05.04.1971

PAKISTAN / BÜRGERKRIEGKurzer Prozeß

Moralisch und militärisch" sei eine Unterwerfung von 72 Millionen Bengalen unvertretbar, protestierte der Gouverneur Ostpakistans bei der Zentralregierung in Westpakistan und trat zurück. Die Armee Westpakistans versuchte dennoch das Unvertretbare. wie es scheint, mit Erfolg.
Ohne Warnung umstellten Panzer des Westens sämtliche Studentenheime der Bengalenhauptstadt Dakka und feuerten. Infanteristen belegten Türen und Fenster mit MG-Garben. Wer von den 200 Studenten in der Iqbal Hall flüchten wollte, wurde niedergemäht. Wer in den Gebäuden Schutz suchte, verbrannte.
In den schmutzigen Bengalenstädten Sylhet, Jessore, Rangpur und Tschittagong legten Panzer ganze Stadtviertel nieder. Armee-Lastwagen karrten die Leichen zu schnell ausgehobenen Massengräbern, chinesische T 54- und amerikanische Weltkrieg-II-Panzer der pakistanischen Armee zerwalzten die Spuren. Vier Geschenk-Hubschrauber -- nach der Flutkatastrophe vom November 1970 aus den USA und Europa eingeflogen, um Bengalenleben zu retten -- vernichteten Bengalenleben. Starfighter und Migs der pakistanischen Luftwaffe bombardierten Städte. Kriegsschiffe beschossen die Häfen.
In einer Bartholomäus-Nacht räumten westpakistanische Soldaten auch gleich mit einer andersgläubigen Minderheit im Lande auf: Familienweise erschossen sie die Hindu-Bürger Ostpakistans, angebliche Agenten des feindlichen Indien.
Drei kurzerhand an die Wand gestellte englische Zivilisten konnte das britische Generalkonsulat gerade noch von dem Erschießungspeloton bewahren. "Wenn ich meine Landsleute umbringen kann", herrschte ein Captain andere ausländische Zeugen des Grauens an, "kann ich auch mit euch kurzen Prozeß machen."
Kurzen Prozeß macht seit Donnerstag vorletzter Woche Pakistans Berufsarmee, zu 93 Prozent aus dem westlichen Landesteil stammend, mit Pakistans volkreichster Provinz Bengalen, die durch 2000 Kilometer Indien von Westpakistan getrennt ist. 80 000 Elite-Soldaten der Zentralregierung in Islamabad verwüsten im feuchtheißen Gangesdelta einen der am dichtesten bevölkerten Landstriche der Welt. Die Zahl der Opfer ist -- nach indischen Angaben -- "astronomisch".
Eine totale Pressezensur soll verhindern, daß Pakistan und die Welt erfahren, wie man mit einem Aufstand Im eigenen Land fertig wird. Der Führer der bengalischen Rebellion, Scheich Mudschib-ur Rahman, der bereits zehn Jahre lang im Gefängnis saß, wurde verhaftet und wartet im Militärgefängnis von Lahore auf einen Hochverrats-Prozeß.
In Pakistans ersten freien und allgemeinen Wahlen hatten die Bengalen Ihren Mudschib ("Der Edle") im Dezember 1970 praktisch zum Premier Pakistans gewählt. Mit ihren 167 von 313 Sitzen im künftigen Parlament besaß die Awami-Liga des Scheichs die absolute Mehrheit im ganzen Land und -- wie die Bengalen meinten -- auch das Recht, eine Verfassung nach eigenen Wünschen zu beschließen.
Die fünf Provinzen Pakistans sollten völlig autonom werden. Nur Äußeres und Verteidigung sollten einer künftigen Zentralregierung vorbehalten bleiben -- unzumutbar für die Westpakistanis, die den Osten beherrscht und ausgebeutet hatten. Unzumutbar auch für den Ex-Außenminister Zulfikar All Bhutto, den Wahlsieger in Westpakistan. Durch einen Boykott verhinderte Bhutto die erste Sitzung. der verfassungsgebenden Nationalversammlung und verhandelte lediglich zum Schein mit Pakistans Präsident General Jahja Khan und dem Scheich über einen Vergleich.
Elf Tage lang verzögerte der Staatschef die Verhandlungen -- und gewann damit Zeit, um den für eine Strafexpedition benötigten Nachschub um Indien herum auf dem Seeweg nach Ostpakistan zu bringen.
Die bengalischen Regimenter der Armee wurden umzingelt, die wenigen bengalischen Offiziere in Urlaub geschickt. Der Mudschib hatte seine Landsleute zu passivem Widerstand aufgerufen. Als eine Volksmenge in Tschittagong das Entladen von Waffen aus den Schiffen verhindern wollte. gab der General-Präsident Jahja Khan Schießbefehl. Das Massaker begann -- aus dem passiven Widerstand wurde ein Bürgerkrieg.
Die Westkrieger vernichteten sofort die Polizeikaserne Radschabagh in Dakka. Sie entwaffneten Bengalenkrieger und erschossen Meuterer. Ihre automatischen Waffen räumten in den Städten unter den mit Speeren und veralteten Gewehren bewaffneten Widerständlern der ersten Stunde auf. Oft auch ermunterten die Berufssoldaten vor der Beschießung oder Sprengung eines Hauses die bengalischen Zivilisten zum Ergeben -- freilich in der West-Sprache Urdu, die in Bengalen nicht verstanden wird, was die Westpakistanis wiederum gern als Widerstand auslegten.
Aber auf dem von Flüssen und sumpfigen Reisfeldern durchzogenen Land gruben Bauern und Fischer Panzergräben in die wenigen gangbaren Straßen, umschlossen sie Nachschubbasen der Westler und isolierten die Besatzer in den Städten. Ihre wirksamste Waffe Ist die Politik der verbrannten Erde -- die Armee muß Nahrungsmittel beschlagnahmen, wo immer sie ihrer habhaft werden kann. Vorerst moralische Unterstützung erhalten die Bengalen von Westpakistans Erbfeind Indien. Die "Stimme Bengalens", der Geheimsender der verbotenen Awami-Liga, macht den Bengalen von indischem Gebiet Mut -- durch übertriebene Siegesmeldungen von einem südlich Kalkuttas verankerten Schiff.
Indische Freiwillige wollen dem Bengalenvolk helfen. Ministerpräsidentin Indira Gandhi vor dem Unterhaus: "Das bengalische Volk kämpft für Ideale, die auch uns wertvoll sind".

DER SPIEGEL 15/1971
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