf. Er hat ein Vermögen von über zwei Milliarden Mark hinterlassen, die Hälfte davon wertbeständig im Ausland angelegt.
Als ihn die Dominikaner 1930, sechs Jahre nach Abzug der US-Besatzungstruppen, in einer Volkswahl westindischen Stils zum erstenmal zu ihrem Präsidenten kürten, besaß er nichts außer einer strotzenden Generalsuniform. 22 Jahre später konnte er die Bürde des dominikanischen Staatsoberhaupts getrost seinem jüngeren Bruder Héctor überlassen.
In der Dominikanischen Republik gab es bereits damals keinen bedeutenderen Handelszweig, kaum eine Zuckerrohrplantage und gewiß keine Freudenhäuser, die der Trujillo -Familienclan nicht kontrollierte.
Die Weihrauch-Schwenker des Regimes ließen keinen Zweifel aufkommen, daß der mächtigste Mann der Pseudo-Republik weiterhin Rafael Leonidas Trujillo hieß - auch wenn die Inhaber der höchsten Staatsämter andere Vornamen trugen.
In der Hauptstadt des Landes, 1936 von Santo Domingo in Ciudad Trujillo umgetauft, preisen über 2000 Denkmäler den Wohltäter des Volkes", den Vater des Vaterlandes", den "Polarstern der Nation". Photomontagen der regierungsfrommen Presse zeigten den Caesar des Karibischen Meeres, den "geliebten Chef", mit Friedenstauben auf der Schulter.
Solche Unschuldsbilder konnten indes nicht darüber hinwegtäuschen, daß der Erzeuger von 40 legitimen und illegitimen Kindern während seiner politischen Karriere mehr Meuchelmorde inszeniert hat als die routiniertesten Giftmischer der florentinischen Renaissance.
Skrupellos wie die Medici, ließ er die Leichen liquidierter Gegner vor den Häusern ihrer Verwandten in den Sand kippen. Als seine Soldateska 10 000 Grenzland-Analphabeten des Nachbarstaates Haiti niedergemetzelt hatte, zahlte er erst auf Mahnungen aus Washington einen Sühnepreis von 50 Dollar pro Leiche.
Die Zahl der Todesopfer des Trujillo-Terrors hält zwar keinen Vergleich mit Eichmanns perfektionierten Vernichtungsmethoden aus. Aber sie reichte dennoch, den Mann, der sich selbst einmal für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen hat, zum meistgehaßten Diktator der westlichen Hemisphäre zu machen.
Der USA-Regierung kam diese Einsicht reichlich spät. Jahrzehntelang protegierte sie den für sie so bequemen Allmächtigen von Ciudad Trujillo. Auf seinem Schreibtisch stand ein Photo Franklin D. Roosevelts mit der Widmung "Meinem lieben Freunde".
Erst als der "Organisation der Amerikanischen Staaten" im August 1960 unwiderlegbare Beweise über Trujillos Mordpläne gegen den venezolanischen Präsidenten Rómulo Betancourt vorlagen, distanzierte sich Washington von ihm.
Lateinamerikas Parade-Kommunist reagierte in Trujillo-Manier. Nachdem er seinen Familienclan in den Staatsämtern durch Strohmänner ersetzt und sich selbst zum Uno-Delegierten ernannt hatte (ohne freilich jemals nach New York zu reisen), beantwortete er die Yankee-Treulosigkeit durch einen ebenso zynischen wie unübersehbaren Flirt mit Fidel Castro.
Gleichzeitig spann er feine Fäden nach Moskau, die Washingtons Politikern die Gefahr vorgaukelten, im karibischen Hinterhof der USA könne auf der Nachbarinsel Kubas ein zweiter prokommunistischer Brückenkopf entstehen. Kennedys Pressechef war denn auch der erste, der aufatmend die Nachricht von der Ermordung Trujillos verbreitete.
Noch verkünden freilich in der tropenschwülen dominikanischen Hauptstadt Neon-Röhren den blasphemischen Slogan "Gott und Trujillo". Aber die Sachwalter Gottes in der Inselrepublik können darauf pochen, daß sie sich schon einige Monate vor dem abrupten Ende des Diktators von seinem Regime zu distanzieren begannen.
Sein letzter Wunsch, vom Papst offiziell mit dem Ehrentitel "Wohltäter der Kirche" bedacht zu werden, ist Rafael Leonidas Trujillo nicht erfüllt worden. Die Bischöfe seines Landes bedeuteten ihm, daß Gott die guten Werke des "Polarsterns der Nation" ohnehin belohnen werde.

DER SPIEGEL 24/1961
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