20.09.1961

FRANKREICH / ATTENTATTreffpunkt Melilla

Zweimal ging der elegant gekleidete Passant suchend vor der Terrasse des "Hotel Principe" im Zentrum Barcelonas auf und ab. Sein Gesicht war von einer Sonnenbrille beschattet; unter dem Arm trug er die rechtsextreme Pariser Zeitschrift "Carrefour".
Dann steuerte er auf einen Glatzkopf zu, der auf der Terrasse saß und gelangweilt in der rechtsextremen Pariser Zeitschrift "Rivarol" blätterte.
"Die Mutter meiner Schwester hat ein grünes Taschentuch", flüsterte der "Carrefour"-Träger auf französisch. In derselben Sprache kam die Antwort: "Ja, aber der Garten meiner Tante ist größer."
Nach diesem Zwiegespräch klopften sich die beiden gegenseitig auf die Schulter und tauschten ihre letzten Informationen über den hahe bevorstehenden "Tag X" in einer Lautstärke aus, die den Aperitif-Trinkern an den Nebentischen offenbarte, daß wieder einmal zwei französische Verschwörer im spanischen Exil zusammengetroffen waren.
Der Tag, über den die beiden Rechtsextremisten gesprochen hatten, war der Freitag vorletzter Woche. Um 21.45 Uhr detonierte in Frankreich an einer einsamen Stelle der Route Nationale 19 mit weithin sichtbarer Stichflamme eine chemische Zündflüssigkeit in dem Augenblick, da Frankreichs General-Präsident de Gaulle in seinem schwarzen Staats-Citroen vorbeibrauste.
Einer Laune des Vetters verdankt der Staatspräsident, daß er nicht in einem tiefen Krater von etwa 15 Meter Durchmesser den Tod fand: Eine nahezu 30 Kilogramm schwere Plastik-Sprengladung war durch einen anhaltenden Landregen unbrauchbar geworden; nur die Zündflüssigkeit reagierte so, wie die Attentäter gehofft hatten.
Bleich entstieg de Gaulle dem rußgeschwärzten Wagen. Mit den Worten "Ein Dummerjungenstreich. Weiterfahren!" tat er den Anschlag ab.
Das Attentat war jedoch von langer Hand vorbereitet worden; die Bombenleger hatten sogar eine Generalprobe der Zündeinrichtung veranstaltet.
De Gaulles Innenminister Roger Frey mußte denn auch am nächsten Tag zugeben, daß die intellektuellen Urheber des Anschlags nicht unter Frankreichs Halbstarken, sondern in jener Geheimorganisation zu suchen seien, die unter dem Namen "Organisation de l'Armee Seeröte" (OAS) seit Monaten Frankreich und Algerien terrorisiert.
An der Spitze der OAS, die von zahlreichen europäischen Geschäftsleuten und Siedlern in Algerien finanziell unterstützt wird, steht ein ehemaliger Duzfreund de Gaulles: der 62jährige Exgeneral Raoul Salan, einer der höchstdekorierten Offiziere der französischen Armee, der gemeinsam mit seinem Generalskameraden Maurice Challe den mißglückten Putsch vom April dieses Jahres angezettelt hatte (SPIEGEL 19/1961) und deshalb von einem Pariser Militärtribunal in Abwesenheit zum Tode verurteilt wurde.
Der in Frankreich steckbrieflich gesuchte Salan hat sein Hauptquartier in Melilla - einer der letzten spanischen Exklaven in Nordafrika - aufgeschlagen, wo ihm eine Gruppe erfahrener Militärs zur Seite steht, die wie er erbitterte Gegner der Algerien-Politik de Gaulles sind.
Von Melilla aus lenkt Salan seine über Frankreich, Algerien und Spanien verstreute Geheimarmee: Von Melilla aus unternimmt er auch regelmäßig Inspektionsreisen nach Algerien. Dort ist die Zusammenarbeit zwischen OAS und Armee so eng, daß Salan stets rechtzeitig vor überraschenden Polizei-Razzien gewarnt wird und nach Melilla retirieren kann.
Eine andere OAS-Filiale wurde im spanischen Mutterland eingerichtet, wo de Gaulles Gegner ungeniert in aller Öffentlichkeit konspirieren. Da von den 400 000 Algerien-Europäern spanischer Herkunft noch immer 350 000 die Staatsangehörigkeit ihrer Urheimat besitzen, rechnen Salans Mitstreiter nicht nur mit der Unterstützung durch das Franco -Regime, sondern auch mit weiten Sympathien bei der spanischen Bevölkerung.
Zudem genießen sie auf der Iberischen Halbinsel die Protektion eines Mannes, der als Graue Eminenz im Staate Francos gilt: des ehemaligen spanischen Außenministers Ramón Serrano Suner, der heute das Privatvermögen des Caudillo verwaltet.
In Serrano Suners Landhaus vor den Toren Madrids treffen sich von Zeit zu Zeit Belgiens einstiger Rexisten-Führer Leon Degrelle, Mussolini-Befreier Otto Skorzeny und die Emissäre Salans.
Unter den Augen der Franco-Polizei die ihre Sympathien für die französischen Ultras kaum verhehlt, haben Salans Rebellen auch ihren Geheimsender installiert, der den OAS-Aktivisten die Befehle des "Mandarins" - so Salans Spitzname seit seiner Dienstzeit im Fernen Osten - übermittelt.
In halbstündigen Sendungen erfahren die OAS-Mitglieder: "Auf Regen folgt Sonnenschein." - "Calais bekam eine neue Straßenkehrmaschine." - "Unsere Hausgehilfin hat gekündigt." Den OAS-Rebellen bleibt es überlassen, aus diesen Sätzen die für sie bestimmten Stichwörter herauszupicken.
Salans Geheimarmee verfügt, wie die Anhänger des Generals in Paris verbreiteten, über Waffen und Ausrüstungen für 150 000 Mann. Eine Kerntruppe von 10 000 OAS-Kriegern sollte am Tage X gleichzeitig in Algerien und im französischen Mutterland losschlagen. 100 000 weitere Helfer hätten administrative Aufgaben übernommen.
Für den Ablauf des Tages X hatte General Salan drei Phasen vorgesehen:
- Auftakt durch ein "besonders augenfälliges Attentat";
- Verhaftung der "unsicheren Elemente" der Armee, deren Kader angeblich zu 80 Prozent hinter der OAS stehen;
- Proklamation eines "nationalistischen und korporativ gegliederten" französischen Staates unter Einschluß Algeriens.
Staatschef wollte Raoul Salan selbst werden. Sein Regierungssystem: eine Militärdiktatur; denn - so hatte das OAS-Bulletin Nummer 3 verkündet "Wahlen bringen nur Schönredner an die Macht, und Frankreich braucht jetzt echte politische Ingenieure."
Ein starker Landregen und die Geständnisfreudigkeit des ertappten Attentäters Martial de Villemandy genügten indes, Salans Pläne zu durchkreuzen.
Nicht genug damit, daß die Explosion der Plastikbombe ausblieb und Charles de Gaulle den Anschlag überlebte auch die zweite Stufe des Salan-Plans wurde von der Pariser Polizei durch Massenverhaftungen vereitelt.
Bombenleger de Villemandy, früher Nachrichtensprecher in Saigon, brach schon in den ersten Stünden des Verhörs zusammen. Er erzählte den Pariser Kriminalbeamten nicht nur, daß die OAS von Algier aus den Befehl zum Losschlagen gegeben hatte, er verriet außerdem die Namen der führenden OAS-Funktionäre in Frankreich.
In rascher Folge verhafteten die Sûreté-Beamten daraufhin mehrere Generale und hohe Offiziere, darunter die Chefs der OAS in Frankreich, General Paul Vanuxem und General Jean-Marie Boucher de Crèvecoeur.
Damit endete Salans Tag X, bevor er überhaupt begonnen hatte.
In Melilla berieten indessen Salahs Vertraute. Die Rebellen hatten nicht nur ihre militärischen Führer in Frankreich verloren, auch ihr Finanzverwalter, der französische Industrielle Maurice Gingembre, war auf dem Flugplatz von Algier festgenommen worden.
Selbst wenn es der OAS nach diesem Rückschlag gelingen sollte, neue Bombenleger zu finden, muß ihr Chef, General Salan, doch noch ein anderes Hindernis überwinden, ehe er sich auf dem Präsidentenstuhl de Gaulles niederlassen kann: die Gleichgültigkeit der Bevölkerung im französischen Mutterland.
"Ich habe in letzter Zeit mit Hunderten von Franzosen gesprochen, die als Urlauber nach Spanien kamen", erregte sich einer der OAS-Emigranten im "Hotel Principe" zu Barcelona, "ich bin über ihre Ahnungslosigkeit entsetzt. Nur wenige begreifen, daß wir in Algerien eine Position des Abendlands verteidigen müssen."
Das Pariser Weltblatt "Le Monde" freilich warnte: "Das Attentat, das gestern mißlang, kann morgen in anderer Form wiederholt werden."
OAS-Verschwörer Salan
Am Tag X ...
OAS-Verschwörer Vanuxem
... ein Blindganger

DER SPIEGEL 39/1961
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 39/1961
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

FRANKREICH / ATTENTAT:
Treffpunkt Melilla