06.09.1961

ENGLAND / ANTISEMITISMUSLaster des Mittelstands

"Die letzte Bastion des Antisemitismus in England", grollte der Londoner "Daily Herald" unlängst, "sind jene vielen Golfklubs, in denen eine Panik ausbricht, wenn ein Jude Mitglied werden will."
Dieses Ergebnis hatte eine Enquete zutage gefördert, die von der Vereinigung "Kampagne gegen Rassendiskriminierung im Sport" bei den rund 2000 Golfklubs Großbritanniens angestellt worden war.
"Fast die Hälfte dieser Klubs vermeidet nach Möglichkeit die Aufnahme von Juden", berichtete Rechtsanwalt Anthony Steel, der 27jährige ehrenamtliche Sekretär der Vereinigung. "Am schlimmsten ist es in London und den Industriestädten Mittelenglands."
Steel ergänzte: In Schottland denkt man anders. Dort ist Golf vorwiegend ein Arbeitersport, und soweit bei unseren Arbeitern rassische Vorurteile bestehen, richten sie sich gegen Farbige. Antisemitismus ist ein Laster des britischen Mittelstands."
Die Rechercheure der Vereinigung haben zwar in keinem der Klubstatuten ausdrückliche Arier-Paragraphen entdecken können, aber diskretere Methoden der Golf-Funktionäre zur Wahrung der Klub-Exklusivität erweisen sich als nicht minder wirksam. So enthält das Formular, auf dem Liebhaber des Golfsports ihre Aufnahme in den "South Herts"-Klub des Londoner Vororts Totteridge beantragen können, auch die Fragen, welcher Religion der Bewerber angehöre und ob er irgendwann seinen Namen gewechselt habe. Schon der Verdacht jüdischer Versippung genügt, den Antrag ad acta zu legen.
Das erlebte die Fernseh-Regisseurin Anna Lett, inzwischen mit dem konservativen Abgeordneten Christopher Chataway verheiratet, beim feudalen Highgate-Klub.
Da ihr Mädchenname jüdisch klingt, ließ man sie diskret wissen, daß der Antrag abgelehnt sei. Als der Klub später feststellte, daß die Ahnentafel der Abgeblitzten bar aller semitischen Schatten ist, bot er ihr flugs die Mitgliedschaft an. Diesmal zeigte sich Anna desinteressiert.
Dem liberalen Politiker jüdischer Abstammung Cyril Rose, einem hochdekorierten Fliegerhelden des Zweiten Weltkriegs, erging es beim Londoner "Moor Park" -Klub ähnlich. Kommentierte Rose die Ablehnung: "Offenbar ist dieser Klub exklusiver als die Royal Air Force."
Eine Pastorenfrau aus Southport meldete ihrerseits, sie habe die Sekretäre der vier privaten Golfklubs ihrer Stadt angerufen. Alle hätten eingestanden, daß sie Juden nicht aufnehmen.
Da das Phänomen antisemitischer Golfspieler nicht recht in das geistige Klima eines Landes passen will, das seit Jahrhunderten verfolgten Minderheiten anderer Staaten Asyl bietet, forschte Steel auch kuriosen Motiven nach, die den Golf -Antisemitismus erklären könnten.
Er hörte, daß jüdische Golfsportler nach dem Spiel angeblich weniger alkoholische Getränke an der Bar des Klubhauses konsumierten als Vollblut-Engländer und damit die Vereinskasse schädigten.
"Aber das kann nicht der Hauptgrund sein", meditierte Steel. "Wahrscheinlich wollen die Leute im Klub unter sich sein. Portugiesen, Italiener oder Griechen würden sie auch nicht aufnehmen. Und einen Deutschen nur dann, wenn er aus Westfalen stammt, nicht aber aus Schlesien."
Golfspielerin Anna Lett, Ehemann: Verkannte Ahnentafel

DER SPIEGEL 37/1961
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