29.11.1961

OSTBLOCK / ENTSTALINISIERUNGKranz von Tschu

Die Mumienschändung des Nikita Chruschtschow hat ein gefährliches
Schisma in der kommunistischen Welt geschaffen.
Als Sowjetboß Chruschtschow Ende Oktober den toten Stalin aus dem Moskauer Mausoleum werfen ließ, korrigierte er nicht nur Ideologie, Geographie und Geschichtsschreibung der roten Hemisphäre - er entfachte zugleich eine wilde weltweite Fehde zwischen Stalinisten und Chruschtschowisten.
Seit Wochen hat Osteuropa die im Kreml befohlene Entstalinisierung nachexerziert:
- In Bulgarien, Ungarn, Rumänien und der DDR (siehe Seite 53) wurden "auf Wunsch der arbeitenden Bevölkerung" (Radio Sofia) Tausende von Stalin-Straßen, -Plätzen und -Fabriken umbenannt, Stalin-Denkmäler demontiert, Stalin-Bilder übermalt und Stalins Werke aus den Bibliotheken entfernt. Ungarns KP-Chef Kádár eiferte linientreu gegen das "pseudolinke Abenteurertum" der Albaner.
- Die Tschechoslowakei, einst treuester Anhänger des Stalin-Kurses, entschloß sich zu einem schweren Opfer: Klement Gottwald, erster kommunistischer Staatspräsident und bisheriger Parteiheros, soll - wie Stalin - aus seinem Mausoleum gezerrt, das 30 Meter hohe Stalin-Denkmal an der Moldau soll gestürzt und die Prager Prachtstraße "Stalinowa" umbenannt werden; aber die Akten des Slansky-Prozesses, ehedem Höhepunkt stalinistisehen Terrors, bleiben geschlossen.
- Polen hatte schon 1956 dem Stalin-Kult abgeschworen. Das oberschlesische Stalinogrod heißt längst wieder Kattowitz. Und Gomulkas Parteizeitung "Trybuna Ludu" dozierte: "Wir können heute auf eine zusätzliche Entstalinisierung verzichten."
Der kleinste aller kommunistischen Staaten, seit dem XXII. Parteitag der KPdSU in die Rolle des Angeklagten gedrängt, lieferte indessen das Beispiel für die in Asien beginnende Entchruschtschowisierung:
- In Albanien verschwanden Nikitas Bilder, während an Stalins Statuen Kränze hingen. Sogar der von Chruschtschow gelegte Grundstein eines von der Sowjet-Union gestifteten Kulturpalasts in Tirana wurde wieder ausgegraben. "Der Kampf (Chruschtschows) gegen Stalin", dröhnte Albaniens KP-Blatt "Zeri i Popullit", "ist ein Kampf gegen seine unsterblichen Leistungen."
- China und seine asiatischen Mitläufer Nordvietnam und Nordkorea assistierten den Albanern. Chinas Zeitungen druckten die albanischen Anschuldigungen gegen Chruschtschow in vollem Wortlaut; riesige Bilder zeigten den chinesischen Premier Tschu En-lai bei der Kranzniederlegung aim Sarge Stalins: "Dem großen Marxisten-Leninisten."
Wie keinem anderen zuvor ist es also dem Stalin-Epigonen Chruschtschow gelungen, das rote Weltbild umzustülpen: Sogar Stalingrad, Stätte des größten Sieges sowjetischer Armeen, liegt heute im Norden von Paris - nur dort gibt es noch einen Platz und eine Metro-Station dieses Namens. Das sowjetische Stalingrad, das bis 1925 Zarizyn hieß, verwandelte sich in Wolgograd. Auch die Geschichtsschreibung wurde angeglichen: Die "Schlacht von"Stalingrad" heißt jetzt "Schlacht von Wolgograd".
Diese Veränderung der Landkarte, diese leichtfertige Preisgabe eines historischen Begriffs, erschütterte die kommunistischen Gläubigen außerhalb des sowjetischen Machtbereichs ebensosehr wie Stalins Hinauswurf aus dem Mausoleum. "Wenn man eine Leiche schändet", zürnten Indiens Kommunisten, "beweist dies, daß man keine Kultur hat."
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DER SPIEGEL 49/1961
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