16.08.1961

BRECHTSelbstgespräch zu zweit

Im Bahnhofsrestaurant zu Helsinki sitzen zwei Männer, ein großer und ein untersetzter, und unterhalten sich, ab und zu vorsichtig um sich blikkend, über Pässe.
"Der Paß", meditiert der Untersetzte, "ist der edelste Teil von einem Menschen. Er kommt auch nicht auf so einfache Weise zustand wie ein Mensch. Ein Mensch kann überall zustandkommen, auf die leichtsinnigste Art und ohne gescheiten Grund, aber ein Paß niemals. Dafür wird er auch anerkannt, wenn er gut ist, während ein Mensch noch so gut sein kann und doch nicht anerkannt wird."
In seltsamer Übereinstimmung ergänzt der Große: "Man kann sagen, der Mensch ist nur der mechanische Halter eines Passes. Der Paß wird ihm in die Brusttasche gesteckt wie die Aktienpakete in das Safe gesteckt werden, das an und für sich keinen Wert hat, aber Wertgegenstände enthält."
Mit dieser Unterhaltung beginnt ein Buch aus dem Nachlaß des 1956 verstorbenen Dichters Bertolt Brecht, das der Verlag Suhrkamp unter dem Titel "Flüchtlingsgespräche"* herausgab: "Eigenheiten des Sprachgebrauchs und der Interpunktion wurden beibehalten." Laut Innentext ist das Buch Fragment, laut Klappentext ein abgeschlossenes Werk. Die erstere Bezeichnung entspricht, dem tatsächlichen Zustand des Manuskripts, das Brecht nicht mehr selbst redigierte. Ein Gespräch, das von Geheimschriften handelt, blieb skizziert und wurde von den Editoren weggelassen.
Wie schon bei allen bekannten Texten, können sich die zahlreichen Interpreten des Dichters anhand des ersten Nachlaß-Bandes aufs neue damit beschäftigen, das Arkanum der politischen Anschauungen Brechts zu analysieren: Aus den für östliche wie westliche Forschende ziemlich streng versiegelten Schränken des Ostberliner Brecht-Archivs tropfen bisher unbekannte Texte nur sehr spärlich.
Brecht-Witwe Helene Weigel, Erbin des Werks und Direktorin der Theatertruppe "Berliner Ensemble", läßt sich nur widerstrebend das eine oder andere Fragment entlocken. Die fettesten Bissen des Archivs - die Tage- und Arbeitsbücher, die Korrespondenz - werden vorerst unter Verschluß bleiben; sehr zum Verdruß westdeutscher Intellektueller, die endlich wissen möchten, was Brecht in politischer Hinsicht wirklich gedacht hat, nachdem die Eindeutigkeit seiner Bekenntnisse zur DDR durch einige bekanntgewordene Briefe und Gedichte etwas gelitten hat.
Aber auch in den "Flüchtlingsgesprächen", bestehend aus 18 Unterhaltungen zwischen dem Arbeiter Kalle und dem Physiker Ziffel, ist das Politische, ebenso wie das Private und Biographische, sorgfältig verschlüsselt. Sein Privatleben, meinte Brecht, habe die Öffentlichkeit nur so weit zu interessieren, als es exemplarisch für größere Zusammenhänge sei. Er schrieb, wenigstens in dieser Hinsicht, nach dem Ideal Flauberts: "Überall anwesend und nirgends sichtbar."
Zweifellos aber verlief Brechts Leben zeitweilig exemplarisch genug: Der Dreigroschenoper-Autor verließ Deutschland einen Tag nach dem Reichstagsbrand fluchtartig mit seiner Familie und einigen Freunden. Über Hitler notierte er: "Dieser hervorragende Mann hatte seit Jahren in einer Provinzstadt, bekannt durch ihre Kunst und ihr hervorragendes Bier, allerhand Kleinbürger um sich gesammelt und ihnen mit einer in unserem Lande ungewöhnlichen Beredsamkeit versichert, daß eine große Zeit im Heraufkommen sei.
"Nachdem er einige Jahre im Zirkus aufgetreten war, gewann er das Vertrauen des Reichspräsidenten, eines Generals, der den ersten Weltkrieg verloren hatte, und wurde in Stand gesetzt, den zweiten vorzubereiten.
"Ich aber, der ich schon eine große Zeit in meiner Jugend erlebt hatte, bewarb mich eilig um eine Stelle in Prag und verließ Hals über Kopf das Land."
Brecht umkreiste Deutschland, hielt sich in Prag, Wien, Paris und in der Schweiz auf. Schließlich nistete er sich in einem Bauernhaus bei Svendborg an der dänischen Küste ein, möglichst "nahe an den Grenzen", und schrieb in einem weißgetünchten Pferdestall, den er sich als Arbeitsraum eingerichtet hatte, in den Jahren 1933 bis 1940 seine bedeutendsten Werke:
- "Leben des Galilei",
- "Mutter Courage und ihre Kinder",
- "Der gute Mensch von Sezuan",
- "Das Verhör des Lukullus",
- seine wichtigsten Essays und
- die "Svendborger Gedichte".
Hier begann er auch Ende der dreißiger Jahre die "Flüchtlingsgespräche". "Ich bin froh, daß ich aus paris heraus bin", schrieb Brecht an seinen Freund, den Schriftsteller Kläber, "viel amüsanter ist es hier auch nicht, aber zum arbeiten gibt es mehr zeit. das radio spielt wieder jeden abend, so ist der kontakt wiederhergestellt." Brecht-Biographin Marianne Kesting: "Zeitungen, Post und Radio und gelegentliche Besuche waren Brechts einzige Berührung mit der Außenwelt.'"
Die Gespräche, deren er so bedürftig war, hielt er mit sich selbst. Er teilte sich in zwei Figuren auf, in Kalle und Ziffel, die er im Wartesaal von Helsinki ihre lakonischen Meditationen über Pässe, Tugend, Pornographie, Zigarren, Schule und Demokratie halten ließ, wobei er ein genaues Exerzitium dessen vollführte, was er in einem Essay die "Fünf Schwierigkeiten beim Schreiben der Wahrheit" nannte.
Kalle und Ziffel, beide politische Flüchtlinge, sind sich darüber im klaren, daß man, die Wahrheit weder laut - sie blicken sich, bevor sie sprechen, meist vorsichtig um - noch allzu deutlich sagen dürfe. Sie bedienen sich gewissermaßen des Brechtschen "Verfremdungseffektes": Sie sagen alles, was sie sagen möchten, aber sie sagen es so, daß es sich höchst zweideutig anhört.
Kalle und Ziffel sind, bei Dünnbier und Zigarren, ausgiebig damit beschäftigt, die gängigen und herrschenden Anschauungen und Denkklischees mit bayrisch-bäurischer Konsequenz zu durchleuchten und auf den politischen und moralischen Schlagworten ihrer Zeit so lange herumzukauen, bis die Phrasen, wie leere Hülsen, unter die traurigen Wartesaaltische fallen.
"Die Sorge für den Menschen", erläutert Ziffel etwa, "hat in den letzten Jahren sehr zugenommen, besonders in den neuen Staatengebilden. Es ist nicht wie früher, sondern der Staat kümmert sich. Die großen Männer, die an mehreren Orten Europas aufgetaucht sind, zeigen ein großes Interesse an Menschen und können nicht genug davon kriegen: Sie brauchen viele."
Kalle antwortet: "Das Letzte ist eins von den Lieblingswörtern von ihnen. Aufm Moor hat der SS-Mann immer gesagt, wir müssen mit der letzten Kraft zustechen. Ich hab mich oft gewundert, warum wirs nicht mit der ersten haben machen dürfen. Es hat aber die letzte sein müssen, sonst hätts ihnen keinen Spaß gemacht. Auch den Krieg wollens mit der letzten Kraft gewinnen, darauf bestehens."
Während seines Aufenthalts in Schweden wollte Brecht emigrierte Wissenschaftler dazu bewegen, ein Schlagwörterbuch des Faschismus anzulegen. In den "Flüchtlingsgesprächen" scheint er sich einige erste Kommentare dazu ausgedacht zu haben. Die vertrackte Methodik des Gesprächs zwischen den Emigranten Kalle und Ziffel - "die schärfsten 'Dialektiker sind die Flüchtlinge" - nagt an den moralischen Zuständen der modernen Gesellschaft herum, in der sich offenbar nicht nur die Worte, sondern auch die Tugenden ihrer ursprünglichen Bedeutung entfremdet und in ihr Gegenteil verkehrt haben.
So befassen sich die beiden Emigranten nach der Kritik an den Worten mit der Kritik der Tugenden, die Autor Brecht, speziell in seiner "Dreigroschenoper", dem "Guten Menschen von Sezuan" und den "Sieben Todsünden" so ungewöhnlich beleuchtete, daß er bei einem Teil des Publikums in den Ruf eines zynischen Immoralisten kam.
Brecht argwöhnte, die Tugenden
- hätten im modernen Staat eine ungewöhnliche Färbung angenommen und
- würden vornehmlich dazu benutzt,
aus den Menschen möglichst viel herauszupressen.
Für die ungewöhnliche Verfärbung der Tugenden nennt er in bezug auf die Ordnungsliebe in den "Flüchtlingsgesprächen" als Beispiel einen KZ -Aufseher, der beim Prügeln besonders gewissenhaft vorgegangen sei: "Der Ordnungssinn ist so in ihm dringesteckt, daß er lieber nicht geprügelt hätt, als unordentlich."
Dazu, daß Tugenden zum Auspressen des Menschen benutzt würden, erläutert der Arbeiter Kalle seinem Gesprächspartner Ziffel: "Wir in den ärmeren Vierteln sind viel tugendhafter erzogen worden als Sie. Wie ich sieben Jahr alt gewesen bin, hab ich in der Früh vor der Schul Zeitungen austragen müssen, das ist Fleiß, und das Geld haben wir uns von den Eltern wegnehmen lassen, das ist Gehorsam. Wenn der Vater besoffen nach Haus gekommen ist, wars ihm nicht recht, daß er den halben Wochenlohn versoffen hat, und er hat uns durchgeprügelt, so haben wir lernen können, Schmerz zu ertragen, und wenn wir nur Kartoffel gekriegt haben und zu wenig, haben wir 'danke' sagen müssen, der Dankbarkeit wegen glaub ich."
Unter solchen Aspekten begeistern sich die beiden Dünnbiertrinker gemeinsam für gewisse Untugenden. Wenn die Tugend als Motivation der Unmenschlichkeit dient, so meinen sie, müßten folglich die Untugenden eine gewisse Garantie für die Menschlichkeit bieten.
Kalle, argumentiert etwa: "Andrerseits ist Menschlichkeit in unseren Zeitläuften kaum zu erhalten ohne Bestechlichkeit ... Sie werden Menschlichkeit finden, wenn Sie einen Beamten finden, der nimmt. Mit etwas Bestechung können Sie sogar gelegentlich Gerechtigkeit erlangen."
Da ihnen alle Staaten, in denen Tugenden wie Tapferkeit, Freiheitsdurst, Selbstlosigkeit gefordert werden, suspekt geworden sind, machen sich Kalle und Ziffel auf die "Suche nach einem Land, wo es besser zu leben ist". Es bieten sich ihnen, nachdem Deutschland und Italien zu heroisch geworden sind, Amerika, Dänemark, Schweden, Finnland, Lappland, Frankreich. Wie Brecht von Land zu Land reiste, so probieren die beiden gesprächsweise alles durch und konstatieren am Ende doch nur, daß man nirgendwo mehr menschenwürdig leben könne. In Frankreich müsse man zu patriotisch sein, in Schweden und Lappland bekomme man keine Stellung. "Die Schweiz", meditiert Kalle, "ist
ein Land, das berühmt dafür ist, daß sie dort frei sein können. Sie müssen aber Tourist seine"
In hoffnungsvoller Weise ausgespart in den grimmigen Äußerungen der Emigranten bleibt die Sowjet-Union. Sie erscheint vage, quasi als noch unbezeichnetes Blatt Papier, das sich allerdings, bevor noch Brecht an seinen Gesprächen schrieb, mit den Blutzeichen der Moskauer. Schauprozesse, der Hinrichtung der revolutionären Intelligenz, befleckte, worüber Brecht starrsinnig und finster schwieg.
Entsprechend ziehen Kalle und Ziffel nicht in Erwägung, in die Sowjet-Union
auszuwandern, die auch Autor Brecht 1941 nur schnell durchquerte, um ans rettende kalifornische Ufer zu gelangen. Er siedelte sich in Santa Monica bei Hollywood an und ging' laut Gedicht, auf den Markt, wo Lügen gekauft werden".
Immerhin erläutert der Arbeiter Kalle dem Physiker Ziffel: "Sie haben mir zu verstehen gegeben, daß Sie auf der Suche nach einem Land sind, wo ein solcher Zustand herrscht, daß solche anstrengenden Tugenden wie Vaterlandsliebe, Freiheitsdurst, Güte, Selbstlosigkeit so wenig nötig sind wie ein Scheißen auf die Heimat, Knechtseligkeit, Roheit und Egoismus. Ein solcher Zustand ist der Sozialismus ...
"Ich fordere Sie auf, sich zu erheben und mit mir anzustoßen auf den Sozialismus, aber in solch einer Form, daß es hier im Lokal nicht auffällt. Gleichzeitig mach ich Sie darauf aufmerksam, daß für dieses Ziel allerhand nötig sein
wird. Nämlich die äußerste Tapferkeit, der tiefste Freiheitsdurst, die größte Selbstlosigkeit und der größte Egoismus."
Ziffel: "Ich habs geahnt."
Dazu Brechts zweideutige Regieanmerkung: "Und er erhob sich mit seiner Tasse und machte mit ihr eine ungenaue Bewegung, die nicht leicht jemand als einen Versuch zum Anstoßen entlarven konnte."
Mit diesem Schluß seiner "Flüchtlingsgespräche" verschwindet Autor Brecht, der eben deutlich zu werden unternahm, wieder im Dunkel der Auslegung. Brecht: Wer immer es ist, den ihr sucht: ich bin es nicht."
Sämtliche Werke Brechts erscheinen im Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main; für die DDR ediert der Ostberliner Aufbau-Verlag eine bisher vollkommen parallele Lizenz-Ausgabe. Ein Lizenz-Angebot des Suhrkamp Verlags auch für die "Flüchtlingsgespräche" ließ der Ostberliner Verlag ohne Antwort.
* Bertolt Brecht: "Flüchtlingsgespräche". Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main; 168 Seiten: 5,80 Mark.
Autor Brecht (1927): Monologe im Pferdestall
Brecht-Witwe Helene Weigel
Nachlaß unter Verschluß

DER SPIEGEL 34/1961
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


  • Parabel-Flug: Promi-Party in der Schwerelosigkeit
  • Slackline-Artistik: Messerscharfer Salto auf der Wäscheleine
  • Ungewöhnlicher Trip: Weltreise für 50 Euro
  • "Horrorhaus" in Kalifornien: "Meine Eltern haben mir das Leben genommen"