13.09.1961

EATHERLY-BRIEFEDreyfus in Waco

Am 6. August 1945 gab der amerikanische Major Claude Robert Eatherly, Mitglied der 509. Bombergruppe in der 20. US-Luftflotte, von seinem Führungsflugzeug aus ein Signal, das ihm wenig später den Titel eines "Victory Boy" eintrug. Auf sein Zeichen hin löste die Besatzung einer B-29 mit dem Namen "Enola Gay" über der japanischen Stadt Hiroshima eine Atombombe aus. Opfer dieses ersten nuklearen Luftangriffs: 78 000 Tote.
Der damals 26jährige Eatherly wurde mit dem "Distinguished Flying Cross" ausgezeichnet und zum "Helden der Nation" proklamiert, er reagierte jedoch ganz anders als die übrigen 41 Teilnehmer an der Hiroshima-Aktion. Während sich der Kommandant des Bombers "Enola Gay", Colonel Paul Tibbets, in einem verharmlosenden Film glorifizieren ließ und der Bombenschütze Major Thomas Ferebee die Zerstörung von Hiroshima als "good job" lobte, beschuldigte sich Eatherly: "Ich fühle, daß ich alle diese Menschen in Hiroshima getötet habe."
Eatherly wurde ein Pazifist, der Geld und Briefe nach Japan schickte, in Versammlungen gegen die atomare Bewaffnung protestierte und versuchte, seine Landsleute von seiner Schuld zu überzeugen. Nach einem mißglückten Selbstmordversuch und einem freiwilligen Aufenthalt im Hospital für ehemalige Kriegsteilnehmer in Waco, Texas, machte er sich schließlich daran, "das ,Heldenbild' zu zertrümmern, das die Gesellschaft sich von mir gemacht hatte":
- Anfang 1953 fälschte Eatherly einen Scheck über eine kleine Summe und schickte das Geld an eine Stiftung für die Waisenkinder von Hiroshima. - Im Herbst 1956 überfiel Eatherly zwei Postämter in Texas, ließ aber seine Beute zurück.
- Im März 1959 forderte Eatherly in einem Lebensmittelgeschäft in Dallas, Texas, mit vorgehaltener Pistole die Kasse.
Diese bizarren Aktionen, in denen sich Eatherly gegen Gesetze verging, um, nach seiner eigenen Aussage, zu demonstrieren, daß auch seine vorhergegangene Tat - das Signal zum Atombombenabwurf - ein Verbrechen gewesen sei, vermochten die Amerikaner von Eatherlys Schuld nicht zu überzeugen. Er wurde auf Antrag seines Anwalts für unzurechnungsfähig erklärt und kehrte in das Hospital von Waco zurück, wo der Psychiater an ihm einen "klassischen Schuldkomplex" diagnostizierte: "Hiroshima allein genügt nicht, sein Verhalten zu erklären."
Gegen die Auffassung der Waco-Ärzte, daß Eatherlys Verhaltensweise krankhaft und nur als klinischer Fall begreiflich sei, polemisierte wenige Monate später der 59jährige in Wien lebende Schriftsteller Günther Anders, Verfasser des Essaybandes "Die Antiquiertheit des Menschen" und des Hiroshima - und Nagasaki-Tagebuchs "Der Mann auf der Brücke". In einem Brief an Eatherly bescheinigte er dem Adressaten moralische Gesundheit: "Ihre Reaktion beweist die Lebendigkeit Ihres Gewissens."
Eatherly antwortete, und zwischen dem Flieger und dem Schriftsteller entwickelte sich eine Korrespondenz, die der Rowohlt Verlag im Herbst dieses Jahres unter dem Titel "Off Limits für das Gewissen" veröffentlichen wird*.
Anders nannte in seinen Briefen Eatherly ein "Kronbeispiel" dafür, daß der Einzelmensch im modernen Staat sich "schuldlos schuldig" mache.
In einem Antwortbrief an Anders gestand der Patient des Militärhospitals von Waco: "Ich habe das Gefühl, daß Sie mich so verstehen wie niemand sonst, außer vielleicht mein Arzt und Freund", und machte Anders mit dem bekannt, was er seine "Philosophie" nannte. Er halte es in der gegenwärtigen Situation für notwendig, schrieb Eatherly, zu prüfen, ob das Individuum sich noch politischen Parteien und Gewerkschaften, der Kirche oder dem Staat anvertrauen dürfe, denn: "Keine dieser Institutionen ist ausreichend in der Lage, unfehlbaren moralischen Rat zu geben, und deshalb ist es notwendig, deren Anspruch, solchen Rat zu erteilen, anzufechten." Eatherly forderte eine Weltregierung ohne politische Interessen-Organisationen und ohne übermächtige militärische Machtmittel und suchte nach Möglichkeiten, die Atomphysiker zur Aufgabe ihrer Forschungsarbeit zu bewegen.
Anders äußerte sich allerdings skeptisch zu Eatherlys utopischen Plänen. Als aussichtsreicher bezeichnete er den Versuch, die öffentliche Meinung zu beeinflussen. Er bat Eatherly um die Genehmigung, dessen Brief zu publizieren, und schlug vor, daß Eatherly zum Jahrestag der Hiroshima-Bombardierung eine Botschaft nach Japan sende.
Zu dieser Zeit hatte Eatherly von seiner bevorstehenden Entlassung aus dem Krankenhaus berichtet, aber schon im August 1959 meldete er, daß sein Antrag zurückgewiesen worden sei. Er argwöhnte, die Militärbehörden in Washington hielten ihn wegen seines Pazifismus und seiner Hiroshima-Botschaft fest.
Auch seine Hoffnung, daß er noch vor Weihnachten 1959 frei sein werde, wurde zunichte, als sein Bruder Joe Eatherly, von Claudes pazifistischer Aktivität offenbar wenig angetan, sich weigerte, die Verantwortung für ihn zu übernehmen. Eatherly floh darauf aus dem Hospital, wurde aber wieder aufgegriffen und zurückgebracht.
Anders, "krank vor Enttäuschung und empört und angewidert" darüber, daß Eatherly weiterhin im Krankenhaus von Waco interniert gehalten wurde, bemühte sich, in Briefen an Eatherlys Geschwister und an Eatherlys Arzt nachzuweisen, daß sein Briefpartner keineswegs krank sei, und bat um ihre Hilfe, erhielt jedoch keine Antwort. Auch eine von Eatherly geforderte Gerichtsverhandlung in der über seine Entlassung entschieden werden sollte, half nicht weiter: Die Ärzte von Waco befanden, daß ihr Patient noch immer Behandlung nötig habe.
Nach weiteren Fehlschlägen entschloß sich Eatherly, mittlerweile ungeduldig geworden, auf den Beistand seiner Familie zu verzichten und auch keinen weiteren Gerichtsbeschluß mehr abzuwarten. Er brach Ende Oktober 1960 aus und berichtete in einem Brief, den Anders am 1. November 1960 erhielt, er sitze "fest in einer sehr hübschen Wohnung ..., die ich nicht verlassen kann, weil die Regierung nun jedermann hinter mir herhetzt".
Erst zwei Monate nach seiner Flucht wurde Eatherly in Dallas festgenommen und nach Waco zurückgebracht. In einer Verhandlung am 12. Januar 1961 erklärte ihn ein Geschworenengericht in Waco für geisteskrank und ordnete seine weitere Internierung im Veterans Administration Hospital von Waco an. Eatherlys Kommentar: "Well, so wird es eben gemacht."
Anders gab sich über dieses Urteil weniger gelassen. Er schrieb am 31. Januar 1961 einen offenen Brief an den amerikanischen Präsidenten Kennedy, in dem er das gerichtsmedizinische Gutachten anzweifelte, Eatherlys "abnorme" Reaktion als durchaus angemessen bezeichnete und dessen Verhalten mit einem Zitat des Dichters Gotthold Ephraim Lessing erklärte. Lessing: "Wer über gewisse Dinge den Verstand nicht verliert, der hat keinen zu verlieren."
Anders bat um eine Überprüfung des Falles Eatherly, der "in die Geschichte als die Dreyfus-Affäre des 20. Jahrhunderts" einzugehen drohe, und regte ein Gespräch zwischen Kennedy und Eatherly an. Der Präsident ließ den Brief unbeantwortet.
Ebenso unbeantwortet blieben nun auch die Briefe, die Anders an Eatherly
richtete, der seit der Urteilsverkündung am 12. Januar 1961 in Ward 10, der Abteilung für Tobsüchtige, interniert worden war. Erst nach fast sechsmonatiger Pause - die Korrespondenz war inzwischen bereits dem Rowohlt Verlag zur Veröffentlichung übergeben worden - erhielt Anders wieder einen Brief aus Waco, und wenig später, am 7. Juli 1961, meldete Eatherly, daß er das Hospital in einigen Monaten zu verlassen hoffe: "Ich fühle mich wunderbar, nur ein bißchen aufgeregt durch die Aussicht darauf, aus dem Hospital herauszukommen."
Seine Hoffnung, das Krankenhaus mit Zustimmung der Ärzte und Behörden verlassen zu dürfen, erfüllte sich offenbar nicht: Am 12. August ist Eatherly wieder aus dem Veterans Administration Hospital von Waco ausgebrochen. Die Fahndung der amerikanischen Polizeibehörden blieb bisher ohne Erfolg.
* "Off Limits für das Gewissen. Ein Briefwechsel zwischen dem Hiroshima-Piloten Claude Eatherly und Günther Anders". Herausgegeben und eingeleitet von Robert Jungk. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg; 152 Seiten; 4,80 Mark.
Eatherly-Freund Anders Lessing-Zitat für Kennedy
A-Bomben-Werfer Eatherly Pilot verhaftet

DER SPIEGEL 38/1961
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