21.06.1961

UFAEntschwundene Millionen

Eberhard Claus Freiherr von Ostman, Aufsichtsratsvorsitzender des Ufa -Filmkonzerns und Filialleiter der Deutschen Bank, empfand es nicht der Mühe wert, das triste Ereignis mit geziemendem Begräbnisernst durchzustehen. Lässig knöpfte er seinen anthrazitgrauen Einreiher auf, erhob sich vom Vorstandstisch, schob die Rechte in die Hosentasche und verkündete sodann den Aktionären, die Ufa - Deutschlands größtes Filmunternehmen - habe in elf Monaten weitere 17,5 Millionen Mark verwirtschaftet, so daß sich "nunmehr ein Gesamtverlust von zirka 23 Millionen Mark ergibt".
Gleich unbeteiligt gab sich der vor knapp sieben Monaten zum neuen Ufa -Hausherrn bestellte Hamburger Filmkaufmann Theodor Osterwind, als er im kleinen Sitzungssaal des Düsseldorfer Industrie-Clubs eine vorbereitete Meldung verlas und die versammelten Ufa-Aktionäre mit der Tatsache bekanntmachte, daß "mehr als die Hälfte des Grundkapitals verloren ist".
Alsdann, 17 Uhr 18 am vergangenen Mittwoch, schloß Freiherr von Ostman die Sitzung. Dauer der beiden außerordentlichen Hauptversammlungen der Ufa-Theater AG und der Universum -Film AG: neun Minuten.
Die Nonchalance, die Ostman und Osterwind zur Schau stellten, machte deutlich, daß die beiden Ufa-Hauptverantwortlichen den weiteren Abstieg der einst allmächtigen Ufa nicht ausschließlich auf ihre eigenen Taten zurückführen. Die mißliche Lage der Filmfirma hat sich keineswegs gebessert, seit ein dem Baron Ostman und dem Direktor Osterwind gewissermaßen übergeordneter Mann Einfluß auf die Ufa-Geschäfte genommen hat: das Vorstandsmitglied der Deutschen Bank, Dr. Hans Janberg.
Nachdem die Bilanz des Geschäftsjahres 1959 offenbart hatte, daß die unter der Oberleitung des Ufa-Generaldirektors Arno Hauke gefertigten Ufa -Filme dem Konzern die ersten Millionenverluste eintrugen, schaltete sich Bankier Janberg ein. Er hielt für ratsam, der kränkelnden Ufa mehr Aufmerksamkeit zu widmen, als es seiner Rolle als Konsortialführer der Ufa-Aktionäre eigentlich gemäß gewesen wäre.
Janberg beschloß, den angeschlagenen Konzern selbst zu steuern. Er drängte mit Erfolg auf die Entlassung des Ufa -Chefs Arno Hauke, übernahm das Kommando über die rund 2500 Ufa -Bediensteten und ordnete an, alle Firmengeschäfte seien ihm zur Entscheidung vorzulegen. Einsprüche des Ufa -Aufsichtsratsvorsitzenden von Ostman brauchte er nicht zu fürchten. Der Baron war ihm als Filialleiter der Deutschen Bank ohnehin unterstellt.
So entstand die paradox anmutende Situation, daß just auf dem Höhepunkt der Ufa-Krise der Konzern von einem Mann gesteuert wurde, der viel vom Bank-, doch offenbar weniger vom Filmgeschäft verstand. Die Produktionsplanung stagnierte, die Ateliers verödeten, das Verleihgeschäft stockte, und die Theaterbesitzer zeigten wenig Neigung, die von ihnen gebuchten Ufa -Filme zügig abzuspielen. Drei bis vier Millionen Mark gingen der Ufa-Kasse nach Schätzung von Sachkennern allein in vier Monaten der Janberg-Ära verloren.
Freilich drängte sich dem Filmneuling Janberg die Erkenntnis auf, daß es tunlich sei, die Konzerngeschicke wieder einem Branchenmann anzuvertrauen. Zunächst fühlte er bei dem Bundespressechef, einstigen Filmproduzenten und Drehbuchverfasser Felix von Eckardt vor. Doch von Eckardt war zu dieser Zeit noch guter Hoffnung, als CDU-Parlamentarier in den Bundestag einziehen zu können. Er lehnte ab.
Mehr Erfolg war Janberg bei dem früheren "Terra"-Direktor Theodor Osterwind beschieden. Osterwind war willens, den angetragenen Ufa-Posten zu übernehmen. Aber er gedachte nicht, sein eigenes Unternehmen, die Deutsche Film Hansa, aufzugeben, die er nach dem Kriege zur viertgrößten deutschen Verleihfirma emporgewirtschaftet hatte. Er verlangte, daß die Ufa sich in die Film Hansa einkaufe und ihre eigene Verleih-Organisation auflöse.
Janberg schluckte die harte Forderung und bewog auch die anderen Ufa -Aktionäre zu dem Geschäft - womit sich freilich die Ufa-Verlustbilanz um weitere Millionen vergrößerte. Denn der Ufaeigene Verleih, die "Ufa-Filmverleih GmbH", arbeitete mit Gewinn; allein ihr Buchwert betrug zwei Millionen Mark, und just die gleiche Summe mußte ausgeworfen werden, um die Hälfte der Anteile der Deutschen Film Hansa zu kaufen.
Eine weitere Million Mark schließlich galt es für Abfindungen bereitzuhalten, die wahrscheinlich an die entlassenen Angestellten des zerschlagenen Ufa-Filmverleihs zu zahlen sind, seit in Arbeitsgerichtsprozessen erhärtet wurde, daß die Ufa bei der Verleih-Auflösung nicht rechtens vorgegangen war.
Doch auch das Todesurteil über den Ufa-eigenen Verleih beendete nicht die Verlust-Strähne. Im Gegenteil, das Verdikt schlug sich in weiteren Verlusten nieder.
Denn Theodor Osterwinds Film Hansa firmierte nun zwar (seit Ende November 1960) als "Ufa-Filmhansa GmbH & Co.", doch der abgewürgte Ufa-Alt -Verleih blieb bis zum 31. März dieses Jahres formell bestehen und mit der Aufgabe belastet, weiterhin nicht übermäßig gelungene Ufa-Filme zu vertreiben.
Da angesichts der Auflösungserscheinungen das ohnehin harte Verleihgeschäft nicht mehr mit der gebotenen Verve betrieben wurde, war das Ergebnis unausweichlich: Die einst mit Millionenaufwand gekurbelten Ufa-Lichtspiele wurden nicht gewinnbringend ausgewertet. Die Verluste kletterten erneut um Millionenbeträge.
Theodor Osterwind trat sein neues Amt als Ufa-Chef unter der löblichen Devise an, daß fortan Sparsamkeit zu walten habe. Doch bald begehrte der Betriebsrat
gegen einige neuverfügte Sparmaßnahmen auf. Insbesondere kritisierten die Betriebsräte die Order, die in der Münchner Verleihzentrale gelagerten Ufa-Filmkopien aus dem Verleih zu ziehen und einen beträchtlichen Teil von ihnen (im Gesamtgewicht von 30 Tonnen) zu vernichten, damit sie keinen Lagerraum beanspruchten. Anstelle angeforderter Ufa-Filme, klagten die Betriebsräte, seien den Kinobesitzern Hansa-Filme überlassen worden.
Hinzu kam, daß die Berliner Atelierhallen des Ufa-Konzerns nach fachmännischen Schätzungen einen Verlust von rund vier Millionen Mark hinnehmen mußten. Schließlich wirkten sich auch die von Osterwind nach Absprache mit dem Bankier Janberg vorgenommenen Verwaltungssparmaßnahmen nicht gerade gewinnbringend aus.
Osterwind beschied sich zwar damit, dem luxuriös eingerichteten Düsseldorfer
Ufa-Verwaltungspalast lediglich einige Teppiche und elektrische Schreibmaschinen zu entnehmen, um mit ihnen sein spartanisch eingerichtetes Hamburger Film-Hansa-Büro zu verschönen. Doch die ungenutzten Zimmerfluchten in Düsseldorf verschlangen weiterhin ansehnliche Unterhaltungskosten.
Solche unter dem Stichwort "Ufa -Sanierung" beschlossenen Maßnahmen schienen denn auch, nach den Filmverlusten des Geschäftsjahres 1959, kaum geeignet, weitere Verluste auszuschließen. Und da es vorerst nicht gelang, die Ufa-Aktionäre zur Hergabe neuer Millionen zu bewegen, bleibt auch die Frage offen, wie die Ufa gerettet werden soll.
Bankier Janberg hat sich mittlerweile einen Plan einfallen lassen, der an die Verlustdeckung beim (verbotenen) Kanzler-Fernsehen erinnert: Die Steuerzahler sollen die verlorenen Summen, wenigstens zum Teil, ersetzen.
Janberg möchte nämlich der Bundesregierung das Zugeständnis entlocken, der Ufa die Lastenausgleichszahlungen und die bislang unbeglichene Restkaufsumme zu erlassen, die sie noch (für den Erwerb des einst staatseigenen Konzerns) aufzubringen hätte. Kostenpunkt für die Steuerzahler: rund sieben Millionen Mark.
Dem Dr. Janberg selbst hat das emsige Sorgen um die Ufa-Geschicke inzwischen eine garstige Anschuldigung eingetragen: Der Ufa-Betriebsrat warf ihm vor, durch Einflußnahme auf die Geschäftsführung gegen die Bestimmungen des Aktiengesetzes verstoßen und zum "Schaden der Gesellschaft" gehandelt zu haben.
Er erstattete Strafanzeige gegen den Bankier.
Ufa-Sanierer Janberg
Verlustanzeige
Ufa-Direktor Osterwind
Filme verbrannt?

DER SPIEGEL 26/1961
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