29.11.1961

POLENKampf den Roten

Der Sekretär des Woiwodschaftskomitees der polnischen Arbeiterpartei verläßt den Hotelsaal, in dem alte und neue Prominenz die deutsche Kapitulation feiert - es ist der 8. Mai 1945. Maciek, ein junger Partisan, lauert dem Altkommunisten auf und durchlöchert ihn mit mehreren Schüssen aus seiner Maschinenpistole.
Während der Parteisekretär sterbend seinen Mörder umklammert, brennt im Hintergrund prasselnd das Siegesfeuerwerk ab. Im Festsaal tanzen die neuen Herrscher nach den Klängen einer Polonaise von Chopin.
Die Sterbeszene vom Kapitulationstag Ist in dem polnischen Film "Asche und Diamant" enthalten, der jetzt - drei Jahre nach der Fertigstellung - in westdeutschen Lichtspielhäusern gezeigt wird. Der Film gilt als markantestes Zeugnis jenes Tauwetters, das mit dem "Warschauer Oktober" von 1956 über Polen hereinbrach und den polnischen Film von der Herrschaft stalinistischer Kunstdoktrin befreite. Bis jetzt wurde "Asche und Diamant" denn auch den Kinogängern im sozialistischen Lager,außerhalb Polens vorenthalten.
Das Parteiorgan der polnischen Kommunisten "Trybuna Ludu" hatte schon nach der polnischen Premiere durchaus zu Recht darauf hinweisen können, daß "Asche und Diamant" das "Ergebnis nicht nur des hervorragenden Talents der Schaffenden, sondern auch der gut ausgenützten Freiheit der Kunst" sei: Der Held des Films, der Partisan Maciek, gehört einei nationalistischen Widerstandsorganisation an, die zuerst gegen die Deutschen gekämpft hat und nun - nach Kriegsende - den Kampf gegen die Kommunisten fortsetzt.
Am Morgen des Kapitulationstages versucht der Widerstandskämpfer zum erstenmal, den Mordauftrag seiner Vorgesetzten, alter Offiziere der polnischen Vorkriegsarmee, auszuführen. Er überfällt einen Wagen und liquidiert dessen Insassen - aber der Parteisekretär ist nicht unter den Toten.
Im Hotel, wo die Vorbereitungen zum Festbankett beginnen, wartet Maciek auf eine neue Chance. Er freundet sich mit dem Barmädchen Krystyna an. Bei einem Spaziergang lesen die beiden in einer zerfallenen Kirche eine Grabinschrift, die fragt, "ob größere Freiheit dir wird oder ob alles, was dein, zuschanden gehen soll? Ob Asche nur bleibt und Staub, der mit dem Winde vergeht? Oder ob auf der Asche Grund strahlend ein Diamant erscheint, der Morgen des ewigen Sieges?"
Maciek wird die Antwort nicht erfahren. Nachdem er seinen Auftrag doch ausgeführt hat, läuft er Milizsoldaten in die Hände. Er rennt vor ihnen in blinder Panik davon, schießt auf sie und wird von ihnen angeschossen. Sterbend klammert er sich an weiße Bettlaken, die in einem Hof zum Trocknen aufgehängt sind, sein Blut dringt durch das Leinen. "Und wie dann der Getroffene", notierte "Die Welt" in Hamburg, "über einen Schuttabladeplatz hinwegstolpert, durch Büchsen, Papier und Lumpen, und zusammenbricht, selbst nur noch ... Schutt, das ist von jener Größe, wie sie unsere besten Regisseure nur selten erreichen."
Unbeantwortet bleibt im Film die Frage, "ob auf der Asche Grund strahlend ein Diamant erscheint" - ob der Zerfall des alten Polens die Kraft zum Aufbau eines neuen freisetzen wird und "der Morgen des ewigen Sieges" kommt: das sozialistische Paradies.
Mehr als jedes andere polnische Nachkriegs-Lichtspiel macht "Asche und Diamant" mithin deutlich, wie sehr der von westlichen Kritikern gefeierte Aufschwung des polnischen Films mit dem politischen Schicksal des Landes verknüpft ist.
Keimzelle der polnischen Filmindustrie war die staatliche Film- und Theater-Akademie in Lodz. An ihr lehrten nach dem Kriege drei renommierte Fachleute der Vorkriegszeit: der Regisseur Aleksander Ford ("Der achte Wochentag"), der Historiker Jerzy Toeplitz und der Kritiker Jerzy Bossak. Ihre Paradeschüler: die Regisseure Andrzej Wajda, Andrzej Munk und Jerzy Kawalerowicz.
Munk, der im September bei einem Autounfall umgekommen ist, war der erste, der die Opposition gegen den Stalinismus filmisch verdeutlichte. Im Sommer 1956 drehte er "Ein Mann auf den Schienen": Ein Lokomotivführer, von der Partei der Sabotage bezichtigt und entlassen, stirbt bei dem Versuch, einen Zug zu stoppen, der ein Signal zu überfahren droht. Als Zeugenaussagen den Lokomotivführer rehabilitiert haben, bemerkt der Leiter der Untersuchungskommission doppeldeutig: "Es ist schlechte Luft hier drin" und öffnet ein Fenster.
Kommentierte die westdeutsche Zeitschrift "Filmkritik": "Wenige Wochen später machte Gomulka ihm diese Geste nach. Auch er öffnete ein Fenster und ließ frische Luft ins Land." Munk habe gezeigt, "daß in bestimmten Situationen die Leinwand zur Projektionsfläche für die geheimen nationalen Wünsche wird".
Immer häufiger wurden in Polen nun Filme gedreht, die versteckt oder offen am Stalinismus Kritik übten und darüber hinaus einen Pessimismus pflegten, der in krassem Widerspruch zu den Geboten des zukunftsfrohen "sozialistischen Realismus" stand. In "Eroica" etwa ironisierte Munk den Heldenmut, die erklärte Nationaltugend der Polen; in "Schielendes Glück" erzählte er die Tragikomödie eines beflissenen Untertanen, der den Wechselfällen der neuen polnischen Geschichte zum Opfer fällt. Jerzy Kawalerowicz formulierte in seinem letzten Film, "Mutter Johanna von den Engeln", eine Absage an den Fanatismus: Sein blasphemisches Pamphlet gegen kirchlichen Absolutismus trifft gleichzeitig auch den staatlichen.
Als radikalster der polnischen Jungtürken aber erwies sich Andrzej Wajda. Sein Film "Der Kanal" vermittelte dem westdeutschen Kinopublikum vor Jahren erstmals einen Eindruck von polnischer Filmkunst der Nachkriegszeit. Das Lichtspiel schildert, wie eine Widerstandsgruppe, die sich nach dem Fehlschlagen des Warschauer Aufstands von 1944 in die unterirdischen Schächte des Kanalisationsnetzes verkrochen hat, verzweifelt zu entkommen versucht und dabei elend umkommt. Durch ein Gitter sehen die Partisanen das von den Russen besetzte Weichsel-Ufer, von wo sie vergebens Hilfe erhoffen. Das dunkle Labyrinth der Kanalisation wird zum Symbol polnischen Schicksals.
Mit "Lotna" ließ Wajda einen düsteren, mit surrealistischen Schockbildern versetzten Hymnus auf die polnische Kavallerie folgen, die 1939 deutsche Panzer in gestrecktem Galopp mit eingelegter Lanze attackierte. Auch in "Samson", seinem bislang letzten - sechsten - Film, sammelte der Regisseur Bruchstücke jüngster Vergangenheit auf: Ein junger Jude, von den Nazis verfolgt, will sich nicht sinnlos liquidieren lassen; indem er einem Mitgefangenen das Leben rettet, "verdient" er sich seinen Tod.
Von einem westdeutschen Korrespondenten in Warschau befragt, warum in seinen Filmen der Held immer wieder in aussichtslosen Situationen erscheine, antwortete Wajda: "Ich bin ein polnischer Regisseur ... Wir als Polen sind allzuoft in solchen ausweglosen Situationen gewesen."
Und auch "Asche und Diamant", nach Ansicht der-Kritiker bislang Wajdas bedeutsamstes Opus, entsproß diesem Aspekt polnischen Lebens. Die Geschichte des Widerstandskämpfers Maciek, der "tragisch und nutzlos stirbt", wurde zum -, so die britische Filmzeitschrift "Monthly Film Bulletin" - "beredsamen, zeitgenössischen Symbol".
Freilich: In keinem anderen Land des Ostblocks wäre es möglich gewesen, einen erklärten Antikommunisten solcherart zum tragischen Helden emporzustilisieren. Die Rolle des Maciek spielt der polnische James Dean, Zbigniew Cybulski. Die Sonnenbrille von amerikanischem Schnitt, die Cybulski in diesem Film anachronistisch trägt, deutet darauf hin, daß man mit ihm nicht nur die Jugend von 1945 meint.
Auch die anderen Gestalten des Films sind von unmittelbarer Aktualität: Der Bürgermeister, der eben seine Ernennung zum Minister erfährt, ist ein eitler Karrierist; der Parteisekretär, ein aufrechter Altkommunist, schwärmt melancholisch von den heroischen Zeiten in der Internationalen Brigade in Spanien; die polnischen Autoritäten dienern vor zwei Sowjet-Offizieren; und der Journalist, der das Intrigenspiel durchschaut, besäuft sich bloß.
"Wofür haben Sie gekämpft?" wird Maciek von seinem Chef gefragt.
"Für die Freiheit Polens", antwortet er.
"Haben Sie sich Polen so vorgestellt, wie es jetzt ist?" fragt der Chef.
Maciek antwortet nicht.
Regisseur Wajda
Bei Chopin-Musik ...
... Mord am KP-Sekretär: Polnischer Film "Asche und Diamant"*
Szene aus Kawalerowicz-Film*
Fenster auf
* Ewa Krzyzewska als Barmädchen Krystyna, Zbigniew Cybulski als Partisan Maciek.
* "Mutter Johanna von den Engeln".

DER SPIEGEL 49/1961
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