15.11.1961

KINDERAbendessen im Galopp

Dreißig Stunden wöchentlich sitzen deutsche Kinder in der Schule. Zwanzig Stunden sitzen sie vor dem Fernsehschirm.
Diese jungdeutsche Eigenart erhellt aus einer wissenschaftlichen Untersuchung, die der Hamburger Lehrbeauftragte für Pädagogische Psychologie, Professor Dr. Fritz Stückrath, vorgenommen hat. Der Forscher fand heraus, daß eine Sitzleistung von wöchentlich 20 TV-Stunden typisch ist für Kinder zwischen elf und 15 Jahren, deren Eltern ein Fernsehgerät haben.
Professor Stückrath hatte für die Untersuchung drei Volksschulen in Hamburgs nördlichem Vorort Langenhorn ausgewählt, einem Stadtteil mit sozial gemischter Bevölkerung. 254 von 522 Schülern der oberen Klassen können zu Hause fernsehen. Der Psychologe ermittelte, daß
- 22,5 Prozent der Kinder aus den
Fernsehfamilien von Montag bis Freitag täglich ein bis zwei Stunden fernsehen,
- 28,5 Prozent etwa zwei Stunden,
- 49 Prozent zwei bis drei Stunden und sogar länger.
An den Wochentagen hocken die Kinder, wie Stückrath errechnete, durchschnittlich 2,4 Stunden vor dem Bildschirm. Einen noch höheren Wert ermittelte der Wissenschaftler für die Wochenenden. Durchschnitt an Sonnabenden: 4,4 Stunden.
Wie in Amerika, wo nach neuesten Ermittlungen Kinder zwischen vier und elf Jahren durchschnittlich 31 1/2 Stunden in der Woche vor der Mattscheibe verbringen,
so sind auch in der Bundesrepublik offenbar die meisten jugendlichen Fernseher "Allesschlucker" (Stückrath). 41 Prozent der befragten Hamburger Kinder sitzen regelmäßig schon nachmittags um 17 Uhr vor dem Apparat. Manche verharren bis zum Schlafengehen vor dem Schirm. "Es wird im Galopp Abendbrot gegessen", berichtete beispielsweise ein 15jähriger Junge. Auskunft eines 15jährigen Mädchens: "Das Abendbrot ißt man jetzt beim Fernsehen und sieht nach jedem Bissen hin."
Derlei Umständlichkeiten beim Essenfassen wurden in Amerika bereits ausgeräumt: 23 Millionen US-Bürger löffeln allabendlich vor ihrem Empfänger ein TV-Dinner in sich hinein, ein vorgekautes Gericht auf einer Plastikplatte, das sich ohne Messer und Gabel bewältigen läßt. Die Beigaben - Kartoffeln, Gemüse, Nachtisch - sind stets an derselben Tellerstelle aufgehäufelt, damit der Fernseher sie auch im Dunkeln finden und verschlingen kann, ohne den Blick von der Mattscheibe wenden zu müssen.
Professor Stückrath: "Der Familienkreis, der sich (bei normalen Abendbrot -Sitten) ein einziges Mal am Tage schloß, ist durch den Reiz des Fernsehens gesprengt worden." Im Gegensatz zu Spielen und anderen Beschäftigungen, für die sich Kinder gewöhnlich nur kurzzeitig begeistern, verliert der Flimmerkasten mit der Zeit für Jugendliche kaum an Reiz. Kinder, deren Eltern schon länger als zwei Jahre einen TV-Apparat im Hause haben, sehen - nach Stückraths Feststellungen - täglich nur einige Minuten weniger fern als Altersgenossen, für die das TV-Vergnügen soeben erst begonnen hat.
Wohl wertete es Professor Stückrath als "Zeichen eines noch vorhandenen gesunden Instinkts, wenn eine überraschend hohe Zahl von Kindern das Fernsehen verurteilt, obwohl sie von seinen Bildergeschichten angezogen werden". Indes, die gesunde Reaktion wird vorn den Eltern nicht honoriert: In der Regel fördern die Eltern - oft unter Berufung darauf, daß Fernsehen zur Bildung beitrage - die Mattscheiben-Sitzung ihrer Kinder.
"Aber die Äußerungen der Erwachsenen", so urteilte Stückrath, "lassen auch keinen Zweifel darüber, wo das eigentliche Motiv ihrer Argumentation zu suchen ist: Ihre Nerven werden geschont, wenn die Kinder vor dem Bildschirm sitzen."
Daß der unmäßige TV-Konsum in den Familien nicht nur jene körperlichen Mängel bei Kindern verursachen kann, die amerikanische Mediziner als "Fernsehbeine" (Muskelschwund) und als "Faulenzerherzen" (geringe Herzgröße) bezeichnen, sondern möglicherweise auch seelische Defekte auslöst, deutet ein scheinbar nebensächliches Ergebnis der Hamburger Untersuchung an:
86 Prozent der befragten Kinder erklärten, daß ihnen das gemütvolle Fernseh-Epos "Familie Schölermann", das in 110 Folgen von September 1954
bis März 1960 über die Matscheiben flimmerte, besonders gut gefallen habe In dieser Sendung, koztatierte Professor Stückrath, sei den Kindern ein Familienleben vor Augen geführt worden, "das sie selbst so schmerzlich vermissen".
Die Fernsehfamilie Schölermnann besaß,kein Fernsehgerät.
Stückrath

DER SPIEGEL 47/1961
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