27.09.1961

„Mein Gott - was soll aus Deutschland werden?“

Konrad Adenauer war 77 Jahre alt, und man schrieb das Jahr 1953, als Winston Churchill von ihm sagte: Er sei "seit Bismarck der bedeutendste deutsche Staatsmann, bedeutender als Stresemann".
Acht Jahre nachdem der Staat Bismarcks und Stresemanns in dem von Hitler heraufbeschworenen Inferno untergegangen war, eröffnete Churchills anspruchsvolles Urteil eine von da an nicht mehr abreißende Folge von Würdigungen des deutschen Kanzlers. Konrad Adenauer rückte neben Nikita
Chruschtschow und Albert Schweitzer in die Reihe der am meisten apostrophierten Figuren der Weltöffentlichkeit ein.
Der Chor der Urteilenden glich freilich dem Stimmengewirr von Rezensenten angesichts der Bartspitzen von Salvador Dali. Die Superlative reichten von der Trinkspruch-Würdigung Adenauers durch US-,Außenminister John Foster Dulles - "einer der hervorragendsten Staatsmänner aller Zeiten" - bis zu Chruschtschows bösem Fluch "letzter Kalter Krieger". Der israelische Ministerpräsident David Ben-Gurion nannte Adenauer "ein Sinnbild der wiedererwachenden Menschlichkeit", der britische Labour-Abgeordnete R. H. S. Crossman hingegen schrieb, Adenauer sei "ein Primitiver".
So unterschiedlich die Urteile waren, ebensosehr divergierten auch deren Begründungen. Einige wollten in Adenauer einen heimlichen Nationalisten und Militaristen erkennen, andere, so der französische Historiker Robert Graf d'Harcourt, sahen in dem katholischen Rheinländer einen "überzeugten Zivilisten".
Der britische Deutschenfresser Lord Vansittart faßte angesichts Adenauers zum erstenmal in seinem Leben Zutrauen zu den Deutschen: "Jetzt sehe ich .... eine Tendenz, die zugunsten der christlichen Zivilisation gewandelt werden kann." Der den Deutschen kaum weniger abholde Crossman erhitzte sich dagegen angesichts Adenauers zu einem glühenden Liebhaber deutscher Einheit: "Adenauers Konzeption von Deutschland schließt viel zuviel von dem aus, was wirklich deutsch ist :.."
Die Unterschiedlichkeit der Urteile über den Politiker Adenauer spiegelte die Undurchsichtigkeit und - Unzugänglichkeit der Person Adenauers wider. Cyrus L. Sulzberger, außenpolitischer Kolumnist der "New York Times", nannte Adenauer den "hölzernen Kanzler". Ex-Reichskanzler Brüning bezeichnete Adenauer als "dogmatisch". Der Washingtoner Korrespondent der "New York Times", James Reston, hielt ihn für "stark, stur, elementar und zeitlos wie ein alter Indianerhäuptling" - "imponierender alter Indianer" war er erstmalig im SPIEGEL genannt worden (Jens Daniel 1950). Walter Lippmann, Kommentator der "New York Herald Tribune", fand den Kanzler in einem Gespräch 2starr, unfruchtbar, unrealistisch und illusionär".
Das "Indianergesicht" Adenauers übte auf viele Chronisten die Attraktion vorgeschichtlichen Schamanentums aus. Sie entdeckten an Adenauer immer neue und immer wunderlichere Geheimnisse.
Manche vermuteten hinter dem Holzschnitt-Gesicht finstere papistische Pläne, manche Leere und Nichtigkeit eines Routiniers der kleinen Handgriffe provinzieller Politik, andere - wie der deutsch-amerikanische Amateur-Historiker Edgar Alexander - "einen tiefen Gehorsam unter dem Gesetz Gottes".
Eine in Belgien erschienene Adenauer-Biographie ("Le Mythe Adenauer" von E.-N. Dzelepy) bezeichnete den Kanzler auf einer Druckseite als "l'épigone des pangermanistes" (Epigonen der Alldeutschen) und als "artisan de la division" (Handlanger der deutschen Teilung). Der Schreiber warf dem Kanzler vor, daß er sich geweigert habe, Berlin wieder zur Hauptstadt Deutschlands zu machen (weil daraus, wie Adenauer in der Tat gesagt hat, ein "neues Preußen" erstehen werde). Derselbe Verfasser beschuldigte Adenauer, die Tradition des preußischen Militarismus fortzusetzen.
Andere, ernster zu nehmende Verfasser fanden es offenkundig schwer, eine schlüssige Formel für den Menschen und Politiker Adenauer zu finden.
Der Historiker der CDU-Frühgeschichte, Hans Georg Wieck, enthielt sich in seinem Buch "Die Entstehung der CDU" jeglichen Urteils über Adenauer. Beinahe genauso vorsichtig verfuhr Dr. Arkadij R. L. Gurland, ehemals Redakteur der "Leipziger Volkszeitung", jüngst als Ko-Autor der von Golo Mann neu herausgegebenen Propyläen-Weltgeschichte bekanntgeworden. In seinem über 1000 Seiten umfassenden Buch-Manuskript "Die CDU/CSU", das seit Jahren auf einen Verleger wartet, kommt Gurland nirgends zu einer zusammenfassenden Würdigung Adenauers.
Nur an einer Stelle macht Gurland eine freilich gehaltvolle Anmerkung zu der Art Adenauerscher Politik. Im Rahmen einer Darstellung, die sich mit den Auseinandersetzungen innerhalb der CDU über die Partei-Linie in der Deutschland-Politik befaßt, meint Gurland: Adenauer vermied, seine eigene Konzeption "durchzudrücken", sondern beschränkte sich darauf, abzuwarten, wie andere Richtungen "sich selbst ad absurdum" führten.
Diese Charakterisierung der Adenauerschen Deutschland-Politik läßt sich unschwer auf Adenauers politisches Verhalten überhaupt ausdehnen und trifft sicher einen wesentlichen Punkt im Psychogramm des Politikers Adenauer, nämlich seinen "Realismus": die Neigung, die Dinge auf sich zukommen zu lassen und "keine Experimente zu machen".
Zu einem ganz ähnlichen Urteil wie Gurland kommt ein anderer Adenauer-Historiker, der jetzt englischschreibende Arnold J. Heidenheimer. Er sagt in seinem 1960 in Holland erschienenen Buch "Adenauer and the CDU": Adenauer "mißtraute spekulativen Konstruktionen und wartete geduldig die Entwicklungen ab ... Er hielt sich selbst in Reserve."
Adenauers "Keine Experimente!"-Politik hat zu seinen Regierungszeiten in der deutschen Presse und Publizistik mehr Verachtung als Bewunderung, mehr Kritiker als Lobsprecher gefunden. Sein "Immobilismus" wurde zum Vorwurf gegen die Politik der Bundesrepublik. Unbestreitbar ist, daß
Adenauers Politik weniger darauf gerichtet war, die Verhältnisse zu gestalten, als vielmehr dahin zielte, vorgegebene und von anderer Seite betriebene Gestaltungen aufzufangen und zu beeinflussen.
Die Teilung Deutschlands in zwei Staatsgebilde ist von Adenauer nicht betrieben, sondern von Hitler heraufbeschworen und von den Sowjets vollstreckt worden. Nicht zu leugnen aber ist, daß Adenauer das anscheinend Unabänderliche hinnahm, in dessen Institutionalisierung mitwirkte und sich im
übrigen auf den Versuch beschränkte, die deutsche Situation in dem durch die Weltpolitik gegebenen. Rahmen für künftige Entwicklungen offenzuhalten.
Zweifellos war Adenauer ursprünglich von einer tiefsitzenden Abneigung gegen den deutschen Einheitsstaat preußischdeutscher, bismarckischer Prägung beherrscht, aber in der Tat spielte diese Aversion keine ausschlaggebende Rolle. Adenauer folgte in seiner Deutschland-Politik einfach dem Trend der Dinge, so wie sie nun einmal nach Hitler durch die sowjetische Teilungspolitik geformt
wurden. Seine Politik war "realistisch" oder, polemisch ausgedrückt: opportunistisch.
Noch deutlicher trat Adenauers Realismus-Opportunismus auf dem Gebiet der Sozialpolitik zutage. Auch hier folgte er mehr dem Gefälle der Entwicklung als einer eigenen Konzeption.
Zweifellos entsprach die Verneinung sozialistischer Experimente und die Wiederherstellung des bürgerlichen Gesellschaftsaufbaus, wie sie sich nach der Währungsreform 1948 in Westdeutschland sozusagen von selber vollzogen, im großen - und ganzen den Wünschen und Vorstellungen Adenauers. Aber auch auf, diesem Gebiet waren weniger die Konzeptionen Adenauers ausschlaggebend als vielmehr das vorgegebene Gefälle der Dinge selbst.
Es verdient Beachtung, daß der einzige Versuch Adenauers, in den Gang der Geschichte wirklich gestaltend einzugreifen, auf übernationaler Ebene stattfand. Das war die von Anfang bis Ende seines Wirkens als Parteiführer und Kanzler beharrlich durchgehaltene Politik der europäischen Integration.
Die immerhin überraschende Tatsache, daß Adenauer als Führer des zerschlagenen und geteilten Deutschland kaum anders als im übernationalen Rahmen umformend tätig zu werden versuchte, läßt vermuten, daß er Deutschland und die Bundesrepublik zuinnerst gar nicht mehr als ein Feld sinnvoller politischer Operationen akzeptierte - anders ausgedrückt: daß er zukunftsträchtige Entscheidungen nur noch in übernationalen Bereichen für denkbar hielt.
So kommt denn auch Heidenheimer am Ende seines Buches zu dem Schluß, daß Adenauer nur als europäischer Staatsmann bewertet werden könne, daß mithin erst dann ein Urteil über ihn möglich sei, wenn sich entschieden habe, ob seine Integrationspolitik erfolgreich oder erfolglos gewesen sei.
Um dieser Zukunft willen habe Adenauer allerdings, meint Heidenheimer, seine Partei und die Bundesrepublik mit schweren Hypotheken belastet. "Wenn man", schreibt Heidenheimer, "Adenauer als Erzieher zu demokratischen Gebräuchen und als Erbauer eines demokratischen Parteiensystems innerhalb der gegenwärtigen Bundesrepublik beurteilt, ist es verhältnismäßig leicht, ihn der Nachlässigkeit und mangelnder Voraussicht zu beschuldigen. Sein kavaliersmäßiges Desinteresse am inneren Aufbau seiner Partei scheint seine Verachtung für lebenswichtige Aspekte des Parteilebens überhaupt zu enthüllen. Für jene, deren Hauptinteresse noch auf die Frage gerichtet ist, ob das schlechte Funktionieren der demokratischen Institutionen in Deutschland eines Tages zur Wiedererhebung totalitärer Kräfte führt, sind dies in der Tat ernste Überlegungen. Doch ist heute ausreichend klar, daß 'Bonn nicht Weimar' ist und daß die gegenwärtige Bundesrepublik als eine Übergangslösung angesehen werden kann."
Eben darin, daß Adenauer seine Partei und die Bundesrepublik als Übergangslösung für künftige andere Entwicklungen reservierte, sieht Heidenheimer die "Weisheit" Adenauers.
Indessen lösten ideologische Verschwommenheit, Mangel an Konzeption, kurz: die geistige Leere, welche die
CDU und den von ihr geformten Staat kennzeichneten, in den letzten Jahren sogar unter den Christdemokraten Beunruhigung aus. Im Jahre 1960 charakterisierte ein jüngerer christdemokratischer Publizist namens Rüdiger Altmann die Bundesrepublik als einen Staat "ohne geistigen Schatten" und forderte: Wir brauchen dringend eine bessere ideologische Ausstattung unserer Politik."
"Wir haben uns", schrieb Altmann in seinem Buch "Das Erbe Adenauers" weiter, "in der Bundesrepublik angewöhnt, die Entideologisierung unseres Denkens als Fortschritt zu preisen. Selbst die Sozialdemokratie bemüht sich, entsprechende Vollzugsmeldung zu erstatten. Daran mag allerlei Richtiges sein. Falsch wäre es indessen, wollten wir nun auf jede grundsätzliche Fundierung unserer Politik verzichten und uns darauf beschränken, 'aus der Praxis für die Praxis zu leben'. Gerade ein Politiker braucht die Überzeugung, daß Ideen das Leben beherrschen - den Willen, Ideen zu verwirklichen und nicht nur Geschäfte zu machen."
Von den bedenklichen Folgen der Entideologisierung hatte schon vor Altmann der schweizerische Journalist Fritz
Rene Allemann in seinem 1956 erschienenen Buch "Bonn ist nicht Weimar" gesprochen. Aus Mangel an Ideen und ideologischer oder politischer Begeisterung, so meinte Allemann, träten in der Bundesrepublik an die Stelle demokratischer, anderswo von der geistigen Teilnahme des Volkes getragener Institutionen die einsamen Entscheidungen eines autoritären Kanzlers, die dürre Verwaltungspraxis und der Paragraphen-Mechanismus der Justiz.
Ein anderer Buchautor - der konservative Winfried Martini - schätzte gar die Entideologisierung der bundesrepublikanischen Politik als so zwingend ein, daß nach seiner Ansicht gar nichts anderes übrigbleibe, als aus diesem Prozeß konstitutionelle Folgerungen zu ziehen, pauschal ausgedrückt: an die Stelle der vom Geist des Volkes getragenen Demokratie den perfekt funktionierenden Verwaltungsstaat zu setzen, eine Perspektive, deren Realität sich in den Notstands-Konzeptionen des CDU Innenministers Gerhard Schröder abzuzeichnen begonnen hat.
Die geistige Leere der Bundesrepublik, der Mangel an politischer Begeisterung unter ihren Bürgern, das Fehlen ideologischer Konzeptionen in ihren Führungsstellen sind von fast allen Autoren, die sich mit der Bundesrepublik befaßten, beschrieben worden. Einige Verfasser haben den Bundeskanzler allein für diese Situation verantwortlich gemacht - womit sie ihn und die Möglichkeiten eines Regierungschefs überhaupt zweifellos bei weitem überschätzten.
Andere Autoren hingegen haben sich darauf beschränkt, die Kongruenz zwischen der ideologischen Leere der Bundesrepublik und der Person Adenauers festzustellen. In ihren Berichten erscheint Adenauer als die angemessene Personifikation des durch Hitler und Niederlage geistig verarmten deutschen Volkes, das aus der Katastrophe nur einen letzten, hausbackenen Rest intellektueller Kost gerettet hat und genießbar findet.
Ein Bonn-Spezialist unter den französischen Historikern, Professor Alfred Grosser, hat denn auch in seinem Buch "Die Bonner Demokratie" eine äußerst boshafte Anmerkung sowohl zu Adenauer als auch zu dessen Staat gemacht. "Vielleicht ist", schrieb Grosser, "seine (Adenauers) Vitalität durch den Mangel an zweifelnder Selbstbefragung noch gestärkt worden. Auch hier wäre seine
Persönlichkeit ein Symbol für den Staat, den er beherrscht." Grossers Urteil über Adenauer und dessen Staat, das man unschwer auf den Satz "Primitiv, aber vital" verkürzen könnte, ist in der Tat weithin als Erklärung für das deutsche Nachkriegs-"Wunder" akzeptiert worden.
Der These von der Kongruenz Adenauerseher Schlichtheit und Bonner ideologischer Armut fehlt es nicht an Beweiskraft:
- Adenauer machte sein Glück in der deutschen Politik in eben dem Augenblick, in dem die geistige Potenz der Deutschen einen Tiefpunkt erreicht hatte, im Jahre 1945.
- Er bewegte sich in dem entideologisierten Klima Westdeutschlands, obwohl über 70 Jahre alt, mit einer Sicherheit und Zielstrebigkeit, die ihm während seines früheren politischen Wirkens in der geistsprühenden wenn auch ideologisch überhitzten Weimarer Republik stets-gemangeit hatten."
Mit einemmal und völlig überraschend war- Adenauer im Jahre 1945 der. "Mann der Situation", der sich dann wie selbstverständlich als die deutsche "Zentralperson" (Altmann) herausstellte. "Die Weltgeschichte"; schrieb 1952 die amerikanische Halbmonatszeitschrift "The Reporter", "kennt kaum einen Staatsmann, der in so hohem Alter und mit so geringer Vorbereitung für eine historische Rolle so viel Respekt und so viele Erfolge erringen konnte wie Dr. Adenauer."
Bis 1933, bis zum Ende seines sechsten Lebensjahrzehnts, war Adenauer, obwohl als Kölner Oberbürgermeister hoch geschätzt, obwohl als Zentrums-Politiker in aussichtsreicher Position für eine Rolle in der Reichspolitik, eine provinzielle Figur geblieben, und - was wichtiger ist: Er war es auch aus eigenem Entschluß geblieben. 1945 hingegen steuerte Adenauer von vornherein fest und mit erstaunlichem Erfolg auf die Position des nationalen Führers zu.
Der Wechsel zwischen der Glücklosigkeit und Selbstbescheidung des "Weimarer" Politikers Adenauer einerseits und dem Erfolg wie dem Selbstbewußtsein des "Bonner" Politikers Adenauer andererseits war frappant. Dieser Wechsel, vollzogen im siebzigsten Lebensjahr Adenauers; kann 'nicht 'aus der Person Adenauers erklärt werden, sondern nur aus der völlig verwandelten Situation Deutschlands.'
Als wahrscheinlich drängt, sich die Erklärung auf: Adenauer hatte in den zwanziger Jahren zu dem, ideologisch iii allen denkbaren Farben und Schattierungen schillernden' deutschen Nationalstaat bismarckischer" Herkunft 'niemals ein echtes Verhältnis gewonnen. Es war ihm nicht möglich, sich mit diesem Gemeinwesen, zu identifizieren, dessen Politik und dessen Ideologie zwischen Ost und West schaukelten:
Weder in der Außen- noch in der Innenpolitik des Weimarer Staates fand Adenauer eine feste Plattform. Dessen Lebensgesetze waren ihm zu unübersichtlich, das in ihm stattfindende Kräftespiel: zwischen -westlichen und östlichen Ideologien zu kompliziert.
Selbst innerhalb seiner Partei - dem Zentrum - blieb Adenauer damals eine Randfigur. Das ideologische Konzept des Zentrums schillerte in jener Zeit von Rosarot bis Tiefschwarz, reichte von sozialistischen Anwandlungen und gelegentlichen SPD-Koalitionen bis zu konservativ-bürgerlichen Ressentiments gegen die "Roten". Adenauer war "zu primitiv" für den Staat und die Zentrumspartei von Weimar.
So blieb Adenauer auch in seiner Partei ein Regionalfürst, einer, dem die Stunde nicht hold war. Entscheidend für diese zweitrangige Rolle Adenauers im Rahmen seiner Partei war die Tatsache, daß die Position des Zentrums im Weimarer Kräftespiel zweideutig war, während er - Adenauer - seiner ganzen Natur nach einspurig war.
Es verrät etwas von dem politischen Instinkt und der menschlichen Weisheit Adenauers, daß er wußte, wie fremd ihm der Staat Bismarcks und Stresemanns war und wie wenig er selbst berufen sei, an der Spitze dieses Staates eine Rolle zu spielen -- kurz: daß Bismarcks Schöpfung für seine, Adenauers, politische Potenz zu kompliziert sei.
War die Kompliziertheit sowohl der Außen- als auch der Innenpolitik, sowohl der nationalen als auch der ideologischen Konzepte die Ursache dafür gewesen, daß der Politiker Adenauer im Bismarck-Staat und in der Weimarer Republik nicht Fuß fassen konnte und wollte, so gab die "Vereinfachung" der deutschen Lage im Jahre 1945 die Basis dafür her, daß fortan Adenauer fest und mit Erfolg in Deutschland Politik zu machen vermochte.
Gegenüber der Epoche, die mit Bismarcks Reichsgründung begonnen hatte und mit Hitlers Selbstmord zu Ende gegangen war, hatte sich die Lage der Deutschen in doppelter Hinsicht grundlegend vereinfacht, nämlich einmal nationalpolitisch und zum anderen ideologisch.
1945 standen die beiden Super-Mächte Amerika und Sowjetrußland auf deutschem Boden. Für die deutsche Frage gab es nur zwei Lösungen: entweder Teilung Deutschlands oder Neutralisierung ganz Deutschlands durch internationales Statut.
Adenauer beurteilte die Aussichten der zweiten Lösungsmöglichkeit (Neutralisierung Deutschlands) von vornherein als minimal. Er glaubte nicht daran, daß die USA und die Sowjet-Union in der Lage sein würden, sich in der deutschen Frage auf ein gemeinsames Statut zu einigen.
1944, als Adenauer in einem Gestapo -Häftlingslager auf dem Kölner Messegelände einsaß, erklärte er einem ehemals kommunistischen Mit-Gefangenen namens Zander seine Ansichten über die Weltlage nach dem Kriege. Zander berichtete davon später dem autorisierten Adenauer-Biographen Paul Weymar:
"Das unnatürliche Bündnis zwischen Amerika und Rußland würde dann zerfallen, erklärte er (Adenauer) uns, die Welt würde aufgeteilt in einen demokratischen und einen kommunistischen Machtblock, und das besiegte Deutschland müsse sich diesmal" (offenkundig im Unterschied zu dem "schaukelnden" Bismarck-Staat und der nicht minder hin und her schwankenden Weimarer Republik) "endgültig für West oder Ost entscheiden, wenn es nicht zerrieben werden wolle zwischen den Mühlsteinen der Weltmächte."
Die "diesmal endgültige" Entscheidung Deutschlands (und zwar für den Westen) war das, Credo, mit dem Adenauer die Bühne der deutschen Nachkriegspolitik betrat. Was immer man von dem Credo denken mag, es war eine Bekundung von ebenso einfacher wie wuchtiger Überzeugungskraft. Es implizierte jedoch, wie die spätere Geschichte zeigte, die Hinnahme der deutschen Teilung auf lange Sicht.
Der Vereinfachung der nationalpolitischen Lage der Deutschen entsprach eine radikale Reduzierung der Zahl ihrer ideologischen Möglichkeiten.
Angesichts der Präsenz des bis an die Zähne bewaffneten Kommunismus in
Deutschland, angesichts der Rechts- und Versorgungsmisere in der Sowjetzone wurde die Vielfalt ideologischer Varianten, die es bis 1933 in Deutschland gegeben hatte, zermahlen. Glaubhaft blieb die Alternative "Kommunistisch oder antikommunistisch". Die traditionellen Gegensätze zwischen liberalistisch und sozialistisch, nationalistisch und internationalistisch, konservativ und fortschrittlich protestantisch und katholisch unterlagen einem Prozeß der Einebnung angesichts der Tatsache, daß mitten in Deutschland eine ideologische Macht alle traditionellen Ideologien in ihrem Machtbereich liquidierte.
Es kam noch ein weiteres hinzu: Der von 1933 bis 1945 Deutschland beherrschende Nationalsozialismus war nicht nur der Liquidator, sondern auch, das Produkt des ideologischen Zeitalters gewesen. Diese Epoche der europäischen Geschichte, die - beginnend mit der
großen französischen Revolution - über ein Jahrhundert lang immer neue "Ismen", immer neue ideologische Lösungen produziert hatte, war vom Nationalsozialismus nicht nur ins Grab gestoßen worden. Vielmehr hatte diese Epoche auch im Nationalsozialismus kulminiert.
Der 45er Katzenjammer der Deutschen betraf deshalb nicht nur den Nationalsozialismus, sondern auch alle anderen Ismen, kurz: den "Ideologismus" überhaupt. Dem Deutschen, der am 7. Mai 1945 staubbedeckt, entnervt und arm aus den Trümmern des Nationalsozialismus kletterte, war nicht nur der Nationalsozialismus, sondern jegliche Form ideologischer Lösungen verdächtig geworden, mochte sie nun Nationalsozialismus, Liberalismus, Sozialismus oder Kommunismus heißen. Er war fest entschlossen, sich nicht ein zweites Mal ideologisch engagieren zu lassen, nicht ein zweites Mal SA-Stiefel oder
die Russenbluse des Roten Frontkämpferbundes anzuziehen, und er war gegenüber seiner eigenen Urteilsfähigkeit in politischen und geistigen Fragen zutiefst mißtrauisch geworden.
Professor Helmut Schelsky - der heute in Münster tätige Soziologe - stellte diesen "sozialen Defaitismus" der Nachkriegsdeutschen 1953 in seinem Buch "Wandlungen der deutschen Familie in der Gegenwart" dar. Er deutete diese "Haltung eines politischen und gesamtgesellschaftlichen Desinteressements als die Folge und Verarbeitung der Erfahrungen einer enttäuschten politischen Mobilisierung durch ein totales System (den Nationalsozialismus) ..
Hatte Schelsky 1953 das ideologische "Desinteressement" auf die demütigenden Erfahrungen zurückgeführt, welche den Deutschen als ideologisch engagierten Anhängern Hitlers zuteil geworden waren, so hatte ein amerikanischer
Soziologe namens David Riesman schon 1950 die Beobachtung gemacht, daß auch der moderne Amerikaner von "ideologischem Desinteresse" befallen sei - und dies ohne die entmutigenden Erfahrungen, die den Deutschen des Kaiserreichs, der Weimarer Republik und des Hitlerstaats zuteil wurden.
In seinem Buch "The Lonely Crowd" (deutsch: "Die einsame Masse") schilderte Riesman die politisch-ideologische Apathie des modernen Amerikaners als "die Gleichgültigkeit von Menschen, die genug von der Politik erfahren haben, um sie abzulehnen, genügend politische Information besitzen, um sie sich vom Leibe zu halten, und genug über ihre Pflichten als Staatsbürger wissen, um sich ihnen zu entziehen".
Als Riesmans Buch 1958 in Deutschland (Rowohlt) erschien, merkte Schelsky in einer Vorrede an: Die Tatsache, daß der soziale (ideologisch-politische) Defätismus auch in Amerika grassiere, lasse "eine tiefgehende dauerhafte Wandlung in der - Haltung der Menschen zur Politik und den öffentlichen Angelegenheiten erkennen. Der "Gleichgültige neuen Stils" (Riesman) sei keine vorübergehende und keine auf Deutschland beschränkte Erscheinung.
Das war also die Lage in Deutschland nach Hitler: Reduzierte außenpolitische Möglichkeiten, versimpelte ideologische Fronten, ein verkümmertes Interesse für Politik, Ideologien und "Geist" schlechthin.
Praktischer Erfolg und historischer Rang eines Staatsmanns hängen nicht nur von dessen Fähigkeiten ab. Seine Fähigkeiten müssen auch zur geistigen und sozialen Lage passen, vor deren Hintergrund im konkreten historischen Augenblick die Politik gemacht werden muß.
Bis zu seinem siebzigsten Lebensjahr befand sich Adenauer in einem hoffnungslosen Konflikt mit der "Lage". 1945 jedoch kam seine Stunde. Die Lage der Deutschen hatte sich nationalpolitisch und ideologisch dergestalt vereinfacht, daß er sie mit den ihm zur Verfügung stehenden Mitteln in den Griff bekommen konnte.
Dieser Einsicht gab der Bonner Korrespondent des Pariser "Monde", Alain Clement, im Jahre 1956 Ausdruck, als er schrieb: "Das Reich Hitlers" (besser: Bismarcks) "mußte in Trümmer fallen, damit ein Schauplatz entstand, auf dem seine (Adenauers) Meisterschaft des Regierens sich entfalten konnte. Trotz seiner Vorliebe für Kulissenspiele braucht er eine abgeräumte Bühne. Er ist der Mann der radikal vereinfachten Situationen."
Genauso sah es der Schweizer Allemann: "Wäre er (Adenauer) zu Weimarer Zeiten Reichskanzler geworden, so spricht wenig für die Annahme, daß er sich aus der Zahl der ehrenwerten,
aber wenig inspirierenden Persönlichkeiten herausgehoben hätte ... Es bedurfte, mit anderen Worten, der außerordentlichen und einmaligen Lage von 1949, um einem Mann seines Schlages die Möglichkeit der breiten und tiefen Wirkung zu verschaffen. Diese sehr delikate, aber nichtsdestoweniger in ihren Grundzügen überraschend einfach gelagerte Situation war genau auf seinen Habitus zugeschnitten; in ihr konnten sich seine Qualitäten entfalten."
Der "überraschend einfachen Situation nach hitlerscher deutscher Politik und Ideologie entsprach die Einfachheit Adenauerschen Redens und Politisierens allerdings in zuweilen geradezu beängstigender Weise. Adenauers Redekunst, schrieb 1957 die Londoner "Times", "besitzt eine Einfachheit, die nach Vergebung schreit". Zum erstenmal in der deutschen Geschichte reichten 200 Vokabeln aus, die Lage der Deutschen zu beschreiben und das Interesse der Deutschen für ihre Lage zu befriedigen.
So allgemein anerkannt die Kongruenz von Adenauers intellektueller Armut, Blaßheit auf der einen und der geistigen Verkümmerung Nachkriegsdeutschlands auf der anderen Seite ist, so umstritten ist freilich die Frage, ob diese Kongruenz allein eine Begründung tür Adenauers Erfolge nach 1945 als Parteiführer und Kanzler hergibt. Viele Autoren haben sich in diesem Dilemma damit begnügt, auf die taktische Gerissenheit Adenauers,
seine Schläue und Erfahrung hinzuweisen. Andere, wie der Christdemokrat Altmann, haben gestanden, daß ihnen die "geistige Vorstellungswelt" Adenauers ein Rätsel geblieben sei. "Was wir von ihm kennen - seine taktische Schläue, seinen europäischen Eifer, das Mißtrauen gegen Rußland, die atlantische Treue -, ergibt kaum ein geistiges Profil."
Indes dürfte Adenauers "geistiges Profil" eben und vor allem in seinem "europäischen Eifer" zu suchen sein. Seit 1919 steht seine Politik unter dem Imperativ, Deutschland dem Westen, wie er es einmal ausdrückte, "sympathisch" zu machen.
1919 versuchte Adenauer, ein westdeutsches Bundesland - bestehend aus der Pfalz, dem Rheinland und der Ruhr - zu gründen. Der Plan brachte ihn in den Ruf eines "Separatisten".
Obwohl der Plan damals scheiterte, ließ Adenauer das Ziel, das er mit ihm verfolgt hatte, niemals aus dem Auge. Er hatte Preußen entmachten wollen. Er hatte ein Bundesland schaffen wollen, von dem aus man, wie er damals sagte, die Außenpolitik des Reichs in "friedensfreundlichem Geist" beeinflussen könne. Der Plan war ein Vorläufer der späteren europäischen Integrationspolitik des Kanzlers Adenauer.
Fortsetzung folgt
Berlin-Kanzler Bismarck: Die Rache einer Stadt ...
... an ihrem Verächter: Bonn-Kanzler Adenauer
Kaiser-Proklamation in Versailles 11871): 200 Wörter genügen ...
... die Lage zu beschreiben: Führerbunker in Berlin (1945)
Adenauer, gesehen von der CDU ... ... der Opposition ... Ulbricht Algemeen Handelsblad
... den Anti-Klerikalen ... ... seinen Untergebenen ... und allen gemeinsam
Rosenfreund Stresemnann
Statt gesamtdeutscher Schaukelpolitik ..
Rosenfreund Adenauer
... ein halbes Deutschland für Europa
Erstes alliiertes Ehrenspalier für den deutschen Kanzler (Petersberg, 1949): Kann Weltgeschichte ...
... ohne ihn gedacht werden?; Sowjetische Ehrenfront für Adenauer in Moskau 1955)
Europa-Reisender Adenauer
Einspurig

DER SPIEGEL 40/1961
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