16.08.1961

USA / TAYLORDurchbruch nach Berlin?

Für vier Dollar hat John F. Kennedy eine neue Militärkonzeption der Vereinigten Staaten eingekauft. Zu diesem Preis erstand der Senator Kennedy im vergangenen Jahr ein Buch, dessen Inhalt der Präsident Kennedy im vorigen Monat zur offiziellen Militärpolitik Amerikas erhob; der Autor des 204-Seiten-Werkes* wurde zum militärischen Chefberater des US-Staatschefs ernannt: der 59jährige Fallschirmjäger-General Maxwell Davenport Taylor.
Seit Nikita Chruschtschow auf der Wiener Konferenz im Mai dieses Jahres John F. Kennedy über seine Absicht informierte, den Berliner "Knochen im Rachen der Sowjet-Union" zu beseitigen, droht Berlin eine neue Blockade, droht der Welt ein neuer bewaffneter Konflikt. Maxwell Davenport Taylor hat in dieser Situation dem Präsidenten Amerikas die letzte Entscheidung über Krieg und Frieden vorzubereiten.
Taylors Rezept ist eine neue Strategie: Amerikas Streitmacht soll umgerüstet werden, um wieder begrenzte, konventionelle Kriege ohne Atomwaffen führen zu können.
Fast ein Jahrzehnt lang waren die USA Gefangene der eigenen Doktrin "massiver Vergeltung" (John Foster Dulles), jeden möglichen Angreifer durch Nuklearwaffen abzuschrecken oder zu vernichten. Die US-Weltmacht hatte in dieser Zeit nur die Wahl, entweder eine Wasserstoffbombe abzuwerfen oder nicht einmal einen Pistolenschuß abzugeben.
Die neue Taylor-Doktrin, von Präsident Kennedy zum Verteidigungs-Konzept Amerikas erklärt, will als "Strategie der flexiblen Reaktion" die Vereinigten Staaten in die Lage versetzen, jeder aggressiven Herausforderung an jedem geographischen Ort mit jedem militärischen Mittel der eigenen Wahl entgegenzutreten, seien es Wasserstoffbomben, seien es Pistolenschüsse.
Die Berlin-Krise war es, die der Doktrin der "massiven Vergeltung" den Garaus gemacht hat. Und in den ständig dunkler werdenden Schatten einer neuen Kriegsgefahr wird die neue "Strategie der flexiblen Reaktion" in Berlin auf die Feuerprobe gestellt.
Schroffer als in allen anderen Unruhe-Herden der Welt haben sich in Berlin durch die Jahre hindurch die
Konturen von Grenzen und Möglichkeiten der amerikanischen Militärmacht abgezeichnet, wann immer eine Blockade des Vorpostens drohte.
Unter Truman, als die USA noch ihr Atombomben-Monopol besaßen, traten Diplomaten, wie der jetzige Außenminister Dean Rusk, und Offiziere, wie der damalige Militärgouverneur Lucius D. Clay, zu Beginn der Berlin-Blockade 1948 für einen bewaffneten Durchbruch nach Berlin ein; sie waren sicher, einen großen Krieg zu gewinnen. Truman entschied sich für die Luftbrücke, nachdem ihm versichert worden war, daß eine Versorgung Berlins durch die Luft möglich sei.
In den fünfziger Jahren, mit Erlöschen des amerikanischen Atombomben-Monopols und der sich etwa gleichzeitig vollziehenden Ausschaltung einer Luftbrücken-Lösung - sowjetische Störsender können bei schlechtem Wetter jede Radar-Landung verhindern -, ergab sich eine ganz neue Situation.
Die Regierung Eisenhower hatte keine andere Möglichkeit mehr, als im Falt einer neuen Blockade ein Ultimatum an Moskau zu senden, den Weg freizugeben. Wenn das nicht geschehen würde, hätte sie entweder kapitulieren oder einen selbstmörderischen Atomkrieg entfesseln müssen. Sie war die Gefangene der eigenen Strategie "massiver Vergeltung" geworden.
Die Operations-Pläne für den Tag X einer neuen Berlin-Blockade, die dem Präsidenten Kennedy nach seinem Amtsantritt von den Vereinigten Stabschefs vorgelegt wurden, verfolgten denn auch genau diese Linie: Wird nach der Blockade ein amerikanischer Lkw -Konvoi angehalten, muß Moskau angegriffen werden. Die Drohung war absurd, zutiefst unglaubwürdig. Die Abschreckungsstrategie hatte sich ins Gegenteil verkehrt und war, wie Kennedy -Vertrauter Joseph Alsop schrieb, zur
"Selbst-Abschreckung" geworden.
Konsterniert wies Präsident Kennedy die Operationspläne zurück und verlangte von seinem neuen Chefberater Taylor eine Alternativ-Lösung. Der entwickelte "den einzig vernünftigen Plan", amerikanische Bodenstreitkräfte "mit der Absicht einzusetzen, die sowjetischen Ambitionen zu testen und damit zu verhindern, daß wir durch einen Bluff aus Berlin herausmanövriert werden".
Was geschehen würde, wenn sich herausstellt, daß die Sowjets nicht bluffen, dafür hat auch der General Taylor keine Lösung. Sein vordringlichstes Anliegen ist es, seinem Präsidenten Verhandlungsspielraum zu erwirken, ehe das atomare Chaos über Freund und Feind zusammenschlägt.
Die ominöse "atomare Schwelle" soll angehoben werden, damit die Menschheit nicht wahllos in einen Atomkrieg
stolpert. Die Zeitspanne einer konventionellen Kriegführung schafft auf beiden Seiten die "letzte Pause", die der Welt noch bleibt; eine Galgenfrist für Verhandlungen ist gewonnen, Atomkrieg aus Versehen oder aus Affekt ausgeschlossen.
Über die notwendige Höhe der "Atomschwelle" und die mögliche Länge der "Pause" ist, zuletzt in der vergangenen Woche auf der Nato-Konferenz in Paris, zwischen den Kriegstheoretikern der Nato-Staaten ein erbitterter Disput entbrannt.
Daß die Taylor-Strategie der "flexiblen Reaktion" in der gesamten Nato -Planung den Platz der "Vergeltungs" -Doktrin einnehmen muß, ist nicht mehr umstritten.
Selbst ein so entschiedener Verfechter der "nuklearen Kriegführung" wie der deutsch-amerikanische Harvard -Professor Henry Kissinger hat sich in seinem letzten, einige Monate nach Taylors Buch erschienenen Werk "Die Entscheidung drängt" zum Mittel des konventionellen Kriegs bekannt:
"Die Nato sollte ihr Äußerstes tun, eine Strategie zu entwickeln, die den Vereinigten Staaten zur Verteidigung Europas nicht die Entscheidung aufzwingt zwischen totalem Krieg und einer Haltung 'Gewehr bei Fuß'."
Nur ein einziger Nato-Partner sträubt sich immer noch hartnäckig
gegen die neue Verteidigungs-Konzeption Amerikas: die Bonner Bundesregierung, genauer: Verteidigungsminister Franz-Josef Strauß.
Was Strauß fürchtet, ist: Je höher innerhalb der Nato die Atomschwelle gehoben würde - so verriet er schon im Mai der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" -, um so unwahrscheinlicher würde es, daß es überhaupt zur Auslösung des Vergeltungsschlags komme. "Wir zweifeln nicht an der Bündnistreue der großen Nato-Atommächte", beteuerte er in einem Aufsatz im letzten Heft der "Außenpolitik", "aber wir haben auch kein Interesse daran, eine Situation zuzulassen, daß diese Bündnistreue bewiesen werden muß."
Um die westlichen Verbündeten in jedem Fall atomar zu engagieren, wenn in Deutschland geschossen wird, sucht Strauß daher zu verhindern, daß die atomaren und konventionellen Divisionen entflochten werden. Die Schaffung einer Art "Atomgeneralstab", der darüber befände, wann Nuklearwaffen eingesetzt werden, halte er für "unausführbar".
"We will do our duty", verkündete er letzten Monat nach seiner Rückkehr aus Amerika über den deutschen Militärbeitrag zur Kriegsbereitschaft. Als Teil seiner Pflicht sah Bonns Nelson eine Ankündigung über die neue Nato -Planung an, die unter dem Decknamen
MC 96 im Jahr 1963 in Kraft tritt, wenn die bisherige Planung MC 70 ausgelaufen ist: "Die taktischen Atomwaffen bleiben auch nach MC 96 bei den Frontdivisionen. Das unterliegt keinem Zweifel."
Eben das unterliegt aber sehr wohl einem Zweifel. Denn die Arbeit an MC 96 ist noch nicht abgeschlossen. Und die Entflechtung atomar und konventionell ausgerüsteter Einheiten ist Bestandteil von General Taylors "Strategie der flexiblen Reaktion".
Es ist eine geschichtliche Ironie, daß dieselben Deutschen, die heute so ungestüm gegen Taylors "Strategie der flexiblen Reaktion" anrennen und die tote Dulles-Doktrin der "massiven Vergeltung" wieder zum Leben erwecken möchten, noch vor wenigen Jahren die einzigen Verbündeten desselben Generals waren, als er unter Eisenhower glücklos dafür kämpfte, die Erhebung des "Vergeltungs"-Konzepts zur offiziellen US-Doktrin zu verhindern.
Diese "Vergeltungs"-Doktrin war 1953 vom Generals-Präsidenten Eisenhower als militärischer "New Look" eingeleitet worden. Eisenhowers Motive waren allerdings weniger militärischer als wirtschaftlicher Art: In seiner, ihn bis ans Ende seiner Amtszeit verfolgenden Furcht vor einem unausgeglichenen Staatshaushalt fürchtete Amerikas Hindenburg, eine zweigleisige Rüstung - sowohl nukleare als auch konventionelle Waffen - könne die Finanzkraft der USA überbeanspruchen.
Eisenhowers damaliger Verteidigungsminister, der ehemalige Präsident von General Motors, Charles E. Wilson ("Was gut ist für Amerika, ist gut für General Motors und umgekehrt"), brachte mit der ihm eigenen Gabe für einleuchtende Formulierungen die "New Look"-Hoffnungen des Präsidenten auf einen knappen Nenner: "Mehr Donner für einen Dollar" ("A bigger bang for a buck").
Und Admiral Arthur W. Radford, zu jener Zeit Vorsitzender der Vereinigten Stabschefs Amerikas, arbeitete sogar ein Konzept aus - den sogenannten "Radford-Plan" -, demgemäß parallel zur atomaren Aufrüstung Amerikas die Mannschaftsstärken der Heeres-Divisionen reduziert wurden, um Geld einzusparen.
Der in den Radford-Plan gekleidete "New Look" amerikanischer Kriegführung versetzte weniger die Gegner der Vereinigten Staaten in Angst und Schrecken als die Verbündeten der USA, allen voran eben den deutschen Kanzler Konrad Adenauer. Ihn plagte der Alptraum eines von US-Truppen entblößten Europa.
In Panikstimmung entsandte der Bundeskanzler seinen General Adolf ("Befehl im Widerstreit") Heusinger
nach Washington, um - so später Verteidigungsminister Franz-Josef Strauß - "im Pentagon davor zu warnen, sich ausschließlich auf die totale Nuklear -Strategie zu verlassen".
General Heusingers Angriff wurde im Vorfeld abgeschlagen; Amerika fuhr fort, sich unter Vernachlässigung der konventionellen Streitkräfte atomar zu rüsten.
Daheim in Bonn vermochte General Heusinger das Scheitern seiner Mission eindrucksvoll zu entschuldigen: Ein mächtigerer General als er laufe gleichfalls gegen die gefährliche Umrüstung Sturm und sei genauso abgeschmettert worden - General Maxwell Davenport Taylor, damals Stabschef der US -Armee.
Vier Jahre lang, von 1955 bis 1959, bekämpfte Taylor als Stabschef den von Eisenhower verordneten militärischen "New Look" und die von John Foster Dulles formulierte Strategie der "massiven Vergeltung".
Schon Taylors Vorgänger, General Matt Ridgway, war zurückgetreten, weil er die ständige Reduzierung der konventionellen Kampfkraft Amerikas für unverantwortlich hielt.
Taylor versuchte es noch einmal. Als im Juli 1956 der Radford-Plan den Vereinigten Stabschefs zur Entscheidung vorgelegt wurde, begehrte er im Namen der Armee in geheimer Sitzung dagegen auf: "Diese Konzeption bereitet uns auf einen unwahrscheinlichen Krieg vor, während sie die Vereinigten Staaten für einen sehr wahrscheinlichen Kriegsfall schwächt. Sie legt die Form der militärischen Aktion starr fest und beraubt uns jeglicher Flexibilität. Dieses Programm ist völlig unannehmbar."
Dieses Programm wurde trotzdem in leicht abgeänderter Form angenommen. Drei Jahre später trat Taylor verbittert zurück:
"Vier Jahre habe ich versucht, die Armee zu modernisieren, aber mein Erfolg war begrenzt. Darum entschloß ich mich meinem Vaterland einen letzten Dienst zu erweisen und einen überflüssigen General aus seinem Inventar zu entfernen."
Der letzte Anstoß zu diesem Rückzug in die Pensionierung ging damals, 1959, von dem gleichen Krisenherd aus, der heute die Rückkehr des Pensionärs in eine noch machtvollere Position bewirkt hat: Berlin.
Nach dem ersten Berlin-Ultimatum des Kreml im Jahre 1958 wurde Maxwell Taylor vor den Verteidigungs-Ausschuß des amerikanischen Senats zitiert. Dort bezog der General klare Frontstellung gegen seinen Präsidenten.
Eisenhower hatte zur Berlin-Krise verkündet: "Wir werden bestimmt nicht einen Krieg zu Lande in Europa führen."
Taylor dagegen vor den Senatoren: "Berlin ist als militärische Position immer unhaltbar gewesen ... Zumindest zu Beginn (aber) wäre Berlin im technischen Sinne ein begrenzter Krieg."
Schon bald nach Beginn seiner Amtszeit, 1956, hatte Armee-Stabschef Taylor versucht, seine Bedenken gegen die ausschließliche Atom-Strategie in der Vierteljahresschrift "Foreign Affairs" zu veröffentlichen; der Artikel wurde jedoch von der Zensur im Pentagon und State Department gestoppt. Erst nach seinem Rücktritt konnte Taylor ihn in seinem Buch veröffentlichen, das Anfang 1960 unter dem Titel "Die undeutliche Posaune" ("The Uncertain Trumpet") erschien.
Das Motto zu diesem Buch hatte der General in der Bibel gefunden; 1. Korinther 14, 8: "Und so die Posaune einen undeutlichen Ton gibt, wer wird
sich zum Streit rüsten?" Gemeint war mit dem stümpernden Posaunisten der zögernde Präsident Eisenhower. Ihm, seinem Außenminister John Foster Dulles und allen Atom-Strategen blies Maxwell Taylor den konventionellen Militärmarsch: "Wir spielen ein verlorenes Spiel und sollten damit aufhören." (Siehe Auszug Seite 32.)
Wütend tauften die im Pentagon zurückgebliebenen Gegner Taylors sein Buch um: "The Unclean Strumpet" ("Die unsaubere Hure").
Ein begeisterter Leser der "Undeutlichen Posaune" aber schrieb: "Dieser Band zeichnet sich aus durch unverkennbare Aufrichtigkeit, Klarheit im Urteil und einen echten Sinn für das dringend Notwendige." Der Name des Lesers: Senator John F. Kennedy.
Als Leser Kennedy ein Jahr später ins Weiße Haus einzog und sein Rekrutierungs-Offizier für die neue Regierungsmannschaft, Bruder Bobby, die Besetzungslisten für die wichtigsten Kommandostellen vorlegte, tauchte der Name Maxwell Davenport Taylor nicht weniger als achtmal auf. Eine Zeitlang erwog der Präsident, ihm das Verteidigungsministerium zu übertragen, entschloß sich dann aber doch für einen Zivilisten, den er bei der Konkurrenz von General Motors, in der Person des Präsidenten von Ford, Robert McNamara, fand.
Auch die Idee, Taylor außerplanmäßig anstelle des gerade turnusmäßig gewählten Vorsitzenden der Vereinigten Stabschefs, Heeres-General Lyman ("Lem") Lemnitzer, zu rücken, wurde fallengelassen, weil Kennedys Späher für diesen Fall eine Revolte im Pentagon und im Kongreß vorhergesagt hatten.
Maxwell Taylor blieb Pensionär. Aber nur noch wenige Monate. Als ein
Vierteljahr nach dem Regierungswechsel Amerika eine Abart der von Taylor prophezeiten "Buschkriege" in der Schweinebucht auf Kuba verloren hatte und ein zweiter lokaler Militärkonflikt auf der Autobahn zwischen Helmstedt und Berlin möglich erschien, zögerte John F. Kennedy nicht länger, den militärischen Advokaten begrenzter Kriege zu sich zu rufen. Er telephonierte mit Maxwell Davenport Taylor, und der General bezog als militärischer Chefberater des Präsidenten ein Zimmer im Anbau des Weißen Hauses, noch ehe die neue lichtgrüne Farbe im frischgetünchten Raum getrocknet war.
"Ich bin keine Institution und keine Organisation", erklärte Taylor, "ich bin eine Einzelperson, die versucht, dem Präsidenten nützlich zu sein." Aber seine beruhigenden Versicherungen reichten nicht aus, die Schreckensvisionen zu bannen, die Taylors Ernennung im Kongreß und vor allem im Pentagon hervorgerufen hat. Sowohl Senatoren als Generäle fürchteten den Einfluß, den Maxwell Taylor unter Umgehung aller herkömmlichen Dienstwege im Weißen Haus ausüben wird.
Tatsächlich unterscheidet sich Taylor in nahezu allen Wesenszügen von dem im Parlament und im Verteidigungsministerium gleichermaßen gerngesehenen Typ des General-Haudegens mit begrenztem Verstand, großem Herzen und Scherben mißachtendem Löwenmut.
Er hat ein abgeschlossenes Studium an einem Polytechnikum und spricht fließend Deutsch, Japanisch, Spanisch und Französisch. "Er ist ein Eierkopf", sagte ein anderer White-House-Berater: "Soll er ein Problem im Mittleren Osten lösen, überlegt er, was Xerxes getan hat."
Ein Kongreß-Abgeordneter, der einst Taylor auf militärischen Inspektionsreisen begleitete, klagte: "Er trank oder schwatzte nie mit uns auf solchen Trips, sondern setzte sich in eine Ecke im Flugzeug und las ein Buch." Und nur einmal versuchte ein Mitglied des saloppen Kennedy-Berater -Teams "Bundy & Co" (SPIEGEL 31/1961) aus irisch-katholischen Wahlkampfmanagern und Harvard-Eierköpfen den Neuankömmling Taylor im Weißen Haus mit vertraulichem "Good morning, Max"
zu begrüßen. Zwar schaffte der General es gerade noch, mit einem geknurrten "Hallo, Sie da" zu antworten, aber das Funkeln seiner Augen verhieß noch weniger Gutes als der Rost seiner Stimme.
"Max" hat ihn seither niemand mehr im Weißen Haus zu nennen gewagt. Um so häufiger fällt dafür heute nicht nur in militärischen, sondern auch in politischen Beratungen der obersten amerikanischen Führungsgremien die Formulierung: "Laßt uns den General dazu hören."
Sogar militärische Untergebene, die Taylor bewundern, gestanden: "Man kann ihm nicht nahe kommen. Offensichtlich braucht er einen nicht." Und: "Ich habe ihn einmal kotzen sehen, weil er zuviel Atebrin-Pillen geschluckt hatte, aber selbst mit dem Kopf im Eimer sah Maxwell Taylor immer noch wie ein General aus."
General Taylor hat nichts von dem mitreißenden Elan eines Husaren wie Rommel oder Patton. Er verbreitet keine Liebe, sondern Respekt, der allein auf seinem professionellen Können und seinem eisernen Pflichtbewußtsein beruht.
Einem Patton vergaben seine Soldaten, daß er - unbeherrscht und hochmütig wie stets - einmal einen verwundeten Soldaten mit einem Handschuh ohrfeigte. Taylor tragen sie noch heute nach, daß er im Weltkrieg einen Leutnant, der von einer gefährlichen Patrouille zurückkehrte, gleichzeitig mit einer Auszeichnung dekorierte und ihn zu 50 Dollar Strafe verurteilte - weil er unrasiert vor seinen Kommandeur getreten war.
Einer der führenden Militärhistoriker der US-Nation, S.L.A. ("Slam") Marshall, ein ehemaliger Brigade-General, der Taylor in der Normandie, in Holland, Belgien und Korea kämpfen sah, urteilte nach Taylors Berufung in das Weiße Haus so: "Ich glaube, ich kenne Max Taylor so gut, wie irgendein Amerikaner ihn kennen kann. Er war ein hervorragender Front-Kommandeur - der Offizier mit der größten Selbstdisziplin, die mir je bekannt geworden ist. Aber Taylor ist der falsche Mann für den neuen Job. Er ist kein Vermittler. Er ist zutiefst daran interessiert, persönliche Macht auszuüben."
Niemand fürchtet diesen Drang zur Macht mehr als die Vereinigten Stabschefs der vier Wehrmachtteile (Heer, Luftwaffe, Marine und Marine-Korps). Als oberstes Führungsgremium der amerikanischen Streitkräfte unterstanden sie bisher administrativ dem Verteidigungsministerium, strategisch allein dem Präsidenten. Daran hat sich durch die Ernennung Taylors zum militärischen Chefberater Kennedys in der Theorie nichts geändert, in der Praxis jedoch sehr viel.
Seit dem mißratenen Kuba-Abenteuer, für das der Staatschef nach außen die volle Verantwortung übernahm, ist Kennedy auf die Vereinigten Stabschefs schlecht zu sprechen. Denn auf ihren und auf den Rat des Geheimdienstes CIA hin unternahm er die Operation, die zur bisher schmerzlichsten Niederlage des sieggewohnten Millionärssohns wurde.
Eine der ersten Aufgaben, die Kennedy seinem neuen militärischen Berater übertrug, war daher eine Untersuchung der Ursachen des Debakels in der Schweinebucht. Mit Taylor prüften CIA-Chef Allen Dulles, Admiral Arleigh Burke sowie Präsidentenbruder und Justizminister Robert F. ("Bobby") Kennedy, mit dem Taylor schnell und eng Freundschaft geschlossen hat. Beide verbindet ihre untrügliche Witterung und Leidenschaft für die Macht; häufig spielen sie miteinander Tennis (Taylor: "Wir sind ziemlich gleichstark") und noch häufiger schnitzen sie gemeinsam an einer neuen Politik der USA herum (Bobby: "Wir brauchen einen Mann wie Taylor, der die Dinge mit kalten, mißtrauischen Augen betrachtet").
Bei der Kuba-Untersuchung formell auf eine Analyse der Fehler des Geheimdienstes* beschränkt - dessen Aufsplitterung in Nachrichten- und Operationsabteilung (SPIEGEL 29/1961) sie vorschlugen -, kamen die vier Prüfer zu dem Ergebnis, daß auch die Vereinigten Stabschefs durch falsche Ratschläge für die Kuba-Katastrophe mitverantwortlich gewesen seien.
Sosehr dieses Verdikt den Präsidenten erfreute - ihm ist seit Anbeginn vor allem der Vorsitzende der Vereinigten Stabschefs, General Lyman Lemnitzer, als geistig träge und unbeweglich ein Greuel -, sowenig erstaunte es die betroffenen Stabschefs. Von Taylor hatten sie keine Gnade erwartet.
Schon in seinem Buch "Die undeutliche Posaune" hatte Taylor keinen Zweifel darüber gelassen, was er von der Institution der Vereinigten Stabschefs hielt: "Das System hat sich als unwirksam erwiesen und bedarf gründlicher Überholung ... Wenn ein Krieg kommt, wird das Komitee-System für
die Führung moderner Operationen in den ersten Stunden oder Tagen zusammenbrechen."
Taylor verglich das Generals-Gremium, in dem er selbst jahrelang gesessen hatte, aufgrund seiner Erfahrungen mit einer Gruppe von Kantinen-Köchen, die nie eine vernünftige Speisenfolge zustande brächten, weil sie sich ständig um die Zutaten zankten - gemeint waren die Haushaltsmittel für die einzelnen Wehrmachtteile. Taylors Rezept: "Wenn die Köche nicht zusammenarbeiten können, dann macht den Besten zum Chef und feuert alle anderen hinaus."
Wen Autor Maxwell Davenport Taylor bereits damals für den geeigneten militärischen Meisterkoch Amerikas
hielt, darüber hat es zwischen ihm und den vier Vereinigten Stabschefs nie eine Meinungsverschiedenheit gegeben: Maxwell Davenport Taylor.
Mit seiner Ernennung zum militärischen Chefberater jedoch verdichtete sich für die Stabschefs die Gefahr, daß auch der Präsident zu dieser Überzeugung gelangen könnte. Denn schon einmal, kurz nach der Gründung der Institution der Vereinigten Stabschefs im Pearl-Harbor-Jahr 1941, rief der damalige Präsident Franklin D. Roosevelt einen pensionierten Offizier ins Weiße Haus, der offiziell nur als Verbindungsoffizier dienen sollte, tatsächlich aber bald mächtiger wurde als die Joint Chiefs of Staff: den Admiral William D. Leahy.
So war es Chefberater Leahy, der unter Roosevelts Nachfolger Harry S. Truman zusammen mit dem Präsidenten-Berater Clark Clifford einen Grenzstein im Kalten Krieg errichtete: Clifford schrieb während der türkisch-griechischen Krise im Jahre 1947 unter Anleitung des Admirals die sogenannte Truman-Doktrin, die den militärischen US-Widerstand gegen jede gewaltsame Expansion des Kommunismus proklamierte. Und alle Proteste der Kongreß -Mitglieder gegen diese Umgehung der zuständigen Ministerien für Verteidigung und Auswärtige Angelegenheiten nutzten nichts. Die Doktrin wurde verkündet und offizielle US-Politik.
Daß General Taylor, trotz seiner Beteuerungen, keine Institution zu sein, kaum geringere Ambitionen hat als Admiral Leahy, kann als sicher gelten. Daß Präsident Kennedy gewillt ist, seinem Chefberater mindestens so viel Macht einzuräumen, ist belegbar.
Schon vor Taylors offizieller Übersiedelung ins Weiße Haus bekamen die Vereinigten Stabschefs seinen Einfluß zu spüren. Sie hatten Pläne ausgearbeitet, die von Stabschef Taylor 1956 geschaffenen mobilen Feuerwehr-Divisionen in Stärke von 13 700 Mann aufzulösen und generell die alte Divisionsstärke aus dem Weltkrieg II in Höhe von 16 000 Mann wieder einzuführen. Pensionär Taylor hörte davon, intervenierte bei seinem Bewunderer Kennedy, und das Projekt wurde zu den Akten gelegt.
Heute, sechs Wochen nach seinem Amtsantritt als militärischer Chefberater, hat Taylor den Vereinigten Stabschefs mit der Verkündung seiner "Strategie der flexiblen Reaktion" durch Präsident Kennedy klargemacht, wer der Boß ist. Der Glanz der Generalssterne der Joint Chiefs of Staff ist verblaßt; der Zivil-General Taylor ist zum heimlichen Super-Generalstabschef Amerikas geworden.
Fünf Jahre alt war Maxwell Davenport Taylor, Sohn eines Kleinstadt-Anwalts aus Keytesville in Missouri, als ihn zum erstenmal der Marschall-Stab im Schulranzen drückte: "Wenn ich groß bin, gehe ich nach West Point - dort gehen die großen Jungen hin, um Offizier zu werden."
Als er groß war, meldete er sich allerdings zur Sicherheit trotz eines Schulabgangs mit Auszeichnung nicht nur in der Heeres-Akademie West Point, sondern auch in der noch älteren Marine -Akademie Annapolis an. Er bestand in West Point, wo er später als Kadett seine jetzige Frau Lydia kennenlernte, und fiel in Annapolis - Lücke Geographie - durch. Taylor: "Wenn die Straße von Malakka in Europa läge, wäre ich heute vielleicht Admiral statt General."
Seinem Jugend-Idol, dem Bürgerkriegs-General der Südstaaten Robert E. Lee nacheifernd, dessen Ruhm ihm auf dem Schoß seines Großvaters, eines einarmigen Sezessionskriegs-Veteranen, gesungen wurde, wählte Taylor die Pionier-Laufbahn.
Auslandsmissionen führten den jungen Offizier nach Frankreich, Japan und China. Er absolvierte die Generalstabs -Akademie in Washington und verwirklichte bald nach Amerikas Kriegseintritt als Stabschef der 82. Infanterie-Division zusammen mit seinem Kommandeur Matt Ridgway die Umwandlung dieser Truppe in Amerikas erste Luftlande-Division. Fallschirm-Jäger Taylor: "Ich springe nicht gern. Aber ich bin gern bei Leuten, die gern springen."
Freiwillig meldete sich Brigade-General Taylor 1943 zu einem Himmelfahrtskommando. Italiens Marschall Badoglio hatte die Alliierten wissen lassen, die 82. Luftlandedivision könne das von den Deutschen nur schwach besetzte Rom in einem Handstreich nehmen. Zusammen mit einem Luftwaffen-Obristen wurde Taylor hinter die feindlichen Linien geschickt, die Lage auszukundschaften.
Ein britisches Patrouillenboot brachte die beiden Späher im Schutz der Nacht dicht unter die Küste. Sie stiegen auf eine italienische Korvette um, wurden im Hafen von Gaeta an Land gesetzt und, in einem Lastwagen versteckt, nach Rom gekarrt. Zwei Tage blieben die Kundschafter hinter den deutschen Linien. Sie trugen US-Uniformen, um nicht im Fall der Gefangennahme erschossen zu werden. Taylor befand, daß Marschall Badoglio den Alliierten nicht die notwendige Unterstützung gewähren könne.
Über einen Geheimsender ließ er die Landevorbereitungen abbrechen. Dann wurden er und der Oberst von einem italienischen Flugzeug nach Tunis ausgeflogen. Taylors damaliger Oberbefehlshaber, General Eisenhower, schrieb später: "Das Risiko, das er einging, war größer, als was ich von irgendeinem anderen Agenten oder Emissär während des Krieges verlangte."
In der Invasions-Nacht des 6. Juni 1944 war Taylor, inzwischen Generalmajor, der erste amerikanische General, der Westeuropa betrat. Zusammen mit seiner 101. Luftlande-Division sprang er über der Normandie ab.
Ungünstige Winde hatten seine Truppe hoffnungslos zerstreut. Vom Fallschirm befreit, sah der General sich von Kühen statt von Soldaten umgeben. Mit Mühe sammelte Taylor eine Gruppe Stabsoffiziere und eine Handvoll Fallschirmjäger um sich. Mit dieser Truppe kämpfte er einen Brückenkopf am Strand für die Landung der 4. US -Division frei.
In Abwandlung des großen Churchill -Zitats aus Englands dunkelster Stunde ("Niemals ... sind so viele so wenigen so sehr verpflichtet gewesen") mokierte sich Taylor später über seine bravouröse Tat: "Niemals sind so wenige von so vielen geführt worden."
Nach 33 Kampftagen in der Normandie wurde Taylor nach England verlegt, sprang am 17. September 1944 mit seinen Fallschirmjägern über Holland ab und wurde von einem Granatwerfer -Geschoß verwundet. Zehn Tage lag Taylor im Lazarett, befahl jedoch seinem Stab, seinen Namen nicht auf die Verwundetenliste zu setzen, weil er fürchtete, dann sein Kommando zu verlieren.
Das letzte Kriegsjahr verschlug Taylor bis nach Berchtesgaden, wo er eine Ausstellung erbeuteter Kunstgegenstände aus Görings Besitz organisierte. Hochdekoriert kehrte er 1945 nach den USA zurück. Drei Jahre lang leitete er die US-Kriegsakademie West Point und verordnete die Aufnahme so ungewöhnlicher Fächer wie moderne Kunst und Lyrik von T. S. Eliot in den Lehrplan. Superintendent Taylor: "Eine Kadettenanstalt ist kein Kloster."
1949 empfing der General zum zweitenmal Marschorder nach Deutschland. Er wurde zunächst Chef des Stabes der US-Streitkräfte in Europa mit Sitz in Heidelberg und dann als Nachfolger des Brigadegenerals Howley Kommandant des amerikanischen Sektors von Berlin.
US-Hochkommissar John J. McCloy führte ihn in der von der ersten Blockade befreiten Stadt ein: "Wir werden weiterhin unsere Truppen in Berlin unterhalten ... Ihr Kommando hat Maxwell D. Taylor, den ich, und nicht nur ich allein, für einen der besten Offiziere des amerikanischen Heeres halte."
Damit hatte Taylor eine Position erreicht, die fortan wie kein anderes Kommando sein weiteres Schicksal bestimmte. Als er 1951 die Sektorenstadt wieder verließ, wurde eine Straße nach ihm benannt, und Bürgermeister Ernst Reuter trauerte: "Mit Taylor geht ein wirklicher Freund von uns."
Ein Dezennium lang trieb sich Taylor in den entferntesten Winkeln der Welt herum: Er war US- und Uno-Oberbefehlshaber in Korea und dem gesamten Fernen Osten, ehe er als Nachfolger seines alten Kommandeurs Matt Ridgway Stabschef des US-Heeres wurde. Und nachdem er den Posten an den jetzigen Stabschef-Vorsitzenden Lyman Lemnitzer abgetreten hatte, präsidierte der Pensionär in Mexico-City als Aufsichtsratsvorsitzender der Mexican Ligh and Power Co. bis zu ihrer Verstaatlichung 1960; anschließend leitete er das 130 -Millionen-Projekt des kulturellen Lincoln-Zentrums in New York (SPIEGEL 34/1960). Dort erreichte ihn die telephonische Einberufung durch Präsident Kennedy.
Der "wirkliche Freund" des inzwischen verstorbenen Bürgermeisters Ernst Reuter ist damit nicht nach Berlin zurückgekehrt. Das Schicksal der Stadt aber hängt mehr denn je von ihm ab - und damit von der neuen "Strategie flexibler Reaktion".
Taylors Strategie geht davon aus, daß der Einsatz nuklearer Vergeltungs -Waffen in einem militärischen Konflikt nur in drei Fällen berechtigt ist.
- Bei einem sowjetischen Atomüberfall auf Amerika,
- bei der nachweisbaren Vorbereitung
eines solchen Angriffs,
- bei einem kommunistischen Großangriff auf Westeuropa, der die nationale Sicherheit Amerikas bedroht.
Aber diese drei Gefahren hält Taylor heute in der Berlin-Krise für zunächst ebensowenig gegeben wie in allen anderen internationalen Krisen seit Kriegsende.
In seinem Buch "Die undeutliche Posaune" hat er aufgezählt, daß die USA seit 1945 in der einen oder anderen Form in achtzehn verschiedene bewaffnete Konflikte verwickelt worden seien; in sechs dieser Konflikte griffen amerikanische Truppen direkt ein. So in Korea, bei den Operationen in der Straße von Formosa und im Libanon. In keinem einzigen Fall aber wurde vom Präsidenten je der Abwurf einer Atombombe geplant. Im Libanon 1958, so enthüllte Taylor, habe die US-Regierung sogar ausdrücklich die Landung von Honest-John-Raketen verboten - die sowohl mit konventionellen als mit atomaren Sprengköpfen versehen werden können -, damit Amerika nicht einmal die Absicht unterstellt werden könne, den Einsatz von Nuklearwaffen in Erwägung zu ziehen.
Es ist klar, was Taylor mit dieser Aufzählung nachweisen will: Die Dulles-Eisenhower-Doktrin der "massiven Vergeltung", die ausreicht, vor einem lebensgefährlichen Frontalangriff abzuschrecken, muß im Buschkrieg und bei lokalen Konflikten versagen.
Diese Übergriffe, jeder zu klein, einen Atomkrieg auszulösen, aber gehäuft
doch geeignet, Amerikas Weltmachtstellung zuzuschaufeln, können nach Ansicht Taylors nur mit einer ebenso starken wie beweglichen konventionellen Streitmacht zurückgeschlagen werden.
Über eine solche Streitmacht aber verfügte das auf die Strategie der "massiven Vergeltung" eingeschworene Amerika nicht. Zweimal schon mußten die Vereinigten Staaten daher zurückweichen, wo ein militärisches Eingreifen vonnöten gewesen wäre. Eisenhower konnte keine Truppen nach Süd -Vietnam, Kennedy keine Soldaten nach Laos entsenden. Kommunistische Guerillas errangen den Sieg. Die Weltmacht Amerika war für einen solchen Konflikt nicht gerüstet.
Selbst der Erfinder der Doktrin "massiver Vergeltung", Amerikas großer Außenminister John Foster Dulles, mußte schmerzhaft am eigenen Leibe erfahren, was diese mangelnde konventionelle Bereitschaft Amerikas bedeutet. Seine "Agenten"-Theorie, die von ihm öffentlich erklärte Bereitschaft, die Papiere amerikanischer Konvois nach Berlin von sowjetzonaler Grenzpolizei als Agenten der Sowjet-Union abstempeln zu lassen, war ein klarer diplomatischer Rückzug in der Erkenntnis, daß Amerika für Gummistempel keinen nuklearen Krieg beginnen könne und für andere militärische Aktionen nicht gerüstet war.
Die unmittelbare Drohung einer neuen Niederlage dieser Art in Berlin hat nun dazu geführt, daß Amerikas Präsident Kennedy die nur teilwirksame Doktrin der "massiven Vergeltung" durch Taylors "Strategie der flexiblen Reaktion" ersetzt hat.
In seiner Berlin-Botschaft an die amerikanische Nation erklärte Präsident Kennedy, "unsere unverletzbare Fähigkeit zur Abschreckung beziehungsweise Vernichtung jedes Angreifers" werde ständig sichergestellt. Doch: "Darüber hinaus sind jetzt weitere (Maßnahmen) zu ergreifen. Wir benötigen ausreichenden See- und Lufttransportraum, um unsere Streitkräfte rasch und in großer Zahl in jeden Teil der Erde senden zu können. Aber noch wichtiger ist es, daß wir imstande sein müssen, in jedes Krisengebiet rechtzeitig Truppenverbände schicken zu können ..., um einem Aggressionsdruck jeder Art mit den entsprechenden Kräften zu begegnen."
Genau das ist Taylors Konzeption der "flexiblen Reaktion". Er will nicht auf Atomwaffen verzichten, sondern er will parallel dazu den gleichzeitigen Ausbau nichtatomarer Streitkräfte. Bis in die einzelnen Formulierungen hinein hat Präsident Kennedy die Strategie seines Chefberaters in die neue Militärkonzeption der Vereinigten Staaten aufgenommen:
- Autor Taylor 1960 über die Doktrin
der "massiven Vergeltung": Sie stellt "nur zwei Möglichkeiten zur Wahl, die Auslösung des allgemeinen Kernwaffenkriegs oder Kompromiß und Verzicht".
- Präsident Kennedy am 25. Juli 1961 in seiner Fernsehansprache an die amerikanische Nation zur Berlin -Krise: "Wir wollen einen größeren Spielraum erringen, als nur die Wahl zwischen Demütigung und totalem Kernwaffeneinsatz."
Als der General vergangenes Jahr in seinem Buch "Die undeutliche Posaune"
ein Militärbudget in Höhe von etwa 50 Milliarden Dollar forderte, erntete er im Kongreß teils ungläubiges, teils höhnisches Gelächter.
Präsident Kennedy hat für dieses Jahr ein Militärbudget von 47,5 Milliarden Dollar gefordert und damit fast die untere Grenze der noch vor Monaten für utopisch gehaltenen Forderung seines Militärberaters erreicht.
Über die Hälfte der erst nach Verschärfung der Berlin-Krise eingebrachten Nachforderung in Höhe von 3,45 Milliarden Dollar wird, wie Kennedy verkündete, allein "für die Beschaffung nichtnuklearer Waffen, Munition und Ausrüstung benötigt".
Damit wird für die konventionelle Ausrüstung des US-Heeres in diesem
Jahr fast doppelt soviel ausgegeben werden wie pro Jahr unter Eisenhower.
Weitere militärische Flexibilitäts -Maßnahmen auf Taylors Rat:
- Die Armee wird innerhalb eines
Jahres ihre Kopfstärke von 875 000 Mann auf eine Million heraufsetzen.
- Die Marine wird 20 Transporter entmotten, damit sie statt, wie bisher, eineinhalb Divisionen künftig zwei Divisionen zugleich verschiffen kann.
- Die Luftwaffe soll ihre Transportkapazität um ein Viertel vergrößern - genug, um zwei Divisionen in zwei Wochen per Luft nach Europa zu schaffen.
Das erdrückende Übergewicht der konventionellen Streitkräfte des Ostblocks in Europa ist damit noch nicht gefährdet.
Die Sowjets (Gesamtstärke drei Millionen) haben in Osteuropa eine halbe Million Mann stehen, die Amerikaner in Westeuropa eine Viertelmillion. Die US-Truppen sind in fünf Super -Divisionen und drei auf Brigadestärke gebrachten Panzerregimentern in der Bundesrepublik konzentriert; die Sowjets unterhalten 23 kleinere Divisionen in der DDR, 4 in Ungarn, 2 in Polen.
Und während der Nato-Oberbefehlshaber in Europa, General Lauris Norstad, innerhalb von zwei Wochen mit einer Verstärkung von sechs US-Divisionen rechnen kann, können die Sowjets nach Nato-Schätzungen in 90 Tagen 300 Divisionen westlich des Ural bereitstellen.
Nikita Chruschtschow zum amerikanischen Abrüstungs-Beauftragten John McCloy in Moskau: "Ich kann Ihnen jetzt schon sagen, daß wir für jede Division, die Sie nach Deutschland verlegen, zwei dorthin senden werden."
Das für den Westen günstige Kopfstärkeverhältnis in den Satelliten beider Weltmächte - die europäischen Nato -Staaten, die heute 17 Divisionen unter Waffen stehen haben, sind etwa doppelt so stark wie die Streitkräfte der sowjetischen Verbündeten - ändert nichts Entscheidendes.
Zwar sind durch die unterschiedliche Größe und Feuerkraft östlicher und westlicher Divisionen alle Stärkevergleiche relativ, und erst recht spekulativ, sobald die Kampfmoral auf beiden Seiten eingeschätzt wird. Die Überlegenheit der
sowjetischen Landstreitkräfte in Europa wird jedoch von keinem Nato-Generalstäbler angezweifelt.
So klar es angesichts dieser Machtverteilung in Europa ist, daß Amerika und die Nato auf unabsehbare Zeit auch nach Umstellung auf Taylors "Strategie der flexiblen Reaktion" keine Chance haben, in einem längeren konventionellen Konflikt gegen die Sowjet-Union zu bestehen oder sie gar niederzuringen, so gewiß ist, daß dies zunächst auch gar nicht das Ziel der Taylor-Doktrin bildet.
Worauf es Taylor als Nahziel ankommt, ist dies: Er möchte die konventionelle und die atomare Kriegführung entflechten. Der erste Schuß eines sowjetischen Infanteristen soll nicht gleich
mit einer Atombombe auf Moskau beantwortet werden.
Einmal, weil diese Reaktion zwangsläufig Atombomben auf die USA zur Folge hätte; zum anderen, weil eben dadurch die Drohung einer atomaren US-Vergeltung unglaubhaft wird.
Kann jedoch einem konventionellen Vorstoß zunächst mit konventionellen Waffen begegnet werden, ist also erst einmal ein militärischer Konflikt ausgelöst, ändert sich das Bild vollständig: Die amerikanische Atom-Drohung wird gerade wegen der konventionellen US-Unterlegenheit glaubhafter. Denn natürlich werden die USA und will auch Taylor Atombomben werfen, ehe die US-Divisionen in Europa aufgerieben sind.
Das Fernziel von General Taylors "Strategie der flexiblen Reaktion" geht
allerdings darüber hinaus: "Die neue Strategie soll anerkennen, daß die Abschreckung vor oder der rasche Sieg in einem begrenzten Krieg ebenso wichtig ist wie die Abschreckung vor dem totalen Krieg." Das heißt: Er will auf lange Sicht auch in der konventionellen Kriegführung mit den Sowjets gleichziehen. Daß der Westen dazu bei außergewöhnlichen Anstrengungen die wirtschaftliche Kraft hat, ist in der Theorie seit langem anerkannt. Neu ist Maxwell Taylors Nachweis, daß auch das Potential wehrfähiger Männer in der Freien Welt größer ist als im kommunistischen Bereich.
In seinem Buch hat er die Zahl der geeigneten Männer im wehrfähigen Alter in Ost und West wie folgt angegeben:
- Westen: 156,9 Millionen (davon USA
und-Nato 85,4 Millionen),
- Osten: 145,4 Millionen (davon UdSSR und Ostblock 58,4 Millionen). Taylor: "Tatsächlich besitzt der Westen die zahlenmäßige Überlegenheit in allen strategisch wichtigen Gebieten außer dem Fernen Osten. Dort ist aber die chinesische Mannschaftsstärke wegen Beschränkungen der Transportmöglichkeiten nicht einsetzbar. Die Freie Welt kann sich allein mit konventionellen Waffen verteidigen, wenn ihre Führer bereit sind, den Preis dafür zu zahlen." Ob die Führer des Westens bereit sind, diesen Preis zu zahlen, ist mehr als fraglich. Feststeht aber schon heute, daß der Anfangserfolg des Strategen Taylor die Gefahr gebannt hat, daß - wie Winston Churchill das Atompatt genannt hat - das "Gleichgewicht des Schreckens" durch Versehen aus der Balance gerät.
Ein Atomkrieg aus Zufall ist unwahrscheinlich geworden; immer wird es erst ein Vorspiel konventioneller Waffen geben.
Amerika ist wieder militärisch aktionsfähig, wo es bisher durch die Doktrin der Selbstabschreckung aktionsunfähig war. Zwar wird diese neugewonnene Bewegungsfreiheit sich eher in allen außereuropäischen Regionen auswirken als ausgerechnet in Berlin, wo die neue Strategie so wenig einen Erfolg verbürgen kann wie die alte Vergeltungs -Doktrin.
Aber wenn auch der militärische Durchbruch nach Berlin weiterhin unglaubhaft erscheint -: Den Durchbruch der neuen Strategie hat die Berlin-Krise schon bewirkt.
* Maxwell D. Taylor: The Uncertain Trumpet". Verlag Harper & Brothers, Publishers, New York; 1960; 204 Seiten; 4,00 Dollar.
* Einer von General Taylors beiden Söhnen
arbeitet heute für die CIA im Ausland, der andere dient in der Kriegsakademie West Point.
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DER SPIEGEL 34/1961
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