15.02.1971

„Er wird uns alle abschlachten“

2. Fortsetzung und Schluß
Anfang Februar 1937 erfuhr der Volkskommissar für die Schwerindustrie Sergo Ordschonikidse, Mitglied des Politbüros, von der Verhaftung des Leiters eines großen, ihm unterstehenden Kombinats. Er rief sofort den NKWD-Chef Jeschow an, nannte ihn einen "dreckigen Speichellecker" und forderte Einsicht in die Dokumente dieses Falls.
Dann telephonierte er über eine direkte Leitung mit Stalin, er zitterte am ganzen Körper, seine Augen waren blutunterlaufen. Er schrie: "Koba, warum läßt du den NKWD meine Männer verhaften, ohne mich zu benachrichtigen?"
Die Erwiderung Stalins unterbrach er: "Ich verlange, daß dieses autoritäre Verhalten aufhört. Ich bin immer noch Mitglied des Politbüros. Ich werde einen Höllenkrach schlagen, Koba, und wenn es das letzte ist, was ich tue, bevor ich sterbe."
"Koba" war der Tarn- und Spitzname Stalins in der Zeit des Untergrundkampfes vor der Revolution. und keiner hatte mehr Recht, den inzwischen allmächtigen Diktator so anzureden, als eben Sergo Ordschonikidse, Georgier wie Stalin und seit 1903 Mitglied der Partei.
Ordschonikidse war einer der ältesten und getreuesten Kampfgenossen und Gefolgsmänner Stalins, rücksichtslos gegen Feinde der Revolution, aber auch gegen aufmuckende Genossen. Schon 1922 wollte ihn Lenin wegen seiner Brutalität gegen georgische Kommunisten aus der Partei ausschließen. Er hatte im
Kaukasus die Sowjetherrschaft durchgesetzt und nationale Strömungen in diesem Gebiet unterdrückt.
Überdies war Ordschonikidse die bedeutendste Leistung der Stalin-Ära zu danken: Mit Energie und Härte hatte er anfangs der dreißiger Jahre die Industrialisierung des Landes vorangetrieben. Dabei hatte ihm der altbolschewistische Funktionär Jurij Pjatakow, ein früherer Gefolgsmann Trotzkis, unschätzbare Dienste geleistet. Pjatakow aber war erst kürzlich in einem großen Schauprozeß verur© 1971 Curtis Brown Ltd., London, und Droste Verlag, Düsseldorf. Der ungekürzte Text erscheint unter dem Thet "Am Anfang starb Genosse Kirow" im Droste Verlag.
teilt und hingerichtet worden, obwohl Stalin zuvor Ordschonikidse zugesichert hatte, er werde Pjatakows Leben schonen.
So traf Stalin der Ausbruch seines alten Mitstreiters nicht unvorbereitet. Es ist nicht einmal sicher, oh der Diktator eigentlich Pjatakow vernichten wollte und bereit war, dabei Schwierigkeiten mit Ordschonikidse in Kauf zu nehmen, oder oh er nicht vielmehr die Vernichtung Pjatakows geplant hatte, um dann gegen Ordschonikidse losschlagen zu können.
"Ordschonikidse selbst wurde immer mehr gequält", so enthüllte die "Iswestija" später. "NKWD-Offiziere erschienen in Ordschonikidses Wohnung mit einem Haussuchungsbefehl. Gedemütigt und zitternd vor Wut verbrachte Sergo den Rest der Nacht mit Versuchen, Stalin telephonisch zu erreichen. Wenn der Morgen kam, gelang das meist, und er hörte die Antwort: "Diese Behörde bringt es sogar fertig, meine Wohnung zu durchsuchen. Das ist nichts Außergewöhnliches!""
Am 17. Februar 1937 führte Ordschonikidse ein mehrstündiges Gespräch mit Stalin. Er versuchte, seinem langjährigen Freund zu erklären, daß dunkle Mächte Stalins lebenslangen pathologischen Argwohn ausnutzten und die Partei ihrer besten Kader beraubten.
Er arbeitete in seinem Volkskommissariat bis zum nächsten Morgen. Als er um zwei Uhr nach Hause kam, führte er eine weitere, ebenso ergebnislose Unterhaltung mit Stalin am Telephon. Am Nachmittag des 18. Februar, um 17.30 Uhr, war er tot.
Seine Frau rief Stalin an, der Diktator kam kurz darauf. Er stellte nicht eine einzige Frage, sondern rief erstaunt: "Himmel, was für eine tückische Krankheit! Der Mann legt sich hin, um auszuruhen, und das Ergebnis ist ein Anfall, eine Herzattacke."
Das ärztliche Kommuniqué nannte eine Herzlähmung als Todesursache, doch heute ist unumstritten, daß Stalin den Tod Ordschonikidses herbeiführte.
Chruschtschow äußerte sich 1981: "Genosse Ordschonikidse sah, daß er nicht weiter mit Stalin zusammenarbeiten konnte. Um einen Zusammenstoß mit Stalin zu vermeiden und sich der Mitverantwortung für den Mißbrauch der Macht zu entziehen, beschloß er, sich das Lehen zu nehmen."
Ein kaukasischer Parteifunktionär verbreitete eine andere Hypothese: Stalin schickte zu Ordschonikidse Geheimpolizisten, die ihm die Wahl zwischen Verhaftung und Selbstmord freistellten und ihm dabei eine Pistole aushändigten. Ein Arzt wartete bereits, um Herzversagen festzustellen. Eine dritte Darstellung spricht davon, daß Ordschonikidse unter Aufsicht von Stalins Sekretär erschossen oder vergiftet worden sei. Am Tage danach erschien in der "Prawda" das Bild des aufgebahrten Ordschonikidse. Um den Leichnam herum standen Stalin und seine Getreuen: Jeschow, Molotow, Schdanow, Kaganowitsch und Woroschilow. Alle wirkten überwältigt von kameradschaftlicher Trauer.
Als wenige Tage später das Zentralkomitee zu einer Plenarsitzung zusammentrat, machte sich unter den Spitzengenossen noch immer Widerstand gegen die Säuberungen bemerkbar. Selbst Politbüromitglieder äußerten Unmut. Zu ihrem Sprecher machte sich ein Stalinist reinsten Wassers: Pawel Postyschew, Sekretär der ukrainischen Parteiorganisation.
Er hatte erst wenige Sätze einer vorsichtigen Kritik geäußert, als Sta im ihn mit der Frage unterbrach: "Was sind Sie eigentlich?" Darauf Postyschew: "Ich bin ein Bolschewik, Genosse Stalin, ein Bolschewik."
Nach dieser trotzigen Antwort, die allen Anwesenden als grobe Respektlosigkeit erschien, verließ ihn der Mut. Postyschew stockte, er wich vom vorbereiteten Manuskript ab und zog sei ne Einwände zurück.
Anschließend äußerten zwar immer noch einige Redner Kritik und Zweifel an Stalins Praktiken, aber die Solidarität der Säuberungsgegner war dahin. Nur eine feste Front der Kritiker hätte die mit Postyschew sympathisierende, aber ängstliche Mehrheit mitreißen können.
So konnte sich Stalin trotz mancher Widerstände durchsetzen: Der Ausschluß der Rechtsabweichler Bucharin und Rykow aus dem Zentralkomitee bereitete keine Schwierigkeiten mehr. Gegen diese beiden notorischen Oppositionellen sollte der nächste große Schauprozeß geführt werden. Die Abstimmung fand unter den Augen Stalins und Jeschows statt, während NKWD-Posten vor den Türen warteten; es ging nur noch um eine reine Formalität. Die beiden Männer wurden noch in der ZK-Sitzung verhaftet und zur Lubjanka geschleppt.
Selbst der schüchterne Widerstand im Zentralkomitee zeigte Stalin, daß noch vieles zu tun blieb, um die letzten Hindernisse aus dem Weg zu schaffen. Er berief Postyschew Mitte März von seinem Posten in Kiew ab und ließ ihn in eine weniger wichtige Position nach Kuibyschew versetzen.
Dort wurde Postyschew ständig kritisiert, doch behielt er formell seinen Rang als Kandidat des Politbüros. Ein Jahr später war Postyschew verhaftet, mußte aber lange Zeit auf Anklage und Urteil warten. Erst am 10. Dezember 1940 wurde er wegen Diversion, Verschwörung, Spionage und Abweichung vom Leninismus verurteilt und erschossen.
Neben Postyschew hatten im Zentralkomitee auch die Politbüro-Mitglieder Kossior und Tschubar sowie der Politbüro-Kandidat Rudsutak zur Mäßigung geraten. Sie waren harte Stalinisten und halten ihren Parteichef bei den zurückliegenden Fraktionskämpfen bedingungslos uni erstützt. Daß sie die Säuberungen ablehnten, hatte mit Sentimentalität nichts zu tun: sie befürchteten vielmehr verhängnisvolle Folgen für die Wirtschaft. Überdies bewahrten sie sich einen Rest an Loyalität gegenüber verdienten Altgenossen, von deren Unschuld sie überzeugt waren.
Der erste, den es traf, war Jan Rudsutak, ein Lette, Parteimitglied seit 1905 und besonders erfahrener Untergrundkämpfer der vorrevolutionären Zeit. Er hatte sich schon 1932 bei Stalin unbeliebt gemacht, als er, damals Chef der Zentralen Kontrollkommission, gegen eine antistalinistische Verschwörung nicht mit genügender Härte vorging.
Bei der Moskauer Maiparade 1937 fehlte er auf der Tribüne, vermutlich war er gerade verhaftet worden. Inzwischen wurden Verhaftungen von Politbüro-Mitgliedern nicht mehr bekanntgegeben, die Opfer verschwanden einfach aus der Öffentlichkeit. Stalin konnte jetzt die Festnahme seiner engsten Kollegen anordnen, ohne irgend jemanden zu fragen. Sein Despotismus war zur absoluten Autokratie geworden.
Rudsutak war tatsächlich bei einem Abendessen nach dem Theater festgenommen worden. Der NKWD verhaftete sämtliche Anwesende. Vier Frauen der Abendgesellschaft befanden sich noch drei Monate später im schmutzigen Abendkleid in einer Gefängniszelle. Über ein Jahr dauerte die Untersuchung gegen Jan Rudsutak. Unter Foltern gestand er schließlich, doch in einer geheimen Gerichtsverhandlung im Juli 1938 widerrief er seine Geständnisse. Trotzdem wurde er nach 2(1 Minuten Verhandlung zum Tode verurteilt und sofort erschossen,
Stanislaw W. Kossior, Stalins Statthalter in der Ukraine, behielt seinen Posten noch bis zum Januar 1938. Dann übergab er sein Amt an den kommenden Mann, Nikita S. Chruschtschow, und ging als stellvertretender Vorsitzender des Rates der Volkskommissare nach Moskau. Das sah nicht wie eine Strafversetzung aus, doch war über sein Schicksal längst entschieden.
Im Rat stieß er auf die geballte Gegnerschaft der Stalinisten. Zu ihnen gehörte der Ministerpräsident Wjatscheslaw Molotow und dessen Stellvertreter Mikojan. Kossior und der Vizepremier Tschubar vertraten eine gemäßigte Linie. So ergab es sich, daß bei Sitzungen, die der Ministerpräsident mit seinen drei Stellvertretern abhielt, zwei der Molotow-Vertreter nur noch redende Tote waren; ihre Ansichten spielten keine Rolle mehr.
Kossior verschwand im Frühjahr, Tschubar vermutlich im Juni 1938. Das Verhör der beiden Stalin-Gegner leitete der Untersuchungsrichter Rodos; er scheute sich nicht, ausgiebige Folterungen anzuordnen.
Im Zuge der Entstalinisierung, 1956, wurde Rodos vor das Zentralkomitee zitiert. Er entschuldigte sich: "Mir war gesagt worden, daß Kussior und Tschubar Volksfeinde seien und daß ich als Untersuchungsrichter sie zu dem Geständnis zu bringen hätte, daß sie Feinde seien. Ich war der Meinung, daß ich die Befehle der Partei ausführte."
Der damalige Parteichef Chruschtschow bezeichnete Rodos daraufhin als "gemeines Subjekt mit einem Vogelhirn und moralisch durch und durch verkommen". Aber gerade der Kossior-Nachfolger Chruschtschow hatte sich einst äußerst lebhaft an den Säuberungen beteiligt.
Noch während Kossior und Tschubar -- sie wurden im Februar 1939 zum Tode verurteilt -- im Gefängnis saßen, war der Maschinist der Säuberung, der NKWD-Chef Nikolai Jeschow, gestürzt. Stalin hatte sich inzwischen entschlossen, den Druck des Terrors zu mindern. So war es nur konsequent, daß er sich von seinem willigsten Handlanger trennte. Von nun an konnte er die Schuld an den Exzessen dem "blutdürstigen Zweig" zuschieben, den allein Stalin, der weise Führer, an der Fortsetzung seines schändlichen Tuns gehindert habe.
Jeschow hatte die Leitung des NKWD schon im Herbst 1938 verloren, am 8. Dezember wurde er offiziell abgesetzt. Über sein weiteres Schicksal ist nichts bekannt, die Spur verliert sich im Dunkel. Die Große Sowjet-
* Mit Stalin (l.) und Politbüro-Mitglied Kalinin (r.).
Enzyklopädie von 1957 nennt zwar seinen Namen, doch weder Geburts- noch Todesdatum.
Zug um Zug säuberte Stalin die Spitzengremien der Partei. "Von den auf dem XVII. Parteitag (1934) gewählten 139 Mitgliedern und Kandidaten des Zentralkomitees der Partei". stellte Chruschtschow 1956 fest. "wurden 98 Personen, das sind 70 Prozent, in den Jahren 1937 bis 1938 verhaftet und liquidiert." Unter den überlebenden 30 Prozent befand sich auch Chruschtschow, der nach Abschluß der Säuberungen in das Politbüro aufrückte, um den freigewordenen Platz eines Liquidierten einzunehmen.
Die Säuberung erfaßte allerdings nicht nur Partei, Regierung und Wehrmacht, das ganze Volk war betroffen. Nahezu jeder mußte Nacht für Nacht seine Verhaftung noch vor dem Morgengrauen befürchten, jeder war gezwungen, bei Tage Begeisterung für ein brutales System der Lüge zu heucheln.
Denn Stalin forderte nicht nur Unterwerfung, er verlangte auch Mitschuld. Die moralische Krise für die Sowjetmenschen ergab sich aus dem Zwang zur Denunziation. Der unpolitische Bürger war nicht nur verpflichtet, in Versammlungen und Resolutionen zu fordern, die Oppositionsführer "wie tolle Hunde umzubringen, oder das Abschlachten der Generale zu billigen, er sollte vielmehr seine Nachbarn, seine Vorgesetzten, selbst seine Verwandten anzeigen und beschuldigen.
Die Zersetzung der Familienloyalität war ein bewußtes Ziel Stalins. Der Führung des Jugendverbandes Komsomol warf er vor, sie widme sich nicht der Überwachung, sondern begnüge sich -- wie in den Statuten festgelegt -- mit der politischen Erziehung der jungen Kommunisten. Stalin stellte sich den guten Jungkommunisten anders vor: Er wollte keine politische Ausbildung, er wollte vielmehr die Eigenschaften eines begeisterten Denunzianten entwickeln lassen.
Unter dem Zwang zur Denunziation stand auch der Deserteur aus der Roten Armee Sylakow, der sich in Kiew der Polizei stellte, Er erzählte eine dramatische Geschichte: Er wisse von einer antisowjetischen Verschwörung, in der er eine führende Rolle gespielt habe. Dem NKWD genügte das nicht; Sylakow wurde geschlagen und getreten, bis er eine ganz andere Geschichte erfand. Nun ging es nicht mehr um ihn, sondern um seine militärische Einheit, deren Kommandeur terroristische Angriffe auf Regierungsmitglieder geplant haben sollte.
Fast die ganze Einheit, von den Offizieren bis zu den Fahrern, wurde verhaftet, dazu die Verwandten Sylakows, unter ihnen ein fernstehender Onkel, aus dem die Vernehmer einen zaristischen General machten, weil er einmal als Korporal in der alten Armee gedient hatte,
Der absurde Fall wucherte so sehr aus, daß es bald im Kiewer Gefängnis keine Zelle mehr gab, in der nicht irgendein angebliches Mitglied der Sylakow-Verschwörung saß. Nach dem Sturz Jeschows verhörte man Sylakow und seine Mitangeklagten erneut, damit sie ihre Geständnisse widerriefen. Einige witterten eine Falle und weigerten sich. Sie mußten durch neue Foltern zum Widerruf ihrer falschen Geständnisse gezwungen werden Sylakow wurde schließlich wegen Fahnenflucht zu drei Jahren Gefängnis verurteilt.
Die Zahl der wegen konterrevolutionärer Verbrechen Beschuldigten verzehnfachte sich von 1936 bis 1937, denn jeder Beschuldigte hatte ja Bekannte und Verwandte, die ebenfalls sogleich verdächtig waren.
Darüber hinaus gab es in den dreißiger Jahren noch Hunderttausende die früher einmal Mitglieder nichtbolschewistischer Parteien gewesen waren oder in der Weißen Armee gedient hatten. Ebenso verdächtig war ii Akademiker mit Auslandsbeziehungen und engagierte Nationalisten der verschiedenen Völker des Sowjetstaates,
Die Sonderabteilung des NKWD führte Listen, in denen Verdächtige nach Gruppen und Kennzeichen geordnet waren:
* AS = Antisowjetische Elemente,
* Ts = Aktive Mitglieder der Kirche,
* S = Mitglieder einer religiösen Sekte,
* P = Rebellen, die in der Vergangenheit an antisowjetischen Aufständen beteiligt waren, und
* SI -- Bürger mit Auslandskontakten.
Wer auf einer solchen Liste stand, konnte jederzeit mit der Verhaftung rechnen, denn dem örtlichen NKWD wurden mitunter Sonderaktionen befohlen, worauf die Zahl der Festgenommenen an die Zentrale gemeldet werden mußte. Auch diese Leute hatten wieder einen Kreis von Kollegen und Bekannten, die nun automatisch als verdächtig galten. Bald bestand der größere Teil der Bevölkerung aus potentiellen Säuberungsopfern.
Manche der Gefährdeten verstanden es, der Verhaftung zu entgehen. Ein bekannter Gelehrter überstand die Säuberung, indem er vorgab, ein notorischer Trinker zu sein. Ein anderer betrank sich tatsächlich und verursachte in einem öffentlichen Park einen Auflauf. Da es sich um ein geringes Delikt handelte, bekam er sechs Monate Gefängnis und entging einem politischen Prozeß.
Auch häufiger Ortswechsel bot einen gewissen Schutz, da es mindestens sechs Monate, oft sogar ein Jahr dauerte, ehe der örtliche NKWD aufmerksam wurde oder Beweismaterial gesammelt hatte, sofern es sich um weniger prominente Bürger handelte.
Doch die meisten Russen hatten keine Möglichkeit, sich der Säuberungsmaschinerie zu entziehen sie mußten mit der Verhaftung rechnen, wenn sie dem NKWD verdächtig erschienen. Gewöhnlich wurde in den frühen Morgenstunden zugegriffen. Zwei oder drei NKWD-Männer, manchmal brutal, manchmal förmlich und korrekt, klopften und traten ein.
Sie nahmen eine Haussuchung vor, die meist kurz war, aber auch lange dauern konnte, besonders wenn Bücher und Schriftstücke zu prüfen waren. Der Betroffene saß indessen mit seinen Angehörigen unter Bewachung in einem Raum, bis er abgeführt wurde. Manche geistesgegenwärtige Ehefrau rettete ihrem Mann das Leben, indem sie ihm rasch noch warme Kleidung für das sibirische Lager mitgab.
Nach Artikel 127 der sowjetischen Verfassung durfte niemand ohne Anordnung des Gerichts oder Zustimmung des Staatsanwalts verhaftet werden. Tatsächlich lag in der Regel ein staatsanwaltlicher Festnahmebefehl vor.
Doch kam es mitunter zu Unregelmäßigkeiten. Aus der Ukraine wird berichtet, daß Polizisten zwei zufällige Besucher eines Delinquenten verhafteten, obwohl für die beiden Fremden natürlich kein Haftbefehl vorlag. Die Festgenommenen verbrachten fünf Monate im Gefängnis, bis es ihnen gelang, herauszukommen.
Auch Personenverwechslungen kamen gelegentlich vor, besonders bei häufigen Namen. Die Betroffenen wurden meist nach einiger Zeit wieder freigelassen. Manchmal hatten die irrtümlich Verhafteten jedoch bereits Spionage und andere Verbrechen gestanden, ehe der Irrtum entdeckt wurde.
Ein vom NKWD Verhafteter kam zunächst in die Aufnahmestelle des Gefängnisses, wo man ihn nach Erledigung der bürokratischen Formalitäten einer gründlichen Leibesvisitation unterzog und ihm Schnürsenkel sowie Metallgegenstände abnahm.
Wenn die Verhältnisse in den Gefängnissen auch nicht überall gleich waren, so fand der Häftling doch meist die gleichen Mißstände vor: Überfüllung, unzureichende Verpflegung und Schmutz. In Moskau war auf dem Höhepunkt der Säuberung eine für 24 Häftlinge bestimmte Zelle mit 140 Menschen belegt.
In einer Frauenzelle, für 25 Personen vorgesehen, drängten sich 110 Frauen. Bretter und Betten bedeckten den ganzen Fußboden. Nur ein schmaler Mittelgang blieb frei, in dem ein Tisch und zwei große Latrineneimer standen. Die Häftlinge konnten nie auf dem Rücken ruhen, sie lagen auf der Seite; und wenn eine Frau sich umdrehen wollte, mußte sie erst mit den Nachbarinnen auf beiden Seiten verhandeln, damit sie gemeinsam manövrieren konnten.
In Moskau und den anderen Großstädten waren die Verhältnisse meist besser als in der Provinz, wo man auch mit dem Platzmangel noch schlechter fertig wurde. In einigen sibirischen Städten hob der NKWD riesige Gruben aus, überdachte sie und trieb die Häftlinge hinein.
Jede Zelle wählte ihren Starosta oder Zellenältesten, der für die Ordnung verantwortlich war. Der zuletzt eingelieferte Häftling mußte sich neben den stinkenden Eimer, die Parascha, legen und rückte allmählich davon weg.
Die übliche Tagesverpflegung bestand aus 500 bis 600 Gramm Schwarzbrot, 20 Gramm Zucker und zwei Portionen dünner Kohlsuppe. Die unzureichende Kost und der Mangel an Licht und Luft förderten typische Krankheiten: Durchfall, Skorbut, Krätze, Lungenentzündung und Herzanfälle. Zahnfleischentzündungen waren ganz allgemein.
Doch die Gefängnisverwaltung war für das Leben eines jeden Häftlings verantwortlich. Das wurde paradox ernst genommen: In einer und derselben Zelle lagen Häftlinge, denen jede ärztliche Betreuung fehlte, obwohl sie nach der Folter unter schweren Verletzungen litten, während alle nur vorstellbaren Medikamente für die Verhütung und Heilung von Erkältungen, Kopfschmerzen und Husten regelmäßig verteilt wurden. Umfassende Vorsorge gegen Selbstmord war überall oberstes Gebot.
Rauchen war im Gefängnis zunächst erlaubt, doch alle Spiele wurden verboten. Trotzdem spielten die Häftlinge oft heimlich Schach, meist mit aus Brot gekneteten Figuren.
Jeschow führte Ende 1936 eine neue und härtere Gefängnisordnung ein. Alle Fenster wurden mit Läden versehen. Die Häftlinge nannten sie "Jeschows Gasmasken"; vom Himmel blieb nun nur noch ein kleines Stück sichtbar.
Zur Strafe für Verstöße gegen die Gefängnisordnung, etwa den Besitz einer Nadel, sperrte man die Häftlinge in Strafzellen, die Rationen wurden auf die Hälfte gestrichen. Die Oberkleidung wurde dem Häftling abgenommen, er durfte nur nachts und nur auf dem Steinfußboden schlafen.
Wichtige Häftlinge oder Häftlinge für wichtige Verfahren verlegte der NKWD in besondere "Innere Gefängnisse". Dorthin kamen auch Gefangene, die aus triftigen Gründen nicht in Arbeitslager verlegt werden durften.
Die Inneren Gefängnisse unterschieden sich beträchtlich von den Hauptgebäuden. In den Massenzellen mit den auf kahlen Brettern eng zusammengepferchten Häftlingen gab es immerhin ein gewisses Sozialleben. Die Gefangenen diskutierten miteinander und hörten gelegentlich sogar wissenschaftliche oder literarische Vorträge.
Im Inneren Gefängnis war alles anders. Die Zellen waren sauber, nicht überfüllt, jeder Häftling hatte ein eigenes Bett und verfügte sogar über Bettwäsche, die regelmäßig gewaschen wurde. Lärm oder auch nur lautes Sprechen war nicht erlaubt. Das Guckloch in der Zellentür öffnete sieh alle paar Minuten. Der Häftling mußte von 23 bis 6 Uhr im Bett liegen. Tagsüber durfte er sich setzen, aber nirgends anlehnen. Es gab nichts zu tun und unzureichende Verpflegung.
Ehe der Gefangene zum Verhör geführt wurde, mußte er darüber nachdenken, wie die Anklage gegen ihn lauten werde, denn der NKWD nannte ihm gewöhnlich nicht die Gründe der Verhaftung. Das Geständnis sollte der Untersuchungshäftling selbst formulieren; er konnte aus seiner Lebenslage, seinem Beruf oder den Umständen seiner Verhaftung sehr oft schließen, welches Geständnis man von ihm erwartete.
Zwar bestimmte Artikel 128 der damaligen Strafprozeßordnung, daß die Anklage dem Beschuldigten spätestens 48 Stunden nach seiner Festnahme zur Kenntnis gebracht werden mußte, doch wurde diese Vorschrift nicht beachtet. Berief sich ein Häftling darauf, so hatte er bald Anlaß, es zu bereuen.
Der ungarische Schriftsteller und Kommunist József Lengyel beschreibt, wie er aus einer gewöhnlichen Zelle, in der 275 Männer auf, unter und zwischen 25 eisernen Bettstellen lebten, in eine wesentlich schlechtere Zelle verlegt wurde, um dort vor der Vernehmung 14 Tage lang weichgemacht zu werden.
In diesem hermetisch abgeschlossenen Raum, in der feuchten Hitze von Menschen und Heizkörpern, verschimmelte das am Morgen noch frische Brot bis zum Mittag. Einige Zellengefährten erlitten Schlaganfälle, andere wurden wahnsinnig. Obwohl Lengyel nur Gelbsucht und offene Wunden an Armen und Beinen bekam, erkannten ihn seine früheren Zellengefährten nicht wieder, als er in das normale Gefängnis zurückkehrte.
Die Verhöre fanden hauptsächlich nachts statt. Ein Wärter pflegte in die Massenzelle zu treten und die Anfangsbuchstaben eines Namens zu murmeln; jeder, auf den die Buchstaben paßten, nannte seinen Namen, bis der Richtige mitgenommen wurde,
Das Verhör begann nicht mit einer Beschuldigung, sondern mit einer Frage: "Wollen Sie mir sagen, welche Hypothese Sie sich über Ihre Verhaftung gebildet haben?" Die Aufgabe, die Anklage aufzubauen, schob der NKWD dem Beschuldigten selber zu. Wenn der Häftling nur Harmloses berichtete, wurden härtere Methoden angewendet. Doch blieb es auch jetzt noch dem Opfer überlassen, die rechte Linie für sein Geständnis zu finden.
Die Häftlinge in den Zellen wurden mit mehr oder weniger offenkundiger Duldung der untersuchenden Behörden zu Fachleuten. die den neu Eingelieferten halfen, sich passende und befriedigende Geständnisse auszudenken.
Bei den Verhören gab es verschiedene Tricks. Der Untersuchungsrichter war vielleicht sehr höflich und sprach eher bekümmert; doch plötzlich begann er zu schimpfen und den Beschuldigten obszön zu verfluchen.
Zu den häufigsten Vernehmungsmethoden gehörte das Verhör "am laufenden Band"; dazu kamen körperliche Mißhandlungen. Diese Art des Verhörs brach fast jeden Widerstand in vier bis sechs Tagen -- die meisten Häftlinge kapitulierten schon am zweiten Tag. Das kostete allerdings Zeit und Energie; deshalb wurde vom Sommer 1937 an das Schlagen zur Regel. Dabei blieb der Schein der Spontaneität gewahrt; Werkzeuge waren Fäuste, Stiefel und Tischbeine.
Mit solchen Methoden ließ sich fast jedes Geständnis erzwingen, So hatte ein hoher Funktionär der ukrainischen Holzindustrie schon Anfang der dreißiger Jahre gestanden, er habe zuwenig Holz geschlagen, um die Wälder den früheren Eigentümern zu erhalten. Er wurde zu zehn Jahren verurteilt, aber schon nach einem Jahr freigelassen und durfte seinen Posten wieder einnehmen. Als man ihn während der Großen Säuberung erneut verhaftete, mußte er gestehen, daß er zuviel Holz geschlagen habe, um die Wälder zu vernichten.
Ein Arbeiter aus Kiew gestand, daß er versucht habe, eine kilometerlange Brücke über den Dnjepr mit einigen Kilogramm Arsen zu sprengen. Wegen des regnerischen Wetters habe er es jedoch aufgegeben,
Bei den großen Prozessen bemühten sich die Untersuchungsrichter, unter den Häftlingen ihres Gefängnisses geeignete Angeklagte zu finden. Der Physiker Dr. Weißberg berichtet, daß der Vernehmungsbeamte nach dem Tuchatschewski-Fall versuchte, ihn in Verbindung zur Reichswehr zu bringen, während ein höhergestellter Untersuchungsrichter Weißberg gern als Zeugen im Bucharin-Prozeß herausgestellt hätte, wozu er sich auch besser eignete, da er Bucharin immerhin einmal begegnet war.
In der Ukraine hatten 50 Studenten gestanden, sie hätten eine Organisation gebildet, um Kossior zu ermorden. Die Untersuchungsrichter arbeiteten ein Jahr lang an diesem Fall, der schließlich recht verwickelt wurde.
Nachdem Kossior selbst als Trotzkist verhaftet worden war, glaubten die Studenten, sie würden freigelassen. Statt dessen mußten sie neue Verhöre und neue Foltern über sich ergehen lassen, weil man ihnen vorwarf, sie hätten die Untersuchungsbehörden belogen. Nach einigen Tagen erfuhren sie durch Lockspitzel in den Zellen, sie sollten in ihren schriftlichen Geständnissen den Namen Kossior durch den Kaganowitschs ersetzen. Der NKWD wollte nicht ein völlig neues Lügengebäude aufbauen. Als die Studenten nachgaben, hörten Verhör und Folter auf, sie wurden in ein Arbeitslager geschickt.
Die Forderung, andere zu denunzieren, wurde für die Inhaftierten zu einer Gewissensfrage. Ein armenischer Priester mit gutem Gedächtnis half sich dadurch, daß er alle Leute denunzierte, die er in den letzten drei Jahren beerdigt hatte. Ein gerade eingelieferter Häftling erhielt gelegentlich von seinen Zellengefährten eine Namensliste Verstorbener, die noch kein anderer im Verhör genannt hatte. Die Denunzierung von bereits Verhafteten und Verurteilten galt unter den Gefangenen nicht als unehrenhaft.
Aber durch derartige Tricks ließen sich die Untersuchungsrichter nur selten täuschen. Viele Häftlinge gaben schließlich so weit nach, daß sie Bekannte angaben, deren Namen ihnen im Verhör bereits als verdächtig genannt wurden -- verdächtig allerdings nur, weil sie mit ihnen bekannt waren.
Nach der Vernehmung überwies die Untersuchungsbehörde alle wichtigen Verfahren an das Militärkollegium des Obersten Gerichtshofs, das seit 1934 für politische Strafsachen zuständig war. Das Kollegium war stark besetzt und konnte zahlreiche Anklagen gleichzeitig bearbeiten, zumal die Richter selbst wichtige Fälle in wenigen Minuten entschieden.
Die Schriftstellerin Jewgenija Ginsburg beschreibt ihren sieben Minuten währenden Prozeß vor diesem Kollegium im Jahre 1937: Das Gericht kehrte nach einer Beratungsdauer von zwei Minuten zurück und brachte ein Urteil mit, bei dem das Tippen allein schätzungsweise 20 Minuten gedauert haben muß. So verhandelte das Kollegium während der Terrorjahre über Zehntausende von Angeklagten.
Doch nur ein sehr kleiner Teil der Fälle kam überhaupt vor ein Gericht, denn Zwangsarbeit konnte auch von einem NKWD-Sonderausschuß verhängt werden. Der Ausschuß bestand aus vier NKWD-Beamten und einem Vertreter des Generalstaatsanwalts. Das Gremium konnte täglich Hunderte von Urteilen aussprechen, vielfach auch in Abwesenheit der Angeklagten.
Der Anteil der Todesurteile wird auf nicht mehr als zehn Prozent geschätzt. Doch sind, wie 1961 auf dem 22. Parteitag der KPdSU mitgeteilt wurde, "viele ohne Prozeß oder Voruntersuchung getötet" worden.
Hinrichtungen wurden gewöhnlich im Keller vollzogen. Der Delinquent mußte seine Oberkleidung abgeben und betrat die Todeszelle in weißer Unterwäsche. Hinrichtungsmethode: der Genickschuß. Ein Arzt unterschrieb den Totenschein -- es war das letzte Dokument, das in die jeweilige Akte geheftet wurde.
Wer das Glück hatte, dem Hinrichtungskeller zu entgehen, wurde in ein "Erziehungs und Arbeitslager" geschickt. Schon die Fahrt in eines der Lager im hohen Norden oder im Fernen Osten konnte überaus beschwerlich sein und dauerte mitunter monatelang, vor allem wenn sie in das riesige Lagergebiet von Kolyma am Ochotskischen Meer führte.
Die Häftlinge wurden mit der Bahn bis nach Wladiwostok und anschließend mit dem Schiff mach Magadan transportiert. Die Reise war oft qualvoller als der spätere Aufenthalt im Lager. Die Güterwagen fuhren im Winter praktisch ungeheizt; im Sommer waren sie unerträglich heiß. Die Essensrationen blieben unzureichend, Trinkwasser wurde oft überhaupt nicht zugeteilt. Auf den Schiffen ging es den Häftlingen noch schlechter.
In den Laderäumen, in denen Hunderte von Gefangenen zusammengepfercht waren, herrschten die "Urkas", die Kriminellen. General Gorbatow erzählt, zwei Urkas hätten ihm die Stiefel gestohlen -- ein besonders Übler Streich, denn im arktischen Gebiet waren Häftlinge ohne Stiefel verloren. Nach anderen Berichten vergewaltigten die Kriminellen weibliche Häftlinge oder plünderten die Lebensmittelvorräte.
In den Lagern war die Überfüllung unvorstellbar, die Arbeit mörderisch und die Verpflegung kläglich. Die Sterbequote kletterte erschreckend hoch. Sie wird für das Jahr 1938 auf 20 Prozent geschätzt. 1940 waren die 1936 eingelieferten Häftlinge nahezu alle tot.
Eine Frau, die in einem Lager-Lazarett arbeitete, erinnert sich, daß die 1937 und 1938 verurteilten Häftlinge das Lazarett in den Jahren 1939 und 1940 füllten, daß aber 1941 nur noch wenige von ihnen lebten. Nach einer sorgfältigen Studie sind in den Lagern zwischen 1936 und 1939 insgesamt 2,8 Millionen und zwischen 1939 und 1941 etwa 1,8 Millionen Menschen umgekommen.
Jedenfalls überlebten nur wenige der Menschen, die in die Lager deportiert wurden. Das Strafmaß im Urteil hatte ohnehin wenig zu bedeuten.
Wenn ein Häftling seine Zeit abgesessen hatte, wurde er gewöhnlich vor einen Offizier der Sonderabteilung gerufen, der ihm noch einige weitere Jahre zudiktierte; es kam allerdings auch vor, daß solche Häftlinge nach Moskau oder anderswohin ins Gefängnis zurückgeschickt wurden, wo sie abermals einem Verhör unterzogen und wegen angeblich neuer Verbrechen verurteilt wurden.
Selbst als der Terror im Herbst 1938 deutlich zurückging, half das den Lagerinsassen wenig. Der Zustrom an Gefangenen wurde zwar geringer, aber nur eine sehr kleine Anzahl hatte das Glück, rehabilitiert und entlassen zu werden.
Die Frage, warum Stalin den Massenterror in diesem Stadium einstellte, hat vielen Kommentatoren Rätsel aufgegeben. Die Antwort ist verhältnismäßig einfach: Die äußersten Grenzen waren erreicht. Noch weiter zu gehen wäre unmöglich gewesen.
Bereits im Sommer 1937 erklärte ein Beobachter über "das riesige Ausmaß des Unternehmens": "Alle Dienststellen waren unmenschlich überarbeitet. Die Leute konnten sich nicht mehr auf den Füßen halten; Transportmittel reichten nicht aus; die Zellen waren zum Bersten überfüllt; die Gerichte tagten 24 Stunden am Tag."
Ein im November 1938 verhafteter NKWD-Funktionär berichtete, dem NKWD sei bereits seit einem halben Jahr klar gewesen, daß die Säuberung in ihrer gegenwärtigen Form nicht fortgesetzt werden könne. Inzwischen besaß der NKWD Akten, aus denen hervorging, daß nahezu jeder leitende Funktionär Spion sei.
Nahezu die Hälfte der städtischen Bevölkerung stand auf den Listen des NKWD. Alle konnte die Geheimpolizei nicht verhaften; und es gab keinen vernünftigen Grund, warum man die einen festnehmen und die anderen verschonen sollte.
Nicht weniger als fünf Prozent der Bevölkerung waren verhaftet, als Jeschow Ende 1938 stürzte. Durchschnittlich jede zweite Familie im Land hatte einen Angehörigen im Kerker. Unter den Gebildeten war der Prozentsatz noch höher.
Die Menschenverluste waren enorm. Von den mindestens sieben Millionen Verhafteten wurde schätzungsweise eine Million erschossen. In den Arbeitslagern starben 1937 und 1938 annähernd zwei Millionen Menschen.
Zudem waren die negativen Folgen für die Wirtschaft unübersehbar. Zuerst wurde ein großer Teil der erfahrenen Industrieführer, von Pjatakow abwärts, beseitigt, nun füllten sich die Lager auch mit Industriearbeitern, an denen es ohnehin mangelte.
Überhaupt ist das Argument, der Terror habe die Industrialisierung beschleunigen sollen, nicht überzeugend. Die wesentlichen wirtschaftlichen Fortschritte des Stalin-Regimes waren schon erreicht, bevor die eigentliche Säuberung begann. Überdies stand das Ausmaß des Terrors und die Zahl der Toten in einem völligen Mißverhältnis zu jedem erreichbaren politischen oder wirtschaftlichen Zweck.
Die Große Säuberung hatte denn auch keine wirtschaftlichen Gründe, sie diente vielmehr ausschließlich der Aufrechterhaltung der Despotie. Und dieses Ziel war 1938 erreicht. Rußland war zum Schweigen gebracht und gebrochen worden. Die Bevölkerung hatte sich an Gehorsam, Furcht und Unterwerfung gewöhnt.
Der alles umfassende Massenterror aber war nicht mehr nötig. Den Motor hatte Josef Stalin in Gang gesetzt -- er konnte nun ohne außergewöhnliche Anstrengungen in Bewegung gehalten werden.
Von Robert Conquest

DER SPIEGEL 8/1971
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