08.11.1961

SUPERBOMBEIrrttum vorbehalten

Ehe die erste Atombombe am 16. Juli 1945 in der Wüste von Neu-Mexiko explodierte, richteten die im Kernwaffen - Forschungszentrum Los Alamos versammelten amerikanischen Atomwissenschaftler eine Wettkasse ein. Pro Tip war ein Dollar zu entrichten.
Die Wette ging nicht um Erfolg oder Mißerfolg des Versuchs: Sie galt dem Ausmaß der Explosion.
Als die Bombe barst, stellte sich heraus, daß die Schöpfer der Atombombe allesamt falsch getippt hatten. Nur ein Gast, der mit dem damaligen Los-Alamos-Chef Robert Oppenheimer befreundete Physiker Robert Serber, hatte die
verheerende Wirkung der Bombe annähernd richtig eingeschätzt - "eigentlich nur aus Höflichkeit", wie er später gestand. "Ich wollte als Gast eine schmeichelhaft hohe Zahl nennen."
Oppenheimer selbst hatte die Sprengkraft der Bombe auf etwa 10 000 Tonnen des herkömmlichen Sprengstoffs TNT geschätzt. Er irrte. Das "Baby" - so wurde die Kernladung in einem Geheimtelegramm an Präsident Truman damals genannt - kam doppelt so kräftig auf die Welt, wie es der Wissenschaftler erwartet hatte. Sprengkraft: 20 000 Tonnen TNT.
Ähnlich erging es den sowjetischen Kernphysikern, als sie in der vergangenen Woche über dem nördlichen Eismeer die von Chruschtschow angekündigte 50-Megatonnen-Bombe explodieren ließen. Seismographische Beobachtungen und Messungen der Druckwellen deuteten an, daß die russische Bombe mit weit größerer Wucht geplatzt war.
Die Schätzungen der Wissenschaftler in europäischen, amerikanischen und asiatischen Forschungszentren schwankten zwar erheblich, doch Chruschtschow selbst gab nach der Explosion zu, daß seine Bombenbauer die Sprengwirkung der auf 50 Megatonnen berechneten Bombe unterschätzt hatten. Chruschtschow: "Unsere Wissenschaftler werden aber nicht bestraft."
Damit bestätigte sich erneut ein Erfahrungssatz der Atomphysiker, daß sich Detonationen zumindest neuer Atomwaffen nicht immer exakt berechnen lassen. Der sowjetische Chefdelegierte bei, der Internationalen Atombehörde, Professor Dr. Jemeljanow, gestand: "Jeder Kernwaffenversuch ist eine unkontrollierte Explosion."
Die Amerikaner mußten diese Erfahrung nicht nur 1945 bei der Explosion der ersten Atombombe machen, sondern auch
- am 1. November 1952, als im Eniwetok-Atoll der erste Wasserstoff-Sprengsatz ("Mike") mit einer Gewalt von drei Millionen Tonnen TNT detonierte - und damit die Erwartungen der Wissenschaftler beträchtlich übertraf;
- am 1. März 1954, als im Eniwetok -Atoll die erste transportable USWasserstoffbombe platzte und dabei eine Sprengkraft von 15 Megatonnen entfaltete - mehr als doppelt soviel, wie die Wissenschaftler errechnet hatten.
Amerikanische Kongreßmitglieder äußerten damals die Befürchtung, die Wasserstoffbomben-Explosion sei "außer Kontrolle geraten". Der Vorsitzende der US-Atomenergie-Kommission, Lewis Strauss, wehrte sich gegen diese Lesart, gestand aber ein, "daß die tatsächliche Wirkung um das Doppelte über der Schätzung lag". Er stufte die Diskrepanz als einen "Fehlbetrag" ein, der "über das übliche Maß bei der Erprobung einer vollkommen neuen Waffe nicht hinausgeht".
Die Sowjets nahmen gefährliche Fehleinschätzungen bewußt in Kauf, als sie-in der letzten Woche - an ein und demselben Tag - den großen Diktator Stalin aus der Gruft und die große Bombe Chruschtschows in die Luft jagten.

DER SPIEGEL 46/1961
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