21.06.1961

MUSICALSteiler Zahn

Immer, wenn es auf der Bühne besonders bewegt zuging, flammte der Projektor auf: Kurze Texte sollten den Premierengästen im Münchner "Deutschen Theater" erläutern, was gespielt wurde. Auf der Bühne sprachen, sangen, lachten, weinten, schossen und messerstachen im originalen Manhattan-Stil nicht weniger als vierzig Akteure. Sie brachten am letzten Freitag den Broadway-Bestseller "West Side Story", das erste amerikanische Halbstarken-Musical, zum erstenmal auf eine deutsche Bühne.
Allein, dieses Drama der Niethosen -Jünglinge und ihrer Sozius-Bräute bedurfte im Grunde keiner Erläuterung. Die Handlung ist einer Liebesgeschichte nachempfunden, deren Publikumswirksamkeit durch Jahrhunderte unbestritten ist: der Tragödie von Romeo und Julia, den Liebesleuten aus Verona, deren Familien miteinander verfeindet sind. Romeo verwandelte sich im "Deutschen Theater" zu München in einen Halbstarken, Julia in einen steilen Zahn.
Komponist des Teenager-Musical ist das 42jährige Musikwunder Leonard Bernstein, der nacheinander als Pianist, als Dirigent - er leitet die New Yorker Philharmoniker -, als Komponist, als Schriftsteller und letzthin als Fernsehstar zu lokalem bis internationalem Ruhm kam. Zur "West Side Story" vertonte er ein Libretto von Arthur Laurents, das ein echtes soziologisches Problem (die Jugendkriminalität), ein lokal-historisches Ereignis (eine blutige Straßenschlacht in New York) und eine berühmte Tragödie, eben Shakespeares "Romeo und Julia", auf raffinierte Weise miteinander vermengte.
Die "West Side Story" spielt im New Yorker Stadtteil Manhattan; die
feindlichen Veroneser Familien Montague und Capulet sind entsprechend durch zwei rivalisierende Banden von Jugendlichen ersetzt: Die "sharks" (Haifische) sind Abkömmlinge der aus Puerto Rico stammenden, spanisch sprechenden Bewohner; die "jets" (Düsenjäger) stammen von europäischen Einwanderern. Da die Europäer, denen die Einwanderer aus Mittelamerika rassisch suspekt sind, sich langsam in vornehmere Wohngegenden absetzen und die Zuwanderer aus Puerto Rico ebenso sachte nachrücken, ergibt sich für die jugendlichen Banden eine Art Grenzproblem. Sie können sich nicht einigen, wem die Kontrolle über eine Straße zusteht, die durch die Abwanderung ins Niemandsland zwischen die Sprachgruppen geraten ist. Eine Schlägerei wird verabredet, die Klarheit schaffen soll.
Zwar hat Tony-Romeo, der Sohn polnischer Eltern, dessen Stimme bei den "jets" viel gilt, sich vorgenommen, daß kein Blut fließen soll, aber in der Hitze der Prügelei kommt es doch dazu, daß durch seine Mitschuld der Bruder Julia -Marias, seiner Geliebten, die nominell zur Gegenpartei zählt, bei einer Messerstecherei getötet wird. Am Ende wird auch Tony erschossen.
Um die Parallele zu Shakespeare auch an Details zu verdeutlichen, ist sogar die berühmte Balkon-Szene zwischen den Liebenden nicht vergessen worden - nur spielt sie nicht vor einem Palazzo, sondern im Mietskasernenhof an einer Feuerleiter. Und der zarte Streit der Liebenden, ob es für Romeo Zeit zum Aufbruch sei ("Es war die Nachtigall...") ist soweit variiert, daß Tony und Maria zwar weder Nachtigall noch Lerche, statt dessen aber die Klangfetzen der lärmenden musicbox aus einem drugstore der Nachbarschaft hören.
Diese von Bernstein musikalisch blendend arrangierte Mischung aus Tragödie, Oper und Ballett lief zwei Jahre am Broadway, wanderte ein Jahr auf Tourneen durch Nordamerika und kam
schließlich, eine Sensation im New Yorker Theaterbetrieb, für acht Monate an den Broadway zurück; erst im Dezember 1960 fand die letzte Broadway-Vorstellung statt.
Dann erwarb der Impresario Giora Godik aus Tel Aviv die Aufführungsrechte und gastierte mit der "West Side Story" fünf Wochen in Israel, sieben Wochen in Paris, zwei Wochen in Turin und eine Woche in Florenz, bevor er nun die durch Shakespeare-Reminiszenzen veredelten Straßenschlacht-Probleme jugendlicher Manhattan-Banden dem deutschen Publikum vorstellte.
In anderer Besetzung bewegte das stürmische Banden-Musical Londoner Theaterbesucher über zwei Jahre. Der Versuch des Ingrid-Bergman-Ehemanns Lars Schmidt, die Manhattan-Messerstecher durch schwedische Teens darstellen zu lassen, schlug dagegen fehl, so daß sich Godik gute Chancen ausrechnet, die Revolver-Ballade auch nach Skandinavien zu verkaufen.
Wie das Halbstarken-Melodrama künstlerisch einzustufen sei, darüber gehen die Ansichten auseinander. Anläßlich des Gastspiels in Paris fragte der Kritiker des "Paris-Jour": "Eine musikalische Tragikomödie? Ein gesprochenes Ballett? Ein Melodrama, durch Gesang und Tanz unterbrochen?" Und antwortete: "Es ist alles dies auf einmal."
Impresario Godik klassifiziert das Werk auf seine Weise: "Die Zuschauer sind überzeugt, daß sie im Kino sind."
Broadway-Erfolg "West Side Story" in München: Romeo und Julia in Manhattan

DER SPIEGEL 26/1961
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