26.07.1961

MIRAKELMoses im Schlamm

Am 30. September 1337 wurden in der niederbayrischen Stadt Deggendorf alle jüdischen Einwohner ermordet, weil sie angeblich Kirchenfrevel begangen hatten, nach katholischen Chroniken erschien damals nein wunderliebes Kindlein.
Vom 29. September 1961 an wird dieser Geschehnisse eine Woche lang gedacht. Die katholischen Deggendorfer begehen wie in jedem Jahr ihr Mirakelfest; 10 000 Gäste werden erwartet.
Alle Teilnehmer des Festes sind gehalten, die Grabkirche aufzusuchen und dort die zwölf Bildtafeln zu betrachten, auf denen dargestellt ist, was 1337 in Deggendorf geschah und was seither gefeiert wird.
Unterschrift des elften der zwölf Bilder, die um 1450 gefertigt wurden: "Die Juden werden von denen Christen aus rechtmäßigen Gott gefälligen Eifer ermordet und ausgereutet (ausgerottet). Gott gebe das von diesem Höllengeschmaiß unser Vaterland jederzeit befreyet bleibe."
Wie es nach katholischer Überlieferung zu dem "Gott gefälligen" Juden -Mord kam, wird im "Deggendorfer Gnadenbüchlein" erzählt, das 1879 von dem Benediktinerpater Benedikt Braunmüller verfaßt, von dem derzeitigen Archivar der Benediktiner-Abtei in Metten (Kreis Deggendorf), Pater Wilhelm Fink, überarbeitet und 1960 von der Josef Nothaftschen Buchdruckerei in Deggendorf neu aufgelegt wurde.
Die klösterlichen Geschichtsschreiber Braunmüller und Fink melden, daß die Deggendorfer Juden 1337 "die heiligen Hostien* mit Dornen zerkratzt, mit Ahlen zerstochen, mit Hämmern auf einem Amboß geschlagen, in einen erhitzten Backofen geworfen" haben sollen. Bei "diesen Martern" sei Blut aus den "heiligen Hostien geflossen und ein wunderliebes Kindlein erschienen".
Die beiden "Gnadenbüchlein"-Autoren lehnen es ab, "die Rolle des Richters" zu übernehmen und "zwischen Wahrheit und Dichtung" zu differenzieren: "Es ist für uns heute nicht mehr möglich, zu entscheiden, was der wahre Grund für den Judenmord in Deggendorf war."
Unbestritten dagegen ist, daß sich die Deggendorfer Christen durch die Niedermetzelung ihrer jüdischen Mitbürger beträchtliche materielle Vorteile verschafften. Sie plünderten deren Wohnungen aus und wurden von den Schulden befreit, die bei den Juden zu Buch standen.
In der deutschen Öffentlichkeit haben an den Deggendorfer Mirakelfesten zur Erinnerung an die Ereignisse des Jahres 1337 bisher nur zwei auflagenschwache Zeitschriften Anstoß genommen:
- Die "werkhefte katholischer laien", eine antiklerikale, linkssozialistische Zeitschrift, und
- der "Materialdienst" des evangelischen Konfessionskundlichen Instituts, den einige Hundert protestantische Geistliche beziehen.
Nach Ansicht der "werkhefte" ist die Geschichte des Deggendorfer Mirakels "falsch, ist erfunden, erlogen, ist üble Legendenbildung". Die im 14. Jahrhundert grassierenden Gerüchte über Hostienschändungen seien "von nicht anderer Machart wie zu Streichers Zeiten das Gerücht ... in den Sprechzimmern jüdischer Ärzte würden systematisch ehrbare deutsche Jungfrauen vergewaltigt".
Während die "werkhefte" verlangen, daß die Deggendorfer Grabkirche "anderen Zwecken zugeführt" und das Mirakelfest künftig nicht mehr gefeiert werde, halten es die evangelischen Kritiker für ausreichend, die Deggendorfer Tradition von antisemitischem Beiwerk zu befreien; sie dürfe nicht länger "in irgendeiner Beziehung zum Judenhaß stehen, der unser Volk so schwer belastet".
-In der protestantischen Zeitschrift wird vor allem moniert, daß
- in dem 1960 neu erschienenen "Gnadenbüchlein" noch Judenfeindliche Berichte" enthalten sind,
- in der Grabkirche die Werkzeuge -Schusterahle, Dornenzweig und Amboß - zur Schau gestellt werden, mit denen die Deggendorfer Juden angeblich die Hostien schändeten, und
- die Juden auf den zwölf Tafelbildern als "gottlos", "unmenschlich" und als "Höllengeschmaiß" beschimpft werden.
In Deggendorf selbst konnte man sich allerdings nicht entschließen, die antijüdischen Schaustücke und Texte aus der Grabkirche zu entfernen. Auch das "Gnadenbüchlein" wird weiterhin (zum Preis von einer Mark) feilgeboten.
Überdies regte die "Deggendorfer Zeitung", eine Lokalausgabe von Kapfingers "Passauer Neuen Presse", an, ein 1926 "mit Druckerlaubnis des Bischofs von Regensburg" veröffentlichtes "Spiel vom Gnadenwunder von Deggendorf - Das Heilige Mirakel" wieder aufzuführen.
Verfasser dieses im "Verlag der Abtei Metten" erschienenen Wunder-Spiels ("Musik von Max Kanzlsperger") ist der Benediktiner-Mönch Gallus Ritter.
Seelenhirte Ritter läßt die Juden in seinem Drama als "Judasbrut", "Teufelshorden", "Unholdmeute", "Giftmischer", "Judenstrolche" und "Rudel räudiger Judenhunde" schmähen.
In der zweiten Szene des dritten Aufzugs spricht ein Deggendorfer Ratsherr die Verse:
Ach was, ich rede deutsch und sag' es offen:
wär' besser euer Moses im Nilschlamm
ersoffen
und Abraham, Isaak und Jakob dazu,
dann hätte die Welt vor euch Judenpack
Ruh'.
Die frommen Deggendorfer würden das Drama freilich nicht aus antisemitischer Gesinnung wieder aufführen. Sie hoffen nach Ansicht des "Materialdienstes" vielmehr, mit ihrem Theater "die Gnadenfeier publikumswirksamer zu gestalten".
* Hostien sind Opfergaben, nach heutigem Sprachgebrauch das bei der Messe verwandte reine Weizenbrot.
Benediktiner Fink
Im Gnadenbüchlein ...
Deggendorfer Kirchenbild
... judenfeindliche Legenden

DER SPIEGEL 31/1961
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