03.01.1972

FERNSEHFILMEBeifall der Nation

Mit dem „Seewolf“, einem vierteiligen Fernsehfilm nach Jack London, gelang dem ZDF ein Unterhaltungserfolg.
In Briefen und Telephonanrufen verlangten Hunderte von Fernsehzuschauern Antwort vom ZDF: Wurde die Dampffähre "Martinez" bei den Dreharbeiten tatsächlich versenkt? Ertranken die Pferde beim Schiffsuntergang? Kamen bei den brutalen Schlägereien Menschen zu Schaden? Hat Kapitän Larsen wirklich mit der Hand eine rohe Kartoffel zerdrückt?
Die Anfragen wurden von einem vierteiligen Fernsehfilm ausgelöst, den das ZDF -- nach dem müden ARD-Durbridge "Das Messer" -- an vier Sonntagen im Dezember ausgestrahlt hat: An deutschen Stamm- und Gabentischen war "Der Seewolf"" nach dem gleichnamigen Roman und einigen Erzählungen von Jack London gedreht. ein Haupt-Gesprächsthema der Advents- und Weihnachtszeit.
Bereits nach der ersten Folge am 5. Dezember erbaten so viele Fernseher beim Sender Zusatzinformationen ("Nein, das Schiff hing an einem Kran." -- "Nein, die Pferde schwammen an Land"). daß die Redaktion den Hauptdarsteller Raimund Harmstorf im ZDF-"Sport-Studio" noch einmal den Kartoffeltrick und seinen berühmten K.o.-Schlag demonstrieren lassen mußte.
Übereinstimmend lobten die Fernsehkritiker: Der Jack-London-Vierteiler war -- trotz einiger Längen -- "eine der vorzüglichsten Unterhaltungssendungen und besten Literaturverfilmungen nicht nur des Jahres 1971" ("Süddeutsche Zeitung"); er war "unterhaltender, spannender und schließlich erfahrungsreicher als das frustrierende Scheinfeuerwerk um Durbridge & Co" ("Frankfurter Rundschau").
Fünf Monate lang hatte der Regisseur Wolfgang Staudte die Abenteuergeschichte von der Todfeindschaft zwischen einem Schriftsteller (Edward Meeks) und dem bärenstarken, amoralischen Kapitän des Robbenfängers "Ghost" (Raimund Harmstorf) in Rumänien, Schweden und Guadelaupe mit Detailgenauigkeit inszeniert. In der deutsch-französisch-rumänischen Koproduktion -- Kosten: mehr als fünf Millionen Mark -- traten ausschließlich Schauspieler auf, die vom deutschen Fernsehen noch nicht verschlissen sind.
Das Wichtigste jedoch: Der Produzent und Drehbuchautor Walter Ulbrich hielt sich bei der TV-Bearbeitung weitgehend an den Text von Jack London. Ulbrich: "Ich bemühe mich, den Originalautor so oft wie möglich zu Wort kommen zu lassen; ich teile im Kommentartext auch die Gedanken der handelnden Personen mit." Dieser zunächst altmodisch erscheinenden, im Fernsehen nur selten verwandten Hörspiel- und Schulfunk-Erzähltechnik verdankt der "Seewolf" einen Gutteil seiner Wirksamkeit.
Ulbrich, 61, der schon vor 1945 für die Ufa Drehbücher ("Unter den Brücken") verfaßt hatte, erkannte früh, "daß Fernsehspiele steril sind, wenn man sie immer nur in den vier Wänden dreht". Aber kaum ein Sender hatte für Freiluft-Inszenierungen großer Abenteuerromane der Weltliteratur genügend Geld.
Deshalb schlug Ulbrich, Eigentümer der Produktionsfirmen "Deropa" und "Tele München", 1962 dem eben gegründeten ZDF Koproduktionen mit dem Ausland vor und verfilmte seither --im Auftrag des ZDF und der französischen ORTF -- je vierteilig "Robinson Crusoe" und "Don Quijote", Stevensons "Schatzinsel", Mark Twains "Tom Sawyer" und Coopers "Lederstrumpf".
Erst der "Seewolf" freilich brachte ihm den Beifall der Fernseh-Nation. Denn dieser Stoff, sagt der ZDF-Redakteur Alfred Nathan, "ist ein Glücksfall: Er verbindet eine reißerische Handlung mit philosophischem Tiefgang und ist gleichermaßen für Jugendliche und Erwachsene interessant".
Ursprünglich wollte das Zweite Deutsche Fernsehen dem TV-Volk dieses Glück schon zu Weihnachten 1970 bescheren. Doch eine Hochwasserkatastrophe in Rumänien verzögerte den Drehbeginn. Und auch während der Produktion gab es Schwierigkeiten: Ein Film-Schiff mit amerikanischer Flagge geriet im Donau-Delta in russische Hoheitsgewässer und wurde von den Sowjetbehörden für eine Woche konfisziert; in den Karpaten mußte die Arbeit wegen eines Manövers unterbrochen werden; Verständigungsprobleme des internationalen Teams und die Seekrankheit zogen die Aufnahmen in die Länge.
Nun aber, nachdem die ersten bundesdeutschen Einschalt- und Beurteilungs-Ergebnisse vorliegen, sind alle Koproduzenten zufrieden. Denn schon die erste Folge, der nur 24 Prozent der Fernseher zusahen (im ARD-Programm spielte gleichzeitig das Ohnsorg-Theater), wurde vom Publikum mit "plus fünf" bewertet. Bei der zweiten "Seewolf"-Sendung hatten bereits 47 Prozent der TV-Abonnenten auf den zweiten Kanal geschaltet. Die (bislang nicht ausgewerteten) Befragungsergebnisse der beiden Schlußteile dürften noch wesentlich günstiger ausfallen.
Von dieser Resonanz ermutigt, wollen die Rumänen nun diese 13. Filmversion des Jack-London-Romans in die Ostblock-Kinos bringen; die Franzosen erhoffen sich die gleiche Publikumsresonanz wie in der Bundesrepublik; das ZDF genehmigte Ulbrich zwei weitere vierteilige Projekte: 1972 soll der Münchner Serienlieferant, der auch mit Vorprogramm-Reihen ("Quentin Durward", "Abenteuer im Regenbogenland") beim ZDF reüssiert, den Cagliostro-Roman "Josef Balsamo" von Alexandre Dumas und die Jules-Verne-Robinsonade "Zwei Jahre Ferien" verfilmen.
"Der Jules Verne". sagt Redakteur Nathan, "ist für 1972 oder 73 mit Sicherheit ein geeignetes Adventsprogramm."

DER SPIEGEL 1/1972
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