05.04.1971

BÜCHERFast ein Hiob

György Kardos „Die sieben Tage des Abraham Bogatir“, Deutsch von Alexander Lenard DVA; 300 Seiten; 25 Mark.
Über zehn Jahre wartete der ungarische Autor, ehe er sich daranmachte, seine Palästina-Erfahrungen zu einem Roman zu verarbeiten. Kardos wurde 1925 geboren; 1944, nach KZ-Haft auf dem Balkan, nach Flucht und Internierung in der Türkei, kam er in das Land, das später, 1948, Israel heißen sollte. Er trug englische und israelische Uniform, arbeitete im Kibbuz und kehrte 1951 nach Ungarn zurück.
Sein später Erstling verbindet Frische der Erinnerung mit in der Distanz errungener Überparteilichkeit. Er führt ins Palästina von 1947. Noch sind die Engländer da, noch beginnt erst die Phase totaler Parteiungen Und Abraham Bogatir, einst aus Rußland eingewanderter Siedler, ein Hiob fast, ein Mann mit ewig flennender Frau, der sein Land nicht mehr recht pflegt, seit sein Ältester von einer Mine zerrissen, sein Jüngster darüber wahnsinnig geworden ist, der aber Jessenin und Krylow zu zitieren versteht -- dieser Abraham sieht hinter den Parteigängern, den terroristischen Patrioten und feudalen Patriarchen, den Juden und Gojim, den Völkerschaften vieler Zungen, den armen Arabern und den reichen US-Wohlfahrern immer nur den einzelnen.
Er tut das ohne humanistische Ideologie, allein aus seiner Fähigkeit, vorbehaltlos Erfahrungen zu machen. Deshalb jagt er den kindlichen Terroristen David nicht fort, der nachts in sein Haus einfällt und die sieben Tage der Prüfungen nach sich zieht, denen Abraham gern ausgewichen wäre.
Das Buch ist im Präsens erzählt, anspruchslos realistisch und nimmt seine Wirkung, bis es sich schließlich doch literarisch verdichtet, über weite Strecken nicht aus sich selbst, sondern aus der -- so kundig noch kaum geschilderten -- bunt-brisanten historischen Situation Palästinas.

DER SPIEGEL 15/1971
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