22.11.1961

MINISTERIENBis zur Bahre

Zwölf Jahre hat Konrad Adenauer gebraucht, um seiner treuesten und zahlenmäßig größten Wählergruppe einen Platz im Bundeskabinett einzuräumen: den Frauen der Bundesrepublik, die 55 Prozent der Wahlberechtigten stellen und doch nur mit 43 Abgeordneten im 521köpfigen Parlament vertreten sind.
Damit hat Konrad Adenauer ein Versprechen eingelöst, das er den Damen seiner Partei bereits vor vier Jahren zur Anfeuerung ihres politischen Werbeeifers gegeben hatte. Mit der Teetasse in der Hand hatte er Bonner Korrespondenten vor der Bundestagswahl 1957 versichert, im kommenden Kabinett würde er gern eine Frau als Minister sehen.
Als sich nach den Wahlen der von der Rangelei um die Ministerposten aufgewirbelte Staub gelegt hatte, fanden die Frauen auf dem Sessel des Familienministers mit Franz-Josef Wuermeling zwar eine vertraute, aber nicht die erhoffte weibliche Gestalt vor.
Kanzler-Staatssekretär Globke wies damals die Proteste der Frauen eiskalt ab: "Es widerspricht der Gepflogenheit des Herrn Bundeskanzlers ... die Besetzung der einzelnen Ministerien vor der Öffentlichkeit zu begründen."
Nach der 1961er Wahl drohte sich das Spiel zu wiederholen. Adenauer: "Was sollen wir mit einer Frau im Kabinett? Dann können wir nicht mehr so offen reden."
Doch die 80jährige Helene Weber, ("Ich kämpfe wie ein Löwe"), die ihren Rhöndorfer Parteichef schon aus Zentrums-Zeiten kennt und ihn gelegentlich mit Schokolade füttert, lud das CDU-Frauenkorps zu einer Sitzung nach Bonn und forderte von Adenauer energisch die Einlösung seines Minister-Versprechens: "Herr Bundeskanzler, wann berufen Sie uns endlich?" Der neue Alt -Kanzler versagte sich dem stürmischen Werben nicht länger.
In der protestantischen Oberkirchenrätin und Eherechts-Spezialistin Dr. Elisabeth Schwarzhaupt aus Hessen wurde die erste Frau Bundesminister seit Bestehen der Bonner Republik schnell gefunden. Was noch fehlte, war ein Ministerium.
Die Übernahme des für eine Frau geradezu idealen Familienministeriums scheiterte nicht zuletzt am Familienstand der Frau Minister. Elisabeth Schwarzhaupt, 60, ist unverheiratet. Und für eine Junggesellin als Minister für Familienfragen konnten sich auch die fortschrittlichsten Abgeordneten nicht erwärmen, obgleich Elisabeth Schwarzhaupt in diesem Sommer die Initiatorin der Eherechts-Novelle gewesen war.
Dem Ansinnen, das Bundesratsministerium zu verwalten, widersetzte sich die Oberkirchenrätin und traf sich in ihrer Abneigung gegen die Übernahme dieses Sessels mit Vertretern des Bundesrates, die vorsichtig darauf hinwiesen, daß ihre Sitzungen oft "sehr spät abends" stattfänden und dabei eine gewisse Trinkfestigkeit vonnöten sei.
Konrad Adenauer umging das Dilemma und hob für Frau Schwarzhaupt eine Neuschöpfung aus der Taufe: das "Ministerium für Gesundheitswesen".
Angesichts der Überflüssigkeit ihres Ressorts zweifelt in Bonn niemand an der Qualifikation des Fräulein Schwarzhaupt ("Bitte, sagen Sie Frau Bundesministerin zu mir!") für das hohe Amt.
Mit der Verlegenheitsbehörde zur Befriedigung der Frauenwünsche hat sich die Zahl der unnützen Bonner Ministerien auf vier erhöht:
- Das Bundesvertriebenenministerium wurde vor zwölf Jahren für einen Personenkreis geschaffen, der längst in die westdeutsche Sozial- und Gesellschafts - Struktur eingegliedert ist. und dessen Interessenpartei, der BHE, sich in unaufhaltsamer Auflösung befindet. Der neue Vertriebenenminister, Wolfgang Mischnick, enstammt zu allem Überfluß auch noch der FDP, die selbst schon im Dritten Bundestag die Auflösung dieses Ressorts forderte.
- Der Bundesratsminister Hans-Joachim v. Merkatz fand in den vergangenen Jahren wenigstens noch Beschäftigung darin, als Stellvertreter des Außenministers bei Staatsgründungen auf dem Schwarzen Kontinent die deutsche Flagge zu zeigen; für diese Aufgaben ist jedoch nun der neue Entwicklungs-Minister Scheel da.
- Das Bundesministerium für besondere Aufgaben dient nur als Staffage für des Kanzlers Koalitions -Verbindungsmann und Wunsch -Prinz Heinrich Krone.
- Das Bundesministerium für Gesundheitswesen unter Elisabeth Schwarzhaupt übernimmt Aufgaben, die bisher ohne besondere Anstände von Abteilungen des Bundesinnen- und des Atomministeriums erledigt wurden.
Befand der neue FDP-Justizminister Stammberger, der dem Gesundheitsausschuß des Bundestages vier Jahre präsidiert hat: "So ein Gesundheitsministerium führt doch am Ende zu nichts anderem als zu einer Verstaatlichung der Gesundheitspflege; von der Wiege bis zur Bahre wird der Bürger immer mehr verwaltet."
* An der Berliner Mauer.

DER SPIEGEL 48/1961
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