09.08.1961

DÉSIRÉESie und verheiratet!

Die Schlacht von Waterloo war verloren. Im Park des kaiserlichen Lustschlosses Malmaison vollzog Napoleon Bonaparte, eben noch bereit, ein letztes Mal gegen die alliierten Preußen, Österreicher, Engländer und Russen zu kämpfen, eine symbolhafte Handlung: Er überreichte seiner einstigen Verlobten Bernardine-Eugénie-Désirée Clary, die inzwischen vom Bürgermädchen zur Kronprinzessin von Schweden avanciert war, seinen Degen: "Da - nimm ihn, Eugénie! Nimm den Säbel von Waterloo! ... In diesem Augenblick ergebe ich mich den Verbündeten. Ich betrachte mich als Kriegsgefangener."
Die romantische Szene, Bestandteil des verfilmten Bestseller-Romans "Désirée" der in Wien geborenen Autorin Annemarie Selinko*, hat nie stattgefunden. Um ihre Heldin dem Leserpublikum attraktiver zu machen, hat vielmehr Annemarie Selinko eine bei Autoren historischer Romane beliebte - und auch durchaus legitime - Praktik angewendet: Sie hat die Charakterzüge Désirées nach Gutdünken retuschiert.
Derselbe Verlag, in dem Annemarie Selinkos Erfolgsroman über Napoleons Verlobte Désirée erschien - Gesamtauflage bisher über viereinhalb Millionen, allein in Deutschland 1,2 Millionen Exemplare -, hat jetzt auch die deutsche Übersetzung eines Buches vorgelegt, das die romanhaften Retuschen an Désirée zugunsten historischer Genauigkeit wieder reduziert: eine Dokumentensammlung über "Désirée Clary", die der französische Historiker Gabriel Girod de l'Ain, ein Urgroßneffe Désirées, zusammengestellt hat.**
Der Verlag hat damit zugleich einen Wunsch Friedrich Sieburgs erfüllt, der den Selinko-Bestseller bereits 1952 ernsthaft gerügt hatte: "Aus halber Geschichte kann nie ein ganzer Roman werden ... Es wäre gegenüber solcher Willkür ein schlechter Trost, wenn man sagen wollte, daß die meisten Leser von den tatsächlichen Zusammenhängen nur eine sehr verschwommene Vorstellung haben ... Die Geringschätzung des Publikums ist eine gefährliche Voraussetzung für jeden Schreibenden."
Kritiker Sieburg gab zu bedenken, die Epoche der Französischen Revolution und das Zeitalter Napoleons seien "so schreibfreudig (gewesen), daß ein ganzes Leserleben bequem und spannend mit dem Studium der Dokumente ausgefüllt werden könnte".
Die Briefschaften, die das Lebensbild Désirées authentisch nachzeichnen, hat Girod de l'Ain in 18jähriger Sammlertätigkeit in europäischen Archiven aufgestöbert, vor allem aber im Königlich-Schwedischen Archiv in Stockholm, wo sie bislang ausschließlich den Archivaren der Familie Bernadotte zugänglich gewesen waren.
Die in Stockholm gesammelte Korrespondenz Désirées ist zwar nicht lückenlos, reicht aber aus, die romantischen Überzeichnungen nicht nur im Selinko-Roman, sondern auch anderer Désirée-Biographien zu korrigieren. So hatte beispielsweise Annemarie Selinko die Auffassung des Désirée-Biographen Baron Hochschild übernommen, der Desirees Geburtstag auf den 8. November 1781 datierte. Tatsächlich aber war sie vier Jahre früher geboren worden - als die Tochter eines Kaufmanns, der mit Kaffee und Kolonialprodukten handelte. Die Selinko hingegen hatte ihn als Seidenhändler ausgegeben, offenbar um die Gleichgültigkeit der bürgerlichen Handelshäuser gegenüber der Französischen Revolution besser exemplifizieren zu können: Die Clarys unterhalten im Selinko-Roman eine Pariser Filiale, die einmal Seidentuche mit der Bourbonen-Lilie und ein andermal wieder Stoffe mit der napoleonischen Biene verkaufen.
Als der Konventoffizier Napoleon im Jahre 1793, zusammen mit seinem Bruder Joseph Bonaparte, in Marseille einmarschierte und dem Bürgermädchen Clary einen Heiratsantrag machte, war Desiree bereits sechzehn Jahre alt - der Datierung des Barons Hochschild und der Annemarie Selinko zufolge hätte sie in dieser Zeit kaum älter als zwölf Jahre sein können.
Die Zuneigung Napoleons, der bald schon nach Paris versetzt wurde, zu seiner Verlobten scheint nicht allzu groß gewesen zu sein. Auf ihre Jungmädchen-Briefe "von rührender Banalität" (Girod de l'Ain) antwortete er zuweilen ziemlich kühl, gelegentlich aber auch wieder recht freundlich - wenn es nämlich mit seiner Karriere haperte. So schrieb der Revolutionsgeneral am 14. Juni 1795, als
er sich wegen einer Versetzung beleidigt fühlte, an seine "kleine Eugenie" von sich selbst: "Er hat mit fast 26 Jahren die Armeen mit einigem Erfolg kommandiert, und heute beruht alles, was sein Lebensglück ausmacht, in Deiner Liebe."
Später jedoch hörte Desiree immer seltener von ihm: Napoleon war wieder avanciert und hatte zudem in den politischen Salons von Paris die schöne Witwe des guillotinierten Grafen Alexandre de Beauharnais, Josephine, kennengelernt, der er von nun an seine Aufmerksamkeit widmete. Seiner fernen Verlobten riet er: "Liefere Dich dem Instinkt des Gefühls aus, der Wonne zu lieben, was um Dich ist. Wenn sich jemand einfindet, für den Dein Herz sich auftut, bei dessen Anblick Dein Geist sich verwirrt und Deine Vernunft sich unterwirft, dann erleg' Dir keinen Zwang auf; liebe und sei glücklich."
Girod de l'Ain: "Von der unterworfenen Désirée zu der nicht unterworfenen Josephine überzuwechseln und dabei sein Opfer der Gleichgültigkeit zu bezichtigen, um ihm alles Unrecht zuzuschieben, das er selber begangen hat - das wird in Zukunft Napoleons Spiel sein. Er hat dieses Spiel in der Folgezeit häufig mit Feinden und Verbündeten, mit seinen Brüdern, Ministern und Marschällen gespielt."
Girod de l'Ain ist der Auffassung, daß Napoleon für Desiree wenig Zuneigung empfunden habe. Vielmehr hätte er es von Anfang an vornehmlich auf den Reichtum des Marseiller Handelshauses Clary abgesehen gehabt und sei der Anhänglichkeit Désirées überdrüssig geworden, als sich ihm in Paris verlockendere Möglichkeiten boten, zu gesellschaftlichem Aufstieg und Reichtum zu kommen.
Als Napoleon, inzwischen vom Konvent zum Oberbefehlshaber der Truppen innerhalb Frankreichs ernannt, Josephine de Beauharnais heiratete, klagte die treue Braut in Marseille: "Sie und verheiratet! Ich kann mich an diese Vorstellung nicht gewöhnen, sie bringt mich um, sie ist mir unerträglich. Ich werde Ihnen zeigen, daß ich meinem Verlöbnis treuer bin, und obwohl Sie die Bande, die uns einten, zerrissen haben, werde ich mich nie mit einem anderen verloben, nie mich verheiraten."
Desiree nahm indessen ihren Vorsatz nicht wörtlich. Schon bald darauf ehelichte sie den General Jean-Baptiste Bernadotte - allerdings weniger aus "Zuneigung auf den ersten Blick", wie Annemarie Selinko schrieb, sondern weil sie, Girod de l'Ain zufolge, "Verlangen verspürt hat, einen schon berühmten und ehrgeizigen General zu heiraten, um in den Augen Bonapartes nicht als abgesunken zu erscheinen".
Bernadotte, der seinen ehemaligen Generalskollegen Napoleon wegen dessen selbstherrlicher Krönung zum Kaiser der Franzosen als einen Verräter an der Republik betrachtete, nahm tatsächlich bald eine Stellung ein, die Désirées Ambitionen vollauf befriedigte. Er wurde 1810 zum schwedischen Thronfolger gewählt und besorgte fortan, als Adoptivsohn des später unzurechnungsfähigen Königs Karl XIII., die schwedischen Regierungsgeschäfte.
Desiree, nunmehr Kronprinzessin Desideria von Schweden, folgte ihrem Gatten zunächst nicht nach Stockholm. Als sie es dann später auf einen Akklimatisierungsversuch ankommen ließ und nach Schweden reiste, fühlte sie sich bald gelangweilt. In einem Brief beklagte sie sich über das Leben am Stockholmer Hof: "Nicht, daß es an Bällen und Vergnügungen fehlte... Aber die Stadt (hält) einem Vergleich mit Paris nicht stand. Welch trauriges Geschick ist mir zuteil geworden! Vollkommen glücklich bin ich nie gewesen, aber das Traurigste ist meiner Meinung nach, sein Vaterland verlassen zu müssen."
Unter dem Decknamen einer Gräfin von Gothland kehrte Kronprinzessin Desideria bald nach Frankreich zurück, wo sie bis 1823 blieb. Für diese Zeit dachte ihr Romanautorin Selinko die Rolle einer bedeutenden politischen Vermittlerin zu: Als Vertraute der intrigierenden Minister Fouché und Talleyrand empfängt und gibt sie Informationen; der geschlagene Napoleon kommt frierend aus Rußland zurück und fährt geradenwegs zu Desiree, um die. Freundschaft Schwedens zu erbetteln; und der russische Zar besucht Desiree in Paris, um ihr mitzuteilen, Bernadotte sei von den Alliierten als Napoleons Nachfolger ausersehen. Girod de l'Ain hingegen hat nur füreine einzige politische Mission seiner Urgroßtante Anhaltspunkte gefunden: Im März 1812 ließ sich Désirée von einem Beauftragten Napoleons an Bernadotte eine Botschaft diktieren, die den Wunsch ausdrückte, Schweden möge gemeinsam mit Frankreich gegen Rußland ziehen. Die Botschaft blieb aber erfolglos. Bernadotte verweigerte dem früheren Generalskollegen seine Hilfe. Eine authentische, aber weniger schmeichelhafte Affäre aus dem Leben ihrer Heldin hat die Selinko ihren Leserinnen allerdings vorsorglich vorenthalten: die Verliebtheit Désirées in den Herzog von Richelieu, den Ministerpräsidenten des Bourbonenkönigs Ludwig XVIII., der nach Napoleons Verbannung in Frankreich regierte.
Désirée hatte Richelieu kennengelernt, als sie nach Napoleons Niederlage in seinem Ministerium vorsprach, um ihrer Schwester Julie Bonaparte - der Frau des Napoleon-Bruders Joseph Bonaparte - das Exil zu ersparen. Richelieu, ein Diplomat mit zeremoniellen Umgangsformen, hatte sich ihr gegenüber sehr zuvorkommend gezeigt, doch "die wackere Désirée" hielt nach Girod de l'Ain diese Höflichkeit für "galante Aufmerksamkeit". Girod de l'Ain: "Sie stand im kritischen Alter; ihre Phantasie entflammte sich, und ihr Herz wurde von einer tollen Leidenschaft für den verführerischen Herzog ergriffen."
Désirée stellte dem Herzog nach, wo immer er sich aufhielt; sie folgte ihm in das belgische Modebad Spa, in die Schweiz und an die Riviera - bis Richelieu im Mai 1822 plötzlich einer Embolie erlag.
Bernadotte konnte "das unsinnige Gehabe seiner Frau" von Schweden aus nicht verhindern. Noch kurz vor Richelieus Tod mahnte er Desiree ausdrücklich: "Ich kann Dir nicht genug empfehlen, bei allem, was Du unternimmst, bei Deinem Auftreten und bei Deinen Reden, Dich genauestens der Einhaltung der Regeln zu befleißigen. Üble Nachrede und Verleumdung verschonen niemanden."
Girod de l'Ain mißt weder der Unterstellung anderer Biographen, Desiree habe bei Richelieu für ihren schwedischen Gemahl spionieren wollen, noch der Version, sie sei die Mätresse des Ministerpräsidenten gewesen, Bedeutung bei. Seine Erklärung ist einfach: "Vielleicht hat sie geglaubt, nun sie Königin geworden sei, könne sie sich alles und jedes erlauben."
Um in Frankreich bleiben zu können, täuschte Désirée Krankheit und Kurbehandlungen am jeweiligen Aufenthaltsort Richelieus vor, während ein Spitzel dem Ehemann Bernadotte, seit 1818 König Karl XIV., gleichzeitig nach Stockholm berichtete, "daß die Gesundheit Ihrer Majestät nach wie vor sehr gut ist". Erst 1823 kehrte Desiree, damals 45jährig, endgültig nach Stockholm zurück.
Auch das äußere Bild, das Annemarie Selinko von ihrer Heldin zeichnete - dem Roman zufolge war sie eine südländische Schönheit mit einem "niedlichen Stupsnäschen", voller Zartheit und Anmut -, hält den Quellen nicht stand, die Urgroßneffe Girod de l'Ain zitiert. Den von ihm aufgeführten Berichten von Zeitgenossen zufolge hatte Désirée vielmehr "schadhafte Zähne, ein von rotem, gelocktem Haar gerahmtes Hundegesicht", sie wird sogar als ein "häßliches kleines Weibsstück" bezeichnet. Désirée neigte zur Korpulenz und litt zudem lange an einem Gesichtsausschlag.
Die schwedische Königin Hedwig, Désirées Vorgängerin, gab als Beschreibung: "Alles andere als hübsch; ohne die mindeste Haltung. Ihre Schüchternheit macht sie unhöflich. Sie ist von schwankender Laune und gibt sich keinerlei Mühe, sympathisch zu wirken. Kurzum: Ein verzogenes Kind."
Den Rest ihres Lebens verbrachte Désirée in Stockholm - sie starb 1860. Girod de l'Ain zitiert eine Äußerung seiner Urahne über ihre neue Heimat: "Seit diesem verfluchten Schweden ist es um meine Ruhe geschehen."
* Annemarie Selinko: "Désirée". Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln; 624 Seiten; 19,80 Mark.
** Gabriel Girod de l'Ain: "Désirée Clary". Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln; 452 Seiten; 19,80 Mark.
Königin Desideria von Schweden, Gatte: Nach der Schlacht von Waterloo ...
Kaiser Napoleon I.
... den Säbel nicht verschenkt
Désirée-Autorin Annemarie Selinko
"Südlandische Schönheit"
Désirée-Historiker Girod de l'Ain
"Häßliches Weibsstück"

DER SPIEGEL 33/1961
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