18.10.1961

BONN / STRAUSSNiemals nie

Ich bin mir selbst und meiner Politik immer treu geblieben.
Franz-Josef Strauß am 12. September 1961 in Weilheimn.
Am 26. Juni 1956 erklärte der damalige Atom-Minister Franz-Josef Strauß dem Bundeskanzler im Palais Schaumburg: "Das geht nicht mehr, Herr Bundeskanzler, daß Sie mir dauernd vorwerfen, ich wollte Verteidigungsminister werden. Das können Sie mir jetzt nicht mehr unterstellen."
Keine vier Monate später wurde Franz-Josef Strauß zum Verteidigungsminister ernannt.
Ende Februar 1961 erklärte Verteidigungsminister Franz-Josef Strauß zur damals bevorstehenden Wahl eines neuen Parteivorsitzenden der CSU: "Ich strebe nicht nach einem solchen Amt in der Partei. Mein klarer Wunsch ist, die Wahl möge an mir vorübergehen."
Keine drei Wochen später wurde Verteidigungsminister Franz-Josef Strauß zum CSU-Vorsitzenden gewählt.
Im April 1961 erklärte Verteidigungsminister und CSU-Vorsitzender Franz-Josef Strauß, er wette "jede Menge Sekt", daß der Nachfolger des Außenministers Heinrich von Brentano nicht Strauß heißen werde, und zwei Tage vor der Septemberwahl verkündete er, daß er "weder am Amt des Bundeskanzlers noch an dem des Außenministers" Interesse habe.
Tatsächlich ist er bis heute weder das eine noch das andere geworden. Fest steht aber, daß Franz-Josef Strauß in der Wahlnacht des 17. September als einziger machtvoller Christ-Unionist ein durchdachtes Konzept besaß, der Herrschaft Konrad Adenauers zum Besten Deutschlands, der CDU/CSU und des Franz-Josef Strauß ein Ende zu setzen.
Strauß befand sich dabei in Übereinstimmung mit dem durch die Wahl erklärten Mehrheits-Willen des Volkes, Konrad Adenauer nicht wieder zum Kanzler zu machen. Der Plan scheiterte an allen vier im Bundestag vertretenen Parteien:
- Die CSU ließ in der Schwur-Stunde ihren Parteivorsitzenden Strauß im Stich.
- Die CDU klammerte sich an ihren eigenen Parteivorsitzenden Konrad Adenauer.
- Die FDP stand nicht zu ihrem Wort:
"Nie mit Adenauer".
- Die SPD drängte sich in die Arme ihres Todfeindes im Palais Schaumburg.
Der sich anbahnende Triumph Konrad Adenauers hat den Zorn des Kanzlers über die Auflehnung des Franz-Josef Strauß nicht abklingen lassen.
"Aus Adenauers Mund", so berichtete der Korrespondent der "Süddeutschen Zeitung", Dieter Schröder, am 1. Oktober aus Bonn, "sind in den letzten vierzehn Tagen Äußerungen über Strauß gefallen, die von Freundlichkeit so weit entfernt sind wie der Bundesverteidigungsminister vom Bundeskanzleramt."
Der Abfall des Franz-Josef Strauß hat den alten Herrn im Palais Schaumburg schmerzlicher getroffen als irgendeine Enttäuschung im Laufe seiner dutzendjährigen Kanzlerschaft. Es war, als habe ein Sohn den Vater verlassen.
Denn obgleich Konrad Adenauer nie daran gedacht hat, den jungen, ungestümen Strauß als seinen unmittelbaren Thronfolger zu designieren, erblickte er in ihm den eigentlichen Erben seiner Politik.
An einem Februartag im Jahre 1952 wurde der Kanzler erstmalig von diesem Gefühl ergriffen. Konrad Adenauer hatte im Bundestag eine seiner konzeptionslosen Reden zur Rechtfertigung der geplanten Europäischen Verteidigungsgemeinschaft gehalten. Da war es der damals 36jährige CSU-Abgeordnete Franz-Josef Strauß, der die Regierungskoalition mit rhetorischen Keulenschlägen aus ihrer phantasielosen Defensiv-Stellung heraushieb. Über Konrad Adenauer und Kurt Schumacher dröhnte er:
"So gern ich auch die beiden mitsammen sprechen sehe
(Zurufe von der SPD)
- allmählich lerne auch ich politische Vernunft, Kollege Schoettle -,
(Heiterkeit)
- so gern ich auch die beiden mitsammen sprechen sehe, so möchte ich doch Herrn Dr. Adenauer und Herrn Dr. Schumacher nicht gern hinter Stacheldraht im Ural sich darüber unterhalten sehen, was sie im Frühjahr 1952 hätten tun sollen!
(Stürmischer Beifall bei den Regierungsparteien - Abgeordneter Dr. Wuermeling: "Ausgezeichnet!" - Lebhafte Zurufe links)
Gehn's, ich würde Ihre Aufregung dann viel ernster nehmen..." (Zurufe links: "Wo ist denn hier der Aufgeregte?")
Kurt Schumacher, der damals bereits Konrad Adenauer als "Kanzler der Alliierten", Heinrich von Brentano als "politischen Leichtmatrosen" und Jakob Kaiser als "feierliche Null" tituliert hatte, fügte seinen Zeugnissen eine Strauß-Definition hinzu: "Das dröhnende Nichts". Kanzler Konrad Adenauer aber stieg von der Regierungstribüne hinab, um seinem bayrischen Nothelfer minutenlang die Hand zu schütteln.
Der so ausgezeichnete Franz-Josef Strauß kletterte im nächsten Jahr auf dieselbe Empore hinauf. Obwohl lediglich Sonderminister ohne Geschäftsbereich, ließ sich der Kabinetts-Benjamin nur drei Sessel vom Kanzler entfernt auf einem Logen-Platz zwischen
Wirtschaftsminister Erhard und Finanzminister Schäffer nieder, wo er gewiß noch nicht hingehörte.
Konrad Adenauer, der im Verlauf seiner zwölfjährigen Kanzlerschaft jeden halbwegs ernsthaften Rivalen - von Karl Arnold bis Ludwig Erhard - geduckt, verschlissen oder kaltgestellt hat*, duldete nicht nur den immer ungebärdiger zutage tretenden Machtanspruch des Franz-Josef Strauß, sondern förderte ihn wohlwollend. In seinen am Tag nach der Bundestagswahl erschienenen "Pariser Erinnerungen" hat der - inzwischen verstorbene - deutsche Botschafter in Paris, Wilhelm Hausenstein, unter Anspielung auf die Kanzler-Gehilfen Hallstein, Globke, Blankenhorn seiner Verwunderung Ausdruck verliehen, daß der Kanzler "in seiner dienstlichen Umgebung Figuren ertrug", die ihm "vom Wesen her nicht zugeordnet sein konnten" und sich vornehmlich durch die "Brauchbarkeit fügsamer Gehilfen" auszeichneten.
Das gilt nicht nur für die damals einflußreiche Beamten-Troika, sondern genauso für Konrad Adenauers Minister, von Vizekanzler Blücher bis zum Außenamtswalter Heinrich von Brentano. Es galt nie für Strauß. Er war vielleicht brauchbar, aber gewiß nicht fügsam. Und wenn er allzu vorlaut wurde, ließ Adenauer es ihn auch spüren.
"Nun lassen Sie mich doch endlich mal ausreden, Herr Bundeskanzler", trotzte der gerade ernannte Verteidigungsminister Franz-Josef Strauß 1956 auf der ersten Sitzung des Verteidigungsrats. "Na, Sie sollten von sich
nicht so überzeugt sein, Herr Strauß", antwortete der Kanzler.
Wenn es ihm auch zuweilen unheimlich war, so gefiel Konrad Adenauer jedoch im Grunde das Selbstbewußtsein des studierten Metzgersohns aus Münchens Schellingstraße; Strauß blieb der einzige Untergebene des Kanzlers, der diese Eigenschaft nicht immer ungerügt, aber stets ungestraft an den Tag legen durfte.
Konrad Adenauer reiste 1957 zur Hochzeit seines Ministers mit der Bierbrauer-Tochter Zwicknagl nach Rott am Inn. Und an seinem diesjährigen, dem 85. Geburtstag zeichnete der Kanzler seinen Wehr-Minister aus wie nie einen anderen Deutschen zuvor: "Ihre Tätigkeit wird einmal von der Geschichtsschreibung mit an erster Stelle gewürdigt werden."
Wie ein Konfirmand bekam Franz-Josef Strauß rote Ohren vor Stolz. Er
seinerseits hatte die Feier nicht zum Loben, sondern für einen Seitenhieb auf einen Kabinettskollegen genutzt. Er dankte im Namen der Bundeswehr, die vom Kanzler so viel Unterstützung erhalte wie "nicht einmal das Auswärtige Amt".
Was Franz-Josef Strauß vom Außenminister Heinrich von Brentano hält, ist kein Geheimnis. Zettelbotschaft von Strauß an Brentano auf einer Euratom-Konferenz 1956 in Paris: "Du brauchst Dich nicht immer zu entschuldigen, daß wir da sind. Die haben uns doch eingeladen, das werden sie doch noch wissen."
Konrad Adenauer, der miterlebt hatte, wie Strauß in die Ermekeilkaserne seines Amtsvorgängers Theo Blank hineinwuchs, mußte es auch für möglich halten, daß sich eine zweite Wachablösung ähnlicher Art wiederholen könnte, wenn der Militärminister auf seinem Weg nach oben die Zwischenlandung im Diplomaten-Amt für notwendig erachten sollte.
Unvorbereitet aber traf Konrad Adenauer der direkte Abfall des Mannes, dem er als einzigem Minister die
Pforte in den Vorhof der Macht selbst aufgeschlossen hatte und der sich früher als alle anderen von ihm wenden sollte.
Strauß hingegen mußte seinen Kanzler so zeitig verlassen, gerade weil er der politischen Konzeption Konrad Adenauers am engsten verbunden war: Wer einem versinkenden Giganten am nächsten ist, muß sich als erster abstoßen und losschwimmen, um nicht vom tödlichen Sog in die Tiefe gezerrt zu werden.
Der Tag, an dem der Gigant sichtbar zu sinken begann, war der 13. August 1961, an dem die Sowjets die Stacheldrahtschlinge um Berlin zuzogen und die Ohnmacht der Bonner Stärke-Politiker zur Schau stellten. Konrad Adenauer war am Ende.
"Nach dem 13. August", schrieb sieben Wochen später der CDU-Abgeordnete Dr. Gerd Bucerius in seiner Wochenzeitung "Die Zeit", "wurde ein ganzes Volk Zeuge, wie der große und von Millionen aufrichtig verehrte Mann in der schwersten Stunde der Bundesrepublik versagte. Wer am 14. August die Fernsehsendung sah, in der Adenauer und sein Außenminister Brentano sich gegenseitig anstammelten: 'Nein, zur Panik ist keine Veranlassung', dem sitzt der Schreck heute noch in den Gliedern."
Franz-Josef Strauß, neben Innenminister Gerhard Schröder einer der Intelligentesten unter den Trägern Bonner Würde und Wichtigkeit, brauchte nicht so lange wie sein Fraktionskollege Bucerius, um die Dimensionen des Desasters auszumessen.
Noch am Abend desselben Sonntags, an dem Ulbrichts Drahtzieher in Berlin den Feiertag nicht heiligten, leitete Verteidigungsminister Strauß auf einer Wahlkundgebung in Hamburg siegreiche Frontbegradigungen und Absetzbewegungen in vorbereitete Auffangstellungen ein. Er gewann Abstand von der Politik der Stärke, deren deutscher Exponent er jahrelang gewesen war, und von ihrem Schöpfer Konrad Adenauer, dessen Politik er ausgeführt hatte.
Vier Wochen blieben dem Franz-Josef Strauß noch bis zur Wahl. Er wußte sie rigoros zu nutzen.
An dem Versagen der Politik der Stärke hatten nicht die Deutschen, sondern ihre Verbündeten schuld. In Würzburg erklärte Strauß am 9. September: "Wenn eine Politik der Stärke getrieben worden wäre, würde Herr Chruschtschow heute nicht so provozierende Dinge tun, wie er sie tut Wenn alle Nato-Mächte ihre Verpflichtungen in vollem Umfang erfüllt hätten, und wenn man uns nicht dauernd Prügel zwischen die Beine geworfen hätte, bis zu diesem Tage, stünden wir besser da, als wir dastehen."
Derselbe Christlich-Soziale, der 1956 geprahlt hatte, Bonns Verbündete seien stark genug, "das Reich der Sowjet-Union von der Landkarte zu streichen", bekannte am 2. September 1961 in Würzburg: "Wir müssen alles versuchen, um in Verhandlungen einen erträglichen Kompromiß zu erreichen in Berlin. Mehr ist nicht drin."
Mit einer Vehemenz, die selbst seine Bewunderer in Erstaunen versetzte, fand Franz-Josef Strauß gleichzeitig mitten im Wahlkampf den Dreh, das Pferd zu wechseln und von Konrad Adenauer auf Ludwig Erhard umzusatteln um seine Partei und sich aus dem täglich dunkler werdenden Schatten der politischen Niederlage ins helle Neonlicht des Wirtschaftswunders hinüberzuretten:
- "Zwölf Jahre der Politik der Bundesregierung haben eine Renaissance Westdeutschlands, eine Renaissance Europas herbeigeführt, haben uns zur zweitstärksten Wirtschaftsmacht der Welt gemacht" (am 27. August in Münster).
- "Diese Politik wird - ich sage das ganz offen -, auch wenn Natur oder Schicksal das Ausscheiden Dr. Adenauers aus dem politischen Leben erforderlich machen wird, weiterbestehen... Wenn eines Tages der heutige Bundeskanzler die Zügel aus der Hand legen muß, und wir haben die Entscheidung, dann, das darf ich als Landesvorsitzender der Christlich-Sozialen Union sagen, haben - wir unsere Wahl getroffen, dann hat ein Mann, der unerhörte Verdienste um den Aufbau unseres Landes, um den wirtschaftlichen und sozialen Wiederaufstieg hat, Ludwig Erhard nach unserer Ansicht alle Fähigkeiten, um dieses Amt weiterzuführen" (am 6. September in Freising).
- "Wenn Großbritannien heute mit Neid und Bewunderung auf uns blickt - das klingt beinahe überheblich -, wenn Großbritannien sagt: Leiht uns den Erhard aus, damit wir unsere Arbeitslosigkeit wegbringen; wenn man in Großbritannien liest: Erhard soll britischer Wirtschaftsminister werden, damit Großbritannien denselben Aufstieg nimmt wie die Bundesrepublik - haben wir nicht unser Wort gehalten, ist unser Land nicht wieder ein blühender Garten geworden?" (am 13. September in Mittenwald).
- Wenn der Bundeskanzler, wie es Natur und politisches Geschick mit sich bringen, von der politischen Bühne abtritt, dann wird im Gegensatz zum Abtritt Bismarcks, mit dem auch seine Politik zu Ende gegangen ist, die Politik Adenauers als unsere gemeinsame Politik von uns weitergetragen werden" (am 14. September in Nürnberg).
- "Ich bin persönlich mit der CSU und mit der Mehrheit der CDU darin einig, daß Ludwig Erhard Bundeskanzler wird. Die Frage ist nur, wann" (am 15. September in München).
Diese Frage: "Wann?" hat den Minister Strauß seit der Nacht nach dem Wahlsonntag vom 17. September nicht mehr ruhen lassen. In jener Nacht verleugnete er auf dem Fernsehschirm seinen Kanzler, noch ehe der Hahn gekräht hatte:
"Wir erkennen die politische und, man kann heute ruhig sagen, geschichtliche Leistung des heutigen Bundeskanzlers in vollem Umfang an."
Die CDU/CSU habe keine Kanzlernachfolge-Sorgen: "Die Entscheidung der CSU ist gefallen. Wir haben uns für Dr. Erhard entschieden."
Genau wie bald darauf der FDP-Major Erich Mende hatte sich Franz-Josef Strauß damit sowohl von dem klaren Anti-Adenauer-Votum der Wähler als auch von dem Wahl-Triumph der eigenen Partei zu voreiliger Unvorsichtigkeit hinreißen lassen*.
Nun, da der alte Herr im Palais Schaumburg, 'der heutige Bundeskanzler", schon pensioniert zu sein schien, wagte Franz-Josef Strauß ein Spiel, dem er noch zweieinhalb Jahre zuvor vorsätzlich ausgewichen war: Er mischte die Karten zum christlich-demokratischen Thronfolge-Poker.
Vor zweieinhalb Jahren, während der Präsidentschaftskrise im Frühjahr 1959 - Konrad Adenauer beschloß im damaligen Staats-Karneval zunächst, sich zum Bundespräsidenten wählen zu lassen, schoß in Cadenabbia Kobolz und sprang dann zurück in die Kanzler-Bütt -, verfeindeten sich die Führer der CDU auf Lebenszeit. Konrad Adenauer zu Eugen Gerstenmaier: "Was sehen Sie mich so haßerfüllt an?"; Ludwig Erhard über Konrad Adenauer: "Mit dem Mann bin ich fertig."
Franz-Josef Strauß wandte in jenen Wochen den Streitenden den Rücken und sich selbst frommen Dingen zu. Als die Schlacht zwischen den Thronprinzen Erhard und Etzel entbrannte, sagte er: "Ich bin noch nicht dran. Wir sind erst beim Buchstaben E." Alsdann entschwand er für die Dauer des zweiten Akts der bundesdeutschen Tragikomödie: Zusammen mit dem Militärbischof Kardinal Wendel wallfahrtete er nach Lourdes an die Marienquelle des Mädchens Bernadette.
Ein anderes Kabinettsmitglied Konrad Adenauers, wie Strauß jung, ambitioniert und im Umgang mit Macht nicht ungelenk (daher ein partei-interner Strauß-Rivale), der Bundesinnenminister Gerhard Schröder, mischte sich damals im Gegensatz zu Strauß in den Streit ein: Er verlas vor dem Bundestag Kanzler-Zitate, die er im Kabinett mitgeschrieben hatte und die für Konrad Adenauers Widersacher Ludwig Erhard äußerst abträglich waren. Mitschreiber Schröder fiel schmerzhaft auf die Nase; voll Mißtrauen betrachtet ihn die Fraktion seither, wann immer er Bleistift und Papier zückt. Schröders Chancen, einmal Kanzler zu werden, sanken zu jener Zeit auf den Nullpunkt. Heute ist die Situation auf den Kopf gestellt. Der einst so - vorwitzige Gerhard Schröder übt sich seit der Wahlnacht in staatsmännischer Zurückhaltung: "Spielt jetzt bloß nicht Weimar." Der einst so vorsichtige Franz-Josef Strauß hingegen begann am Tage nach der Wahl eben dieses Spiel: Er setzte das Koalitions-Karussell in Bewegung.
Der erste Weg in dieser Angelegenheit führte den Franz-Josef Strauß am Abend des Tages nach der Wahl in den Düsseldorfer Prominentenvorort Lohausen, Leuchtenberger Kirchenweg Nr. 63, zum Kaufhaus-Millionär "Defaka", "Merkur") und Rolls-Royce -Fahrer Helmut Horten.
Ziel des Besitzers der Frauen-Paradiese ist es seit langem, die FDP unauflöslich an die Union zu ketten, deren parlamentarische Basis ihm als zu wenig dauerhaft erscheint.
Aus diesem Grunde waren in der mit Noldes tapezierten Horten-Wohnhalle von der Größe eines Supermarktes schon vor der Wahl, am 10. Juli, Strauß und dessen erfolgreicher CSU-Generalsekretär Friedrich Zimmermann mit dem FDP-Major Erich Mende und dessen Parteifreund Willi Weyer zum politischen Abendbrot zusammengetroffen (SPIEGEL 33/1961). Die gleiche Besetzung fand sich nun am Tage nach der Wahl eben dort wieder beieinander.
Für Franz-Josef Strauß stellte sich die politische Lage an diesem Montag genau so dar wie noch heute. Da die CDU/CSU nicht mehr allein regieren kann, muß sie mit einer der zwei oder mit beiden noch im Bundestag vertretenen Parteien koalieren.
Eine große Koalition aller Parteien wird von den bürgerlichen Partnern als Notlösung betrachtet und bisher nur von der SPD mit voller Kraft angesteuert.
Eine CDU/CSU-Koalition mit der SPD unter Adenauer kann für Strauß nur Nachteile mit sich bringen: > Schon im nächsten Jahr wird in Bayern zum Landtagswahlkampf gerufen, der von der CSU nur lahm gegen die dort oppositionelle SPD geführt werden könnte, wenn SPD und Union in Bonn gemeinsam in der Verantwortung säßen.
- Die SPD muß fürchten, daß sie unter einem Adenauer-Nachfolger aus der Koalition fliegt. Sie würde daher rücksichtslos versuchen, so lange wie möglich im Kabinett Adenauer zu sitzen; nach neuestem Bonn-mot hat sich die Parteikasse für den Fall schon bereit erklärt, eine tägliche Kanzler-Behandlung durch Frischzellen-Doktor Niehans zu bezahlen. Denn je näher sich die SPD als Regierungspartner an die nächsten Bundestagswahlen heranrobben kann, um so glaubwürdiger könnte sie dann den jungen Vizekanzler Brandt als legitimen Adenauer-Erben präsentieren.
- Einfluß und Macht der bayrischen CSU und ihres Franz-Josef Strauß wären in einer Regierung mit der SPD nur gering, da CDU und SPD eine solide Mehrheit hätten.
Ganz anders sähe das Bild einer Koalition der Union mit der FDP aus: Die Fronten für die nächsten Wahlkämpfe in Ländern und Bund wären klar gezogen; selbst unter einem Kanzler Adenauer hätte Strauß nichts an Einfluß verloren; unter Kanzler Erhard wäre er im Triumvirat Erhard-Mende -Strauß bei weitem der Stärkste, sei er Außenminister oder nicht.
Frozzelte CSU-Baron von Guttenberg über den Drang seines Parteichefs Strauß in ein Kabinett Erhard: "Aber, Herr Strauß, warum wollen Sie denn pseudonym regieren?"
Strauß auf die Frage, ob in einem Kabinett Erhard nicht der wahre Kanzler Strauß hieße: "Kein Nachfolger Adenauers wird die gleiche Autorität
haben wie er. Jeder andere Kanzler muß andere Formen der Politik finden. Es ist nicht so, daß sich Erhard steuern ließe. Aber es wird in einer Regierung unter seiner Führung mehr Team-Arbeit geben als bei Adenauer." Die sich für Strauß daraus ergebende Notwendigkeit einer Koalition der Union mit der FDP ist ihm nicht erst am Tag nach der Wahl beim Kaufhauskönig Horten aufgegangen. Schon im Wahlkampf war sein Konzept klar.
Zunächst hatte er durch einen Fernseh-Auftritt Erich Mende dazu gebracht, ihm am 8. September folgendes Telegramm zu senden: "Sehr geehrter Herr Minister Strauß, ich höre soeben, daß Sie die Bereitschaft der FDP zu einer Koalition mit der CDU heute im Fernsehen angezweifelt haben. Ich bitte zur Kenntnis zu nehmen, daß sich an der Bereitschaft meiner Partei zu einer Zusammenarbeit mit der CDU auf der Grundlage einer echten Partnerschaft und eines gemeinsamen Regierungsprogramms wie im Jahre 1949 nichts geändert hat ... Beste Grüße Ihr Dr. Erich Mende."
Vom nächsten Tage an, mit dieser Verpflichtung in der Tasche, ließ Strauß kaum eine Gelegenheit ungenutzt, die FDP zu loben, wobei er sorgsam zwischen guten und bösen Freidemokraten zu unterscheiden wußte:
- "Herr Mende, den ich lobend gegenüber Herrn Dehler erwähnen möchte" (am 9. September in Hammelburg).
- "Mende ... hat den Bundeswehrhaushalt genehmigt. Aber die SPD hat zehn Jahre nein gesagt. Das ist Betrug an Ihnen" (am 12. September in Weilheim).
- "Das ist Volksbetrug. Ich sage es bezogen auf die SPD. Ich sage es, wider meine parteipolitischen Interessen, nicht gegen die FDP" (am 13. September in Mittenwald).
- "Herrn Mende schätze ich sehr - als Politiker -, weniger Herrn Dr. Dehler..." (am 13. September in Garmisch-Partenkirchen).
In Erinnerung an solche Elogen im Wahlkampf verlief der Treff des FDP-Majors mit Ritterkreuz und des CSU-Oberleutnants mit EK II beim Kaufhauskönig in hoffnungsträchtiger Harmonie.
Unklar zwischen den beiden aufstrebenden Polit-Stars, die im Vollgefühl ihres Triumphs schon die Bundesrepublik zu ihren Füßen sahen, blieb an diesem Abend nur die von Strauß bereits vor der Wahl gestellte Frage: "Wann" sollte der alte Herr im Palais Schaumburg verabschiedet und Ludwig Erhard auf den Thron gehievt werden?
Nach Ansicht der FDP stimmte Strauß in der Horten-Villa der freidemokratischen Losung zu: sofort. Zeterte Mende später im Fernsehen: "Ich gebe zu, daß wir wahrscheinlich in der ersten Runde etwas hart gespielt haben. Vielleicht waren wir zu diesem harten Spiel etwas ermuntert worden ... Nachdem man sieht, daß die anderen, die vorher Sehr mutig- waren, weniger mutig sind, dann muß man sich in seiner Taktik auch entsprechend verhalten... Wer sagt mir, daß ich nicht morgen erneut überspielt werde?"
Franz-Josef Strauß weist diese "Legende", er habe die FDP zu ihrem Nein gegen Adenauer bei Horten ermutigt, entschieden zurück. Schon damals sei von ihm der später öffentlich-wiederholte Vorschlag gemacht worden, Adenauer als Übergangs-Kanzler einer FDP -CDU/CSU-Koalition zu akzeptieren.
Tatsache ist, daß am Tage nach dem Horten-Treff Erich Mende für die FDP sein "Niemals unter Adenauer" schmetterte, während fast zur selben Zeit Strauß als CSU-Gast auf einer CDU-Vorstandssitzung miterlebte, wie Konrad Adenauer von den Spitzen seiner Partei gebeten wurde, sich erneut als Kanzler zur Verfügung zu stellen.
Über Nacht war Franz-Josef Strauß zwischen zwei Feuer geraten. Betroffen flog er nach München zurück.
Tags darauf, auf einer gemeinsamen Sitzung von CSU-Landesvorstand und CSU-Landesgruppe, versuchte er wenigstens seine Hausmacht für den Plan zu gewinnen, Konrad Adenauer sofort abzulösen.
Sein Intimus Zimmermann, der Generalsekretär der CSU, die Bundestagsabgeordnete Maria Probst und Landesgruppen-Geschäftsführer Wacher sekundierten ihm dabei.
Aber Landesgruppenleiter Hermann Höcherl, der sich unmittelbar vorher im kleinen Kreis der Vertrauten bereit gezeigt hatte, beim Sofortsturz Adenauers mitzuhelfen, schwieg vor den beiden Spitzenkollegien der CSU. Und 40 der 50 CSU-Bundestagsabgeordneten empörten sich zornig gegen Straußens Sturzkonzept.
Höcherl hinterher: "Würden Sie den Chef einer Firma, der sie selbst aufgebaut und zwölf Jahre lang ausgezeichnet geleitet hat, wie einen nassen Lappen wegwerfen, nur wenn er ein paar Fehler gemacht hat und auf einem gewissen Tief, aber voll aktionsfähig ist?" Mehrmals hat sich seitdem Höcherl im Palais Schaumburg bei Adenauer von Straußens Plänen distanziert; dann suchte er mit einem Gallenleiden eine Klinik in Erlangen auf.
Strauß selber verkündete nach der CSU-Sitzung in München mit dem Trotz des Geschlagenen und ohne voraufgegangene Billigung durch die Parteigremien seinen Plan einer befristeten Kanzlerschaft von "etwa zwölf Monaten", bot sich als 'Vermittler" zwischen 'CDU und FDP an und erklärte: "Die CSU ist für eine Koalition der drei Parteien CDU, CSU und FDP."
Kommentar der "Süddeutschen Zeitung": "Damit ist so deutlich wie nur möglich die selbständige Rolle der CSU im Ringen um die Koalition klargestellt."
Diese herausfordernde Betonung der CSU-Autonomie in diesem Augenblick war nicht der Wunsch des Franz-Josef Strauß. Es war eine Konzession an sein bayrisches Fußvolk, durch die sich die Schwierigkeiten des selbsternannten Königsmachers alsbald weiter vergrößerten.
Sechzehn Jahre lang, von ihrer Gründung bis zum letzten März, wurde die bayrische CSU von München aus geführt, zunächst von ihrem Schöpfer Josef ("Ochsensepp") Müller; später von den Ministerpräsidenten Ehard und Seidel.
Mit der Wahl von Franz-Josef Strauß zum CSU-Parteichef wanderte der Vorsitz nach Bonn. Damit war für die Partei ein unschätzbarer Vorteil verbunden: Kanzler Adenauer kann seitdem nicht mehr - wie bisher - auf zwei CSU-Klavieren spielen. Kam er früher mit den in der Landesgruppe Bonn zusammengeschlossenen CSU-Abgeordneten nicht zu Rande, die seit dem Ersten Bundestag als "Gemeinschaft minderen Rechts" (CSU-Pressechef Donat) eine Fraktionsgemeinschaft mit der CDU bildeten, wandte sich der Kanzler einfach direkt nach München, und vice versa. Seit Strauß das Kommando in beiden Städten führt, ist Adenauer dieses Spiel versagt.
Adenauer nach der Wahl zu einem seiner engsten Vertrauten: "Ja, ja, das sind wieder die Späße mit der CSU, vor denen wir sicher waren, als Herr Seidel noch lebte."
Dafür tauchten im letzten halben Jahr für die CSU Komplikationen neuer Art auf: In der bayrischen Heimat wuchs die Unzufriedenheit des CSU-Fußvolks über das Schicksal, wenn auch von einem Bayern, so doch von Bonn aus befehligt zu werden.
Zwar gelang es Parteichef Franz-Josef Strauß zunächst, die Macht des Anti-Strauß-Flügels in der CSU unter dem Moralisten Alois Hundhammer zurückzudrängen und die Schlüsselpositionen der CSU mit ergebenen Gefolgsleuten zu besetzen: Generalsekretär Friedrich Zimmermann und einer der beiden Parteichef-Stellvertreter, Hans Weiß, sind eingeschworene Strauß-Anhänger*.
Dennoch wuchs die innerparteiliche Opposition, die sich in München um Hundhammer, in Bonn um die Abgeordneten Theodor von und zu Guttenberg und Richard Jaeger, dem Vizepräsidenten des Bundestages, scharte. CSU-Generalsekretär und Strauß-Freund Zimmermann: "Ultramontane Christen".
Als sicherstes Mittel, die neue Parteiführung unter Franz-Josef Strauß aus dem Verdacht herauszumanövrieren, in Bonn - statt bayrischer - artfremde Politik zu treiben und damit keimendes Mißtrauen unter den CSU-Heerscharen auszuräumen, bot sich von Anbeginn die Propagierung christlich-weißblauer Selbstherrlichkeit an, obgleich sich die CSU niemals von der CDU lösen kann, ohne Gefahr zu laufen, das Schicksal der Bayernpartei zu erleiden. Vor der Wahl war Franz-Josef Strauß dieses Mittel recht. Schon auf dem letzten Parteitag der Union in Köln im April dieses Jahres differenzierte er hörbar "zwischen der großen Partei der CDU und der kleinen Partei- der CSU in Bayern". Im Wahlkampf erhob er als vierter Parteiführer Anspruch auf Aufnahme in die Fernsehrunde "Unter uns gesagt".
Drei Tage nach der Wahl aber, als er in München mit seinem Ausspruch: "Die CSU ist für eine Koalition der drei Parteien CDU, CSU und FDP" die Herzen im Bayrischen Wald höherschlagen ließ, handelte er damit für seine politische Zukunft bleischwere Nachteile ein: In- der Stunde der Not hatte sich Franz-Josef Strauß mit lautem Getön von der CDU separiert von der gleichen CDU, deren Stimmen er unabweislich in einer eigenen Schicksalsstunde benötigen wird: an dem Tag, an dem er sich selbst zur Kanzler-Wahl stellt.
In der Tat werden die Machtvorteile, die Franz-Josef Strauß seit Anfang dieses Jahres aus seiner Position als CSU-Parteichef zieht, durch mindestens ebenso viele Nachteile aufgewogen.
FDP-Chef Mende hat schon vor der Wahl verkündet, er würde auf keinen Fall in ein Kabinett eintreten, in dem der Vorsitzende einer anderen Partei Bundeskanzler sei. Diese Äußerung war auf den Kanzler und CDU-Parteichef Adenauer gemünzt. Es wird Mende nicht schwer werden, auch in diesem Punkt
umzufallen. Für den Fall von Kanzler-Aspirationen des CSU-Parteichefs Franz-Josef Strauß jedoch, der eine kleinere Mannschaft als Mende (50 CSU-Abgeordnete gegenüber 67 FDP-Abgeordneten) im Bundestag kommandiert, gewinnt der Mende-Schwur an Glaubwürdigkeit.
Ähnliche Vorbehalte gegen eine Kanzlerschaft des CSU-Parteichefs Strauß dürften nach dem Ausscheiden Konrad Adenauers aus der Politik erst recht von einem neuen CDU-Vorsitzenden - etwa Nordrhein-Westfalens- Innenminister Dufhues - geltend gemacht werden.
Die US-Zeitschrift "The Reporter" stellte schon bei der Wahl von Strauß zum CSU-Vorsitzenden fest, dieser Machtzuwachs habe "den Widerstand gegen Strauß in der CDU versteift".
Alle diese Einwände werden durch die Identifizierung von Strauß mit der bayrischen Eigenbrötelei vervielfacht.
Der "Reporter": "Bayern wird sich wahrscheinlich eher als ein Mühlrad an seinem Nacken denn als Sprungbrett unter seinen Füßen erweisen."
Die Münchner Strauß-Äußerung vom Mittwoch nach der Wahl über die Rolle der CSU als eigene, vierte Partei mobilisierte denn auch alle so gearteten Affekte gegen die bayrische Einmischung in die Koalitionsverhandlungen. Trotzdem gab Strauß die Partie noch nicht verloren. Am nächsten Tag flog er nach Bonn zurück. Auf halbem Weg sammelte er mit seinem Militär-Hubschrauber bei der Automobil-Ausstellung in Frankfurt den Kanzler-Kandidaten seiner Wahl auf: Ludwig Erhard. Gemeinsam wurden Kronprinz und Königsmacher rheinabwärts gewirbelt, der ersten Sitzung von CDU/CSU-Fraktionsvorstand entgegen.
Über dem Gronau-Stadion beim Bundeshaus senkte sich der Bundeswehr-Helikopter mit seiner kostbaren Last zu Boden. Gemeinsam krabbelten die ungleichen Verschworenen ins Freie:
- Ludwig Erhard, der erst kurz zuvor in einer Festrede über Bosch bekannt hatte: "Dieser Mann hat keine innere Beziehung zur Macht gehabt. Vielleicht ist es das, was mich so unmittelbar gefangennimmt."
- Franz-Josef Strauß, den die "Neue Zürcher Zeitung" als "eines der ganz wenigen Naturtalente im Umgang mit Macht" bezeichnete.
Seite an Seite, in betontem Gleichschritt, marschierten die beiden zum Bundeshaus hinüber. Der Kies knirschte unter ihren Sohlen. Verstohlen deutete Strauß auf seinen Nebenmann und zwinkerte Reportern zu: "Vom Himmel hoch ..."
Da kam er her. Und auch kämpfen auf Erden wollte Ludwig Erhard sowenig wie der Engel von Bethlehem. Er lehnte jede Auflehnung gegen Konrad Adenauer ab, und hätte sie auch nur das Ziel einer befristeten Kanzlerschaft. Franz-Josef Strauß stand allein. Er machte aus seiner Enttäuschung kein Hehl, als er sich nach der Sitzung von Korrespondenten stellen ließ: "Werden Sie und der Kanzler gemeinsam die Koalitionsverhandlungen fuhren?"
Strauß: "Wir sind doch keine siamesischen Zwillinge!"
Dann fügte er hinzu: "Der Herr Bundeskanzler ist als Parteivorsitzender ein sehr kluger, wendiger, ungemein listenreicher, vor allem aber ein sehr junger Mann!"
An ähnlich liebenswürdigen Formulierungen über den Kanzler mangelte es Strauß in der folgenden Woche nicht. Schon vierundzwanzig Stunden später entfuhr es ihm im Prozeß gegen den SPIEGEL im Sitzungssaal des Landgerichts Nürnberg-Fürth: "Was geht mich der Kanzler an?" Und zwei Tage danach zu Erich Mende: "Der Alte ist zu allem fähig, auch zur schwarzroten Koalition. Dann bleibe ich aber nicht Minister."
Damit hatte Franz-Josef Strauß sein neues, zurückgestecktes Ziel abgegrenzt: die Verhinderung einer schwarz-roten Koalition, in der er und die CSU zwangsläufig an Einfluß verlieren würden. Der Traum der Königsmacherei war geplatzt; es galt, das eigene Fell zu retten.
Doch selbst dieses bescheidene Defensivziel vermochte Strauß nicht mehr aus eigener Kraft zu erreichen. Wenn die schwarz-rote Koalition nicht kommt, dann, weil Adenauer sie nicht braucht - nicht, weil Strauß sie nicht will.
Und wieder war es bereits Straußens eigene Partei, die sich querlegte. Unmittelbar vor der ersten Fraktionssitzung der CDU/CSU am 27. September trat die CSU-Landesgruppe zu einer Vorkonferenz zusammen. Strauß-Kumpan Wacher, Geschäftsführer der Landesgruppe, raffte sich noch einmal zu dem schier verzweifelten Versuch auf, für Straußens Losung - Adenauer sofort weg - Stimmung zu machen. Die Landesgruppe schrie ihn nieder; er mußte sein Plädoyer abbrechen.
Landesgruppenchef Höcherl wußte, daß die nordrhein-westfälische CDU gedroht hatte, sie werde, falls die CSU nicht Vernunft annehme, zumindest im bayrischen Landesteil Franken eine christdemokratische Konkurrenz gegen die christsozialen Separatisten installieren. Kommentar eines oberfränkischen Parteifreundes: "Da hat uns der Strauß in an scheen Schlamassel 'neinbracht."
Höcherl unterbrach seinen Bericht: "Vielleicht willst du jetzt gleich etwas sagen, Franz-Josef?"
Strauß redete eine Stunde und zehn Minuten: Die Bundesrepublik benötige unverzüglich einen neuen Kanzler und einen neuen Außenminister; das Auswärtige Amt brauche überdies neue Spitzenbeamte, die neuen Schwung in die Außenpolitik bringen könnten. Es sei schlimm, wie die deutsche Außenpolitik die Zügel schleifen lasse. Und es sei geradezu peinlich, daß die Amerikaner keine deutschen Vorschläge bekämen, auf die sie doch längst warteten.
Franz-Josef Strauß redete vergebens. Die erdrückende Mehrheit der Landesgruppe bestand auf Kanzler Adenauer; von einer Übergangszeit oder gar einer fixierten Gnadenfrist für Adenauer war keine Rede mehr.
Die CSU-Landesgruppe ließ sich nicht einmal zu einer glatten Absage an die SPD bewegen und auf die FDP festlegen. Der traditionelle Anti-Strauß-Flügel, angeführt von dem Freiherrn von und zu Guttenberg, setzte sich für eine große Koalition mit der SPD ein.
Drei Stunden lang blieben die schalldichten Türen hinter der CSU geschlossen - ein durchgeschwitzter Strauß kam wieder heraus.
In der anschließenden gemeinsamen CDU/ CSU - Fraktionssitzung mußte Strauß entsprechend vorsichtig lavieren. Er meldete "schwerste bis unüberwindliche Bedenken" gegen ein Zusammengehen mit der SPD an, aber er wagte nicht, einen Beschluß zu verlangen, der es Konrad Adenauer verboten hätte, mit der SPD zu verhandeln, falls sich die FDP dauerhaft gegen eine Kanzlerschaft Adenauers sträuben würde.
Zum ersten Male seit Gründung der Bundesrepublik sah sich Franz-Josef Strauß auf breiter Front zum Rückzug gezwungen. Sein Plan, dem Kanzler eine kurze Gnadenfrist zu setzen und ihn dann gegen Erhard (und Strauß) einzutauschen, war vielleicht vom Eigeninteresse mitbestimmt, aber mit Gewißheit entsprach er dem Willen der Wählermehrheit eher als alle nun von CDU, FDP und SPD eingefädelten Manipulationen.
Strauß scheiterte, weil sein Konzept zu kompliziert war, zuviel Mut verlangte und weil seine eigene Partei, die CSU, sich nur so lange als Hausmacht einsetzen läßt, solange es um bayrische Sonderinteressen von Milchpreisen bis zu Ministersitzen geht.
Franz-Josef Strauß ist noch nicht stark genug, seinen Willen im Bund durchzusetzen, was in vielen Fällen ein Segen sein mag, in diesem Fall ein Unglück bedeutete. Und noch mitten im Rückzug bewies er, daß er trotz Schlappe und Niederlage nichts von seiner Kaltschnäuzigkeit eingebüßt hatte.
Am Tag nach Beginn der Koalitionsverhandlungen zwischen Mende und Adenauer im Palais Schaumburg, denen Strauß beigewohnt hatte, schob er vor Journalisten den Schwarzen Peter seinem Kanzler zu: Eine vorher festgelegte befristete Kanzlerschaft sei aus staatsrechtlichen Gründen unmöglich, aber Adenauer habe vor dem CDU-Vorstand am Dienstag nach der Wahl ja selbst erklärt, er wolle nicht noch einmal vier Jahre Kanzler sein. "Das ist eine Frage des Vertrauens und der Vertrauenswürdigkeit in das Wort des Kanzlers."
Sich selbst stieß Strauß zur Sicherheit auch die Tür in ein schwarz-rotes Kabinett wieder auf, die er mit seiner Erklärung zu Mende "Dann bleibe ich nicht Minister" scheinbar schon ins Schloß geworfen hatte. Wenn er bestimmte Sicherheiten erhalte, würde er auch in einem solchen unwahrscheinlichen Fall Verteidigungsminister bleiben. Strauß: "Ich sage niemals nie.'
Schon bei der Eröffnung des Oktoberfestes in München hatte Franz-Josef Strauß bewiesen, wie kunstvoll er eindeutige Situationen zu interpretieren versteht. Als der Kapellmeister im Löwenbräu-Zelt sein Eintreffen verkündete und den Bayrischen Defiliermarsch intonierte, setzte ein ohrenbetäubendes Pfeifkonzert der 8000 Gäste ein. So amerikanisch seien die Sitten des Oktoberfestes schon geworden, meinte Franz-Josef Strauß, daß man Beifall durch Pfiffe kundtue. Dies also war der Löwenbräu-Beitrag 1961 zur deutschen Geschichte am Ende der gescheiterten Operation "Übergangs-Kanzler": Franz-Josef Strauß ist unpopulärer, er ist angeschlagen, aber nicht weniger schlagfertig als zuvor.
* Der einzige Christdemokrat, mit dem Konrad Adenauer das nicht gelang, erlitt - genau wie die gefährlichsten SPD-Gegner, Kurt Schumacher und Ernst Reuter - einen frühzeitigen Tod: der evangelische Bundestagspräsident Hermann Ehlers. Was sein Ausfall heute für die deutsche Demokratie bedeutet, umriß die "Frankfurter Rundschau" vorletzte Woche mit einem Satz: "Die vierte Bundesregierung wäre heute schon gebildet, wenn der frühere Bundestagspräsident Hermann Ehlers noch leben würde."
* Während die CDU gegenüber der letzten Bundestagswahl 3,9 Prozent der gültigen Zweitstimmen einbüßte, verlor die CSU nur 0,9 Prozent. In 42 von 47 bayrischen Wahlkreisen brachte sie ihre Kandidaten in direkter Wahl durch und errang in Bayern mit 54,9 Prozent aller gültigen Zweitstimmen die absolute Mehrheit, was keinem. Landesverband der CDU gelang.
* Vergebens versuchte der Hundhammer-Flügel im April dieses Jahres, statt des Strauß-Freundes Hans Weiß den Hundhammer-Intimus Ludwig Huber als stellvertretenden Landesvorsitzenden durchzudrücken. Süddeutsche Zeitung
Jubilar, Gratulant (am 85. Geburtstag des Kanzlers): Ein Vater verlor den Sohn
Zu reiten wider jenen Alten
steigt Franz auf einen wohlgestalten...
. . . Streitgaul mit rundem Hinterteile. Er gibt die Sporen, voller Eile...
Doch schon beim ersten Sporenstoß merkt er: Es war ein Gummiroß.
Königsmacher Strauß Freigeschwommen
Kaskadeur Mende Baden gegangen
Kronprinz Erhard Aufs Trockene gesetzt
Strauß-Rivale Blank
Vor den Späßen der CSU...
Strauß-Rivale Brentano
... ist in Bonn ...
Strauß-Rivale Schröder ... niemand mehr sicher
Süddeutsche Zeitung
"Wart' halt no a Jahrl, Erich - er is ja erst a Zwölfender ..."
Die Zeit
Am besten schiebt, wer zuletzt schiebt

DER SPIEGEL 43/1961
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BONN / STRAUSS:
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