02.08.1961

SAKRALBAUKritik am Turm

Kirchtürme, die das Stadtbild überragen, seien heute unzeitgemäß und "sinnverfehlt"; Engel mit Flügeln könnten dem modernen Menschen nicht mehr zugemutet werden; Christus in "Allherrscherpose" auf einer Wolke sitzend zu malen, wenn auch in einem modernistischen Stil, laufe dem naturwissenschaftlichen Weltbild des 20. Jahrhunderts zuwider.
Urheber dieser scheinbar unfrommen Thesen ist nicht ein Kirchenfeind, sondern ein praktizierender Katholik: der Schweizer Kunstschriftsteller Dr. Karl Ledergerber, 47, im Hauptberuf wissenschaftlicher Leiter des Walter-Verlags, Olten. In seinem jüngst im kirchenreichen Köln erschienenen Buch "Kunst und Religion in der Verwandlung"* hat er die Geschichte der sakralen und der religiösen Kunst untersucht und ist dabei zu der Ansicht gekommen, daß die meisten Bemühungen, sakrale Kunst und Architektur in zeitgemäßen Formen zu bieten, unangebracht und verfehlt seien.
Ledergerbers Hauptthese: Die sogenannte moderne christliche Kunst einschließlich des modernen Kirchenbaus ist größtenteils Produkt eines Mißverständnisses.
Der katholische Autor möchte mit seiner Kritik an der Kirchen-Moderne nicht etwa jenen Gläubigen nach dem Munde reden, die am Althergebrachten hängen. Dem Kunstkritiker Karl Ledergerber geht es ganz im Gegenteil in Kirchenbau und Kirchenkunst heute nicht fortschrittlich genug, nicht wirklich zeitgemäß zu.
"Seit einigen Jahrzehnten", schreibt er, "ist ein bis heute noch nicht beendeter Streit um die kirchliche Kunst im Gange. Es geht dabei um den Versuch, die seit über hundert Jahren unschöpferisch und lebensfremd gewordene Tradition zu verlassen und den Anschluß an die weltliche Kunst zu finden."
Dieser Versuch habe auch durchaus nennenswerte Resultate erbracht, räumt Ledergerber ein und verweist etwa auf die Christusbilder des französischen Malers Georges Rouault (1871 bis 1958). Aber das meiste von dem, was sich heute moderne christliche Kunst nenne, sei doch von der Art jener Priester, die sich äußerlich modisch-"weltlich" gebärdeten, in der Sache aber rückständig geblieben seien.
Die 1922 von Auguste Perret gebaute Kirche von Le Raincy zum Beispiel
- ein erster Versuch,
moderne Baustoffe (Beton) für sakrale Bauten zu verwenden - mache nur den "eindeutigen Eindruck einer in Beton umgesetzten gotischen Kathedrale". Und: "Man sehe
sich einmal eine große liturgische Zeremonie in einer ausgesprochen modern gebauten Kirche an, am besten auf einer Photographie. Das Bild erhellt unmittelbar, wie antiquiert die Szene wirkt..."
"Sind", fragt der christliche Kritiker Ledergerber, "nicht die meisten dieser modernen Gestaltungen letztlich künstlerische Legitimationen kirchlicher Formen, die am Untergehen sind? Ist es nicht gleichsam so, als ob man... alte Automotoren und -getriebe mit modernen Karosserien umkleidete... Liegt die Modernität nicht eben doch vorwiegend in der Aufmachung, während das Ding selbst einer vergangenen Zeit angehört?"
Unter dem "Ding" versteht Ledergerber die zu historisch-kultischen Formen, Bildern und Gebräuchen verdinglichte Religiosität, die herkömmliche "Sakralwelt", zu der etwa auch die, traditionelle Kirchengestalt und die altvertrauten Christus- und Engel-Darstellungen gehören. Als eklatantes Beispiel nennt Ledergerber die Marien -Darstellungen: "In der neueren Zeit mehren sich die Erscheinungen Marias... Aber je mehr Maria an die Öffentlichkeit tritt, um so verdächtiger, fragwürdiger, ja nichtswürdiger wird die Sakralkultur, die ihr Erscheinen begleitet." Der Kunstkritiker erinnert schaudernd an die "undiskutablen" Marien-Darstellungen etwa in Lourdes und folgert: "Es beginnt eine Zeit, wo das Heilige seine Sichtbarkeit Verliert."
Eine "neue Lage" besteht nach Ledergerbers Meinung darin, daß die Sakralwelt und die Christenheit - also das aus dem Mittelalter entstandene, vorwiegend christlich geprägte Gesellschafts- und Kulturgebilde - heute am Ende seien. Ledergerber: "Alle idealistischen Theorien einer harmonischchristlichen Lebensgestaltung zeigen einen verzweifelt utopischen Charakter. Der alte kirchliche Lebensstil paßt einfach nicht mehr in die jetzige Welt."
Auch das Dasein kirchlich gebundener Menschen, erklärt Ledergerber, sei heute gespalten: "Es öffnen sich Abgründe zwischen Kirchenbetrieb und Alltagsleben." Deshalb komme dem Christentum heute und in der nächsten Zukunft nicht sichtbare kulturelle und gesellschaftliche, schon gar nicht parteipolitische Selbstdarstellung zu, sondern Anonymität. "In einem zum großen Teil anonymen Christentum, wie es die kommende Daseinsweise sein dürfte, gibt es kaum noch öffentliche sakrale Kunst."
Einen Aspekt dieser Entwicklung "vom sakralen zum verborgenen Christentum" erläutert Autor Ledergerber am Bild der modernen Stadt: "Ihr spärliches kultisches Leben leben sie (die Christen) verborgen, inkognito, unsichtbar - sie können gar nicht anders. Was hat es dann aber für einen Sinn, wenn die Kultstätten sich eine Sichtbarkeit, eine Repräsentation und eine öffentliche Bedeutung zulegen, die sie nicht besitzen?...
"Der stadtüberragende Kirchturm ist ein romantischer Traum vom Mittelalter der Kathedralen! Damals war die Kirche Mittelpunkt und Kristallisationsgestalt des öffentlichen Lebens und der Turm darum ein echtes Symbol. Heute ist dies das Warenhaus."
Doch nicht nur den Kirchturm hält der katholische Ledergerber für einen sakralen Anachronismus. Er rüttelt sogar am "Haus Gottes" überhaupt: "Gott ist nicht angewiesen auf prachtvolle Kirchen und Dome. Wir haben auch nicht mehr die ursprüngliche und echte Naivität, um versuchen zu können, Gott ein würdiges Haus aus Stein zu bauen Der äußere Raum spielt nun nicht mehr die gleiche Rolle wie früher."
Eine auf Bibeltexte gegründete Stütze seiner These bleibt Ledergerber nicht schuldig: Zwar habe Christus im Tempel gebetet, aber schon Matthäus fordere (Kapitel 6 Vers 6): "Du aber gehe, wenn du betest, in dein Kämmerlein, schließe die Tür und bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist." Ledergerber: "Der Tempel, das Haus Gottes, überhaupt der Ort des Gebetes, ist im Neuen Testament nicht mehr von Wichtigkeit." Heute könne jeder profane Raum Haus Gottes werden. Ledergerber: "Das Sportstadion (ist) nicht untauglicher als eine Riesenkirche."
Nur aus Ratlosigkeit und zähem Traditionalismus, klagt Kirchturm-Kritiker Ledergerber, würden immer noch weiter Gotteshäuser im Sakralstil gebaut - wenn auch äußerlich modernisiert, so doch grundsätzlich unzeitgemäß. Auch die Malerei verberge oft hinter einer formalen Modernität die romantische Gebundenheit an vergangene Themen der Sakralkunst. Immer noch würden heute Kultbilder gemalt, "die keine sind, aber sein wollen".
Ledergerber: "Die Kirchen sind zu Bürgerstuben mit Familienporträts, zu Ballsälen und kirchlichen Repräsentationsräumen, zu interessanten Museen und schließlich zu unappetitlichen Devotionalienläden geworden, in denen vielleicht in einer Ecke verschämt ein industrialisiertes Gnadenbild in Öldruck durch Gottes Barmherzigkeit die letzte Andachtsglut einer aschenstaubigen Frömmigkeit festhalten konnte. Gnadenbilder, in Serien fabriziert, neben einer öden naturalistischen oder idealistischen Illusionsmalerei an den Kirchenwänden, das ist das Ende der sakralen Kunst."
Auch die Vielfalt der Versuche, etwa den Kirchenbau durch Modernisierung zu retten, ist nach Ledergerber vergebens. Das verwirrende Stil - Durcheinander beim modernen Kirchenbau - "Langhaus, Rundbau, Ovalbau, Dreieckbau... geschlossene Wände, glasdurchbrochene, Hochturm, Kleinturm, angebaut, aufgebaut, freistehend; Symmetrie, Asymmetrie... völlige Kahlheit
neben manieriertem Betonschmuck" - beweise nur, wie fragwürdig die Bemühungen seien, einen überlebten Inhalt modisch aufzuputzen.
Der Schweizer Kritiker der Kirchenkunst gibt deshalb auch dem Volksmund recht, der moderne Kirchenbauten oft mit Spottnamen belegt. Ledergerber zitiert: "Vater-unser-Garage, Maria -Sprungschanze, Seelen-Silo, Luther -Achterbahn".
Wenn es nach dem Dr. Karl Ledergerber ginge, würden die Christen schließlich "aus der Tatsache, daß wir keine Kirchen mehr bauen können, den Schluß ziehen, daß wir - vereinfacht gesagt - keine mehr bauen sollen".
Mutmaßt Ledergerber: "Vielleicht werden wir bald feststellen, daß wir ohne sie auskommen."
* Karl Ledergerber: "Kunst und Religion in der Verwandlung". Verlag M. DuMont-Schauberg, Köln; 160 Seiten, 9,80 Mark.
Christus als Weltenrichter, Engel **: Statt der Kirche...
Ledergerber
Kirche aus Beton (Le Raincy)
... das Warenhaus?
** Altarbild von Hans Stocker (Kirche St. Karl, Luzern).

DER SPIEGEL 32/1961
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