29.11.1961

GEHEIMDIENSTEBart ab

Der Bundeskanzler selbst fällte die
Entscheidung. Zwei Tage bevor
Konrad Adenauer zu John F. Kennedy nach Amerika flog, wurde er gefragt, ob man jetzt den Mörder des ukrainischen Exil-Politikers Stefan Bandera* vorstellen solle, um aller Welt zu beweisen, "daß die Sowjets bei der Beseitigung ihrer politischen Gegner vor keinem Mittel zurückschrecken" (Formulierung vom Bundesnachrichtendienst des Generals a.D. Gehlen).
Der Kanzler hatte nichts dagegen, und so wurden am vorletzten Wochenende in der westdeutschen Presse Bruchstücke der Vorgänge jenes 15. Oktober 1959 veröffentlicht, an dem Bandera im Treppenhaus des Münchner Anwesens Kreittmayrstraße 7 zusammenbrach und nach wenigen Minuten starb.
Die ganze Wahrheit wurde bis heute geheimgehalten. Sie stammt von einem 30jährigen Mann, der fast zwei Jahre nach Banderas Tod, am 8. August 1961, mit seiner Ehefrau in der S-Bahn von Ost- nach Westberlin gekommen war und dort amerikanischen Dienststellen seine haarsträubende Geschichte erzählte: Er sei Banderas Mörder und habe zwei Jahre davor auch schon den ukrainischen Exilpolitiker Lew Rebet umgebracht, ebenfalls in München.
Als Mordwaffe, so berichtete der Flüchtling, habe ein neuartiges Instrument gedient: eine Röhre, aus der dem Opfer eine gasförmige Substanz ins Gesicht geblasen werde, die nach einigen Augenblicken für kurze Zeit die Atmungsorgane lähme, gerade so lange, bis das Opfer erstickt sei. Schon nach zehn Minuten seien keinerlei Spuren dieses unbekannten Giftes mehr nachzuweisen.
Die Amerikaner waren gegenüber solcher Selbstbezichtigung skeptisch. Der geständnisfreudige Flüchtling wurde an deutsche Stellen weitergereicht; Bundesanwaltschaft und Bundeskriminalamt haben seitdem zusammen mit der Münchner Polizei soweit möglich alle Aussagen überprüft. Nach einigen Wochen waren sie sicher, daß ihnen der Mann aus dem Osten keinen Bären aufgebunden hatte.
Bogdan Nikolajewitsch Staschynski, 30 Jahre alt, gab beispielsweise an, zwecks Tötung Lew Rebets sei er im Oktober 1957 als Herr Draeger aus Essen und im Oktober 1959, zur Ermordung Banderas, als Herr Budeit aus Dortmund in zwei Münchner Hotels abgestiegen. Tatsächlich fanden sich Hotel-Meldezettel mit den beiden Namen.
Dreimal, so diktierte Staschynski weiter ins Protokoll, habe er 1959 versucht, die Haustür Kreittmayrstraße 7 zu öffnen, um an Bandera heranzukommen. Zweimal seien ihm dabei Teile vom Bart des Hausschlüssels abgebrochen und in der Tür steckengeblieben. Jetzt, zwei Jahre später, fanden sich diese Teile noch. Sie waren in den Schloßmechanismus gefallen.
Außerdem, sagte Staschynski den deutschen Beamten, sei er bei der Tat gesehen worden. Als sich Bandera, mit Paketen beladen, im Treppenhaus abgemüht habe, seinen Wohnungsschlüssel ins Schloß zu stecken, sei er, Staschynski, die Treppe heruntergekommen und habe gefragt, ob er behilflich sein könne.
Bandera habe sich halb zu ihm umgedreht. In diesem Augenblick habe er aus seiner Spritzpistole, die er in der rechten Hand unter einer Zeitung verborgen hatte, das Gift in Banderas Gesicht geblasen, mit der linken Hand eine Phiole mit Gegengift in einem Taschentuch zerdrückt, es sich selbst unter die Nase gehalten und sei dann ruhig weitergegangen, ohne abzuwarten, ob Bandera Wirkung zeige.
Eine Frau, die mit seinem Opfer kurz zuvor im Treppenhaus ein paar Worte gewechselt habe, müsse ihn, freilich nur von hinten, gesehen haben.
Jetzt, zwei Jahre nach der Tat, bestätigte die Frau, damals einem harmlos aussehenden jungen Mann begegnet zu sein, ein Umstand, den sie 1959 nicht angegeben hatte, als sie nach "verdächtigen Personen" gefragt worden war.
Die beiden Morde hat Staschynski überdies nur nebenher begangen. Hauptberuflich war er Instrukteur und Kurier, der Agenten in Westeuropa zu besuchen hatte. Die Zugriffe, die den westlichen Stellen nach Staschynskis Aussagen möglich wurden, bestätigen, daß auch die Erzählungen des Überläufers über seine Hauptarbeit keinesfalls erfunden sind.
Staschynski, im ukrainischen Dorf Borschtschewize zu Hause, war Ende 1950 als Student gemeinsam mit Kommilitonen wegen Schwarzfahrens auf der Sowjet-Eisenbahn festgenommen worden. Sein Vater und seine Schwester waren den Behörden als sowjetfeindliche Elemente bekannt, freilich ohne deswegen belangt worden zu sein.
Der junge Mann wurde vor die Wahl gestellt, sich entweder wegen Fahrgeldhinterziehung und womöglich noch wegen Nichtanzeige konterrevolutionärer Umtriebe bestrafen zu lassen oder aber künftig als V-Mann für den Staatssicherheitsdienst zu arbeiten.
1949 war der ukrainische Sowjetschriftsteller Jaroslaw Galan, der unter Ödem Namen "Wolodymyr Rosowiza" als antikirchlicher Propagandist bekannt geworden war, ermordet worden. Erster Auftrag für Staschynski: den Attentäter aufzuspüren und ihn der Sowjetmacht auszuliefern.
Schwarzfahrer Staschynski erledigte den -Auftrag, und nach dieser Bewährungsprobe wurde er von 1952 bis 1954 in Kiew für 'nachrichtendienstlichen Westeinsatz geschult. Er lernte Deutsch, und von Juli bis Oktober 1954 tat er sich im polnisch besetzten pommerschen Stargard um.
Ende 1954 zog in Berlin-Karlshorst ein junger Pommernflüchtling namens Josef Lehmann aus Stargard zu, der ein schweres Schicksal hinter sich hatte: Vater gefallen, Mutter bei Kriegsende umgekommen. Niemand wunderte sich, daß Vollwaise Josef Lehmann, der neun Jahre unter polnischer Herrschaft hatte leben müssen und farbig von Stargard zu erzählen wußte, Deutsch nur mit slawischem Akzent sprechen konnte.
Bald fand der Heimatvertriebene Lehmann Arbeit als Stanzer in einem volkseigenen Betrieb in Chemnitz, und Ende 1955 hatte er auch den slawischen Akzent nahezu verloren. Anfang 1956 zog er nach, Ostberlin, und nun endlich war Staschynskis Ausbildung abgeschlossen. Mit allerlei Papieren ausgestattet, bereiste er Westdeutschland und Westeuropa, überbrachte Agentennachrichten, leerte "tote Briefkästen", wurde in der Schorfheide bei Berlin auch im Gebrauch der neuartigen Spritzpistole unterwiesen und brachte damit 1957 Lew Rebet und 1959 Stefan Bandera um.
Schon 1957 hatte er als Josef Lehmann in Ostberlin beim Tanze ein deutsches Mädchen kennen- und liebengelernt, und als er 1959, nach der Ermordung Banderas, mit einem Sowjetpaß auf den Namen Krylow nach Moskau zum Rapport fuhr, schockierte Bogdan Nikolajewitsch Staschynski seine Oberen mit einer ganz ungewöhnlichen Bitte: Er wolle die Deutsche ehelichen.
Staatssicherheitsdienst-Chef Schelepin ließ sich von dem jungen Helden den Mordhergang berichten und gab sich generös. Im- März 1960 durfte Pommernflüchtling Josef Lehmann seine Braut in Ostberlin heiraten und ließ sich auch noch katholisch trauen.
Zwei Monate später übersiedelte das junge Paar, nun als Krylow und Krylowa, nach Moskau. Mit Westeinsätzen sei es erst einmal genug, hörte Bogdan Nikolajewitsch Staschynski von seinen Oberen, er sei nun Geheimnisträger und müsse etwa fünf bis sieben Jahre in Moskau bleiben.
Nach und nach offenbarte Bogdan Nikolajewitsch seiner Frau immer mehr Details seiner - früheren Reisen nach Westdeutschland, und - als er gar von den beiden Morden erzählte, packte sie Entsetzen. Beim Wanzensuchen in der ehelichen Wohnung entdeckte der Gatte überdies ein verstecktes Mikrophon und begann Schlimmes - zu fürchten. Schon Ende 1960 stand beider Entschluß fest: So rasch wie möglich wollten sie nach Westen fliehen.
Frau Staschynski war inzwischen guter Hoffnung. Im Januar 1961 reiste sie zwecks Entbindung nach Ostberlin, Bogdan mußte in Moskau bleiben: Im März wurde ein Junge, Peter, geboren, der aber nach vier Monaten starb.
Zum Begräbnis durfte Vater Bogdan nach - Berlin. Gleich nach der Beerdigung stieg er zusammen mit seiner Frau in ein Taxi, fuhr zum S-Bahnhof Friedrichstraße, rumpelte in der S-Bahn nach Westberlin und erzählte den skeptischen Amerikanern seine Story.
Ende September hatten Bundesanwaltschaft, Bundeskriminalamt und Münchner Polizei Staschynskis Geschichte soweit Wie möglich überprüft und hielten sie für glaubhaft. Alsbald drängten die Amerikaner, den Fall nun auch propagandistisch nach besten Kräften auszuschlachten.
Indes, keine deutsche Stelle mochte zunächst mitmachen: Die Bundesanwaltschaft hatte juristische Bedenken, ein laufendes Strafverfahren derart publik zu machen, ehe Anklage erhoben war. Einen Bundesjustizminister, der' die Frage hätte entscheiden können, gab es wegen der Bonner Koalitionsverhandlungen noch nicht, und auch die Bürokratie des Bundesinnenministeriums wollte sich während des Interregnums in dieser kitzligen Sache nicht exponieren. Anregung an die zuständigen US-Stellen: Man möge den Fall doch in der amerikanischen Presse hochspielen.
Ehe noch irgendein Entschluß gefaßt war, handelten die Sowjets, die ahnten, was alles herauskommen würde, falls der Überläufer Staschynski auspacke.
Am 13. Oktober präsentierte das Presseamt beim Ministerpräsidenten der DDR in einer Pressekonferenz einen angeblichen Agenten des Bundesnachrichtendienstes namens Stefan Lippolz. Dieser Lippolz behauptete, ein Mitarbeiter des Generals Gehlen: habe ihn aufgefordert, "Bandera gewaltsam zu beseitigen. Dabei übergab er mir ein weißes Pulver, mit dem Bandera vergiftet werden sollte". Allerdings: "Ich war jedoch nicht in der Lage, diesen Auftrag durchzuführen."
Aber Weihnachten 1959 habe ihm ein Ukrainer namens Dmitrij- Miskiw, der Zugang zum Speiseraum der Bandera -Leute hatte, gestanden, "daß er auf Veranlassung des Gehlen-Geheimdienstes: Stefan Bandera ermordete". Dieser Miskiw sei inzwischen ebenfalls tot. Motiv für Gehlens angebliche Mordlust: "Trotz aller Bemühungen lehnte Bandera eine Zusammenarbeit mit dem Geheimdienst Gehlen ab, weil er für den englischen Geheimdienst arbeitete."
Die westdeutschen Stellen konnten sich nach dieser Räuberpistole immer noch nicht entschließen, ihren richtigen Bandera-Mörder mit der Giftspritze zu präsentieren. Die Bundesanwaltschaft regte zunächst eine psychiatrische Untersuchung des jungen Mannes an, der auf seine Vernehmungsbeamten einen außerordentlich sympathischen Eindruck machte. Erst als Konrad Adenauer, von Interessenten gedrängt, am Freitag vorletzter Woche unmittelbar vor seiner Amerikareise Weisung gab, wurde der Fall endlich publik gemacht.
Vom Ergebnis der gerichtlichen Voruntersuchung, die der Untersuchungsrichter bei dem Bundesgerichtshof auf Antrag der Bundesanwaltschaft eröffnet hat, hängt es ab, ob gegen Staschynski Anklage erhoben wird.
Dem Bogdan Nikolajewitsch Staschynski wurde inzwischen offenbar, daß seine Moskauer Vorgesetzten ihn mindestens in einem Punkt beschwindelt haben. Er war seinerzeit mit Pillen versehen worden, deren Genuß ihn, so hieß es, ebenfalls gegen die Giftstoffe seiner Spritzpistole immunisieren sollte, weshalb er sie vor seinen Mordanschlägen einzunehmen habe.
Westdeutsche Chemiker haben eine dieser Pillen analysiert und kamen darauf, daß sie keineswegs immunisiert. Wirkliche Wirkung: Wer sie nimmt, verliert alle Hemmungen und wird so mutig, daß er vor nichts mehr zurückschreckt.
* Stefan Bandera, 1908 geboren, kämpfte, nachdem 1921 die Westukraine an Polen gefallen war, als Partisan in der Untergrundorganisation OUN gegen die Polen, wurde 1934 wegen Anstiftung zum Mord am polnischen Innenminister Pieracki zum Tode verurteilt, zu lebenslangem Zuchthaus begnadigt und 1939 von den Deutschen in Warschau befreit. 1941 rief er in Lernberg beim deutschen Einmarsch einen "Ukrainischen Staat" aus, wanderte bald darauf ins KZ, sollte 1944 ukrainische Anti-Sowjet-Kräfte mobilisieren und tauchte nach dem Krieg in Bayern unter, wo er unter dem Decknamen Popel antibolschewistische Emigranten aus der Ukraine organisierte.
Mörder Staschynski
Beim Wanzensuchen...
Opfer Bandera
... ein Mikrophon entdeckt
Angeblicher Gehlen-Agent Lippolz
Weißes Pulver vom General?

DER SPIEGEL 49/1961
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