16.08.1961

OSTBLOCK / MOSKAU-BERICHTERSTATTUNGSolche Vögel

Zum erstenmal in der Geschichte sowjetischer Pressezensur wurde vergangene Woche ein westlicher Journalist mit einer eindeutig politischen Begründung aus der Sowjet-Union ausgewiesen - ein Deutscher.
Der stellvertretende Leiter der Presseabteilung des Außenministeriums, Tschernjakow, bezichtigte den telephonisch ins achte Stockwerk des Außenministeriums zitierten Korrespondenten der "Frankfurter Rundschau", Botho Kirsch, er habe durch seine Berichterstattung "systematisch die Politik der Sowjet-Union und Ihre führenden Persönlichkeiten herabgesetzt".
Tschernjakow las die Begründung vom Blatt ab und verweigerte anschließend Kirsch jegliche Aufklärung darüber, welche Passagen seiner Berichte aus Moskau als Beschimpfung empfunden worden waren.
Korrespondent Kirsch war sich jedoch keineswegs im ungewissen, weshalb er hinausgefeuert worden war. Ihm schwante Unheil, seit ihm das von Chruschtschows Schwiegersohn Alexej Adschubej geleitete Regierungsorgan "Iswestija" bescheinigt hatte: "Er griff das Heiligste des Sowjetvolkes an, die kommunistische Lehre." Ergänzt Kirsch: "Ich bin ein Berlin-Opfer."
"Das Heiligste" nämlich hatte Kirsch in einer Polemik gegen ein Journalisten-Team der "Iswestija" angetastet. Drei Sowjetreporter hatten bei einem Trip nach Westberlin im Juni dort "faschistische Mordbuben", "Menschenhändler" und "Blutegel am Körper der DDR" konstatiert.
Botho Kirsch zerpflückte daraufhin den Berlin-Artikel der "Iswestija", in einer Tonlage, die zwar dem Sowjetbürger aus seinen eigenen Blättern durchaus geläufig ist, die aber, sobald sie von westlichen Zeitungsleuten angeschlagen wird, auf strikte Mißbilligung der sowjetischen Pressebehörden stößt.
Schrieb Kirsch: "Zu welcher Engstirnigkeit Sowjetmenschen fähig sind, wenn sie nicht dem eigenen gesunden Menschenverstand, sondern der Dialektik ihrer gleichermaßen welt- und lebensfremden kommunistischen Heilslehre folgen, hat das Reporter-Kollektiv bewiesen."
Besonders wurde Kirsch auch die von ihm freilich nicht entworfene Überschrift seines Berlin-Gegenartikels angekreidet: "Solche Vögel haben bei uns nichts zu suchen". Obwohl es sich dabei um ein Zitat aus dem "Iswestija"-Report handelte - das sich auf die westalliierten Transportflugzeuge in Westberlin bezog -, unterstellten die Moskauer Zensoren der "Frankfurter Rundschau" zu Recht, sie habe mit den Vögeln auf die Sowjetkorrespondenten angespielt. Auch Vogel Kirsch sollte in der Sowjet -Union nichts mehr zu picken haben.
Den 60 in Moskau akkreditierten westlichen Zeitungs- und Funkkorrespondenten riefen der politisch aufgezogene Fall Kirsch und die Affäre des kurz zuvor wegen angeblicher Spionagetätigkeit ausgewiesenen "Handelsblatt" -Korrespondenten Heinz Weber eine Warnung ins Gedächtnis, die von Chruschtschows Pressechef Charlamow stammt.
Als im März 1961 unter dem Jubel der erlösten westlichen Moskau-Journalisten die sowjetische Vorzensur abgeschafft wurde, mahnte Charlamow dunkel: "Bisher haben die Angestellten des Telegraphenamts den westlichen Korrespondenten die Arbeit erleichtert. Jetzt ist die Tätigkeit der Korrespondenten etwas schwieriger geworden. Sie müssen für ihre Berichte die volle Verantwortung tragen."
Solange die "Hauptverwaltung für Literatur" (Glawlit) - so die schamvolle Umschreibung für die ehedem in einem Seitentrakt des Moskauer Telegraphenamts untergebrachte Zensurstelle - amtierte, brauchten sich die
westlichen Korrespondenten in der Tat nicht zu sorgen, daß möglicherweise ihre Berichterstattung unliebsam auffallen könnte.
Mit dicken Schwarzstiften wüteten hinter stets verschlossenen grünen Türen die mehrsprachigen Zensoren so lange in den Journalisten-Manuskripten herum, bis sie auf Moskauer Geschmack getrimmt waren. Nur wenn ein Korrespondent die Zensur hinterging, drohte ihm der Ausweisungs-Ukas.
AP-Korrespondent Roy Essoyan war als einziger Journalist in jüngster Zeit wegen seiner Berichterstattung ausgewiesen worden. Er hatte im September 1958 eine hochbrisante Nachricht über "Chruschtschows erste politische Niederlage bei der Reise nach China" hinausgeschmuggelt.
Auf Abschaffung der Vorzensur hatte vornehmlich der Chruschtschow -Schwiegersohn Adschubej gedrängt, weil ihm bei seinen Reisen ins westliche Ausland mit dem Einwurf "Zensur" häufig die Show verdorben worden war.
Aus gleichen Propaganda-Erwägungen hatten die sowjetischen Pressewächter auch schon vor Aufhebung der Zensur westliche Journalisten nur in seltenen Fällen mit Begründungen ausgewiesen, die Zweifel an der Meinungsfreiheit in der Sowjet-Union aufkommen lassen konnten. Sie zogen es vielmehr vor, mißliebige Korrespondenten unter vorwiegend moralischen Druck zu setzen, sie zu Hause in Mißkredit zu bringen und auf diese Weise eine "freiwillige" Abreise zu erzwingen.
So wurde dem westdeutschen dpa-Korrespondenten Nielsen-Stockeby von der Sowjetpresse vorgeworfen, er habe Taxichauffeure um ihr Fahrgeld geprellt und Informationen in zweifelhaften Kreisen eingeholt. Der französische Korrespondent Alexis Schiray wurde auf Hotelzimmer-Affären festgenagelt. Besonders hart aber spielte Adschubejs "Iswestija" der amerikanischen UPI-Korrespondentin Ellen Mosby mit.
Die attraktive Reporterin wurde nach einem Bericht des Blattes "sinnlos betrunken" von zwei sowjetischen Feuerwehrleuten im Rinnstein aufgelesen und ins nächstgelegene Ernüchterungsheim gebracht. Die wachsamen Feuerwehrleute trügen, so erläuterte die "Iswestija", bei ihren pflichtgemäßen nächtlichen Streifzügen durch Moskau auch Kameras bei sich. Damit wurde erklärt, wie die Zeitung zu dem veröffentlichten Photo kam, das die unbekleidete und nur unzulänglich bedeckte Ellen im Ernüchterungsheim zeigte.
Allerdings macht die Tatsache, daß Ellen Mosby bisher nicht ausgewiesen wurde, deutlich, in welchem Maße bei der Ausweisung von Korrespondenten auf das jeweils zwischen Moskau und dem Herkunftsland des Journalisten herrschende Klima Rücksicht genommen wird. Der Reporter Kirsch fiel der eisigen Deutschland-Temperatur des Kreml zum Opfer.
In Bonn überlegt man denn auch inzwischen, ob Repressalien gegen die am Rhein stationierten Sowjetmenschen aus der Pressebranche mit westlichen Freiheitsvorstellungen vereinbar sind. Vorsorglich ins Visier genommen ist auf jeden Fall Adschubejs Bonner "Iswestija"-Korrespondent, der Genosse Jenakijew.
Korrespondent Kirsch
Ausgewiesen
Korrespondentin Ellen Mosby*
Eingewiesen
* Ausschnitt aus der "Iswestija" vom 7. Juli 1961.

DER SPIEGEL 34/1961
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