07.06.1961

FRANKREICH / EVIANBella am Telephon

Nur gleichen Stunde, da sich am Genfer See die Unterhändler der algerischen Exilregierung auf ihre erste Begegnung mit den Delegierten Frankreichs in Evian-les-Bains vorbereiteten, kurvten drei "Sikorsky"-Hubschrauber der französischen Gendarmerie über der winzigen Atlantik-Insel Aix.
Die Helikopter-Piloten hatten Befehl, den seit viereinhalb Jahren in der Festung Aix eingekerkerten Vizepremier der Exilregierung, Mohammed Ben Bella - nach wie vor einer der prominentesten Führer der FLN-Rebellen - sowie seine ebenfalls mit Ministertiteln geschmückten Mitgefangenen Alt Achmed Hocine und Mohammed Khider auf das Festland zu bringen.
Als sich ein wenig später im Hôtel du Parc zu Evian Frankreichs Algerien-Minister Louis Joxe und der algerische Delegationschef Krim Belkassim zum ersten Male gemessen voreinander verbeugten, packten Vizepremier Ben Bella und seine Gefährten im Château de La Fessardière bei Turquant an der Loire bereits ihre Koffer aus.
Kurz darauf stießen zwei weitere algerische Minister zu ihnen, die bis dahin im französischen Zuchthaus von Fresnes gesessen hatten: Rabach Bitat und Mohammed Budiaf.
Ben Bella und seine Mitgefangenen hatten bis zuletzt gehofft, Frankreichs Staatschef werde sich den resoluten FLN-Forderungen beugen und die fünf inhaftierten Mitglieder des algerischen Exilkabinetts vor Konferenzbeginn nach Evian entlassen.
Doch de Gaulle, um sein Prestige besorgt, wählte angesichts der unruhigen "Ultras", die noch immer Ben Bellas Kopf fordern, einen vorsichtigen Kompromiß: Die Haft der Rebellenführer wurde in eine komfortable "résidence surveillée" (Zwangsaufenthalt) umgewandelt, wie sie auch der Prophet des algerischen Nationalismus und abgehalfterte FLN-Konkurrent Messali Hadsch (SPIEGEL 16/1961) genießt.
Aus dem Loire-Château dirigiert nun Ben Bella, einer der neun "historischen Chefs" (so der FLN-Jargon) des Aufstands, im Zusammenspiel mit Krim Belkassim per Kurier und Telephon (wobei er weiß, daß Frankreichs Geheimdienst mithört) die algerische Delegation in Evian.
Noch im November 1959 waren Versuche de Gaulles, mit der algerischen Exilregierung ins Gespräch zu kommen, daran gescheitert, daß Premier Ferhat Abbas demonstrativ seinen in der Festung von Aix einsitzenden Stellvertreter Ben Bella zum Verhandlungs -Bevollmächtigten bestimmte, den Paris aber nicht akzeptierte.
Diesmal zeigte die französische Regierung Verständnis dafür, daß Häftling Ben Bella hinter der Szene Konferenzregie führt, während der algerische Delegationschef und Außenminister Krim Belkassim Frankreichs innenpolitische Schwierigkeiten respektierte und sich mit rhetorischen Protesten gegen den verlängerten "Zwangsaufenthalt" seines Kabinettskollegen begnügte.
Der aus proletarischem Milieu stammende, hochdekorierte ehemalige Hauptfeldwebel der französischen Armee Mohammed Achmed Ben Bella verkörpert den Freiheitskampf des algerischen Volkes weit besser als etwa der bourgeoise, auf Pariser Parlamentsbänken zum Politiker gereifte und mit erheblicher Verspätung in die Rebellion eingestiegene Apotheker Ferhat Abbas.
Der viermal wegen besonderer Tapferkeit im französischen Heeresbericht zitierte Berufssoldat Ben Bella, dem General de Gaulle eigenhändig die höchste für Unteroffiziere erreichbare Auszeichnung, die "Medaille Militaire", an die Feldbluse geheftet hatte, war nach dem Kriege zunächst in seinen Heimatort Marnia bei Oran zurückgekehrt. Dort bewarb er sich bei der französischen Verwaltung um einen Vertrauensposten. Höhnisch wies man den Algerier als "ungebildeten Tölpel" ab.
Nach dieser Demütigung schloß er sich der damals von Messali Hadsch und Ferhat Abbas geführten nationalistischen Bewegung Algeriens an.
Doch der Ex-Berufssoldat kam schnell zu der Erkenntnis, daß die Algerier dem militärischen Druck der französischen Kolonialmacht militärischen Gegendruck entgegensetzen müßten. 1947 organisierte er als Vorläuferin der späteren Rebellen-Armee die "Organisation Secrètes" (Geheimorganisation), deren Kampfgruppen sich über ganz Algerien ausbreiteten.
Nach dem Vorbild Stalins besorgte sich der von wenig Skrupeln geplagte Ben Bella ("Waffen würden wir auch vom Teufel annehmen") die finanziellen Mittel für seinen Untergrund-Kampf durch Raub. Bei einem Überfall auf das Hauptpostamt von Oran erbeutete er mehrere Millionen Franc, wurde verhaftet, entwich aber dann nach Kairo,
In ständigem Kontakt mit Ägyptens Freiheitshelden Oberst Nasser begann er mit der generalstabsmäßigen Vorbereitung des Aufstands, dessen politische Führung im Ausland operieren sollte.
In der Schweiz, dem klassischen Rendezvous-Land für Exilrevolutionäre, bereiteten Ben Bella und acht weitere Verschwörer, unter ihnen Krim Belkassim, ihren Partisanenkampf vor. Am 10. Oktober 1954 fiel, noch in der Schweiz, die Entscheidung über den Beginn der Rebellion: 1. November 1954, null Uhr.
Von den neun "historischen Chefs" des Aufstands sind drei im Strudel des Algerienkriegs ums Leben gekommen. Rabach Bitat wurde 1955 in Algier verhaftet und nach Frankreich gebracht.
Die Franzosen kidnapten Ben Bella, Hocine, Khider und Budiaf im Oktober 1956 auf deren Flug von Rabat nach Tunis durch einen Luftpiratenstreich, den die Araber der Pariser Regierung bis heute nicht verziehen haben.
Nur Krim Belkassim, heute Delegationschef in Evian, hat die sechseinhalb Jahre des Freiheitskrieges im Untergrund und im Exil unversehrt überstanden.
Als sich im September 1958 die Exilführung der Rebellion in die Provisorische Regierung der Republik Algerien (GPRA) verwandelte, waren Einfluß und legendärer Ruhm des ersten FLN -Generalstabschefs so groß, daß man Ben Bella die Ernennungsurkunde zum Vizepremier in den Kerker schickte. Seine vier Leidensgefährten wurden zu Ministern ohne Portefeuille ernannt.
Den Kurierdienst zwischen dem langnasigen, mit einer Schweizerin verlobten, die Haftzeit zu autodidaktischen Studien benutzenden Blechnapf-Minister und dem Kabinett in Tunis versah der marokkanische Rechtsanwalt Haschemi Scherif, dem Frankreichs Justizbehörden jederzeit Zugang zu seinem niemals vor Gericht gestellten Mandanten gewährten.
Diese Großzügigkeit entsprang nicht dem schlechten Gewissen wegen der völkerrechtswidrigen Festnahme des FLN-Führers an Bord eines marokkanischen Flugzeugs, sondern der Wunschvorstellung, die algerische Exilregierung werde sich - so berichtete die "New York Herald Tribune" - als ein "kopfloses, von ständigen Richtungskämpfen zerrissenes Monstrum" entpuppen. Lange Zeit hoffte man in Paris, daß Ben Bellas Direktiven den erwünschten Prozeß der algerischen Selbstzerfleischung beschleunigen würden.
Die ersten Wochen der Evian-Konferenz haben diesen Traum zerstört. Ben Bella, unfreiwilliger Schloßgast an der Loire, ist jener Formel treu geblieben, die er als Emigrant in Kairo für die politisch-militärische Leitung des algerischen Freiheitskampfes prägte:
"Weder ich noch irgend jemand anders kann sich alt Führer des Aufstands bezeichnen. Die FLN hat eine kollektive Führung, und alle unsere Entschlüsse werden kollektiv gefaßt."
FLN-Rebell Ben Bella
Von de Gaulle dekoriert
FLN-Diplomaten in Evian: Von Ben Bella dirigiert

DER SPIEGEL 24/1961
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