22.11.1961

GELSENKIRCHENNie wieder hin

Der Stadt Gelsenkirchen wurde kürzlich, wie die "Westdeutsche Allgemeine Zeitung" schrieb, "kräftig Saures gegeben".
Der Angriff kam aus Hamburg: Hier hatte der Norddeutsche Rundfunk (NDR), gemeinhin ängstlich auf Hörergunst bedacht, die Kohlenstadt Gelsenkirchen als "Grubengasparadies" bezeichnet. Eine hochoffizielle Demarche aus Gelsenkirchen - laut kommunalem Werbeprospekt eine idyllische "Stadt im Grünen" - ließ nicht auf sich warten.
In einem Beschwerdebrief an den NDR-Intendanten Dr. Walter Hilpert zürnte der Oberstadtdirektor Hans Hülsmann: "Die Stadt Gelsenkirchen verwahrt sich entschieden gegen derartige Sendungen."
Bei der beanstandeten Sendung handelte es sich um die Wiedergabe des Ulk-Songs "Gelsenkirchen", der bereits viermal ausgestrahlt worden war, bevor Gelsenkirchen - am 24. Oktober aufhorchte.
Für diesen Termin war die kabarettistische Darbietung von der Rundfunkzeitschrift "Hör zu" eigens als "Knüller" signalisiert worden: "Was sich hinter 'Gelsenkirchen' verbirgt? Sie werden es erleben!"
Die Gelsenkirchener erlebten ein voluminöses 748-Worte-Opus, in dem das spezielle Klima ihrer Heimatstadt wie folgt charakterisiert wurde:
Lieblich schweben durch die Luft
die schwarzen Dämpfe,
und mit heiterem Gesang
nimmt man Kohle in Empfang.
Wer zu lang dort lebt, bekommt
beim Atmen leichte Krämpfe,
aber wer lebt dort schon lang?!
Diesen düsteren Betrachtungen über die Lebenserwartung der Gelsenkirchener entsprach das grimmige Finale des Songs: "Ich fahr' bestimmt nie wieder hin ... ich kenn's schon zu gut ... ich hust' noch heute ... weil ich ein alter Gelsenkirchener bin."
Zwischendurch wimmelte es in diesem Song von derben Frotzeleien, die allerdings keineswegs unmotiviert aus Gelsenkirchens dicker Luft gegriffen waren. So wurde beispielsweise ironisch gefragt: "Wo ist der Kinobesuch und der Alkoholismus erheblich? Wo ist die Bettwäsche grau und die Seifenreklame vergeblich?"
Eine längere Passage des Songs beschäftigte sich mit Gelsenkirchens Kulturniveau, das hauptsächlich vom Theater - "Jeden Tag ein anderes Stück" - garantiert werde. Auch "gute Bücher" gebe es reichlich, nur: "Das Lesen und das Schreiben fällt uns (Gelsenkirchenern) immer noch recht schwer."
Mit dieser Anspielung auf Antek und Frantek, die beiden radebrechenden Kohlenpott-Helden, traf der NDR die Gelsenkirchener besonders empfindlich: Er erinnerte sie an die polnische Großmutter. Die Vorfahren zahlreicher Gelsenkirchener sind vor 1900 aus weit östlich liegenden Gebieten zugewandert.
Oberstadtdirektor Hülsmann wehrte denn auch diesen Wink mit dem Ahnenpaß so bierernst ab, wie es dem Vertreter einer Stadt mit 724 Schankbetrieben - auf rund 350 erwachsene Einwohner kommt eine Kneipe - ansteht: "Die Schöpfer des Chansons (haben) ihre einseitigen 'Erfahrungen' im vorigen Jahrhundert gesammelt" - heute träfen solche despektierlichen Behauptungen nicht mehr zu. Durchschläge dieser "Erklärung" gingen an die Deutsche Presse-Agentur und die Tagespresse.
NDR-Intendant Hilpert reagierte nicht minder philiströs: "Sie werden verstehen, daß ich meine Antwort den gleichen Weg (an die Presse) gehen lasse."
Hilpert prüfte, wann wohl eine deutsche Stadt vor aller Welt je so empfindlich getroffen worden war wie jetzt Gelsenkirchen. Dieser Aufgabe unterzog sich der inzwischen abgelöste Intendant - es war eine seiner letzten Amtshandlungen - mit bemerkenswerter Akribie.
Der NDR-Chef mußte dabei weit zurückgreifen: bis zu Friedrich Schiller nämlich, der in "Wallensteins Lager" einen Saufbold mit den Worten begrüßen läßt:
I freilich! Und Er ist wohl gar, Mußjö, der lange Peter von Itzehö?
Durch den "unverzeihlichen faux pas", Mußjö auf Itzehö zu reimen, sei das norddeutsche Itzehoe vergleichsweise ebenso schmerzlich in Mitleidenschaft gezogen worden wie Gelsenkirchen, ließ Hilpert den Hülsmann in einem offiziösen Trostbrief wissen.
Unerörtert blieb über diesem Ausflug in die Historie, wie das Funk-Malheur überhaupt zustande gekommen war. Als Antwort auf diese Frage hätte ein Hinweis auf das NDR-Programm genügt.
In diesem Programm firmiert der Wiener Kabarettist und Musikus Georg Kreisler (Schöpfer des Liedes "Die Bäume sind grün und der Himmel ist blau, gemma Tauberln vergiften in' Park") als Urheber und seine Lebensgefährtin Topsy Küppers, ein Operettenstar, als Interpretin des Gelsenkirchen-Songs.
Diese Topsy, heute Münchnerin, erfreute in der Spielzeit 1952/53 als Soubrette die Gelsenkirchener Bergleute "weniger mittels ihrer Stimme als mittels ihrer ... attraktiven Beine" ("Ruhr-Nachrichten"), bis sie vorzeitig aus ihrem Vertrag mit den Städtischen Bühnen schied, deshalb der Stadt zwei Monatsgagen Buße zahlen mußte und unfroh den Kohlenpott verließ.
Soubrette Topsy Küppers
Hustet noch heute

DER SPIEGEL 48/1961
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