08.11.1961

LICHTENSTEINTödliche Bewährung

Die Asche war per Post aus Magdeburg gekommen. Am Dienstag letzter Woche konnte die Urne Kurt Lichtensteins auf dem Friedhof Dortmund -Kemminghausen "in aller Stille" beigesetzt werden.
Eine knappe Woche zuvor, als in Dortmund die offizielle Totenfeier für den Journalisten Lichtenstein stattfand, der bei einer Zonengrenz-Reportage von der Volkspolizei erschossen worden war, hatte man das Paket im Trauerhause zu Dortmund noch nicht erhalten.
Ein Bestattungsinstitut aus Wolfsburg an der Zonengrenze hatte zwar im Auftrag von Unbekannt bei den Hinterbliebenen eine Schmuck-Urne abgeben lassen, doch das Gefäß war leer.
Auf der Totenfeier ohne Toten in der großen Halle des Dortmunder Hauptfriedhofs repräsentierte der gesamtdeutsche Minister Ernst Lemmer Bonns Anteilnahme: "Wir stehen in Ohnmacht vor einer Situation, von der wir noch nicht wissen, wie wir damit fertig werden."
SPD-Vize Herbert Wehner über den ehemaligen Kommunisten Kurt Lichtenstein, der 1950 mit der KPD gebrochen hatte und später SPD-Mitglied geworden war: "Das war ein hartes Leben, und das war ein schwerer Tod." Und Wehner am Abend desselben Tages bei einer Kurt-Lichtenstein-Gedenkstunde: "Mit Kurt Lichtenstein und seinem Schicksal wird auf eine eigene Weise offenbar, daß in der Stunde der Gefahr Deutschlands ärmster Sohn auch sein getreuester war."
Was niemand über den neuen "Blutzeugen für das deutsche Leid" (Lemmer) sagte: Bis zu seinem Tode war der neue Märtyrer denselben bundesrepublikanischen Behörden suspekt, deren Vertreter jetzt an seiner Urne trauerten: Eine KZ-Haftentschädigung und der Ersatz von Vermögensschaden wurde abgeschlagen, da ihm - so das Landgericht Berlin in einem Verfahren Lichtensteins gegen die Berliner Wiedergutmachungsbehörde - irgendwelche Entschädigung wegen des sogenannten "Unwürdigkeitsparagraphen" im Bundesentschädigungsgesetz nicht zustehe*. Formaler Stolperdraht: Am Stichtag, den das Gesetz vorschreibt, dem 23. Mai 1949, war Lichtenstein noch Mitglied der KPD. Seine politische Vergangenheit hing Kurt Lichtenstein auch im journalistischen Berufsalltag an. Die Dortmunder "Westfälische Rundschau", zu deren Herausgebern der nordrhein-westfälische SPD-Ministerpräsident a.D. Fritz Steinhoff gehört, hatte dem ehemaligen Kommunisten nach einer politischen Karenzzeit eine Chance geboten und es im Frühjahr 1961 sogar gewagt, ihn als Korrespondenten nach Bonn zu schicken.
Jedoch nach einem guten Dutzend Bonner Lichtenstein-Artikel kam die Wendung: Von ihrem eigenen Korrespondenten nahm die Redaktion in Dortmund kaum noch Artikel an und engagierte vorsorglich einen Nachfolger. Wegen seiner politischen Vergangenheit, so schien es Lichtenstein, war er als Bonner Repräsentant des Blattes nun wohl doch nicht tragbar.
Aufgebracht klagte Lichtenstein vor Kollegen, was ihm widerfahren sei: "Jetzt gehe ich zu Ollenhauer, der soll ganz klar sagen, ob ich politisch zuverlässig bin oder nicht."
Der SPD-Chef zögerte nicht, für Lichtenstein gutzusagen: "Wir werden dir nicht heute noch anlasten, daß du deine Jugend einer falschen Sache geopfert hast." Leumunds-Zertifikate gingen an Redaktion und Herausgeber der "Rundschau" in Dortmund. Die Genossen vom örtlichen SPD-Bezirk zogen mit.
Indes, an der Boykottorder gegen Lichtenstein änderte sich nichts. Er wurde unter Bonner Ortszeile nicht mehr gedruckt. Die Redaktion hatte endgültig entschieden.
Schließlich gab Lichtenstein enttäuscht-und verbittert auf: "Dann muß ich eben von Bonn wieder weg. Vielleicht sollte man einmal eine große Reportage über die Zonengrenze schreiben jetzt in dieser Zeit."
Die Redaktion war mit solchem Bewährungskommando, bei dem Lichtenstein seine antikommunistische Gesinnung beweisen konnte, einverstanden. Am vierten Tag der Reise wurde der
Reporter von der Volkspolizei erschossen.
Der Rechtsanwalt der Witwe Lichtenstein will nun versuchen, daß der durch seinen Tod zu höchster offizieller Gunst gelangte Kurt Lichtenstein wenigstens posthum einer Wiedergutmachung nationalsozialistischen Unrechts für würdig befunden wird. Termin vor dem Kammergericht Berlin: Montag dieser Woche.
* Paragraph 6 Ziffer 1 Absatz 2: "Von der Entschädigung ausgeschlossen ist, wer nach dem 23. Mai 1949 die freiheitliche demokratische Grundordnung Im Sinne des Grundgesetzes bekämpft hat."
Vopo-Opfer Lichtenstein
Für Bonn nicht tragbar

DER SPIEGEL 46/1961
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