05.04.1971

NAHER OSTEN / ISRAEL-BOYKOTTVöllig überflüssig

Am Strand von Israels Hafenstadt Tel Aviv steht ein Hilton-Hotel, ein zweites baut der amerikanische Gastronomie-Konzern in Jerusalem. Auch der Erzfeind Ägypten hat ein Hilton -- am Platz der Befreiung in Kairo.
Die Sheraton Corporation errichtete ein Hotel in Tel Aviv, Sheratons stehen aber auch neben der Sowjet-Botschaft in Kairo sowie in Kuwait.
Großbritanniens Leyland.-Autofabrik betreibt in Israel zwei Montagewerke. An die Armeen Ägyptens, Jordaniens und des Libanon liefert Leyland Land-Hoyer. Selbst die palästinensischen Untergrundkämpfer fahren auf Land-Hoyer gegen den Feind Israel.
Wellkonzerne wie IBM, Xerox, Chase Manhattan Bank und 20th Century Fox machen ihre Geschäfte mit Israelischen wie arabischen Partnern. Vergnügungsdampfer laufen auf Mittelmeer-Kreuzfahrten Alexandria und Haifa an.
Die amerikanische General Tire and Rubber Co. produziert Autoreifen gleichzeitig in Israel und in Marokko. 1969 kauften die libyschen Revolutionäre etwa 100 mit französischen Snecma-Triebwerken ausgerüstete Mirages -- trotz eines panarabischen Boykotts gegen Snecma. Erst Ende vorigen Jahres wurde der Bann aufgehoben.
Frankreichs Touristik- Unternehmen Club Méditerranee baute Feriendörfer in Israel und in arabischen Ländern. Für die kommende Saison kann der Club ein besonders delikates Arrangement anbieten -- je eine Woche in Israel und in Ägypten.
Alle diese Firmen haben eines gemeinsam: Sie verstoßen gegen die Boykott-Vorschriften der arabischen Liga. Nach dem letzten Stand der Listen fallen 8700 Firmen und Organisationen aus 64 Ländern unter den Boykott der Araber, weil sie mit Israel handeln.
Obwohl der Boykott den Israelis bisher kaum geschadet hat, nannte Ministerpräsident Golda Meir jetzt die Einstellung des Embargos als eine der Bedingungen für einen Friedensschluß mit den Arabern.
Der weltweite Wirtschaftskrieg konnte nur wenige Unternehmen davon abhalten, mit Israel zu handeln. Aber noch während der 30. Boykottkonferenz im Dezember 1970 pries ein Sprecher den Handeiskrieg als "die schärfste Waffe der Araber im Kampf gegen Israel.
Die Waffe ist stumpf geblieben, seit sie der Hitler-Anhänger und Großmufti von Jerusalem, Hadsch Mohammed Amin el-Husseini, erfunden hat. "Kauft keine jüdischen Waren", forderte er während des Zweiten Weltkrieges von der arabischen Bevölkerung Palästinas und riet: "Schlagt den Juden da, wo es ihn am meisten schmerzt -- In der Tasche!"
Seit Dezember 1955 boykottieren die Araber ausländische Unternehmen, die mit Israel handeln. Der Bann der Boykotteure soll Firmen treffen, die beispielsweise
>Tochtergesellschaften oder Montagewerke In Israel betreiben; > Aktien von israelischen Unternehmen besitzen;
* israelische Unternehmen im Ausland vertreten;
* israelischen Firmen Kredite oder Anleihen gewähren oder
* Waren mit israelischen Bestandteilen, die mehr als 35 Prozent des Gesamtwerts ausmachen, vertreiben.
Über die Einhaltung der Boykott-Bestimmungen wacht ein aufwendiger und weitverzweigter Apparat mit einer Zentrale in Damaskus. Dieses "Central Office for the Boycott of Israel" -- es ist dem Wirtschaftsrat der arabischen Liga angegliedert -- tagt seit 15 Jahren etwa alle sechs Monate. Chef ist derzeit der ägyptische Rechtsanwalt Mohammed Mahgub, 45.
In jedem arabischen Land -- außer in Tunesien -- arbeitet ein regionales Boykott-Büro. Auslandsvertretungen sollen in Rom, Paris, London, Wien (seit Dezember 1970) und Bonn, in New York, Washington und fünf anderen US-Städten über Israel-Kontakte von Firmen und Organisationen wachen.
Wenn sich eine Firma erstmals in einem arabischen Land engagieren will, dann muß sie sich der Befragung durch die Boykott-Bürokraten unterwerfen und
* eine notariell beglaubigte und von einer arabischen Botschaft bestätigte Erklärung abgeben, in der sie sich verpflichtet, die Boykott-Bestimmungen zu respektieren;
* eventuell vorhandene Geschäftsbeziehungen zu Israel enthüllen und
* Lieferungen an ein arabisches Land mit einer Erklärung versehen, daß die Ware nicht aus Israel stammt. Europäische Unternehmen haben einen zusätzlichen Fragebogen auszufüllen, in dem sie jüdische Angestellte aufführen sollen: "Haben Sie jüdische Angestellte in Ihrer Firma? Wieviel und in welchen Funktionen?" Oder: "Haben Juden in Ihrem Unternehmen Unterschrifts-Vollmacht?"
Trotz dieses scheinbar engmaschigen Kontrollnetzes können sogar Weltkonzerne, die ihre Israel-Geschäfte nicht einmal vertuschen, auch in arabischen Ländern tätig werden. Lücken ergeben sich aus mangelnder Koordination: In Ägypten ist das nationale Boykott-Büro dem Verteidigungsministerium unterstellt, im Irak dem Wirtschaftsministerium.
Die Beschlüsse des Central Office müssen von den nationalen Vertretungen bestätigt werden, bevor sie tatsächlich in Kraft treten. Als die Zentrale beispielsweise die Leyland-Werke auf die Boykott-Liste setzte, verweigerten Ägypten, Jordanien und der Libanon ihre Zustimmung, weil ihre Armeen mit Land-Hoyer ausgerüstet sind.
Häufig bekommen die Boykotteure auf ihre Forderungen rüde Antworten. "Unsere internationale Gesellschaft", so schrieb etwa die Basler Ring-Hotel Finanz AG., "kann auch ohne Hotels in arabischen Ländern auskommen."
Einzelne Firmen beugten sich in der Hoffnung auf große Araber-Geschäfte dem Bann: Ein jüdischer Gegen-Boykott ist meist die Folge. Die Japan Air Lines (JAL) verzögerten jahrelang Verhandlungen über israelisch-japanische Landerechte. Jüdische Organisationen in den USA publizierten die Hinhaltetaktik, was zur Annullierung von Tausenden JAL-Tickets vor und während der Expo in Osaka führte. Inzwischen wird verhandelt.
Die meisten Unternehmen fügen sich freilich weder israelischem Druck noch arabischer Erpressung -- sie handeln mit beiden. Wenn sie dabei von den Arabern auf die Boykott-Listen gesetzt werden, regeln sie das auf Landesart: mit Bakschisch.
Während eines Besuchs in Israel ließ sich der englische Geschäftsmann Abraham Jakob Twena beraten, wie seine Dona Export Co. Ltd. in Manchester von den Listen gestrichen werden könne. Er solle, so riet ein Geschäftspartner, 2000 bis 3000 Dollar an den Boykott-Anführer Maghub zahlen.
Das hat Twena offenbar getan. Denn am 11. August 1970 veröffentlichte das irakische Amtsblatt die Mitteilung, der Boykott und die Visasperren gegen Abraham und seine Ehefrau Sara seien gelöscht.
"Das Boykott-Büro ist nur eine Fassade, hinter der Schmarotzer und unfähige Funktionäre ihre persönlichen Interessen pflegen", schrieb denn auch die Beiruter Guerilla-Zeitung "Fateh" und forderte die Auflösung dieser "völlig überflüssigen Organisation".
Palästina-Partisanen und Israelis waren sich erstmals einig.

DER SPIEGEL 15/1971
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