27.09.1961

DDR-ROMANMutmaßungen über Achim

Nie zuvor auf seinen Reisen durch
fremde Länder, so gesteht der Hamburger Journalist Karsch, habe er sich so unsicher gefühlt wie während seines Aufenthalts in einer ostdeutschen Großstadt des Jahres 1960. Er erkennt, ergriffen von einem "schreckhaften Gefühl der fremden Staatlichkeit": "Hier offenbar aß und trank man nicht dasselbe, es wurde mit anderen Mitteln gewaschen, es gab andere Mengen und Arten von Autos."
Karsch, Erzähler und Hauptfigur des Romans "Das dritte Buch über Achim",
sagt aus, was sein Autor Uwe Johnson empfindet. Wie in seinem gerühmten Erstling "Mutmaßungen über Jakob" hat Johnson auch in seinem neuen Buch - es wurde in diesem Monat im Frankfurter Suhrkamp Verlag herausgebracht* - das zu beschreiben versucht, was er "die Grenze: den Unterschied: die Entfernung" zwischen den beiden Teilen Deutschlands nennt.
"Das ist die Prosa, die unsere vom Nachrichtendienst genährte Vorstellung vom Leben im ,ostdeutschen Teilstaat' ablöst", urteilte der "Halbzeit"-Autor Martin Walser über Johnsons Erzähltalent und bezeichnete seinen Schriftsteller- und Verlagskollegen als den
ersten Chronisten der deutschen Zweiteilung.
Walsers Lob galt freilich nicht nur Johnsons aktueller Thematik, sondern vor allem auch jener ungewöhnlichen Erzählweise, die der einstige DDR-Bürger Johnson - er wurde 1934 in Pommern geboren und lebt seit zwei Jahren in Westberlin - bereits in seinen "Mutmaßungen über Jakob" mit beträchtlichem Erfolg angewandt hatte. Offensichtlich beeinflußt von der Schreibmanier des amerikanischen Romanciers William Faulkner und durchaus im Einklang mit den Theorien der französischen Schule des. "nouveau roman", bediente sich Johnson einer Sprache, die sich bemüht, rätselratend, mit Hilfe von Vermutungen und Fiktionen, das Bild einer undurchsichtigen und vieldeutigen Realität zu erhellen.
In gleicher Weise verfuhr Johnson auch in seinem neuen Buch: Es enthält Mutmaßungen und Rekonstruktionsversuche über den Lebenslauf des
30jährigen ostdeutschen Radrennfahrers Achim T., die der Journalist Karsch während seines DDR-Aufenthalts zusammenträgt, um eine Biographie über den radfahrenden Nationalheros zu schreiben. Karsch über Achim:
Fünfzehn Jahre noch dem verlorenen Krieg war Achim in Ostdeutschland berühmt für schnelles Fahren auf einer zweirädrigen Maschine, die angetrieben wurde durch die kreisende Tretbewegung seiner Beine mit Zahnrädern und Kette in die Drehung des Hinterrads übersetzt, zu eben der Zeit war er einstimmig gewählt worden in die Volksvertretung seines Landes als Vertreter des Volkes mit den folgenden Pflichten: das Volk zu kennen, und nicht zu verachten, sein Recht zu bewahren, und stets zu entscheiden über sein Geschick nach seinem Willen und zu seinen Gunsten
Karsch nämlich, so beantwortet der Erzähler die Fragen eines unsichtbaren und namenlosen Zuhörers, der möglicherweise den Romanleser repräsentieren soll, ist in eine sächsische Großstadt gefahren, um seine einstige Freundin Karin zu besuchen, eine Schauspielerin, die sich inzwischen mit dem Sportleridol Achim liiert hat.
Nach zehntägigem Aufenthalt möchte der Besucher aus Westdeutschland nach Hause zurückfahren, entschließt sich im letzten Augenblick jedoch anders. Er ist plötzlich "neugierig auf dies Land und wie darin zu leben wäre", mietet sich ein möbliertes Zimmer und macht sich an die Schreibarbeit: Obgleich schon zwei Bücher über den Radrennmeister existieren, beginnt Karsch im Auftrag eines ostdeutschen Verlags für "Junge Literatur" ein "drittes Buch, über Achim" zu verfassen. Johnsons Roman (Arbeitstitel: "Beschreibung einer Beschreibung") ist die Geschichte von den literarischen Bemühungen des Journalisten Karsch.
Karsch befragt sein Forschungsobjekt und begleitet es zu Radrennen; er läßt Schauspielerin Karin recherchieren, interviewt Achims Vater, besucht ein thüringisches Dorf, in dem Achim einen Teil seiner Kindheit verlebt hat, und bringt erste Versuche ("Etwa so. So ungefähr") zu Papier: Er beschreibt Achims Schulzeit, rekonstruiert dessen Beitritt zum "vormilitärischen Kinderverband der Führerjugend" Hitlers und stellt Vermutungen an über die Art, wie Achim das Kriegsende erlebte.
Den Einmarsch der Roten Armee hat Achim, Karschs Aufzeichnungen zufolge, in weit freundlicherer Erinnerung als seine übrigen Landsleute, weil ein russischer Soldat ihm ein Fahrrad schenkte. Die Frage des anonymen Zuhörers, ob "der Verfasser damit die Übergriffe der Besatzungsmächte vergessen machen" wolle, verneint der Biograph; er beruft sich jedoch auf seine Aufgabe, lediglich Achims persönliche Erfahrungen zu beschreiben.
Dieser Aufgabe wird Karsch allerdings nicht eben zur Zufriedenheit des Sportlers gerecht. Als er erzählt, wie russische Soldaten dessen Fahrrad stehlen, protestiert Achim: "Es ist doch wichtiger, ja? von heute aus gesehen! daß die Rote Armee uns vom Faschismus befreit hat und geholfen beim neuen Leben, ja? und nicht daß sie ab und zu mal sich hingelegt haben mit einer Frau, oder Fahrräder, oder so."
Auch der Bericht von der Weigerung des ehemaligen Hitlerjugend-Führers Achim, nach dem Krieg der kommunistischen "Freien Deutschen Jugend"
beizutreten, wird mißfällig aufgenommen. Achim schlägt eine andere Version vor und diktiert: "Nach anfänglichem Zögern erkannte ich (also da müssen Sie schreiben: er) daß man sich nicht mit dem eigenen Leben zufriedengeben darf, sondern sich beteiligen muß an der Gesellschaft, und bat um Mitgliedschaft."
Achims Haupteinwand gegen die allzu minuziöse Schilderung des Journalisten entspricht genau den Argumenten der Theoretiker des "Sozialistischen Realismus" gegen die zeitgenössischen Romane der westlichen Welt: "Nu müssen Sie auswählen, ja, und da nimmt man doch das Wichtigste, ja? worauf es ankommt, Mensch!"
Obgleich Karschs Meinung darüber, was für sein Buch wichtig ist und was nicht, von der Achims abweicht, läßt er sich fürs erste nicht beirren. Ohne Rücksicht auf eine chronologische Folge geht er weiterhin Achims "Fußspuren im Gang der vergangenen Alltage" nach; er informiert sich über die Geschichte des Radsports und denkt nach über die ihm unverständliche Beziehung zwischen dem Rennfahrer und der Partei des "Sachwalters" Ulbricht.
Später freilich, als Achims Auskünfte immer spärlicher werden, muß sich Karsch darauf beschränken, über die sportliche Aktivität des Titelhelden zu berichten. Seine Bemühungen scheitern vollends, als er einen anonymen Brief mit einer Photographie erhält: Das Bild zeigt Achim unter streikenden Arbeitern während des Aufstands am 17. Juni 1953 Achim indes bestreitet seine Teilnahme an der Volkserhebung ("Warum sollte ich mit denen auf die Straße gegangen sein?"), und Karsch, unfähig, die Wahrheit zu erraten, bekennt entmutigt: "Mir fällt nichts mehr ein."
Mit einem ausgedehnten nächtlichen Disput in Achims Wohnung endet der DDR-Aufenthalt des Besuchers aus Hamburg. Während der Protege der "Partei für Sozialismus und Kommunismus" gegen die "klerikalfaschistische Regierung" der Bundesrepublik polemisiert, beschuldigt Karsch den "Sachwalter", der "Strafe setzte auf Zweifel an seiner Unmenschlichkeit, denn er wollte des Irrtums nicht fähig sein". Tags darauf fährt Karsch nach Westdeutschland zurück. Das "dritte Buch über Achim" bleibt ungeschrieben.
In seiner "Beschreibung einer Beschreibung" - dem Roman von der Entstehung eines Buches - gedachte Johnson zu demonstrieren, in welchem Ausmaß fünfzehn Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs die Denkgewohnheiten und Lebensformen der Bewohner West- und Ostdeutschlands voneinander abweichen. Der schriftstellerische Versuch Karschs, der sich kaum noch erinnert fühlt "an die gemeinsame Vorgeschichte der beiden deutschen Staaten", scheitert an, den "deutschen Verschiedenheiten".
Die Grenze, der Johnsons Beschreibung gilt, ist aber auch zugleich eine Grenze literarischer Art. Sein Buch, gleichsam im Konjunktiv geschrieben, stellt unaufhörlich die Wahrhaftigkeit seiner Berichterstattung in Zweifel und gibt sich so als eine Art Anti-Roman, der im Gegensatz zu landesüblichen Erzählungen auf den Anspruch einer scheinbar authentischen Realitätswiedergabe verzichtet.
Entsprechend dieser ehrgeizigen Absicht ist das oftmals korrigierte Porträt,
das Karsch von dem Rennfahrer Achim zeichnet, nicht allzu deutlich erkennbar. Zudem hat sich Autor Johnson, geschult an der verfremdenden Schreibtechnik des Dramatikers Bertolt Brecht und seines einstigen Leipziger Hochschulprofessors, des Philosophen Ernst Bloch, mit hinreichendem Erfolg bemüht, die Lektüre seines Romans durch Manierismen, eigenwillige Interpunktion und einen recht ungewöhnlichen Satzbau zu erschweren.
"Manieriertheiten und Primitivismen und Schwankungen vom allzu Verschlüsselten bis zur störenden Direktheit zeugen von einer verständlichen, wenn auch überflüssigen Unsicherheit des jungen Erzählers, der auf der Suche nach dem eigenen Ausdruck schon so viel erreicht hat", schränkte der Kritiker Marcel Reich-Ranicki in der "Welt" sein wohlwollendes Lob ein, und in der "Frankfurter Allgemeinen" konstatierte Günter Blöcker: "Mit solchen Eskapaden stellt er (Johnson) selber in Frage, was wir an ihm bewundern: daß nämlich Unbestimmtheit und Mehrdeutigkeit bei ihm nicht Verworrenheit oder Unvermögen sind, sondern Ausdruck jener Achtung vor der Wahrheit, die sich in keine Formel pressen läßt."
Einen Einwand gegen die dunkelsinnige Prosa Johnsons bringt allerdings auch schon der namenlose Zuhörer vor, den Johnson seinem Romanhelden Karsch beigab. Er unterbricht die gelegentlich allzu weitschweifigen Rekonstruktionsversuche des Achim-Biographen mit dem Vorwurf: "Es ist so gar nicht spannend!"
* Uwe Johnson: "Das dritte Buch über Achim". Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main; 338 Seiten; 16,86 Mark.
Autor Johnson
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DER SPIEGEL 40/1961
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