05.07.1961

USA„ABONNIEREN SIE DIE ISWESTIJA!“

Alexej Adschubej, Chefredakteur des sowjetischen Regierungsblattes "Iswestija" und Schwiegersohn Chruschtschows, Michail Charlamow, Pressechef des sowjetischen Außenministeriums, Kennedys Pressesekretär Pierre Salinger und Harrison Salisbury von der "New York Times", der viele Jahre als Korrespondent in Moskau tätig war, diskutierten über die Rolle der Presse in Ost und West in einer amerikanischen Fernsehsendung, der folgender Auszug entnommen ist:
SALINGER: Sollte unsere Diskussion etwas seltsam klingen, dann liegt das an den verschiedenen Ansichten, die wir über den Begriff "Freie Presse" haben...
ADSCHUBEJ: Ich meine, wir sollten uns in unserer Arbeit nur an eine Regel halten, nämlich so zu schreiben, daß wir einander heute oder ein Jahr später mit Stolz und Vertrauen in die Augen sehen können... Wir sind dabei, uns ein Haus zu bauen: eine kommunistische Gesellschaft. Das gefällt Ihnen nicht. Oder besser: Sie verstehen es nicht. Aber wir müssen Seite an Seite zusammenleben. Wir wollen keinen Krieg, wir wollen, daß Sie unsere Presse so kennenlernen, wie sie ist. Ich will niemandem zu nahe treten, aber was Sie gesagt haben, bestätigt mir klar, daß Sie die "Iswestija" abonnieren sollten. Ich werde Ihnen sogar ein Abonnement verschaffen.
SALINGER: Ich höre manchmal die Beschwerde, die Presse der USA verzerre Tatsachen über die Sowjet-Union. Wenn das behauptet wird, dann ist dies ein Resultat Ihrer Geheimniskrämerei ... Die große Raumfahrt Jurij Gagarins um die Welt war eine hervorragende Tat der sowjetischen Wissenschaft. Aber Gagarin machte seinen Flug geheim. Kein sowjetischer Reporter sah ihn starten oder landen. Commander Shepard dagegen startete im Beisein von 500 Reportern und vor Millionen Fernsehzuschauern in der ganzen Welt. Und das Resultat der sowjetischen Geheimhaltung? Millionen Menschen in der ganzen Welt hatten Zweifel, als Gagarin seinen Flug machte, denn außer den Behauptungen der Sowjet-Union gab es keinen greifbaren Beweis.
ADSCHUBEJ: Gagarins Flug hat stattgefunden. Aber es ist besser, zu fliegen, als vor dem Flug viel zu schreiben. Wir sind ein bescheidenes Volk. Wir fliegen erst und schreiben dann darüber. Denn schreibt man erst darüber, wird es vielleicht nichts.
SALINGER: Ich habe den Flug Gagarins nicht angezweifelt. Dennoch, glaube ich, haben Ihre Worte den Unterschied zwischen unseren beiden Gesellschaftsformen deutlich gemacht: Wir arbeiten offen, Sie geheim. Deshalb wurde der Flug Gagarins geheim gemacht, während sich der Flug Mr. Shepards in aller Öffentlichkeit abspielte. Das hat sicher einige Nachteile für uns. Sie wissen viel eher von dem, was wir tun, als wir von Ihnen. Aber wir werden unsere Gesellschaftsform deshalb nicht ändern. Unsere Mißerfolge werden ebenso bekannt wie unsere Erfolge.
ADSCHUBEJ: Sie sagten, Mister Salinger, daß unsere Presse ein Führungsinstrument in der sowjetischen Gesellschaft sei. Das ist richtig, unsere Presse gehört verschiedenen öffentlichen Organisationen, Gewerkschaften, Jugendorganisationen, und sie lenkt und leitet das Leben der Gesellschaft. Ich bin oft gefragt worden, warum wir die "New York Times" in unserem Lande nicht verkaufen. Meine Antwort ist sehr einfach: Würde die "New York Times" nicht Berichte drucken, die mit unserer Auffassung und Moral unvereinbar sind - Berichte über Morde und Liebesskandale -, wenn die "New York Times" über das politische, sittliche und wirkliche Leben in den Vereinigten Staaten berichtete, dann würden wir sie zulassen.
SALISBURY: Ich höre eine derartige Beschwerde über die "Times" zum ersten Male. Wir bekommen viel öfter Beschwerden von unseren Lesern, weil wir Skandale nicht bringen oder zumindest nicht so viel, wie es unsere Leser möchten. Ich wünschte, die Menschen in der Sowjet-Union wären auf diesem Gebiet nicht gar so empfindlich. Ich habe in letzter Zeit verschiedentlich Herrn Adschubejs Zeitung "Iswestija" gelesen, und ich hatte nicht den Eindruck, daß er so zurückhaltend ist; er hat seinen Lesern auch einige gepfefferte Nachrichten gegönnt.
ADSCHUBEJ: Unsere Sensationsartikel haben den Zweck, die besseren Werte im Menschen zu fördern.
NEWMAN (Diskussionsleiter): Darf ich eine Zwischenfrage stellen: Was erwarten Sie von der amerikanischen Presse und Sie von der sowjetischen Presse?
ADSCHUBEJ: Wenn Charlamow und ich für zwei Wochen von der "New York Times" engagiert würden, wäre es die beste Zeitung der Welt. Sie würde ihre Auflage um das Fünffache erhöhen, ohne irgendwelche Sensationsartikel, und ganz Amerika, jung und alt, würde nur noch die "New York Times" lesen. Geben Sie uns nur zwei Wochen.
Salinger
Adschubej

DER SPIEGEL 28/1961
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