29.11.1961

CHRUSCHTSCHOWModell Österreich-Ungarn

Herzliche Grüße hatte Nikita Chruschtschow dem Botschafter Kroll bei dessen letzter Bonn-Reise an Konrad Adenauer aufgetragen. Es gibt keinen Zweifel: Der Herr im Kreml sucht ein Gespräch mit dem westdeutschen Kanzler.
Die Anzeichen für ein solches Chruschtschow-Begehren sind seit Errichtung der Berliner Mauer am 13. August nicht mehr zu übersehen:
- Am 16. August suchte der sowjetische Botschafter in der Bundesrepublik, Smirnow, den Bundeskanzler zu einer Unterredung auf und informierte ihn auf Befehl von Chruschtschow eingehend über "die nächsten Pläne der Sowjetregierung auf dem Gebiet der Außenpolitik'.
- Am 9. November veröffentlichte die parteiamtliche Moskauer "Prawda" auf ihrer ersten Seite ein Glückwunsch-Telegramm Chruschtschows an Adenauer anläßlich dessen Wiederwahl zum Bundeskanzler, eine für Moskauer Verhältnisse ungewöhnliche Hervorhebung.
- Am gleichen Tage empfing der sowjetische Ministerpräsident auf eigenen Wunsch den Bonner Botschafter Kroll zu einer fast zweistündigen Unterredung.
In diesem vertraulichen Plausch mit Kroll bestätigte Chruschtschow, was der Bundesnachrichtendienst des Generals Gehlen bereits vor einigen Wochen nach Bonn gemeldet hatte: Auftraggeber der Berliner Mauer war nicht Ulbricht, sondern Chruschtschow. Der Kreml-Boß zu Kroll: "Die Mauer habe ich befohlen."
Dem Chruschtschow-Befehl an die volkseigenen DDR-Maurer ist nach den Informationen der Gehlen-Agenten am 5. August in Moskau sogar eine harte Auseinandersetzung mit dem Zonenchef Ulbricht voraufgegangen: Der rote Sachsenzar wollte zwar den unerträglich gewordenen Flüchtlingsstrom abgeriegelt wissen, hielt aber die hermetische Schließung der Sektorengrenze für ein denkbar ungeeignetes Mittel, das für das innen- und außenpolitische Prestige der DDR äußerst abträglich sei und seine Bemühungen um internationale Anerkennung zurückwerfe.
Statt dessen forderte Ulbricht von Chruschtschow, den Flüchtlingsstrom durch eine östliche Kontrolle des Luftverkehrs zwischen Westberlin und der Bundesrepublik abzuwürgen.
Chruschtschow hielt ein solches Vorgehen, das einen unmittelbaren, möglicherweise militärischen Konflikt mit den Westmächten heraufbeschworen hätte, für zu riskant und entschied sich deshalb für die Mauer - in richtiger Einschätzung der US-Regierung Kennedy: Im Luftkorridor hätten die Amerikaner geschossen; gegen die Mauer unternahmen sie nichts.
Dem Bonner Botschafter Kroll gestand Nikita Chruschtschow nun aber nicht nur die Urheberrolle beim Ostberliner Mauerbau ein. Er pflichtete dem Deutschen zugleich bei, daß die Mauer ein "häßliches Ding" sei. Sie müsse leider so lange bestehen bleiben, bis es zwischen den beiden deutschen Staaten zu einer "allgemeinen Verständigung" gekommen sei.
Der Kreml-Herr erläuterte seine Vorstellungen von einer solchen Verständigung nur in groben Umrissen, doch ist ein Teilziel deutlich: eine Vereinbarung, die es den Ostberlinern und den Bewohnern Mitteldeutschlands trotz wiederhergestellter Freizügigkeit in Gesamtberlin nicht erlauben würde, sich nach Westdeutschland abzusetzen.
Grundlage jeder solchen Vereinbarung allerdings kann nun doch nur eben das sein, was Ulbricht forderte und Chruschtschow mit Gewalt nicht erzwingen wollte: die Kontrolle des Luftverkehrs zwischen Westberlin und der Bundesrepublik durch Sowjet- oder DDR-Kontrolleure.
Weiterer Bestandteil einer "allgemeinen Verständigung" müßten nach Chruschtschows Ansicht die deutschen Ostgrenzen sein. Der sowjetische Ministerpräsident machte vor Kroll kein Hehl daraus, daß er die deutsche Forderung nach einer Revision dieser Grenzen nicht verstehe. Sie müsse Polen und Tschechen doch immer enger in die Arme der Sowjet-Union treiben. Chruschtschow zu Kroll: "Natürlich ist uns das nicht unwillkommen, aber was hat die Bundesrepublik eigentlich davon?"
Zu welchen Vorteilen für beide Partner die von Chruschtschow gewünschte "allgemeineVerständigung" nach sowjetischer Auffassung führen könne, hat der wohlinformierte Korrespondent des Westdeutschen Rundfunks in Moskau, Erwin Behrens, letzte Woche in drei Punkten zusammengefaßt:
- "Erstens: Ein Siebenmeilenschritt in Richtung auf eine Vereinbarung für Mitteleuropa, welche die Tür öffnen würde für eine allmähliche Verständigung der beiden deutschen Staaten.
- "Zweitens: Nach einer Verminderung der Spannungen im Herzen des europäischen Kontinents und nach einer Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze als Preis für den verlorenen Krieg müßten sich die Bindungen der Ostblockstaaten an Moskau lockern.
- "Drittens könnte nach Ansicht Moskauer Gesprächspartner bei einer deutsch-sowjetischen Verständigung am Ende einer längeren Entwicklung ein Deutschland entstehen, nicht unähnlich etwa dem Doppelstaat Österreich-Ungarn vor dem Ersten Weltkrieg."
Der herzlich gegrüßte Konrad Adenauer schien vorerst allerdings noch nicht bereit zu sein, Chruschtschows Winke zu erwidern. Er reiste zunächst einmal nach Washington. Und auf die Frage eines Journalisten, ob er auch eine Moskau-Reise plane, antwortete der Kanzler: "Sie wollen wohl, daß ich dort den Platz von Stalin einnehme?"
P. A, Features Ltd., London
"Hunde, wollt ihr ewig leben?"

DER SPIEGEL 49/1961
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