01.02.1971

GASTRONOMIE / HOTELKETTE MARITIMLuxus für Genossen

Als der Bad Salzuflener Maschinenfabrikant Hans-Joachim Gomolla 1968 am Timmendorfer Ostseestrand ein Luxushotel für 28 Millionen Mark baute, prophezeiten ihm Bankdirektoren und Hoteliers ein finanzielles Fiasko. Inzwischen entwickelte sich der Newcomer zu einem gefürchteten Branchenschreck.
Der geschäftsführende Gesellschafter der "Finanz-Bau- und Grundstückverwaltungsgesellschaft mbH & Co. KG" zimmert an einer Hotelkette aus über einem Dutzend Luxusherbergen mit je 300 bis 600 Betten. Gomolla: "Jedes Jahr sollen vier bis fünf neue Hotels hinzukommen."
Zum Hotelkönig fühlt sich der gelernte Industriekaufmann berufen, nachdem er mit seinem Timmendorfer Maritim (500 Betten) "glänzende Erfolge" (Gomolla) erzielte. Seine Nobelherberge mit Schwimmbädern, therapeutischen Einrichtungen und zahlreichen Klub- und Unterhaltungsräumen zog so viel Geldprominenz an, daß er gleich im ersten vollen Geschäftsjahr 118 000 Übernachtungen registrieren konnte. Die zu 65 Prozent ausgelastete Hotelkapazität lag dabei weit über dem Branchendurchschnitt von 39 Prozent.
Bevor Gomolla die Hotellerie entdeckte, hatte er sich als Westentaschen-Konzernchef versucht. Seine aus elf Gesellschaften mit einem Eigenkapital von 29,8 Millionen Mark bestehende Finanz-Bau-Gruppe hatte sich vor allem mit dem Bau von Wohnungen, Schulen und anderen kommunalen Einrichtungen beschäftigt. Auch Gomollas Mitgesellschafter, die Bad Salzuflener Architekten Günter Reinhardt und Friedrich Sander, hatten keinerlei Hotelerfahrung.
Mit den im Baugeschäft verdienten Millionen suchte das Bad Salzuflener Trio nach einer profitablen Marktlücke. Dabei stießen die Finanz-Bau-Manager auf die ihrer Meinung nach "rückständige deutsche Hotellerie".
Den Schritt auf das fremde Terrain wagten die Partner freilich nicht, ohne vorher erfahrene Hoteldirektoren konsultiert zu haben. Die gemeinsam erarbeiteten Pläne fanden aber nicht den Beifall der befragten Großbanken, denen das Projekt zu unrealistisch erschien. Die günstigste Prognose einer Bank sah einen Jahresumsatz von maximal sechs Millionen Mark vor. Bereits im vergangenen Jahr setzte das Haus aber die doppelte Summe um: 12,3 Millionen Mark.
Um das finanzielle Risiko abzudecken, wählten die Neulinge als Standort ihres ersten Hotels die westdeutsche Ostseeküste, wo sie in den Genuß der Zonenrandförderung kamen. So konnten sie allein 30 Prozent Sonderabschreibung auf die Gebäude und 50 Prozent auf die Einrichtungen in Anspruch nehmen.
Rund achteinhalb Millionen Mark Kosten sparte die Firma zudem durch einen Finanzierungstrick: Das dem Maritim angegliederte Kongreßzentrum wurde von der Gemeinde bezahlt. Daß der mit einem großen Festsaal (1200 Personen), Bühne für Konzert und Theater und vielen Nebenräumen ausgestattete Kongreßtrakt nicht in Gomollas Eigentum übergeht, stört den Konzernchef wenig, denn ein langjähriger Mietvertrag mit der Gemeinde sichert ihm in den Kongreßräumen das Nutzungsrecht.
Auf pompöse Kongreßhallen will Gomolla auch bei den nächsten Maritim-Neubauten in Gelsenkirchen, Braunlage, Bad Soden und Bad Salzuflen nicht verzichten. Der Hotelboß hat nämlich herausgefunden, daß am Kongreßgeschäft am meisten zu verdienen ist. 1970 zum Beispiel konnte er durch geschicktes Marketing 270 Tagungen und Kongresse nach Timmendorf holen. Von 118 000 Übernachtungen gingen allein 65 000 auf das Konto von Kongreßbuchungen.
Der Maritim-Boß, der seinen Gästen pro Tag Pensionspreise zwischen 58,50 und 116 Mark abknöpft, hat inzwischen erkannt, daß sich in der deutschen Hotellerie "Luxus am besten verkauft". Zu seinen prominentesten Übernachtern zählten Curd Jürgens mit Frau Simone, Innenminister Genscher, Nadja Tiller, Ex-Minister Höcherl, Freddy Quinn und Carlo Schmid.
Selbst Funktionäre von Arbeiterparteien und Gewerkschaften fühlen sich in Gomollas Prunkinventar wie zu Hause. Nachdem bereits Gewerkschaftsbosse im Maritim zu einem Meeting geladen hatten, bat auch der schleswig-holsteinische SPD-Chef Joachim Steffen seine Genossen zu einem Landesparteitag in die Millionärsabsteige.
Gomollas Gäste dürfen im Maritim freilich mehr als komfortable Zimmer und feine Küche erwarten: Bekannte Künstler aus Oper, Theater und Show-Busineß sorgen für exquisite Unterhaltung. Im letzten Jahr arrangierten die Hotelmanager allein 180 Veranstaltungen.
Während der Winterflaute umwirbt der Maritim-Boß auch weniger reiche Deutsche mit einem sogenannten "Kurlaub". Für 920 Mark können sich abgeschlaffte Werktätige dabei 14 Tage lang fit trimmen. Außer zwei Schwimmbädern stehen ihnen beim hauseigenen Kurarzt "zwei ärztliche Untersuchungen nebst Erstellung eines Kurplanes" und eine eigene "physikalisch-therapeutische Abteilung" zur Verfügung.
In der Branche rätselt man bereits darüber, ob sich der Finanz-Bau-Chef mit solchem Service "nicht übernimmt". Tatsächlich werden Gomollas Hotelbauten immer teurer. Kam er beim Maritim in Timmendorf noch mit 28 Millionen Mark aus, so muß er für das Maritim in Gelsenkirchen bereits 30 Millionen Mark bereitstellen, für Braunlage 45 Millionen Mark und für die Häuser in Bad Soden und Travemünde je 50 Millionen Mark. Um sein Kreditkonto nicht noch mehr zu belasten, will Gomolla an seinen Projekten jetzt auch private Geldgeber beteiligen. So sollen beispielsweise Kommanditisten das Braunlage-Projekt mit 15 Millionen Mark unterstützen. Später will der Finanz-Bau-Chef einen Teil der Maritim-Gesellschaften in einer Aktiengesellschaft zusammenfassen.
Gomollas Erfolgsrezept hat sogar außerhalb der Bundesrepublik Beachtung gefunden. Nachdem zahlreiche ausländische Hoteliers das Maritim-Haus in Timmendorf analysierten, kam auch eine Experten-Delegation aus Ulbrichts SED-Staat angereist. Die DDR-Gäste erwiesen sich als gelehrige Schüler: Nach Maritim-Vorbild soll jetzt ein Kongreßzentrum in Warnemünde gebaut werden.

DER SPIEGEL 6/1971
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