04.10.1961

MARION DAVIESOh, Boy!

Ins Kino gehe ich nie", protestierte der alternde Filmstar immer wieder, "meine Nachfolgerinnen interessieren mich nicht."
An diesem stolzen Vorsatz hielt die Krebskranke fest, bis sie, 64 Jahre alt und noch im letzten Augenblick von den Ärzten ihres treuen Freundes, des Präsidenten-Vaters Joseph P. Kennedy, umsorgt, in der vorletzten Septemberwoche im Bett eines Hollywood-Hospitals starb: Marion Cealia Douras, genannt Marion Davies, Filmstar, Grundstücksspekulantin und berühmteste Geliebte des amerikanischen Jahrhunderts.
Dabei war ihre Furcht vor dem Kino unbegründet, denn Marion Davies hat niemals eine Nachfolgerin gehabt. Sie war einmalig wie die Zeit, in der sie lebte.
Begonnen hatte alles im Kriegssommer 1917, in der vergnügungsfreudigen 42. Straße von New York City. Damals kreuzte im Theater der Ziegfeld-Girls ein Mann auf, belegte Woche um Woche die beiden besten Plätze (einen für sich, den anderen für seinen Hut) und starrte unentwegt auf die letzte Reihe von Florenz Ziegfelds berühmter Giri-Truppe: Der Zeitungsmagnat William Randolph Hearst hatte sich in die Ballettratte Marion Davies verliebt.
Es fiel dem sieggewohnten Zeitungszar nicht schwer, die blonde Marion seinem Besitz (damaliger Stand: eine Ehefrau, fünf Söhne, eine Goldmine, zehn Tageszeitungen, sieben Zeitschriften) einzuverleiben. Marion Davies wurde die Geliebte des großen Zeitungsmachers, hielt "Pops" 34 Jahre lang die Treue und avancierte zu einer der mächtigsten Frauen Amerikas.
Der väterliche Liebhaber - Hearst war 54, Marion 20 - befreite seinen Darling aus der Revuenummer "Oh, Boy", ernannte Marion zum Hauptstar und Präsidenten (Jahresgehalt: 104 000 Dollar) einer rasch gegründeten Filmgesellschaft und ließ einen Film nach dem anderen drehen - hektisch bejubelt von allen Hearst-Blättern.
Die Macht des Hearstschen Imperiums veranlaßte auch seriöse Filmgesellschaften, die untalentierte Marion anzuwerben: Metro-Goldwyn-Mayer gab ihr einen Wochenkontrakt in Höhe von 10 000 Dollar und schleifte die stotternde Stummfilm-Heroine sogar in die Ära des Tonfilms mit. Bald hatte Filmstar Davies zehn Millionen Gagen-Dollar aufgehäuft.
Marion Davies wurde Hausherrin auf San Simeon, dem abstrusen 30-Millionen-Dollar-Schloß Hearsts bei Los Angeles, einem Palastkomplex von fünf Häusern mit 110 Zimmern, 55 Badezimmern, 37 Kaminen und 32 Dienern.
Inmitten solcher Pracht durfte Amerikas Pompadour illustre Gäste von Bernard Shaw bis zu Winston Churchill und Expräsident Coolidge auf goldenen Tellern und mit Papierservietten bewirten, "Pops" in langen Nächten über das silbergraue Haar streichen und seinen Zorn über die scheidungsunwillige Ehefrau besänftigen.
Marion Davies hatte auch Humor genug, um die lauten Interventionen, mit denen der eifersüchtige Hearst jede filmische Kuß-Szene in eine Burleske verwandelte, ebenso zu überstehen wie den Befehl des Hausherrn, in seinem Versailles dürfe über Tod und Alkohol nicht gesprochen werden. Auf der Toilette standen stets Whisky-Flaschen bereit, um Hearsts Diktat für die Gäste erträglich zu machen.
Dennoch bewies die reichgewordene Pseudo-Schauspielerin, daß ihr der Mensch Hearst mehr bedeutete als sein Geld. Als das Hearst-Imperium während der dreißiger Jahre vor dem finanziellen Zusammenbruch stand, schenkte Marion ihrem Gönner eine Million Dollar und rettete damit den Konzern - zum Dank setzte Hearst sie testamentarisch als Chefin seines Unternehmens ein, eine Stellung, auf die Marion jedoch verzichtete.
Bis zum Tode des 88jährigen pflegte sie Hearst, las ihm vor und wich kaum von seiner Seite. In der Nacht zum 14. August 1951 kam der Abschied: Marion verließ ihren Freund erst in später Stunde, Hearst aber starb kurz darauf und wurde von seinen Söhnen heimlich hinausgetragen, noch bevor Marion am nächsten Morgen erwachte.
"Ich fragte, wo er sei", erinnerte sich später Marion Davies, "und die Krankenschwester sagte, er sei tot. Er war fort, husch, einfach fort. Der alte W. R. war weg, die Jungens waren weg, ich war allein. Sie hatten mir meinen Besitz gestohlen."
Marion verkaufte alle materiellen Besitztümer Hearsts - die Häuser, ihr "Versailles", die Kunstsammlungen - und heiratete einen Hearst-Vetter, freilich nur, weil er dem großen Liebhaber äußerlich so ähnlich sah.
Hearsts Tod vermochte sie indes nie zu überwinden: "Ich habe ihn 34 Jahre geliebt und konnte ihm nicht einmal good-bye sagen."
Marion Davies, Liebhaber Hearst: "Husch, fort war er"

DER SPIEGEL 41/1961
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