08.11.1961

RESNAISA, X und M

Ein großes Hotel, eine Art internationaler Palast, riesig, barock, mit prunkvollem, doch eisigem Dekor: eine Welt aus Marmor, Säulen, Ranken, vergoldeter Täfelung, Statuen, Domestiken in erstarrter Haltung." So beschrieb der französische Roman-Neuerer Robbe-Grillet den Schauplatz des Films "Letztes Jahr in Marienbad", den er für den Regisseur Alain Resnais ("Hiroshima, mon amour") verfaßt hat.
Dem Münchner Premierenpublikum, das sich zum "Ereignis der Saison" ("Abendzeitung") im "Tivoli"-Theater eingefunden hatte, war die pompöse Kulisse längst vertraut: Regisseur Resnais hatte aus verschiedenen Prachtbauten der bayrischen Hauptstadt und ihrer Umgebung, aus den Schlössern Nymphenburg, Amalienburg und Schleißheim samt dazugehörigen Parks sowie der Münchner Residenz das Traumhotel seines "Marienbad" zusammengesetzt.
Die undurchsichtige Liebesgeschichte, die Alain Resnais vor Jahresfrist in Bayerns Schlössern inszenierte, versetzte professionelle Filmbetrachter in noch stärkeres Entzücken als die in Hiroshima gekurbelte Liebe-und-Atomtod-Weise, mit der er seinen Ruf als Revolutionär der Neuen Welle begründete.
Der Filmredakteur der "Süddeutschen Zeitung", Hans-Dieter Roos, feierte "Letztes Jahr in Marienbad" als "eine der kühnsten Schöpfungen des Gegenwartsfilms". Der Rezensent der "Frankfurter Allgemeinen", Martin Ruppert, erblickte in "dieser kinematographischen Etüde" den "Beginn einer neuen Ära der Filmkunst". Und der Hamburger Kritiker Klaus Hebecker konstatierte beeindruckt: "Dieser Film verlangt nach dunklem Anzug."
Eine solche Garderobe tragen auch die Darsteller im Traumhotel des Films. Dort, in "Marienbad", ist "eine anonyme Clientèle" versammelt: "höflich, reich, müßiggängerisch". Ernsthaft, "doch ohne Hingabe", befolgen sie die strikten Regeln der Society-Spiele: "mondänen Gesellschaftstanz, bedeutungslose Konversation oder Pistolenschießen".
Vor dieser Statisterle ergehen sich die anonymen Helden einer verwirrenden Dreieck-Geschichte - das Drehbuch nennt sie A, X und M -, eine schöne Frau, ihr Verehrer und ihr Begleiter. X gibt vor, A im letzten Jahr bereits getroffen zu haben und ihr Liebhaber geworden zu sein, hier in Marienbad, "vielleicht aber auch in Frederiksbad,
Karlstadt oder Baden-Salsa". Madame A behauptet, sich nicht zu erinnern. X und A führen Indizien an, werden sich aber nicht einig. Ebensowenig kommt der Zuschauer dahinter, wer von beiden recht hat. Er erfährt nicht einmal, ob A und X glauben, was sie sagen.
Zahllose Fragen stellen sich dem Filmbetrachter: Ist Monsieur X davon überzeugt, Madame A zu kennen? Oder will er es sie nur glauben machen, um sich leichter ihrer Liebe zu versichern? Oder ist er gutgläubig das Opfer einer Autosuggestion geworden? Erinnert sich A wirklich nicht? Oder gibt sie es nur vor, um sich des zudringlichen Verehrers zu erwehren? Oder hat sie die Erinnerung an ein Zusammnentreffen, das wirklich stattgefunden hat, verdrängt? Später scheint es, als erinnere sie sich nun wirklich. Aber vielleicht behauptet sie das wiederum nur, um X recht zu geben? Oder ist sie seiner Suggestion erlegen?
Der Kinogast bleibt im dunkeln. Selbst die Verfertiger des Films könnten ihm keine Gewißheit verschaffen. Regisseur Resnais: "Für mich sind sich die beiden tatsächlich ein Jahr früher in Marienbad begegnet. Die Frau versucht, diese Vergangenheit zu unterdrücken, während der Mann ihr gegenüber wie ein Psychologe verfährt, der sie zwingt,
mit etwas wirklich Geschehenem wieder Kontakt aufzunehmen."
Dagegen Autor Robbe-Grillet: "Ich glaube eher, daß sich die beiden in Marienbad nicht getroffen haben. Der -Mann suggeriert der Frau diesen gemeinsamen. Moment in der Vergangenheit."
Zu keinem Zeitpunkt des Films kann sich der Zuschauer sicher sein, ob das, was er gerade auf der Leinwand sieht, Gegenwart oder Erinnerung ist, Traum oder Wachtraum. Man hört die Stimme des Mannes, eine weibliche Stimme scheint zu antworten - dann aber erfährt der Zuschauer, daß es die Stimme einer Schauspielerin war, die eben auf der Bühne steht, die "Antwort" gehört zu ihrem Text.
Der Zuschauer hört das Lachen der Frau - er ist sicher, daß es ihr Lachen ist, weil er sie früher lachen gesehen hat -; als er dann aber ihr Gesicht erblickt, ist es ernst und unbeweglich. Fast nie sieht er den Sprechenden, wenn er seine Stimme hört; gelegentlich sieht er eine Szene, deren Beschreibung er zuvor gehört hat; dann aber erkennt er, daß doch irgendein Detail nicht mit der Beschreibung übereinstimmt. Offenbleibt, wer gelogen oder was getrogen hat: die Stimme oder das Bild. Eine Szene scheint wiederholt zu werden - da bemerkt der Zuschauer, daß die Konstellation der Figuren nicht dieselbe ist.
Der Dekor eines Hotelzimmers verändert sich fortwährend. Eine Plastik, die in den Beschwörungen des Mannes eine Rolle spielt, erscheint an wechselnden Standorten. In einer Gruppenszene ist eine Person, die der Filmbetrachter eben noch gesehen hat, während einer leichten Drehung der Kamera verschwunden. Dem Zuschauer drängt sich die Frage auf, ob das Hotel nicht doch ein Sanatorium oder gar ein Irrenhaus sei und ob er das Ganze nicht nur als verfilmten Traum zu werten habe.
Schon hat ein Kritiker in den "Cahiers du Cinéma", dem Organ der "nouvelle vague", eine Interpretation versucht, die mit psychoanalytischem Werkzeug das Geschehen aufschlüsselt, A, X und M als "Ich", "Es" und "Über -Ich" definiert und alles als Traum deutet. Tatsächlich wimmelt der Film von Traummotiven; aber ebensogut können sie als Realitäten betrachtet werden.
Ein anderer Kritiker interpretierte den Resnais-Film als "einen Versuch, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gleichzeitig darzustellen und derart gewissermaßen die Einsteinsche Relativitäts-Theorie auf die Leinwand zu bringen".
Es sei möglich, räumte Regisseur Resnais ein, daß der Zuschauer "sich am Anfang ein wenig desorientiert fühlt", aber er werde bald "in den Zustand einer leichten Hypnose versetzt" und "in das Geschehen auf der Leinwand einbezogen". Resnais: "Solche Filme verlangen vom Betrachter, daß er sich an der Ausarbeitung des Films beteiligt; sie können keinen Zuschauer gebrauchen, der sich passiv verhält, der eine Geschichte einfach hinnimmt."
Wie in "Hiroshima, mon amour" inszenierte Resnais seine verwirrende "Geschichte des inneren Bewußtseins" mit Darstellern, die dem Kinopublikum fremd sind. Madamne A wird von der Französin Delphine Seyrig dargestellt; ihren Begleiter; Ehemann oder Freund spielt der französische Russe Sacha Pitoeff; als Verehrer agiert der italienische Schauspieler und Bühnenregisseur Giorgio Albertazzi. Für die Nebenrollen verpflichtete Resnais persönliche Freunde - den Verleger Gilles Queant, den Komponisten Barbaud, das Mannequin Karin Tösche-Mittler und die Produzententochter und Jurastudentin Helene Cornel.
Sie alle zelebrieren ihre Rollen in einem an eine Puppenbühne erinnernden Stil. Sie bewegen sich selten, und wenn, dann ruckhaft und geziert. Dabei werden sie von einer fast ständig gleitenden Kamera umkreist. "Ich habe diesen Film wie eineStatuegemacht", sagte Resnais, der vor Jahren einen von der Zensur verbotenen - Kurzfilm über afrikanische Kunst unter dem Titel "Die Statuen sterben auch" gedreht hat.
Die offizielle Pariser Kommission, die über die Auswahl französischer Filme für internationale Festivals zu befinden hat, schlug den Film für die Festspiele in Venedig vor, und die Jury der Biennale verlieh ihm ihren Ersten Preis, den "Goldenen Löwen von San Marco".
"Nach der Pressevorführung", berichtete die "Neue Zürcher Zeitung" aus Venedig, "bildeten sich unter den Kritikern sofort zwei feindliche Lager.
Aber das zahlende Abend-Publikum, das zur Unterhaltung ins Kino ging, hatte keine Hemmungen, zu pfeifen und zu randalieren ... "In Venedig erläuterte Alain Resnais auch, was er mit seinem Film bezwecke: Es sei ihm daran gelegen, "den menschlichen Glauben an die Realität unserer Welt zu erschüttern".
In Paris füllt ein widersprüchlich reagierendes Publikum seit Wochen die beiden Premierenkinos. Deutsche Kinobesitzer, durch die fernsehbedingte Schnulzenflaute und den Überraschungserfolg französischer Experimentierfilme an jahrzehntealten Branchenweisheiten irre geworden, - hatten -den Film des "Hiroshima"-Regisseurs unbesehen schon gebucht, ehe er noch im offiziellen Verleihprogramm erschien.
Resnais-Film "Letztes Jahr in Marienbad": In bayrischen Schlössern Einstein verfilmt*
* Zur Erhöhung der Bildwirkung ließ Regisseur Resnais für dieses Gruppenbild im Nymphenburger Park Schlagschatten auf den Boden malen, vergaß jedoch, auch Schatten der Baumgruppen anzufertigen.

DER SPIEGEL 46/1961
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