13.09.1961

HITLERAd nauseam

Während der Reichstag brennt, flirtet Hitler mit Eva Braun. Während Hindenburg stirbt, räkelt er sich mit ihr im Bett. Während Stalingrad fällt, möchte sie seine Frau werden.
Solche Verknüpfungen von Adolf Hitlers Privatleben mit bedeutsamen historischen Begebenheiten bietet ein Film, der zur Zeit in Hollywood gekurbelt wird. Das Flechtwerk ist der jüngste Versuch, das Phänomen Hitler zu erklären - diesmal nicht in einem Dokumentarfilm, sondern in einem abendfüllenden Spielfilm.
"Das ist die auslaugendste Rolle, die ich je gespielt habe", bekannte Darsteller Richard Basehart, der den Adolf Hitler als winselnden Liebhaber wie als wütenden Diktator nachäffen soll. "Ich muß von Anfang bis Ende des Films brüllen, auch in den sentimentalen Passagen."
Denn in einer "psychologischen Studie" zeigt die Hollywood-Firma Allied Artists den Führer, als sei er Titelheld eines Tennessee-Williams-Dramas: sexuell impotent, außerstande, normal zu lieben, und überdies mit einem hochgradigen Ödipus-Komplex behaftet.
Der Film lastet seinem Titelhelden damit Defekte an, die nach dem Urteil des angesehenen und gestrengen britischen Hitler-Biographen Alan Bullock niemals nachgewiesen worden sind. Bullock: "Aus den durchsichtigsten Gründen ist viel über Hitlers Sexualleben geschrieben worden: Er sei impotent, er habe die Syphilis, er sei unfähig zu normalem Liebesleben, er leide an der Krankheit Ludwigs XIV., an der Phimose oder Paraphimose, er neige zu Perversionen, er lebe in einer Atmosphäre ,verdrängter Sexualität', und so weiter ad nauseam**."
Wohl räumte Bullock ein, versierte Psychiater könnten möglicherweise den Nachweis erbringen, daß Hitlers Charakter von der Wesensart seiner Liebeserlebnisse umgebildet worden sei. Aber: "Für eine gründliche psychologische Untersuchung des Falles Hitler fehlt es an Beweismaterial."
Trotz dieser wissenschaftlichen Vorbehalte machten sich die Filmleute in Hollywood ans Werk. Produzent Charles Straus wollte Hitler "in seiner ganzen schäbigen Unzulänglichkeit darstellen" und gewann dabei die Unterstützung des Drehbuchautors Sam Neuman, der "durch eine persönliche Tragödie" zu der Überzeugung gelangt war, "daß die Welt mehr über die Zeit Hitlers wissen muß": Sämtliche Geschwister von Neumans Mutter sind in KZ-Lagern umgekommen.
Die Verleihfirma Allied Artists fand sich allerdings erst zur Finanzierung des Projekts bereit, nachdem sich herausgestellt hatte, daß (Dokumentar) -Filme über Hitler und das Dritte Reich an den Kinokassen in aller Welt reüssierten. Regisseur Stuart Heisler, einst Spezialist für Wildwestfilme, zeigte sich besonders beglückt, an dem Film über das Leben Hitlers mitarbeiten zu dürfen: Er wollte schon immer "einmal einen Film mit Richard Basehart machen".
Zwar verblieben dem Regisseur nur wenige Wochen für die Vorbereitung ("Eigentlich hätte ich ein ganzes Jahr gebraucht"). Aber dafür schaute er sich eine ganze Reihe alter Wochenschauen an, "um mehr Verständnis zu bekommen". Heisler: "Außerdem las ich über 15 Bücher."
Im Sommer machte sich der Regisseur daran, Neumans Skript ins Bild zu setzen. Erste Szene: Zerlumpte deutsche Landser ziehen 1918 heim ins Reich. Unter den müden Kriegern ist ein schnurrbärtiger Korporal, der mit brennenden Augen symbolträchtig zu einem ausgebrannten Haus hinschaut - Hitler.
Der Filmheld macht rasch Karriere, baut die NSDAP auf, versucht, die Republik zu beseitigen und seine Nichte Geli Raubal (verkörpert durch die deutsche Filmpreisträgerin Cordula Trantow) zu verführen. Doch das rechte Glück vermag er nicht zu finden. Denn unter dem Blondhaar der Nichte sieht Adolf stets das Gesicht seiner Mutter. Als Geli Raubal ihn durchschaut, ist es
um sie geschehen: Hitler läßt sie durch Himmler umbringen.
In Wirklichkeit ist das Schicksal Geli Raubals, die am 18. September 1931 tot in Hitlers Münchner Wohnung aufgefunden wurde, bis heute nicht eindeutig geklärt. Hitler-Biograph Alan Bullock schreibt, daß "Selbstmord die wahrscheinlichste Erklärung zu sein scheint".
Mit ähnlicher Grobpeilung erledigten die Filmhersteller einen beträchtlichen Teil des historischen Pensums. So verdeutlichten sie etwa optisch, was nach den Ermittlungen eines deutschen Kritikers "selbst die ältesten Kämpfer nicht erlebten": Hitler zieht mit Nichte Geli durch ein Spalier ergeben grüßender SA-Leute in eine Bierkeller-Versammlung ein.
Und auch die Vorgänge bei der Liquidierung des SA-Chefs Röhm beispielsweise werden geschildert, als seien die Film-Autoren dabei gewesen. Das Kinostück zeigt, wie Hitler sich mit Gewalt Zugang zu einem Hotelzimmer verschafft, in dem Röhm mit einem Freund kampiert. Röhm wird verhaftet, obwohl er seinen Führer daran erinnert, daß sie selbst weiland geschlechtlichen Umgang miteinander gehabt hätten. In ihrem Bestreben, neben der Karriere des Politikers Hitler die Wesenszüge des privaten Scheusals Hitler zu enthüllen, begaben sich die Filmhersteller auf die Handlungsebene einer Sex- und Horror-Kolportage hinab. KZ-Terror wird mit privater Idylle auf folgende Weise verquickt:
Bei einem Besuch im Konzentrationslager Auschwitz - Film-Hitler schnuppert die Abgase der Vernichtungsöfen und spricht: "Die Juden stinken sogar, wenn sie verrecken" - intoniert eine Gruppe von Häftlingen ein jüdisches Totengebet; Hitler fährt den Kommandanten an, er habe eigentlich in Auschwitz keine Synagoge erwartet. Dann blendet die Kamera von einem Sack mit Kunstdünger, der aus den Gebeinen Gemordeter gewonnen wurde, auf Hitlers Gebirgsdomizil bei Berchtesgaden über: Eva Braun erfreut sich an blühenden Tulpen, die dank trefflichem Dünger volle Pracht entfalten. In diesem Horrorspiel entrollt sich ein Bild Hitlers, wie es bislang niemand kannte. Statt eines pathographischen Protokolls, das aufzuzeichnen durchaus verdienstvoll gewesen wäre, fertigten die Filmhersteller ein Wachsfiguren-Melodrama. Die Errichtung des Dritten Reiches, der Zweite Weltkrieg, Hitlers Ende im Führerbunker zu Berlin - all das wird (zum Teil mit bislang unveröffentlichten eingeblendeten Dokumentaraufnahmen) geschildert, aber auch in einer Weise interpretiert, für die der Schluß des Films typisch ist: Hitler heiratet Eva Braun, verwehrt ihr aber, sich Frau Hitler zu nennen. Nur seine Mutter, verkündet der wie König Ödipus in seine Mutter verliebte Führer der Deutschen, habe das Recht, so zu heißen.
Die erzürnte Eva beschuldigt schließlich ihren Gatten, alles Unheil im Wahn eines Impotenten angerichtet zu haben. Hitler klärt sie auf: "Was immer ich auch getan habe, alles geschah zum Ruhme Deutschlands und des deutschen Volkes."
In der letzten Bildeinstellung lodern Flammen von den benzingetränkten Leichen des Ehepaars Hitler. Aus dem Jenseits dröhnt des Führers Stimme noch einmal in den Kinosaal: "Ich warne die ganze Welt!" Er werde den Demokratien "doch noch das Lebenslicht ausblasen".
** ad nauseam (lateinisch) = bis zum Erbrechen.
Amerikanischer "Hitler"-Film*: Die Leiden des Königs Ödipus
* Cordula Trantow als Geli Raubal, Richard
Basehart als Hitler.

DER SPIEGEL 38/1961
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