09.08.1961

Vor Toresschluß

Bruno Appelt, Oberarzt an einem mitteldeutschen Krankenhaus, stand vor der Aufnahmekommission im Flüchtlingslager Berlin-Marienfelde. Nach dem Grund seiner Flucht befragt, gab Dr. med. Appelt zu Protokoll: "Ich wollte nicht mehr."
Die Einvernahme des geflüchteten Mediziners ergab, daß er die Deutsche Demokratische Republik weder wegen der derzeitigen Versorgungskrise noch aus wirtschaftlicher Not oder gar wegen einer Gefahr für Leib und Leben verlassen hatte. Im Gegenteil: Als Arzt zählte der Flüchtling zu jenen hochbezahlten Spezialisten, denen Walter Ulbrichts Arbeiter- und Bauernstaat wider alle kommunistische Doktrin Privilegien gewährt, die ihnen einen auch für westliche Begriffe hohen Lebensstandard sichern.
Internist Appelt fuhr ein Wartburg -Kabriolett, bewohnte ein Einfamilienhaus, bezog ein festes Gehalt von monatlich 2200 Mark und war gewohnt, den Sommerurlaub an der Ostsee, am Schwarzen Meer oder in der Hohen Tatra zu verbringen.
Politischem Druck sah sich der Spezialist nicht ausgesetzt: Wie alle Angehörigen der Intelligenzia blieb auch er vor den Agitatoren der kommunistischen Staatspartei verschont, seit das SED-Zentralkomitee vor mehr als zwei Jahren das Unteroffizierskorps der Partei angewiesen hat, unersetzliche Fachkräfte fortan mit Samthandschuhen anzufassen. Appelt: "Ich hatte nicht zu klagen." Dennoch entschloß sich der Facharzt zur Flucht.
Über das simple "Ich wollte nicht mehr" hinaus bedeutete er der Aufnahmekommission, daß sein Entschluß maßgeblich durch die Lektüre der mitteldeutschen Zeitungen bestimmt worden sei. Ursprünglich habe er so lange in seinem Krankenhaus ausharren wollen, bis seine beiden Söhne die Hochschulreife erworben hätten. Appelt: "Auf einer Zonen-Universität sollten sie nicht studieren. Da wären sie nur verdorben worden."
Dem agitatorischen Trommelfeuer der SED-Blätter mußte Appelt indes entnehmen, daß die Chance, über Westberlin in die Bundesrepublik zu fliehen, schon in naher Zukunft vielleicht nicht mehr gegeben sei. So schickte er Frau und Kinder mit der Bahn voraus und fuhr in seinem Wartburg nach Ostberlin. Den Wagen ließ er am Bahnhof Friedrichstraße stehen, nahm die nächste S-Bahn nach Marienfelde und reihte sich als einer von 1167 in die Schlange derer ein, die am 1. August im Westberliner Notaufnahmelager um ein Flugbillett in die Bundesrepublik anstanden.
Wie der Arzt, so begründeten die meisten Ost-West-Wanderer dieser Tage ihre Flucht nach Westberlin mit der Furcht, schon morgen könne es zu spät sein. Die Motivforscher und Statistiker im Marienfelder Notaufnahmelager verzeichnen denn auch in ihren Akten immer häufiger als Fluchtgrund: Torschlußpanik. Flüchtlingsumfragen lassen keinen Zweifel daran, daß die Berlin-Offensive der SED, die nicht zuletzt auf ein Eindämmen des Flüchtlingsstroms abzielt, zunächst den gegenteiligen Effekt bewirkt: Die Erkenntnis, die von Moskau und Pankow angestrebte "Lösung der Berlin-Frage" werde die Spaltung Deutschlands zementieren und das letzte Schlupfloch in die Freiheit verstopfen, setzt auch einen großen Teil jener Mitteldeutschen gen Westen in Bewegung, die bislang keinen akuten Grund zum Verlassen der DDR sahen.
Welch unerwünschte Wirkungen das Moskauer Berlin-Memorandum, das Chruschtschow dem amerikanischen Präsidenten im Juni in Wien überreichte, bei Ulbrichts Untertanen zeitigte, erweist das sprunghafte Anwachsen der Flüchtlingsquote in den letzten beiden Monaten: Setzten sich im Juni und Juli 1960 insgesamt 34 431 Mitteldeutsche aus der DDR ab, so meldeten sich in den beiden Vergleichsmonaten dieses Jahres 49 642 Zonenbürger in den Notaufnahmelagern. Auf eine Stadt konzentriert, käme diese Abwanderung der Entvölkerung Eisenachs und seiner Vororte gleich.
Den letzten Anstoß zu der sommerlichen Massenflucht hatte allerdings Walter Ulbricht selbst gegeben. Auf einer internationalen Pressekonferenz nannte er, allen Zonen-Bürgern unüberhörbar, die Konsequenzen seiner Freistadtpläne: Schließung der Westberliner Flüchtlingslager und Kontrolle der Passagierlisten im Luftverkehr zwischen Westberlin und der Bundesrepublik. Ulbricht: "In einer Freien Stadt Westberlin wird es selbstverständlich keine Flüchtlingslager geben."
Der Staats-Chef beging jedoch nicht nur den Fehler, seinen unzufriedenen Untertanen die drastischen Folgen der von ihm forcierten Berlin-Krise auszumalen, er pochte zudem auf die militärische Überlegenheit des sozialistischen Lagers. Dank der Macht der Sowjet-Union, so konnten die DDR-Bürger der SED-Presse entnehmen, werde es gelingen, den Westmächten das sowjetische Berlin-Konzept aufzuzwingen.
Obgleich sie sonst den Worten ihrer obersten Genossen kaum vertrauen, befürchteten die DDR-Insassen aufgrund dieser Propagandakampagne doch, der Zugang nach Westberlin werde vielleicht nicht per Friedensvertrag, wohl aber durch Gewalt versperrt. Ulbrichts Siegeszuversicht wirkte als Bumerang.
Der große Treck begann, ohne daß es der DDR-Staatsmaschinerie bislang gelungen wäre, die Volksabstimmung auf leisen Sohlen, die sich täglich aufs neue vollzieht, zu verhindern.
Zwar scheute die SED weder Mühe noch Kosten, in das Abfang-Netz rund um Berlin neue Maschen einzuziehen:
- Spezialeinheiten der Transportpolizei, die seit Jahren in sämtlichen Berlin-Zügen während der Fährt nach potentiellen Republik-Flüchtlingen fahndet, werden seit vier Wochen durch Experten des Staatssicherheitsdienstes unterstützt;
- der sowjetzonale Reichsbahn-Kontrollposten Schönefeld bei Königswusterhausen, wo Volkspolizisten seit Jahren die aus den südlichen Bezirken der DDR nach Ostberlin fahrenden Züge auf Fluchtverdächtige durchkämmen, wurde um eine Polizeikompanie verstärkt;
- der noch von der S-Bahn betriebene Vorortverkehr zwischen Berlin und den Zonen-Randbezirken wird seit dem Anschwellen des Flüchtlingsstroms auf den Bahnhöfen an der Stadtgrenze schärfer denn je überwacht;
- auf den nach Berlin führenden Autobahnen und Fernverkehrsstraßen richtete der Staatssicherheitsdienst Anfang Juli erstmals weit in die DDR hinein vorgeschobene Wach-Stationen ein, um motorisierte Klassenfeinde schon auf halbem Wege abzufangen.
All diesen Sicherheitsvorkehrungen, durch die Ulbrichts Funktionäre den großen Exodus ihrer Arbeiter, Bauern und Akademiker zu verhindern trachten, blieb der Erfolg aber im wesentlichen versagt. Die Kontroll-Einheiten, darunter eigens aus Marienborn und Töpen abgezogene Sonderkommandos der als zuverlässig geltenden Grenzpolizei, können ihren reisefreudigen DDR-Bürgern schlechterdings nicht das Recht streitig machen, via Ostberlin an die Ostsee oder von Stralsund über Berlin ins Erzgebirge zur Erholung zu fahren.
Durch jahrelange Erfahrung ihrer Vorgänger gewitzt, ist es längst Brauch vieler potentieller Flüchtlinge, nicht mehr Fahrkarten nach Berlin, sondern nach solchen Orten zu lösen, die nur über Berlin zu erreichen sind. Einmal auf dem Ostberliner Ostbahnhof angelangt, bereitet das Umsteigen in die S-Bahn nach Westberlin keine Schwierigkeiten.
Nicht einmal jenen Reisenden, die angeblich einige Tage Urlaub in ihrer Hauptstadt Ostberlin verbringen wollen, um sich an der Quelle der sozialistischen Errungenschaften durch Theater- und Museums-Besuche fortzubilden, können die sowjetzonalen Kontrollorgane die Weiterfahrt verwehren. Selbst im totalitär regierten Arbeiter- und Bauernstaat erscheint nämlich der Wunsch der Bürger aus der Provinz, ihrer Hauptstadt einen Besuch abzustatten, nicht gänzlich abwegig.
Die bislang erfolgreichsten Verfahren, die Wächter vor den Toren Berlins aus mißtrauischen Schnüfflern in dienstbeflissene Reisehelfer zu verwandeln, haben die Ingenieure, Chemiker und Verwaltungsspezialisten volkseigener Industriebetriebe entwickelt. Sie pflegen sich unter dem Firmenzeichen ihrer Werke meist eigenhändig - Unterschrift: unleserlich - die Dringlichkeit ihres Besuches bei Ostberliner Ministerien zu bescheinigen.
In dem Netz, das Ulbrichts Sicherheits -Experten zwischen Hauptstadt und Republik gespannt haben, werden deshalb erfahrungsgemäß nur jene Reisenden gefangen und zurückgeschickt oder verurteilt, die es nicht verstehen, ihre Flucht als harmlose Ferienfahrt oder gar als Beitrag zum Aufbau des Sozialismus zu tarnen.
Als einzig wirksame Maßnahme, den Flüchtlingsstrom abzustoppen, bietet sich der SED nur noch die Radikallösung an, die Sektorengrenze innerhalb Berlins für alle DDR-Bürger zu sperren und so kraft eigener Staatsgewalt die Entvölkerung des von ihr beherrschten Territoriums zu verhindern - ein Schritt, vor dem das Politbüro bislang aus propagandistischen, psychologischen und juristischen Erwägungen zurückschreckt, obschon detaillierte Pläne für die Abriegelung des Ostsektors nach Westen seit Wochen griffbereit im Panzerschrank des Politbüros liegen.
Von einer Expertenkommission des Staatssicherheitsdienstes und des Politbüros in Zusammenarbeit mit den Verkehrs- und Innenministerien entworfen, sind in dem Notstandsplan folgende drastische Empfehlungen enthalten:
- Anwendung des sowjetzonalen Reise- und Paßgesetzes auf Westberlin, das heißt: Einführung eines Passierscheinzwangs für alle DDR -Bürger, die nach Westberlin wollen;
- Unterbrechung des U und S-Bahn -Verkehrs an den Sektorengrenzen;
- obligatorische Personenkontrolle an den Sektorengrenzen statt der zur Zeit üblichen Stichproben und
- Reduzierung der zur Zeit 80 Grenzübergänge entlang der Sektorengrenze um die Hälfte.
Verkehrsfachleute in Westberlin zweifeln nicht daran, daß die technischen Voraussetzungen zur Verwirklichung eines solchen Radikal-Programms bereits seit Jahren gegeben sind: Schon 1956 nämlich begann die sowjetzonale Reichsbahn, die für den gesamten S-Bahn-Verkehr innerhalb Berlins zuständig ist, Bahnhofs- und Gleisanlagen an der Sektorengrenze vorsorglich für den Fall einer totalen Spaltung der Stadt umzubauen.
So wurde der S-Bahnhof Friedrichstraße um ein neues Weichensystem bereichert, das es erlaubt, die bislang wichtigste Durchgangsstation im Ost-West -Verkehr in einen Kopfbahnhof zu verwandeln. S-Bahn-Reisende, die zur Zeit noch durchgehende Züge benutzen können, müßten nach dem Inkrafttreten der von der Expertenkommission empfohlenen Regelung künftig umsteigen und auf dem Weg zum anderen Bahnsteig eine Kontrollschleuse passieren. Technische Schwierigkeiten halten mithin Walter Ulbricht nicht davon ab, seinen DDR-Bürgern das Betreten Westberlins zu verbieten und durch lückenlose Überwachung der Sektorengrenze sogar unmöglich zu machen.
Ulbricht zögert heute noch, die oberflächlichen Kontrollen auf den Berliner Grenzbahnhöfen - sowohl am Potsdamer Platz als auch im S-Bahnhof Friedrichstraße halten Vopo-Kommandos derzeit nur Westberlin-Reisende mit größeren Gepäckstücken zurück durch Passierscheinzwang zu ersetzen, weil ein Abriegeln der Sektorengrenze sich allzu leicht als Schuß auf den Schützen erweisen könnte.
Die Unzufriedenheit unter den Mitteldeutschen hat nämlich in den letzten Monaten einen Grad erreicht, der befürchten läßt, daß die rebellischen Energien, die heute durch das Ventil Westberlin in die Bundesrepublik abfließen, sich zur Explosion verdichten würden, sobald der angeheizte DDR-Kessel seines Überlaufventils verlustig ginge.
Andererseits: Wenn es Ulbricht nicht gelingt, die Massenflucht einzudämmen, ist seine Chance gleich Null, den Lebensstandard der Bevölkerung so zu heben, daß sie willens wäre, die Inkommoditäten des volksdemokratischen Alltags, vornehmlich seine muffige Atmosphäre, angesichts materieller Prosperität in Kauf zu nehmen.
Durch die Abwanderung von jährlich rund 200 000 DDR-Bürgern sind nämlich Ulbrichts ehrgeizige Wohlstandspläne zum Scheitern verurteilt. Der Arbeitskräftemangel hat die SED bislang Jahr für Jahr gezwungen, ihre hochgesteckten Planziele zu revidieren.
Die Statistik erweist, daß fast die Hälfte der Flüchtlinge 25 bis 65 Jahre alt ist. Aus diesen Jahrgängen aber rekrutiert sich das Gros der DDR-Facharbeiter, Techniker und Wissenschaftler. Vor das Dilemma gestellt,
- entweder die Abwanderung weiter hinzunehmen und damit Gefahr zu laufen, binnen weniger Jahre vor einer wirtschaftlichen Katastrophe zu stehen, oder aber
- die Massen-Emigration gewaltsam zu unterbinden und eine Rebellion der Werktätigen gegen den Arbeiter - und Bauernstaat zu riskieren,
haben sich die Genossen des roten Hauptquartiers im Berliner ZK-Gebäude weder für die eine noch für die andere Alternative entscheiden können.
Zwar ist die Versuchung groß, die Sektorengrenze über Nacht zu sperren. Diejenige Fraktion im SED-Politbüro jedoch, die das Risiko eines neuen 17. Juni mehr fürchtet als die wirtschaftliche Ausblutung der Zone, erhielt unverhofft Schützenhilfe aus Moskau.
Nachdrücklich erinnerte der Kreml an seine Order, alle einseitigen Maßnahmen zu unterlassen, die geeignet wären, die Lage in Berlin zu verschärfen, den Viermächte-Status der Stadt anzutasten und damit das Klima für Viermächte-Verhandlungen zu verschlechtern. So mußte Ulbricht den Sperrplan einstweilen wieder zu den Akten legen.
Ulbricht zum englischen "Evening Standard": "Ich habe zur Zeit nicht die geringste Absicht, die Grenzen nach Westberlin zu sperren, um die Menschen am Verlassen der DDR zu hindern."
Dialektisch versiert, fügte der DDR -Boß seiner scheinbar eindeutigen Stellungnahme allerdings sofort einen Nachsatz zu, der es ihm erlaubt, notfalls schon in nächster Zeit das Gegenteil von dem zu tun, was er dem "Evening Standard" versicherte.
Ulbricht: "Die einzige Bedingung, die ich daran knüpfe, ist die, daß die andere Seite friedliche Absichten an den Tag legt."
Der anderen Seite unfriedliche Absichten zu unterschieben, ist dem SED -Chef noch nie schwergefallen.
Jugendliche DDR-Flüchtlinge im Lager Berlin-Marienfelde: Drang noch Westen

DER SPIEGEL 33/1961
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