25.01.1971

THEATER / HANDKEMit Milch ertappt

Ein Reiter ist, ohne es zu wissen, über den zugefrorenen Bodensee galoppiert. Als ihm die überstandene Gefahr bewußt wird, sinkt er, so erzählt es die Sage, leblos vom Pferd.
Einen Bewußtseins-Schock ähnlicher Art erleben im Finale die Figuren des jüngsten Stücks von Peter Handke, 28, dessen Uraufführung am letzten Sonnabend "in Berlins kollektiver "Schaubühne" auf dem Programm stand. Titel: "Der Ritt über den Bodensee".
Anderthalb Stunden lang spielen fünf Personen Banalitäten aus dem Alltag. Sie begrüßen einander, sie schminken sich, sie trinken Tee, sie erzählen bruchstückhaft Anekdoten oder sprechen über das Essen, über Reisen und Träume. Und sie spüren, daß ihr Leben nur aus Formeln und Floskeln besteht. Folge der Erkenntnis: Sie fallen in eine totenähnliche Starre.
Was will Handke damit beweisen? "Nichts." Er will lediglich "die in dieser Gesellschaft vorherrschenden Umgangsformen durch genaues Beobachten der anscheinend mi freien Spiel der Kräfte formlos funktionierenden täglichen Lebensäußerungen" darstellen.
Mit anderen Worten: Handke will am scheinbar belanglosen Detail zeigen, wie die Gesellschaft funktioniert. Nach diesem Mechanismus hat er schon immer geforscht. So stellte er etwa in seinem "Kaspar" (1968) einen rohen Menschen dar, der so lange mit Lebensregeln traktiert wird, bis er ein ordentlicher Bürger geworden ist -- Musterfall der Manipulation. So zeigt er Im stummen Spiel "Das Mündel will Vormund sein" (1969), wie sich allein durch Mimik und Gesten Machtverhältnisse abbilden lassen -- Musterfall gesellschaftlicher Repression.
Und auch im neuen Stück, im "Ritt über den Bodensee", geht es Handke nicht nur um die Darstellung, sondern auch um die Entlarvung solcher Denk- und Handlungsmuster. Deshalb stellt er seine Figuren, die er Im Manuskript zur besseren Unterscheidung Heinrich George, Emil Jannings, Elisabeth Bergner, Henny Porten, Erich von Stroheiim nennt, in jene einfachen Situationen, an denen sich komplizierte Verhaltensweisen studieren lassen:
Frage von Henny Porten: "Jemand schaut sich öfter um, während er geht: hat er ein schlechtes Gewissen?" "Nein", antwortet die Bergner, "er schaut sich nur einfach öfter um!"
Solche didaktischen Dialoge werden immer wieder von pantomimischen und formelhaften Zwiegesprächen aufgelockert: "Verstehen Sie mich?" -- "Menschlich schon." Auch Volksliedzeilen ("Mein Hut, der hat drei Ecken") und Slapstick-Effekte dienen dazu, eine "Naturgesetz"-Theorie zu bekräftigen, die Emil Jannings erläutert:
"Man hat angefangen, miteinander zu verkehren, und es hat sich eingespielt: Eine Ordnung ergab sich, und ... man formulierte sie. Und als man sie formuliert hatte, mußte man sich daran halten, weil man sie schließlich formuliert hatte! Das ist natürlich, nicht wahr?"
Um diese Natürlichkeit auch auf der Bühne zu erlangen, haben die Regisseure Wolfgang Wiens und Claus Peymann -- der nach dieser Premiere das "Schaubühnen"-Kollektiv voraussichtlich verlassen wird -- drei Monate lang den "Ritt" diskutiert und geprobt. Dann waren alle Szenenanweisungen des Autors wortwörtlich erfüllt. Handke konnte zufrieden sein.
Er war für einige Tage zu den Proben nach Berlin gekommen. Die Premiere hat er nicht abgewartet. Dafür hinterließ er der "Schaubühne" eine Anekdote, aus der sich ablesen läßt, was der Autor aus seinem Lehrstück inzwischen gelernt hat:
"Heute morgen habe ich die Milch in einem anderen Geschäft als dem üblichen gekauft und mich dann dabei ertappt, daß ich mit der Milch an dem üblichen Geschäft schneller vorbeigehen wollte."

DER SPIEGEL 5/1971
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Mit Milch ertappt

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