05.12.2005

SKI ALPIN„Bin ich wahnsinnig?“

Olympiasieger und Ex-Weltmeister Stephan Eberharter, 36, über Einsichten nach dem Karriereende und den „Glücksfall“ Bode Miller, das Verdrängen der Gefahr und die Last, den österreichischen Helden zu geben
SPIEGEL: Herr Eberharter, in zwei Monaten beginnen in Turin die Olympischen Winterspiele. Mit drei Medaillen, unter anderem Gold im Riesenslalom, waren Sie der große Gewinner der Spiele 2002 in Salt Lake City. Haben Sie sich schon einen Nachfolger ausgeguckt?
Eberharter: Einiges spricht für den Amerikaner Bode Miller. Wenn er sich die Leichtigkeit des vorigen Winters bewahrt, wird er nur schwer zu schlagen sein.
SPIEGEL: Der amtierende Weltcupsieger verblüfft seit Jahren mit einem eher unorthodoxen Fahrstil.
Eberharter: Man denkt bei ihm immer: Das kann nicht gut gehen. Aber das gehört zu seiner Einzigartigkeit. Er macht auf der Piste Sachen, die andere Rennläufer nicht mal denken. Er ist immer bereit, an die Grenze zu gehen.
SPIEGEL: Woher rührt Millers Stärke?
Eberharter: Bode ist ein Ausnahmekönner. Er besitzt ein irres Körpergefühl, spielt hervorragend Fußball, Eishockey, Golf, er kann sogar gut kegeln. So ein Bewegungstalent kann man sich nicht antrainieren, das hat man.
SPIEGEL: Ist er für die sieggewohnte Skination Österreich eine Bedrohung?
Eberharter: Er ist ein Glücksfall für den Skisport. Jeder, der Österreich die Stirn bietet, ist ein Glücksfall.
SPIEGEL: Oha, jetzt wird man Sie in Ihrer Heimat als Verräter beschimpfen.
Eberharter: Wir haben den besten Verband, die beste Struktur, die beste Förderung, es ist schwer, uns abzuhängen. Aber: Wenn immer nur Österreich gewinnt, wird es gefährlich langweilig.
SPIEGEL: Es sei denn, zwei unterschiedliche Typen wie Sie und Hermann Maier treffen aufeinander. Ihre Rivalität mit dem Austria-Skihelden schlechthin war allerbeste Unterhaltung.
Eberharter: Hat das Thema etwa auch die Deutschen interessiert?
SPIEGEL: Natürlich.
Eberharter: Dann haben wir ja einen guten Job gemacht.
SPIEGEL: Im Duell mit dem "Herminator" galten Sie über Jahre als der ewige Zweite.
Eberharter: Hermann war lange der Bessere. Das war nie mein Problem. Ich kann die Stärken anderer anerkennen. Aber ich kam mit seiner Art nicht so zurecht.
SPIEGEL: Was störte Sie an ihm?
Eberharter: Ich weiß noch, wie wir uns oft beim Essen gegenübersaßen und kein Wort miteinander redeten. Ich glaube, Maier lebte irgendwann in einer eigenen Welt. Wegen seiner Erfolge, seines Ruhms war er nicht mehr in der Lage, seine Umwelt zu betrachten, er nahm nur noch sich selbst wahr. Wenn er mal Dritter wurde, dann konnte er nicht sagen: Gut, die anderen waren heute besser. Nein, er sagte: Ich war heute nicht in Form.
SPIEGEL: Sie sprechen in der Vergangenheitsform - heißt das, Maier hat sich geändert?
Eberharter: Seit seinem schlimmen Motorradunfall ist er anders. Ich glaube, er hat gemerkt, dass er auch nur ein Mensch ist. Er ist heute nicht mehr so verbissen. Er hat gelernt, dass es ein Geschenk ist, wenn man so ein guter Skifahrer ist wie er, und dass es ihm nicht schadet, Kollegen zu respektieren. Er gefällt mir heute besser als früher.
SPIEGEL: Muss man ein Egoist sein, um so hoch zu kommen wie Sie oder Maier?
Eberharter: Skirennläufer sind Einzelkämpfer. Natürlich muss man nur auf sich schauen. Aber man muss den Kollegen nicht gleich als Feind betrachten. Vor der WM-Abfahrt 2003 in St. Moritz habe ich auch mit Daron Rahlves und Bode Miller über die Ideallinie geredet - obwohl wir alle um den Titel stritten.
SPIEGEL: Schon wieder ein Fall von Landesverrat.
Eberharter: Ich habe mir nie die Last auferlegt, für meine Heimat siegen zu müssen. Das war mir im Prinzip immer wurscht.
SPIEGEL: Skiprofis gelten in Österreich als Nationalhelden. Wie konnten Sie sich von dem Erwartungsdruck befreien?
Eberharter: Der österreichischen Seele ist es herzlich egal, wer am Ende gewinnt. Ob ein Maier, Strobl oder Eberharter Gold holt - Hauptsache, es gibt einen österreichischen Sieger.
SPIEGEL: Im Gegensatz zu Hermann Maier dauerte es bei Ihnen länger, bis die Fans Sie akzeptierten. Die Medien beschrieben Sie als sperrigen Typen, der wenig von sich preisgibt.
Eberharter: Wenn man in Österreich Rennläufer ist, dann gehört dazu, dass jeder alles über dich weiß. Ich wollte mir immer ein bisschen Privatsphäre bewahren. Zum Beispiel wer gerade meine Freundin ist. Es gab Leute, die mir das übel genommen haben, aber anders hätte ich nicht so lange dabei sein können.
SPIEGEL: Inwiefern gehört mediale Inszenierung heute zum Geschäft?
Eberharter: Der Weltcup ist eine Plattform, die man nutzen kann. Jeder tut das auf seine Weise. Aber manchmal finde ich das einfach unpassend. Unser Rainer Schönfelder beispielsweise macht es falsch. Das Kasperltheater, das der aufführt, kann keiner mehr sehen. Diese flippigen Klamotten, das wirkt alles aufgesetzt, als hätte ihm ein Manager geraten: Mach das, dann fällst du auf.
SPIEGEL: Hermann Maier brachte es mit der Vermarktung seines Naturburschen-Images immerhin zum globalen Star und saß an der Seite von Landsmann Arnold Schwarzenegger in der US-Talkshow von Jay Leno.
Eberharter: Ich bezweifle, dass es im Skisport globale Stars, vergleichbar mit Michael Schumacher oder Tiger Woods, überhaupt gibt. Wo kommen denn Hermann Maiers Sponsoren her? Aus Österreich.
SPIEGEL: Fehlt dem Skirennsport der internationale Markt?
Eberharter: So ist es. Amerika wäre eigentlich der Markt Nummer eins. Bode Miller müsste wegen seiner Erfolge in den USA ein Held sein. Aber kaum jemand kennt ihn dort, weil Skilauf nur als Breitensport wahrgenommen wird und Weltcup-Rennen wie in Lake Louise oder Beaver Creek nicht mal live übertragen werden.
SPIEGEL: Am Spektakel kann es nicht liegen: Dank der Materialverbesserungen werden immer höhere Geschwindigkeiten erzielt. Heute erreichen Abfahrer Spitzengeschwindigkeiten von bis zu 155 Stundenkilometern. Wann ist die Grenze erreicht?
Eberharter: Die Grenze ist der Mensch. Seit Mitte der Neunziger wird nur noch auf
Kunstschneepisten gefahren, auf denen ein normaler Skiläufer nicht einen einzigen Schwung ziehen könnte, weil sie so hart sind. Seither steigt die Zahl der Bänderverletzungen. Man kann zwar mit einer gewaltigen Oberschenkelmuskulatur die Kräfte halten, die bei einer Fahrt durch eine total vereiste Kurve entstehen - aber dann reißen eben die Bänder.
SPIEGEL: Muss man, wie bei der Formel 1, das Tempo drosseln?
Eberharter: Es wird ja gebremst, indem bei Abfahrtsläufen langsamere Linien gesetzt werden. Führe man heute in Kitzbühel so direkt auf die Mausefalle zu wie ein Franz Klammer 1975, würde man an die hundert Meter weit fliegen.
SPIEGEL: Sind Rennläufer Grenzgänger?
Eberharter: Wer ganz oben mitspielen will, muss auch mal was riskieren. Man kann eine Kurve einen Meter enger fahren und damit Zeit gewinnen, oder man lässt eine Zehntelsekunde liegen, kommt dafür aber sicher durch. Das ist die Entscheidung, die jeder für sich zu treffen hat. Sie trennt Sieger von Verlierern.
SPIEGEL: Denken Siegertypen auch mal an die Gefahr?
Eberharter: Sie dürfen es nicht. Als 2001 Silvano Beltrametti in Val d'Isère stürzte und das Rennen für 70 Minuten unterbrochen war, musste jedem klar sein: Er ist lebensgefährlich verletzt. Man weiß aber auch: Die brechen das Rennen nicht ab. Du bist am Start, du musst runter. Also schiebt man den Gedanken an den Unfall beiseite.
SPIEGEL: Wie?
Eberharter: Indem man sich einredet: Der Beltrametti hat einen Fehler gemacht. Deshalb ist er gestürzt. Ich aber mache keinen
Fehler. Ich fahre einfach runter, ohne Probleme, weil ich das kann.
SPIEGEL: Beltrametti ist seither querschnittsgelähmt, und Sie haben das Rennen damals gewonnen.
Eberharter: Danach hab ich mich gefragt: Bin ich wahnsinnig? Einer stirbt fast, und ich fahre runter, als sei nichts gewesen. Wie sollen die Leute da draußen glauben, dass Rennläufer normale Menschen sind? Die denken doch alle, wir sind gefühlskalt.
SPIEGEL: Und? Stimmt das?
Eberharter: Nein. Als mein Mannschaftskollege Gernot Reinstadler 1991 in Wengen tödlich verunglückte, war das für mich ein Schock. Ich war noch ein junger Rennläufer, wir hatten unsere WM-Vorbereitung in Saalbach-Hinterglemm, und ich wusste nicht, wie es um Gernot stand. Damals war gerade Krieg am Golf. Ich wollte beim Frühstück wissen, was es Neues aus dem Irak gibt. Da sagte mein Trainer: "Ist doch egal heute, der Gernot ist tot." In den nächsten Tagen bekam ich bei jeder Trainingsfahrt das Flattern, ich sah ständig Fangnetze auf mich zukommen.
SPIEGEL: Wie lernt man, die Angst zu beherrschen?
Eberharter: Es dauert Jahre. Man beginnt schon als Kind, Selbstbewusstsein aufzubauen, als junger Rennläufer tastet man sich dann langsam an die Extremsituationen heran - bis man das totale Vertrauen in das eigene Können hat. Jeder muss diesen Prozess durchlaufen. Auch ich hatte vor meiner ersten Trainingsfahrt in Kitzbühel noch ein Gefühl von Todesangst ...
SPIEGEL: ... und 13 Jahre danach machten Sie auf der "Streif" das Rennen Ihres Lebens. Nach dem Sieg 2004 hieß es, Sie seien kontrolliert über dem Limit gefahren.
Eberharter: Das stimmt. Vor dem Rennen war ich so voll gepumpt mit Adrenalin, dass ich dreimal innerhalb von 15 Minuten auf die Toilette musste. Am Start fühlte ich mich aufgeladen wie eine Atombombe. Als ich auf die Hausbergkante zuraste, wusste ich schon, dass bis dahin alles super lief. Trotzdem entschloss ich mich, an dieser Schlüsselstelle kurz vor dem Ziel eine radikalere Linie zu fahren. Es war ein Risiko, ich hätte die Kontrolle verlieren können, aber ich wollte Kitzbühel unbedingt noch mal gewinnen.
SPIEGEL: Ein Selbstbeweis zum Karriereende?
Eberharter: Ich wollte etwas zurücklassen, an das sich die Leute erinnern.
SPIEGEL: Ist Ihnen der Abschied vom Weltcup schwer gefallen?
Eberharter: Überhaupt nicht. Es fiel mir schon im Laufe der gesamten Saison 2003/2004 schwer, dem Rennsport jene Bedeutung beizumessen, die notwendig ist, um vorn dabei zu sein. Es war eine Quälerei, vor allem im Training. Wie weit ich weg war vom Rennzirkus, merkte ich nach dem letzten Rennen. Ich bekam die Kristallkugel für den Abfahrtsweltcup, aber es bedeutete mir nichts. Das Einzige, was mich froh machte, war das Gefühl: Es ist vorbei. Endlich.
SPIEGEL: Wie sehen Sie jetzt als Beobachter von außen die Zukunft des alpinen Skisports?
Eberharter: Wir brauchen mehr Helden. Und zwar nicht nur aus Österreich und den USA, sondern auch aus Deutschland, Italien, Frankreich, der Schweiz. Deshalb muss der Weltverband reagieren. Er muss Länder bei der Talentförderung unterstützen, die nicht so viel Geld haben.
SPIEGEL: Verliert der alpine Skisport seinen Rang als Nummer eins im Winter?
Eberharter: Sind wir noch die Nummer eins? Ich glaube nicht. Der alpine Skilauf ist stark unter Druck. Vorige Saison war ich Co-Kommentator beim deutschen Fernsehen, da haben die nach einer Übertragung noch vor dem Interview mit dem Sieger zum Biathlon umgeschaltet. Das sagt doch alles über den aktuellen Stellenwert unseres Sports.
SPIEGEL: Haben Sie deshalb den Job beim ZDF wieder niedergelegt, weil man sich dort nicht so sehr für die Alpinen interessiert?
Eberharter: Entscheidender war, dass ich mal einer der besten Skifahrer der Welt gewesen bin. Wenn ich jetzt mit einer Handkamera die Abfahrten runterfahren müsste, um dem Fernsehpublikum zu erklären, wo die kritischen Passagen sind, käme ich mir seltsam vor. Ich glaube, ich brauche noch Abstand.
INTERVIEW: GERHARD PFEIL
Stephan Eberharter
gewann 29 Weltcup-Rennen, darunter bei allen Abfahrtsklassikern. Seine Karriere begann mit einem Frühstart, als er 21-jährig bei der WM 1991 überraschend zwei Goldmedaillen holte. Zurückgeworfen von Verletzungen, verlor der Zillertaler zunächst den Anschluss, stand dann lange im Schatten seines Landsmannes Hermann Maier. Zum Star avancierte Eberharter erst 2002 mit dem Olympiasieg im Riesenslalom und dem Weltcup-Gesamtsieg. Nach WM-Gold 2003 im Super-G und der Verteidigung des Weltcups trat der Tiroler 2004 zurück.
* Bei einer Werbeaktion im österreichischen Velden im Juni 2004.
Von Gerhard Pfeil

DER SPIEGEL 49/2005
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