05.04.1971

STUDENTEN / VDS/SHBZu wenig Gesinnung

Kommunisten und Sozialdemokraten kämpfen Schulter an Schulter", verkündeten Genossen vom Verband Deutscher Studentenschaften (VDS) im Dezember auf einem Bildungskongreß zu Bonn.
Einen Monat zuvor hatte sich in Koblenz der Sozialdemokratische Hochschulbund (SHB) zur Zusammenarbeit mit Kommunisten bekannt, wenn "gemeinsame Interessen und Auffassungen" bestehen.
Gemeinsames zwischen sozialdemokratischen und kommunistischen Kommilitonen wurde schon vor einem halben Jahr publik. Damals -- im November 1970 -- wurden drei SHB-Mitglieder und ein Genosse vom DKP-nahen "Spartakus" in den Vorstand des studentischen Dachverbandes VDS gewählt. Inzwischen bilden SHB und "Spartakus" auch Koalitionen in den Allgemeinen Studentenausschüssen (AStA) von zehn westdeutschen Hochschulen, beispielsweise in Hamburg, Bochum und Bonn, aber auch im sonst eher konservativen Mainz.
Für den SHB-Vorsitzenden Kurt Wand, 26, gib es "an den Hochschulen kaum einen anderen Partner als den "Spartakus'. Mit den Rechten möchten. wir's nicht tun, und für die radikalen Linken, Marxisten-Leninisten, sind auch wir schon wieder zu rechts".
Die "sozialistische Volksfrontpolitik", wie Gerd Langguth, der Vorsitzende des Ringes Christlich-Demokratischer Studenten (RCDS), die Taktik der Linksverbände tituliert, hat den Frondeuren zwar Stimmengewinne an den Hochschulen, aber außerhalb der Alma mater nur Mißerfolg
* Am 19. März 1971.
gebracht. Der SHB kann künftig nicht mehr mit SPD-Geldern rechnen, und fraglich ist auch, ob für den Verband Deutscher Studentenschaften die Bonner Kassen so schnell wieder klingeln.
Am Montag letzter Woche befand der sozialdemokratische Partei vorstand, für eine weitere "Zusammenarbeit mit dem Bundeszentralrat des SHB" seien "gegenwärtig die Voraussetzungen nicht gegeben". Aus dem Koblenzer Kommunisten-Beschluß entnahmen die Partei-Oberen, daß sich der einst SPD-treue Studentenverband "noch weiter von der Politik der Sozialdemokratischen Partei entfernt hat".
Die Beziehungen zwischen studentischer Jugend und Mutterpartei waren von jeher spannungsreich. Vor zehn Jahren verstieß die SPD den marxistisch orientierten Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS), weil sie glaubte, er habe sich "als trojanischer Esel für Pankow einspannen lassen" (so der ehemalige SPD-Bundestagsabgeordnete Karl Mommer).
Danach betrachtete die Partei den vom SDS abgespaltenen SHB als akademisches Nachwuchsgehege, wenn auch mit Zweifel an der ideologischen Beständigkeit der neuen "Partei-Babys" (SDS-Jargon). Sicherheitshalber bekam der SHB nur die "widerrufliche Genehmigung", sich sozialdemokratisch zu nennen.
Um die Trennung zwischen SPD und aufmüpfigen Jungakademikern noch perfekter zu machen, wollte eine Gruppe im Bundesvorstand den Studenten denn jetzt auch den Gebrauch des Wortes "sozialdemokratisch" wieder verbieten. Die strengen Genossen wünschten zudem, daß die gleichzeitige Mitgliedschaft in Partei und Studentenverband für unvereinbar erklärt werde. Der Grund: Der SHB duldet in seinen Reihen auch Kommunisten.
Doch von Willy Brandt und Herbert Wehner gedrängt, einigten sich die SPD-Vorsteher schließlich auf einen Kompromiß: SHB-Mitglieder dürfen SPD-Genossen bleiben, aber Zuschüsse für den Verband (bislang monatlich rund 3000 Mark) bekommen sie nun nicht mehr, es sei denn, sie erweisen sich wieder als "sozialdemokratisch gesinnt".
Mit derlei Gesinnung tun sich die rund 5000 SHB-Studenten (knapp 2000 davon sind SPD-Mitglieder) freilich schon seit Jahren schwer. Auf Distanz zur Partei bedacht, kreideten sie dem SPD-Establishment den Entschluß zur Großen Koalition ebenso an wie Pläne für die Vorbeugehaft und die Zustimmung zu den Notstandsgesetzen.
Mit Attacken gegen den Parlamentarismus ("Verschleiernde Rolle des Parlaments") und gegen die sozialdemokratische Politik ("Rücksicht auf bürgerlich-reaktionäre Vorurteile") geriet die akademische Jeunesse der SPD alsbald in politische Tuchfühlung mit dem Verband Deutscher Studentenschaften, der sich im März 1969 -- noch unter SDS-Einfluß -- als "Sozialistischer Kampfverband" profilierte. Und als der radikale SDS den VDS auflösen wollte, da war es der Sozialdemokratische Hochschulbund, der die studentische Dachorganisation vor dem Zerfall bewahrte. Er stellte einen Notvorstand für den maroden Verband.
Dennoch war für den auf Revolution programmierten VDS schon vor zwei Jahren Kassenschluß in Bonn. Was die Regierung der Großen Koalition damals bewog, dem studentischen Dachverband keine Zuschüsse aus dem Bundesjugendplan mehr zu gewähren, formulierten nahezu deckungsgleich Referenten aus den Bonner Ministerien der sozialliberalen Koalition noch einmal in der vorletzten Woche. Auch nach der 23. Mitgliederversammlung des VDS Mitte März in Bonn stellten sie fest: "An der Identität der Ziele des Verbandes mit denen von SED und KPD besteht kein Zweifel." Zugleich aber mußten die Ministerialen bekennen, "schlüssiges Beweismaterial für umstürzlerische Zielsetzungen" hätten sie nicht.
in der Tat formulierten die VDS-Vertreter, jetzt in der Mehrheit SHB- und "Spartakus"-Genossen, ihre politischen Zielvorstellungen maßvoller als zuvor, denn seit der SDS seinen Einfluß auf den VDS wieder aufgeben mußte, bestimmt Distanz zum Anarchismus die studentischen Polit-Positionen.
Vor zwei Jahren hielten es die Genossen noch mit Mao ("Für alles Reaktionäre gilt, daß es nicht fällt, wenn man es nicht niederschlägt"); jetzt wollen sie sich mit "Veränderungen in der Gesamtgesellschaft" begnügen. Plädierten sie einst für ein "sozialistisches Studium, denn bürgerliche Wissenschaft ist Scheiße", genügt es ihnen nun, wenn neben den Bürgerlichen "endlich Marxisten an den Universitäten Marxismus lehren".
"Wildgewordene Idioten, die mit dem Gewehr in der Hand herumrennen, sind wir nicht", sagt der Pädagogik-Student Dirk Krüger, 30, VDS-Vorstandsmitglied und Genosse beim "Spartakus". Und gegen Rest-Gruppen des kaum noch aktiven SDS wie Maoisten und Marxisten-Leninisten setzt Krüger sich ab: "Man muß wissen was in dieser Gesellschaft durchsetzbar ist und was nicht."
Obwohl der linke Studentenverband seine Grundsatzkritik am Kapitalistischen System nicht aufgegeben hat, möchte er doch wieder mit Staatsgeldern wirtschaften. Das Geld aus der Regierungsschatulle (Krüger: "580 000 Mark möchten wir schon") würden die Genossen gern für Seminare und Flugblattaktionen verwenden -- gegen Bonner Regierungspläne.
Die geplante Reform von Schule und Hochschule dient nach VDS-Lehre allein den Unternehmern, denn deren Profit-Rate steige, wenn die Arbeitskräfte schneller und besser ausgebildet würden. So verstehen die Genossen ihre Hochschulpolitik denn auch als einen Kampf gegen die "Macht der Monopole". Dabei suchen sie Verbündete unter den Jungsozialisten, in der Pädagogen-Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft und bei der DKP-treuen Sozialistischen Deutschen Arbeiterjugend (SDAJ).
An den Hochschulen selbst geben SHB und "Spartakus" sich meist weniger radikal. In Marburg etwa stützt sich der im Februar gewählte Universitätspräsident Rudolf Zingel, 50, auf die Stimmen der beiden Linksverbände. Zingel, einst Hochschulkanzler und noch immer SPD-Stadtverordneter, bekennt: "Ohne die Repräsentanten der studentischen Mehrheit, und das sind heute nun mal Spartakus und SHB, kann man keine fundierte Hochschulreform betreiben."
Selbst unter den Hochschullehrern haben Spartakus- und SHB-Genossen in den letzten Semestern an Renommee gewonnen -- freilich nicht, weil sie weniger links, sondern weil sie weniger aktionistisch sind.
Viele Professoren, so gesteht der Kölner Soziologie-Professor Erwin K. Scheuch, heute Pressesprecher des eher konservativen "Bundes Freiheit der Wissenschaft", "schätzen sich glücklich, wenn sie statt der permanent aufgeregten und spinnerten Vertreter der ,neuen Linken' Vertreter des kommunistischen Spartakus zum Partner haben".

DER SPIEGEL 15/1971
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